„Flügel aus Stahl“ (1927)

1929 / 1. Oscarverleihung / 2 Nominierungen / 2 Auszeichnungen

Filmkritik: Im Jahr 1929 wurden zum ersten Mal der mittlerweile berühmteste Filmpreis der Welt vergeben: Der Oscar. Bei der 1st Annual Academy Awards of Motion Picture Arts and Scienes wurden in zwölf Kategorien Preise vergeben. Die großen Gewinner mit jeweils drei Auszeichnungen waren Frank Borzages „Das Glück in der Mansarde“ (OT: „Seventh Heaven“, USA, 1927) und Friedrich Wilhelm Murnaus „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ (OT: „Sunrise: A Song of Two Humans“, USA, 1927). Doch als ‘Bester Film’ ging überraschenderweise William Wellmans Kriegsdrama „Flügel aus Stahl“ (OT: „Wings“, USA, 1927) hervor.

Jack Powell (Charles Rogers) hatte schon immer eine Vorliebe für schnelle Gefährte. Als der erste Weltkrieg das Land erschüttert, meldet er sich freiwillig zum Militärdienst, um so auch gleichzeitig seinen größten Traum, Pilot zu werden, zu erfüllen. Mit ihm zusammen zieht der wohlhabende David Armstrong (Richard Arlen), mit dem er vorher um die schöne Sylvia Lewis (Jobyna Ralston) gebuhlt hat, in den Krieg. Diese hat sich bereits für David entschieden, aber Jack will das nicht wahrhaben und so sieht er die Liebe nicht, welche ihm seine Nachbarin Mary Preston (Clara Bow) entgegenbringt. Auch diese meldet sich freiwillig und kommt mit dem Women’s Motor Corps des Roten Kreuzes nach Frankreich, wo auch die beiden, nun Freunde gewordenen, jungen Männer Jack und David stationiert sind. Doch bei einem Einsatz stürzt einer von beiden hinter den feindlichen Linien ab und verhindert das Schicksal aller Beteiligten.

Clara Bow, Richard Arlen, Charles ‚Buddy‘ Rogers
© Paramount/Famous Lasky Prod.

Noch bis heute gilt der Film, nach manchen Quellen, als bester Fliegerfilm aller Zeiten. Auch wenn man dieser These nicht hundertprozentig zustimmen mag, hat er doch Erstaunliches für die damalige Zeit geleistet. Dafür verantwortlich war der Regisseur William A. Wellman (1896-1975), der die Geschichte nach einem Drehbuch von John Monk Saunders, Hope Loring und Louis D. Lighton realisierte. Wellman war selber im Kriegseinsatz. Beginnend bei der französischen Fremdenlegion wechselte er bei Kriegseintritt der USA zur legendären Fliegerstaffel Lafayette Escadrille der amerikanischen Luftwaffe. Er musste aber nach einem Absturz und schweren Verletzungen aus dem Militärdienst ausscheiden. Danach begann er seine berufliche Laufbahn als Kunstflieger und wurde bald zum Hollywood-Stunt-Flieger. Ein kurioser Zwischenfall, ein Absturz mit seiner Privatmaschine in der Scheune von Douglas Fairbanks (bekannter Darsteller aus u.a. „Der Dieb von Bagdad“ (1924)), ermöglichte ihm seinen Eintritt in Hollywood, so dass er Anfang der 20er Jahre bei seinen ersten Filmen Regie führte. Aufgrund seiner Erfahrungen im Krieg bot ihm Paramount Pictures den Regieposten für „Flügel aus Stahl“ an. Mit diesem Thema beschäftigte er sich noch in „Die Geschwader des Todes“ (OT: „Legion of the Condemned“, 1928) und ebenso in seinem letzten Film „Lafayette Escadrille“ (1958). In der Zwischenzeit konnte der Regisseur, der auch für seine Wutausbrüche und Streitereien bekannt war, mit Filmen wie „Der öffentliche Feind“ (OT: „The Public Enemy“, 1931), „Ein Stern geht auf“ (OT: „A Star is born“, 1937) und „Es wird immer wieder Tag“ (OT: „The High and the Mighty“, 1954) große Erfolge feiern.        

© Paramount/Famous Lasky Prod.

Doch Wellman selbst bekam nicht die zweite verliehene Trophäe für den Film, sondern der Oscar ging an die ‘Besten technischen Effekte’. Dieser Preis wurde nur genau einmal in diesem Jahr vergeben und erst 1939 als ‘Beste Spezialeffekte’ wieder eingeführt. Dafür, dass „Flügel aus Stahl“ der beste Film für diesen Preis war, gab es mehrere Gründe. Auf der einen Seite standen die technischen Aspekte, wie die separate Lichttonspur, welche mit Orchestermusik und Geräuscheffekten bestückt war und den Stummfilm auch zu einem tonalen Erlebnis machten. Hinzu kam, dass manche Szenen in dem damals neuen, frühen Breitwandverfahren Magnascope aufgenommen wurden und einige Kopien später viragiert (nachträglich eingefärbt) in die Kinos kamen, was Flammen und Explosionen noch eindrucksvoller wirken ließ. All diese technischen Spielereien hätten aber keine Wirkung gezeigt, wenn nicht die eindrucksvollen, realen Flugszenen die Zuschauer in ihren Bann gezogen hätten. „Flügel aus Stahl“ war der erste Film, der mit der US-Armee zusammengearbeitet, auf Rückprojektionen verzichtet und über 300 Piloten engagiert hatte, um diese hoch heute noch eindrucksvollen Luftaufnahmen zu kreieren. Diese Filmaufnahmen wirkten so echt, dass man eine zeitlang davon ausging, dass er echte Kriegsaufnahmen verwendet hatte. Die Dreharbeiten dauerten ein Jahr, fanden vor allem in Texas statt und schufen einen authentischen Film über den Kriegseinsatz, der natürlich auch nicht eine gewisse Note Pathos und Heldenverehrung vermissen lässt. Doch das störte das damalige Publikum nicht und nach seiner Premiere in New York am 12. August 1927 verbreitete sich der Film international und kam so auch nach Deutschland. Der damalige Theme-Song ‘Flieg, tapferer Flieger’ wurde zu einem Schlager in Europa und mit verschiedenen Texten versehen. Im Gesamten wurde der Film für seine optischen und akustischen Effekte zum absoluten Kassenschlager. Kein Wunder, dass Schauspieler und Geschichte, die sehr klassisch und für heutige Verhältnisse auch recht kitschig war, in den Hintergrund treten.   

Clara Bow, Charles ‚Buddy‘ Rogers
© AMPAS

Der Cast war in diesem Film eher nebensächlich, konnte aber mit zwei Persönlichkeiten aufwarten, welche dem Film eine besondere Note verliehen. Die beiden Hauptdarsteller Charles Rogers (1904–1999) und Richard Arlen (1899-1976) fielen dabei nicht so ins Gewicht, wie die damals sehr bekannte Darstellerin Clara Bow (1905-1965). Sie war zu dem damaligen Zeitpunkt sehr berühmt und gilt als das allererste It-Girl. Durch den Film „Das gewisse Etwas“ (OT: „It“, 1927) wurde sie zum Mädchen mit dem gewissen Etwas stilisiert. Aber genau das bringt sie auch mit und ist der heimliche Star und Sympathieträger des Films, deren Lebendigkeit und Fröhlichkeit ansteckend ist. Auch privat soll sie ein turbulentes Leben mit vielen Liebesaffären geführt haben, u.a. mit Gary Cooper (1901-1961). Der Schauspieler, der später mit Filmen wie „Sergeant York“ (1941) und „Zwölf Uhr Mittags“ (OT: „High Noon“, 1952) berühmt wurde, lieferte auch in „Flügel aus Stahl“ als Cadet White einen bemerkenswerten Auftritt. Dieser blieb im Gedächtnis der Zuschauer hängen und stellte so einen weiteren Schritt auf seiner Karriereleiter dar.

Doch die schauspielerische Leistung, auch wenn sie nicht zu verachten ist, machte nicht den Ruhm aus, sondern die spektakulären Luftaufnahmen, bei denen ohne Rückprojektion die Geschehnisse eingefangen wurden. Und genau das spiegelt sich auch auf der 1. Oscarverleihung, die damals im Rahmen eines Banketts am 16. Mai 1929 stattfand, wieder. Die Gewinner standen bereits drei Monate im Voraus fest und so war die Veranstaltung und die Verleihung aller 12 Preise neben den beiden Ehrenoscars (für „Der Jazzsänger“ (OT: „The Jazz Singer“, 1927) und „Der Zirkus“  (OT: „The Circus“, 1928)) innerhalb von 15 Minuten beendet. Dass „Flügel aus Stahl“ sich gegen Murnaus und Borzages Beiträgen durchsetzen konnte, verdankte er aber traurigerweise nicht nur seiner Beliebtheit beim Publikum oder der Entscheidung der Jury, sondern der Intervention der Studiobosse, welche den Kassenschlager als ‘Besten Film’ sehen wollten. So kam es dazu, dass dieser Stummfilm, an der Schwelle zum Tonfilmzeitalter, lange Zeit der einzige Stummfilm war, der die Auszeichnung ‚Bester Film‘ erhielt. Erst im Jahr 2012 folgte „The Artist“ (OT: „The Artist“, 2011) von Michel Hazanavicius.    

© Paramount/Famous Lasky Prod.

Fazit: Der Spielfilm „Flügel aus Stahl“ war der erste Film der den Preis ‘Bester Film’ der Academy of Motion Picture Arts and Scienes im Jahr 1929 erhielt. Das verdankt der Film nicht seiner klassischen Dreiecksgeschichte, sondern seinen für damalige Verhältnisse und auch heute noch beeindruckenden Szenen echter Fliegeraufnahmen. In Zusammenarbeit mit der Army entstand ein effektvoller Stummfilm, der durch technische Spielereien wie Viragierung, Geräuschkulisse und Breitwandformat die Zuschauer aus ihren Sesseln riß. Der enorme Kassenerfolg dieses sehr authentischen und auch charmanten, wenn auch natürlich stark patriotischen Films, verschafften ihm die Ehre der allererste Film der Geschichte zu sein, der den Oscar für den ‘Besten Film’ erhielt.

Bewertung: 6/10

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen

Bücher:

  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscar Filme, Schüren Verlag GmbH, 2007
  • Krusche, Dieter: Reclams Filmführer, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2003

Slub-Aufsätze:

  • Vaughan, David K.: William A. Wellmann, 14.05.2007
  • Wellman, William Jr.: The Man and His Wings: William A. Wellman and the Making of the First Best Picture, Praeger, 2006

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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