Kurios: Winnie ille Pu – der Bär auf Latein!

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Der originale Pu mit seinen Freunden. Nicht im Hundertmorgenwald, sondern in der New York Public Library (c) Wikipedia

Buchkritik: Dummer alter Bär, sagt Christopher Robin mehr als einmal liebevoll zu Pu. Damit irrt sich der Junge gewaltig. Pu hat Karriere gemacht, ist ein Weltstar mit eigenem Stern auf dem Walk of Fame (seit 2006). Seine Fans auf der ganzen Welt errichteten ihm Denkmäler – das erste, von Christopher Robin Milne enthüllte Denkmal steht in London, ein weiteres findet sich in Kanada, eine Warschauer Straße trägt seinen Namen und in Moskau ziert er eine Straßenbahn (alles auf Wikipedia nachzulesen).

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Titelblatt: Hier versteht man noch alles, sieht aber schon den Unterschied

Und Pu ist polyglott. Er kann sogar Latein. 1960 übersetzte Alexander Lenard ihn in die tote Sprache. Vielleicht wirklich, damit sich Lateinschüler nicht mehr mit dem Gallischen Krieg herumplagen müssen. Vielleicht aber auch, weil der geborene Ungar sich im brasilianischen Exil langweilte, wenn zwischen Patienten und Gedichten noch zu viel Zeit übrig blieb.

Viel Mühe steckt da drin. Schon allein um Pus Namen zu übertragen, bedurfte es Erfindergeist. Denn das Lateinische kennt keine Artikel. Lenard griff zum Pronomen ille.  Auch bei den lateinischen Klassikern entlieh er gern Wendungen und Begriffe. All das ist im Glossar nachzulesen, der an sich schon sehr lehrreich und unterhaltsam ist.

Die Geschichte ist die altbewährte, liebenswerte vom Bären mit geringem Verstand und seinen Freunden. Wer sie noch nicht kennt, sollte sie lesen – egal, in welcher Sprache. Und: Disney-Wissen zählt nicht. Dort wird schon am Namen (Puuh statt Pu) deutlich, wie der Stoff aufgeschwemmt wurde, um möglichst viel Gewinn damit zu machen.  Puuh ist Kitsch. Pu ist Kult!

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1:1 übertragen, nur nicht in bunt: englische Version, darauf liegt die lateinische Übersetzung

Fazit: Pu rockt, auch in Latein. Wer die Geschichten aus dem Hundertmorgenwald gut kennt und irgendwann mal Latein hatte, der erlebt hier so einige Erfolgsmomente, wenn ihm klar wird, worum es gerade geht. Alles versteht man vielleicht nicht und natürlich ist es nicht der gleiche Lesegenuss wie auf Deutsch oder auch Englisch. Aber man kann auf  angenehmste Weise seine Kenntnisse ein wenig reaktivieren.

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen: Wikipedia (Pu der Bär – sehr interessant!; Alexander Lenard; Alexander-Lenard-Haus – der Mensch war auch kurios)

Winnie ille Pu

BR-Kalenderblatt vom 31.01.2017, Autor Rainer Nothaft

 

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