Fünf Fragen an Chuang Shiang An

Interview: Der taiwanische Filmemacher Chuang Shiang An erzählt uns im Gespräch über seinen Kurzfilm „Mama Pingpong Social Club“, gesehen im ‘Shock Block’ auf dem 20. Landshuter Kurzfilmfestival, von der Schwierigkeit in Taiwan Genrefilme zu verwirklichen und ob er selbst eine Schwäche für Ping Pong hat.

The original english language interview is also available.

Wie kam die Idee zu Deinem Kurzfilm „Mama Pingpong Social Club“ auf. Fing das Projekt mit den Vampiren oder der Familiengeschichte an?

Im Jahr 2016 sah ich ein Bild im Internet: das Bild ist eine Treppe, aber sehr altmodisch und gruselig, und das Beeindruckende für mich war die Wand. Die Wand hatte drei Wörter in sehr großer Größe und blutigem Rot: „Mama Ping Pong“. Das ist es, was ich gesehen habe, und es hat mich sehr aufgerüttelt, also habe ich versucht, darüber nachzudenken, ob es eine Gruppe von Monstern geben könnte, die dort Pingpong spielen, das wäre sehr lächerlich. 

Bald fand ich heraus, dass die Idee nicht nur mit einer Gruppe von Monstern zu tun haben könnte, sondern auch mit einer Geschichte über eine Mutter und wie man ein Monster wird. In der taiwanesischen Gesellschaft ist die Mutter immer die lästige Person in der Familie und wir haben immer vergessen, uns darum Gedanken zu machen, wie schwierig es für sie sein kann. Besonders während der Menopause und der leeren Nestphase, also denke ich, dass es dasselbe ist, wie ein Monster zu werden. Gerade wie ein Vampir müssen sie das Blut anderer zum Überleben benutzen, und sie müssen Menschen in die gleiche Art verwandeln.

Hast Du selbst eine Schwäche für Ping Pong?

Ja, ich liebe es, manchmal Pingpong zu spielen. Als ich zehn Jahre alt war, schickte mich meine Mutter tatsächlich ins Pingpong-Sommerlager. Bis jetzt beruhigt mich das Geräusch eines Pingpongballs, der auf den Tisch hin und hergeschlagen wird.

Erzähl mir von Deiner Umsetzung. Was war Dir für das visuelle Konzept wichtig? Ich empfinde den Einsatz der Effekte wunderbar sparsam ohne dabei an Wirkung zu verlieren.

Ying-Xuan Hsieh

Wenn es um Vampire geht, kommen Edelmut, Eleganz oder gar das Leben in einer Burg in den Sinn. Aber worüber wir im „Mama Pingpong Social Club“ sprechen, sind Frauen mittleren Alters. Außerdem sind diese Frauen in Asien, also wollte ich sehr lokale Vampire in Taiwan präsentieren. Sie haben häufig auftretende Symptome, die bei jeder Frau mittleren Alters auftreten können. 

Deshalb wurden die Spezialeffekte und die speziellen Make-up-Effekte so weit minimiert, dass sie nur ihren Job erledigen konnten, aber nicht mehr. Das heißt, die Größe der Zähne der Vampire oder die Ausbreitung des Rauchs, wenn sie in der Sonne stehen. Eine Überbetonung dieser stereotypen Elemente im Vampirgenre wird im „Mama Pingpong Social Club“ vermieden, um den Schauplatz Taiwan glaubwürdiger zu machen.

War es schwer die richtigen Darsteller zu finden?

Der schwierigste Teil der Filmproduktion bestand nicht darin, die Schauspieler zu finden, sondern die Schauspieler zu bitten, in dieser speziellen Art von Kurzfilm mitzuwirken. Dies liegt daran, dass realistische Filme oder Melodramen in Taiwan immer noch im Mainstream sind. Eine weitere Tatsache war, dass ich ein neuer Regisseur war. Das bedeutet, dass es schwierig war, die Leute davon zu überzeugen, dass ich einen so speziellen Kurzfilm mit einem solchen Budget realisieren konnte. (Die Gesamtkosten des Films betrugen 90.000 US-Dollar.) Ich bin meiner Casterin (meiner Freundin) wirklich sehr dankbar. Nach einem tiefen Verständnis meiner Anforderungen und vielen Diskussionen fand sie die geeigneten Schauspielerinnen und Schauspieler für den Film. Die Schauspielerin, die die Hauptrolle spielt, A Mian, hat dreimal die Golden Bell Awards [Anm. d. Red.: jährlicher Fernsehpreis in Japan] gewonnen, und eine weitere Schauspielerin, die Shu-Chen spielt, gewann später auch den Golden Horse Award [Anm. d. Red.: wichtiger chinesischsprachiger Filmpreis, verliehen in Taiwan] für die beste Schauspielerin für den Auftritt in „Dear Ex“. Deshalb denke ich, dass ich ziemlich viel Glück hatte.

In Deutschland ist es immer noch schwierig Genrefilme erfolgreich zu produzieren. Wie offen ist Taiwan für solche Filme? Ich persönlich erinnere mich da an den Film „Love after Time“ von Tsai Tsung-han.

Chuan Wang

Tatsächlich ist es in Taiwan wirklich schwierig, Fantasy- oder Genrefilme zu machen. Es ist auch selten. Das einzige Filmgenre, das in Taiwan akzeptabel ist, sind Horrorfilme. Aus religiösen Gründen glauben fast alle Taiwanesen an die Existenz von Geistern, aber nicht an Vampire. Das ist auch der Grund, warum sie alle, während ich zuerst mein Konzept mit einigen meiner Regisseursfreunde und sogar berühmten Filmproduzenten besprach, es schwer finden, sich einen lokalen taiwanesischen Vampirfilm vorzustellen, der vom Publikum in Taiwan akzeptiert wird. Taiwan ist kein Land mit Vorstellungskraft für Fantasy oder Science Fiction, selbst in der taiwanesischen Literatur werden diese Themen kaum erwähnt. Vor allem, weil man glaubt, dass Vampire zu den europäischen Legenden und nicht zu Taiwan gehören. 

Aber als der Film fertig war, staunten Publikum, Kritiker und Filmreporter in Taiwan über den Erfolg der Kombination aus taiwanesischen Frauen mittleren Alters und Vampiren. Später, neben den Filmfestivals in Taiwan, ging ich auch auf viele andere Filmfestivals. Da die Mutterschaft in diesem Film sehr asiatisch ist, weinte das asiatische Publikum fast, als der Film endete. Was sie in meinem Film sehen, sind nicht nur Vampire, sondern auch ihre eigenen Mütter. Aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass wir, egal welches Genre mein Film ist, eine Geschichte wahrer Emotionen und nicht eine europäische Legende, die in Taiwan spielt, zum Ausdruck bringen. Es ermöglicht mir auch, sicherer zu sein, wenn ich diese Art von Filmen weiter machen möchte. 

Love after Time“ ist auch ein sehr erfolgreicher Kurzfilm. Als dieser Kurzfilm von Tsai Tsung-Han in Taiwan veröffentlicht wurde, stand Taiwan gleichzeitig vor der sozialen Frage, ob die Kernkraftwerke abgeschaltet werden sollten. Daher wird dieser Film vom taiwanesischen Publikum bewundert und gewinnt gleichzeitig große Aufmerksamkeit. 

Obwohl „Mama Pingpong Social Club“ und „Love after Time“ beide seltene Themen haben, die in Taiwan nur einmal in vielen Jahren vorkommen, glauben wir immer noch, dass wir dazu in der Lage sind diese Art Themen aufzugreifen. Ausgehend von unserem Leben und unseren Gefühlen ist es sicher, dass immer mehr Zuschauer an die Möglichkeit glauben werden, dass wir unsere eigenen Art von Fantasy oder gar Genrefilm haben werden.

Kannst Du mir zum Schluss etwas mehr über Dich erzählen? Welche nachfolgende Projekte stehen an?

Ich arbeite an einer Fernsehserie, die das bekannte taiwanische Videospiel „Detention“ adaptiert. Der Produzent bat mich, die Regie zu übernehmen, nachdem er „Mama Pingpong Social Club“ gesehen hatte. Diese Fernsehserie ist wirklich interessant. Obwohl „Detention“ ein Horror-Abenteuer-Videospiel ist, vermittelt es die mentale Zerstörung der Taiwanesen während der Zeit des Kriegsrechts.

Ein weiteres Drama, an dem ich arbeite, ist aus einem kurzen Roman entstanden. In der Geschichte gibt es Tausende von Messingdenkmälern des ersten Präsidenten Taiwans, Chiang Kai-shek, und eines Tages werden sie alle lebendig und beginnen, Menschen zu essen. Ich freue mich wirklich auf diese beiden Pläne. Ich hoffe, dass alles gut läuft, egal ob mit der Fernsehserie oder mit dem Drama-Film, denn dadurch kann ich mehr Ideen und Vitalität in taiwanesische Fernsehserien und Filme bringen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Mama Pingpong Social Club


Interview: Taiwanese filmmaker Chuang Shiang An talks to us about his short film „Mama Pingpong Social Club„, seen in the ‚Shock Block‘ at the 20th Landshut Short Film Festival, about the difficulty of realizing genre films in Taiwan and whether he himself has a weakness for Ping Pong.

How did the idea for your short film „Mama Pingpong Social Club“ come about? Were the vampires or the family history first?

In 2016, I saw a picture from the internet, the pic is a staircase, but very old fashioned and creepy, and the impressive thing to me was the wall. The wall had four words  in a very large size and bloody red: ”Mama Pingpong”. That’s what I saw and it shocked me, so I tried to think if there might be a group of monsters playing pingpong inside, that would be very ridiculous. 

Soon I found the idea can deal with not just a group of monsters, it can be a story about a mom and how to become a monster. In Taiwanese society, mom is always the annoying person in the family and we always forgot to care about how tough of a time they experience. Especially during menopause and the empty nest stage, so I think it’s same thing as becoming a monster. Especially like a vampire, they must use the blood of others to survive, and the must turn people into the same kind.

Do you have a passion for Ping Pong yourself?

Yes, I love to play pingpong sometimes. Actually, when I was 10 years old, my mom sent me to the pingpong summer camp. Until now, the sound of a pingpong ball hitting the table back and forth makes me very peaceful.

Tell me about your implementation. What was important to you for the visual concept? I feel that the use of the effects is wonderfully efficient without losing effect.

When it comes to vampires, nobleness, elegance, or even castle life pop into the mind. But what we talk about in „Mama Pingpong Social Club“ is middle aged women. In addition, these women are in Asia, so what I wanted to do is present very localized vampires in Taiwan. They have commonly occurring symptoms that may occur on any middle aged woman. 

That is why the special effects and the special make-up effects are minimized to the extent that they are able to do the work. That is to say the size of the vampires’ teeth or the smoke spreading when they’re in the sun. Overemphasizing these stereotypical elements in the vampire genre is avoided in „Mama Pingpong Social Club“ in order to make the the story setting in Taiwan more relatable. 

Was it hard to find the right actors?

The hardest part of making the film wasn’t finding the actors, but to ask the actors to perform in this particular type of short film. This results from the fact that realistic films or melodrama are still mainstream in Taiwan. Another fact was that I was a new director. That means it was hard to persuade people that I could complete such a special short film with such a budget. (The total cost of the film is ninety thousand U.S dollars.) I am really really grateful to my role selector (my girlfriend). After a deep understanding of my requirements and loads of discussion, she found the suitable actors for the film. The actress who plays the leading role, A Mian, has won Golden Bell Awards for three times, and another actress who plays Shu-Chen also later won the Golden Horse award for Best Actress for the performance in Dear Ex. Therefore, I think l’m rather very lucky.

In Germany it is still difficult to produce genre films successfully. How open is Taiwan to such films? I personally remember the film „Love after Time“ by Tsai Tsung-han.

Actually, making fantasy films or genre films in Taiwan is really difficult. It’s also rare too. The only film genre that is acceptable in Taiwan is horror films. Because of some religious reasons, almost all Taiwanese believe in the existence of ghosts, but not vampires. That’s also why while first discussing my concept with some of my director friends and even famous film producers, they all consider it hard to imagine a local Taiwanese vampire film accepted by audiences in Taiwan. Taiwan isn’t a country with imagination for fantasy or science fiction, even in Taiwanese literature barely are these subjects mentioned. Especially because vampires are thought to belong to European legends instead of to Taiwan. But when the film was completed, audiences, critics, and movie reporters in Taiwan marveled the success of the combination of Taiwanese middle aged women and vampires. Later on, aside from the movie festivals in Taiwan, I also went to many other film festivals. Since the maternity in this movie is very Asian, Asian audiences almost cried when the movie ended. What they see in my film isn’t simply vampires, but their own moms. From these experiences, I realize no matter what genre my film is, we’re expressing a story of true emotions instead of a European legend that takes place in Taiwan. It also enables me to be more confident carrying on making these kinds of films. 

Love after Time“ is also a very successful short film. When this short film from Tsai Tsung-Han was released in Taiwan, Taiwan was simultaneously facing the social issue of whether the nuclear power plants should be suspended. Therefore, this film is adored by Taiwanese audiences while gaining huge attention. 

Although „Mama Pingpong Social Club“ and „Love after Time“ are both rare subjects that might only occur once in many years in Taiwan, we still believe we are able to do it. Starting from our lives and feelings, it is certain that more and more audiences will have faith in the possibility that we will have our own styles of fantasy or even genre films.

Can you tell me more about you at the end? Which subsequent projects are on the agenda?

I am working on a television series adapting the renowned Taiwanese video game, Detention. The producer asked me to be the director after watching „Mama Pingpong Social Club„. This television series is really interesting. Though Detention is a horror adventure video game, it conveys the mental destruction Taiwanese suffered during the period of martial law.

Another drama I’m working on is adapted from a short novel. In the story, there were thousands of brass monuments of the first president in Taiwan, Chiang Kai-shek, and one day they all came to life and started eating human beings. I am really looking forward to these two plans. Hope everything goes well no matter the television series or the drama, and by doing so, it may bring more thoughts and vitality to Taiwanese television series and films.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Mama Pingpong Social Club

3 Gedanken zu “Fünf Fragen an Chuang Shiang An

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