Fünf Fragen an Gisela Carbajal Rodríguez

Interview: Im Gespräch mit der mexikanischen Filmemacherin Gisela Carbajal Rodriguez, welche an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München studiert hat, berichtet sie, wie sie zu ihrer Geschichte „Oro Blanco“ kam, was dahinter steckt und wie es so ist, mit Lamas zusammenzuleben und zu drehen.  

Auf dem DOK Leipzig lief Dein Kurzfilm „Oro Blanco“. Wie hast Du die Geschichte für Deinen 23-minütigen Kurzfilm gefunden?

Mich interessieren seit langem die Geschichten von indigenen Gruppen, die sich gegen die Umweltzerstörung ihres Territoriums einsetzen. Meine Kamerafrau Rina [Anm. d. Red.: Zimmering] war 2016 in Argentinien an der ENERC [Anm. d. Red.: Escuela Nacional de Experimentación y Realización Cinematográfica] in Buenos Aires. Ein Freund erzählte uns von der Problematik des Lithiumabbaus im Norden des Landes. Da haben wir die Chance genutzt und gemeinsam mit Leuten vor Ort das Projekt recherchiert und ein paar Monate später mit den Dreharbeiten begonnen.

Die Botschaft des Films ist klar verständlich. Doch erzähl mehr zu der Intention des Films und ob Du denkst, dass es noch ein Umdenken geben kann?

Wir wollten nicht sagen, dass wir alle aufhören sollen Geräte mit Lithiumbatterien zu benutzen. Das wäre heuchlerisch von mir. Schließlich nutzt unsere Kamera auch Lithiumbatterien. Wir wollten einen Diskurs eröffnen darüber, wie Lithium abgebaut wird, wie begrenzt die Ressourcen sind und welche Folgen das für die Menschen in der Salzwüste hat. Und letztendlich auch, was das für uns als Konsumenten bedeutet. Die Begrenztheit der Ressourcen und das Leid, das bei Menschen und Tieren verursacht wird, müssen miteinbezogen werden, wenn wir vom Elektroauto als Zukunftstechnologie reden. Kann (oder darf) das die Zukunft sein? Ich hoffe nur, dass der Film zum Nachdenken anregt, weil unser Konsum nicht umsonst ist. Es ist im Moment viel zu einfach das alles zu ignorieren, weil es in einem weit entfernten, armen Landstrich passiert. Aber was ist, wenn plötzlich die Portugiesen und Spanier diese Auswirkungen spüren, weil dort in Zukunft auch Lithium abgebaut werden soll?

Wie hast Du Deine Protagonisten ausfindig gemacht und bist dann an sie herangetreten?

Die indigenen Gruppen in der Region haben leider sehr schmerzhafte Erfahrungen mit
Menschen gemacht, die von außen an sie herangetreten sind. Deshalb war am Anfang
das Misstrauen groß. Die 33 Gemeinschaften der Region sind untereinander sehr gut
organisiert. Da war es nicht so leicht Zugang zu finden. Wir haben tagelang in einem kleinen
Restaurant gesessen und haben versucht mit Menschen in Kontakt zu kommen. Eines
Tages trafen wir jemanden, der uns von einem Treffen der 33 Gemeinschaftsvertreter
erzähle. Das war natürlich einen große Chance und so sind wir dort hingefahren. Nach
einer Besprechung der Vertreter wurde uns erlaubt das Projekt und unser Team kurz zu
präsentieren; allerdings unter der Bedingung, dass die Zustimmung einstimmig sein
müsse und wir sonst nicht in der Region drehen dürften. Ich habe daraufhin unser Projekt
vor den Vertretern gepitched und musste draußen auf das Ergebnis warten. Da waren wir
natürlich richtig nervös. Aber am Ende haben alle für uns gestimmt und uns auch bei der
Suche von Protagonisten geholfen.

Erzähl mir mehr zu den Dreharbeiten. Es war bestimmt spannend mit so vielen Lamas zu drehen.

Es war super spannend in einem Ort zu drehen, der so anders ist. Die Landschaft war ein Geschenk. So atemberaubend. Jeder Tag hat sich wie ein Roadtrip angefühlt, weil wir viel Zeit im Auto verbracht haben. Es war aber schwierig uns an die Höhe zu gewöhnen. Wir haben viel auf über 4000 Meter Höhe gedreht. Zum Glück haben uns die Leute gute Tipps gegeben um nicht so starke Kopfschmerzen oder Atemnot zu fühlen. Aber das schwierigste war, die Kommunikation mit unseren Protagonisten, weil es keinen Handyempfang, Telefone, Internet und an vielen Orten auch gar keinen Strom gab. Das hat alles ein wenig langsamer gemacht. Es war aber eine großartige Erfahrung bei unseren Protagonisten zu übernachten und viel über ihr Leben und ihre Traditionen zu lernen. Sie sind sehr engagiert und kümmern sich um ihre Umgebung. Sie denken dabei immer an ihre Pacha Mama, die Mutter Erde. Und wie du geschrieben hast, die Lama haben uns jeden Tag versüßt. Wir haben sie wirklich überall gesehen. Rina, meine Kamerafrau, konnte gar nicht aufhören sie zu filmen. Irgendwann haben wir sogar überlegt später noch einen Tierfilm zu drehen.

Dein sehr kritischer Film besitzt wunderschöne Bilder. Kannst Du Dein visuelles Konzept ein wenig näher erläutern?

Meine Kamerafrau Rina hat den größten Teil zum visuellen Konzept beigetragen. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir dem Lebensstil und dem natürlichen Umfeld unserer Protagonisten gerecht werden, mit unseren Bildern die gewaltige Schönheit der Landschaften hervorheben und gleichzeitig aber auch die Trockenheit und die Herausforderungen einer solch kargen Wohnumgebung betonen, um einen Kontrast zu schaffen zwischen Naturidylle und Überlebenskampf. Uns erschien dafür eine statische, beobachtende, zurückhaltende Kamera als das richtige Mittel, die Weite und Wucht der Natur für sich selbst sprechen zu lassen. Daher auch die Wahl des etwas breiteren Bildformats. Es wurde ausschließlich mit natürlichem Licht gearbeitet, jeglicher artifizieller Zusatz erschien uns überflüssig. Wir haben die besonderen Lichtstimmungen gesucht und nicht erzeugt, und die Pacha Mama war dabei sehr gnädig mit uns. In dem Film geht es ja auch um die Gefahr und die Konsequenzen für die Indigene Bevölkerung, die der Lithiumabbau nach sich zieht. Es war unser Anliegen, die „drohende Gefahr“ nicht reißerisch und direkt in Form von z.B. brutaler Maschinerie oder glänzenden Elektroautos unserer technologisierten Welt zu zeigen, sondern eher unterschwellig und ungreifbar zu belassen, flimmernde Gebilde in der Ferne und Wirbelstürme als Symbol für das, was kommen mag. Mein Editor Robert [Anm. d. Red.: Vakily] und ich waren im Schnitt immer wieder ganz begeistert von Rinas Bildern. Am Ende war es natürlich wichtig dass die Bilder nicht nur beeindrucken, sondern vor allem den Konflikt transportieren.

Kannst Du mir noch etwas mehr zu Dir und Deiner Liebe zum Film erzählen. Und wie es bei Dir weitergehen wird?

Für mich ist Film eine Möglichkeit Veränderung zu bewirken. Ich schaue leidenschaftlich gerne alle möglichen Arten von Filme, aber für mich in meiner eigenen Arbeit gilt die Leidenschaft dem Dokumentarfilm. Im Moment lebe ich wieder in Mexiko und sehe, dass Dokumentarfilm hier gerade sehr wichtig ist. Hier übernimmt Dokumentarfilm eine gesellschaftliche Funktion, da Mexiko inzwischen zu einem der gefährlichsten Länder für Journalisten geworden ist. Der Dokumentarfilm kann manche dieser Gefahren umgehen und einen wichtigen Teil zur Verteidigung von Menschenrechten, Aufklärung von Gewalt und Korruptionsfällen leisten. Außerdem ist Dokumentarfilm für mich eine wichtige Form des Erinnerns und gesellschaftlichen Traumabewältigung. 2018 ist der fünfzigste Jahrestag der 68er Massaker an Studenten. Dokumentarfilm schafft hier Erinnerung und kann so verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Ich bin vor kurzem wieder nach Mexiko gezogen um meinen Abschlussfilm zu recherchieren. Die Recherche kommt aber gerade erst richtig ins Laufen. Der nächste Film braucht also noch etwas Zeit. Aber ich bin aufgeregt endlich wieder hier recherchieren und drehen zu können.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Films „Oro Blanco

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Gisela Carbajal Rodríguez

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