Found-Footage-Kurzfilme auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen

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„Les Plongeurs“

Filmkritik: Jedem Genre-Fan kommen bei dem Begriff ‘Found Footage’ sofort Horrorfilme in den Sinn, welche so tun, als ob sie echtes gefundenes Filmmaterial verwenden. Prominente Beispiele sind dafür „Blair Witch Project“ (1999) und „V/H/S“ (2012). Doch wer sich auf dem einen oder anderen Filmfestival tummelt; u.a. 2017 auf dem Filmfest Dresden oder auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen, lernt schnell, dass unter Found Footage auch ein Experimentalfilm-Subgenre zusammengefasst wird. In Bamberg hatte man nun die Möglichkeit, kuratiert von Romeo Grünfelder, sich zehn Filme aus diesem Genre anzusehen.   

„Todesboten“

In den zehn Beiträgen konnte man gut sehen, welche Möglichkeiten es gibt, sich vorhandenes Material anzueignen. Mit dem Kurzfilm „What is Neorealism“ gab es die klassischen Anwendung für informative Essays. Dort beschäftigt sich der auf YouTube bekannte Essayist Kogonada mit den zwei Varianten des Films „Terminal Station“. Found Footage wird oft aber auch als Ausgangspunkt für Komödiantisches verwendet. „Schwäbisch für Anfänger“, ein kurzer, etwas alberner Werbeclip und „Todesboten“ von Stefan Eckel und Stefan Prehn sind Beispiele dafür, wobei letzterer gekonnt und amüsant Filmschnipsel aus 20 Episoden des Kult-Fernsehserie „Der Kommissar“ mit schnellen Schnitt zusammengestellt haben, um so einen nicht vorhandenen Dialog zu schaffen. 

„Miezen“

Ein anderer Beitrag zeigt die Sammelleidenschaft eines Regisseurs: „Miezen – Projector’s Uncut“ zeigt in 3 Minuten 4770 Bilder, die mit 1192 Schnitten zusammengefügt wurden. 15 Jahre lang hatte Carsten Knoop das herausgeschnittene Filmmaterial von Filmrollen gesammelt und zu diesem Kurzfilm vereint. Anders dagegen ist „Gardine Sing Sing“, der sich auf ein Objekt konzentriert, sich diesem auf ruhige Weise annähert und dabei stark verfremdet. Dafür sammelte der Filmemacher Material von Gardinen, welches er vollflächig auf transparenten 35mm Film klebte. Dadurch entstand gleichzeitig ein ganz eigener Sound. 

„Outer Space“

Das Thema der Verfremdung ist häufig Gegenstand bei Found Footage-Projekten. Oft wird Alltägliches neu arrangiert, wiederholt, gedreht und verschiedentlich abgespielt. Prominentestes Beispiel ist dabei der Österreicher Peter Tscherkassky („The Exquisite Corpus“ (2015)), der oft bis zur Unkenntlichkeit mit seinem Material spielt – in dieser Auswahl war er mit seinem Film „Outer Space“ vertreten. 

„Telemistica“

Weitere Spielarten sind konstruierte, aber real stattfindende Situationen so wie der Anruf des Künstlers Christian Jankowsky in „Telemistica“ bei einer TV-Wahrsagerin. „Les Plongeurs“ dagegen lichtet reines Found Footage Material ab und Romeo Grünfelders Werk, das keinen Titel besitzt, beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Themen, indem es verschiedene Materialen, wie dokumentarisches Filmmaterial mit Grafiken etc. verbindet. 

„Uso Justo“

Das Highlight dieser Found-Footage-Filmauswahl war der amerikanische Experimentalfilm „Usa Justo“ des Regisseurs Coleman Miller. Darin erzählt er die Geschichte eines Regisseurs der in der fiktiven Stadt Usa Justo einen Film realisieren will. Miller verwendet dafür einen real existierenden mexikanischen Film mit gleichen Namen von 1959 und stellt ihn von vorne bis hinten auf den Kopf und das spüren anscheinend auch die Figuren, welche mit frischen Untertiteln die neue Geschichte erzählen. 

„ohne Titel“

Fazit: Schon diese zwei Stunden zeigen die große Bandbreite, wie man sich Material aneignen kann. Dies Form des Experimentalfilms gehört zum festen Film- aber vor allem Kunstkanon und gibt den Filmschaffenden viele spielerische Möglichkeiten. Auch dass die Werke aus so vielen unterschiedlichen Jahrzehnten stammen, zeigt das kontinuierliche Interesse an dieser Inszenierungsart. Auch neuere Werke wie der großartige Kurzfilm „Landscape of Absence“ (2017) der beiden Künstlerinnen Verena Looser und Melina Weissenborn verwenden dies, um ihre Botschaft klar zu machen. So kann Found Footage alles sein, zwischen Kunst, Information und kreativer Unterhaltungsart.  

geschrieben von Doreen Matthei

Filme der Reihe auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen. 

Einige könnt ihr euch ebenfalls ansehen:

Schwäbisch für Anfänger“ (Deutschland, 2012, Regie: Dominik Kuhn)

Bewertung: 6/10

„Usa Justo“ (2005, Regie: Coleman Miller / 22 Minuten / Experimentalfilm / USA)

Bewertung: 8,5/10

„Miezen – Projector’s Cut“ (1991 / Regie: Carsten Knoop / 3 Minuten / Experimentalfilm / Deutschland)

Bewertung: 6/10

„Telemistica“ (1999 / Regie: Christian Jankowsky / 9 Minuten / Experimentalfilm / Deutschland)

Bewertung: 6/10

„Les Plongeurs“ (vermutlich 60er Jahre / Regie: Jean Filippe Teddy / 4 Minuten / Experimentalfilm / Frankreich)

Bewertung: 6/10

„Outer Space“ (1999 / Regie: Peter Tscherkassky / 10 Minuten / Experimentalfilm / Österreich)

Bewertung: 5/10

„ohne Titel“ (2000 / Regie: Romeo Grünfelder / 13 Minuten / Experimentalfilm / Deutschland)

Bewertung: 6/10

„Gardine Sing Sing“ (1992 / Regie: Pit Przygodda / 2 Minuten / Experimentalfilm / Deutschland)

Bewertung: 6/10

„What is Neorealism“ (2013 / Regie: Kogonada / 5 Minuten / Experimentalfilm / Südkorea)

Bewertung: 7/10

„Todesboten“ (1994 / Regie: Stefan Eckel & Stefan Prehn / 4 Minuten / Experimentalfilm / Deutschland)

Bewertung: 7/10

Quellen:

  • 29. Bamberger Kurzfilmtage 2019 – Katalog (Programm ‚Lost and Found‘) 
  • Wikipedia-Artikel über Found Footage
  • Wikipedia-Artikel über Peter Tscherkassky

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