Acht Fragen an Rémi Brachet

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Interview: Im Gespräch mit dem französischen Filmemacher Rémi Brachet konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „The End of Kings“ (OT: „La fin des rois“) erfahren, der auf dem 63. DOK Leipzig seine Internationale Premiere feierte, wie seine eigene Biographie bei der Entwicklung des Films eine Rolle spielte und wie es zu dieser gelungenen Mischung aus Dokumentarischem und Inszeniertem kam.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir zu den Anfängen deines Kurzfilms erzählen – Ausgangspunkt waren die Unruhen 2005 in Clichy-sous-Bois, richtig?

Ich bin im Süden der Pariser Vororte aufgewachsen, in einer Stadt, die weniger isoliert und arm ist als Clichy-sous-Bois. Aber die sozialen Probleme waren ähnlich. Also war ich wohl an der Dynamik der ‚Banlieue‘ interessiert, weil ich dort lebte. Im Jahr 2005 war ich 15, und ich erinnere mich, wie voreingenommen und stereotyp die Medienberichterstattung über die Ereignisse war.

Im Grunde waren es drei Jungen, die vor der Polizei wegliefen und sich in einem großen elektrischen Transformator versteckten. Die Polizei tat nichts, um sie zu retten. Sie haben nicht versucht, die elektrische Anlage abzuschalten. Die Jungen verbrannten, und zwei von ihnen starben. Die Ungerechtigkeit und die Wut ließen einen Monat lang Unruhen in der ganzen Stadt entstehen. Schnell sprach die Medienberichterstattung nur noch von ‚Gewalttaten‘, ‚Kriminalität‘ und zeigte wenig Interesse an den Gründen für die Unruhen oder an den Problemen dieser Gebiete, die von der öffentlichen Politik weitgehend ignoriert wurden.

Im Herbst 2018 begann ich dort eine künstlerische Residenz. Eine Residenz, die von den Ateliers Medicis finanziert wurde, einer öffentlichen Struktur, die sich der Förderung des kulturellen Schaffens an Orten widmet, die für die kulturelle Welt weit entfernt sind, wie Vorstädte oder ländliche Gebiete. Ich beschloss, die Stadt anders zu zeigen, weit weg von den gängigen Darstellungen und den üblichen Stereotypen (Gegenüberstellung von Polizei und Jugendlichen, Armut usw.). Ich beschloss auch, Mädchen und Frauen zu folgen, denn im französischen Kino wird die ‚Banlieue‘ hauptsächlich mit männlichen Perspektiven dargestellt.

Dein Hauptstrang erzählt die Geschichte der Entwicklung des Theaterstücks – kannst Du mir zu dem Projekt erzählen und wie bereit die SchülerInnen waren sich so einem alten Stück anzunehmen? Warst Du von Anfang involviert?

In Wirklichkeit existiert das Stück nicht. Wir haben es zusammen mit der Klasse erfunden, nur für den Zweck des Films. Was Jules (der Schauspieler) bei seinem ersten Treffen mit der Klasse sagt, ist eigentlich zwischen mir und ihnen passiert. Wir haben zuerst das Stück ‚geschrieben‘, dann haben wir das mit Jules gedreht, indem wir Szenen mit der Klasse nachgespielt haben.

Es gibt kein Publikum, keine wirkliche Aufführung, wir haben die ganze Handlung für den Film festgelegt. Aber es ist auch keine Fiktion: Die Szenen, die wir gedreht haben, sind wirklich mit mir entstanden, während des Jahres, das ich mit ihnen verbracht habe. Und Jules war während mehrerer Tage der Proben und Dreharbeiten anwesend.

Es war sehr interessant, eine Geschichte zu verwenden, die von der französischen Geschichte inspiriert ist (der Chilperic-Mord) und sie zu hinterfragen. Wir haben mit den Jugendlichen über die Problematik der Geschichtsschreibung nachgedacht – wer schreibt die Geschichte, warum, mit welcher Voreingenommenheit im Hinterkopf. Im Fall von Chilperic war der Zeuge und Chronist der Geschichte ein frauenfeindlicher Bischof, der einen starken Hass gegen Frauen (besonders gegen die Königinnen der Zeit) und gegen Chiperic hatte. Es war sehr interessant, das zu hinterfragen und in unserem ‚Stück‘ umzudrehen.

Durchbrochen werden die Theaterszenen mit kurzen Szenen – kannst Du mir dazu erzählen, sei es die Geburt oder das Fußballspiel.

Eine der Hauptreferenzen des Films ist Fellinis „Roma“: es ist eine kaleidoskopische Darstellung von Roma – viel fiktiver und phantasmagorischer als „The End of Kings“. Die Struktur besteht aus unabhängigen Teilen, die einander gegenübergestellt werden, und die Bedeutung und die Schönheit des Films ergeben sich aus diesen Konfrontationen.

Als ich also anfing, über den Film nachzudenken, entschied ich mich sofort, mit verschiedenen Menschen, verschiedenen sozialen Welten zu arbeiten – wobei ich meine allgemeine Idee im Hinterkopf behielt, die heutigen Geschlechterverhältnisse in einer Vorstadt wie Clichy-sous-Bois zu beobachten. Wir haben im Schnittprozess die besten Situationen beibehalten und ein System von Echos, Parallelen geschaffen – einen Dialog zwischen unabhängigen Teilen.

Deine Aufnahmen besitzen eine gewisse melancholische Schönheit. Hattest Du visuelle Leitlinien, welchen Du gefolgt bist?

Danke! Ich denke, die Struktur, die sich auf die fiktionale Vergangenheit beruft, die sie mit dem Dokumentarischen vermischt, vor allem in der Theaterszene, gibt dem Film diesen melancholischen Aspekt.

Da wir ein sehr kleines Budget hatten, wechselte mein Team sehr oft – die Leute kamen umsonst, wenn sie zwischen ihren anderen Dreharbeiten Zeit hatten.

Also beschlossen wir mit den ‚Haupt‘-Kameramännern (Evgenia Alexandrova und Eva Sehet), eine spezielle Art von Filtern zu verwenden, welche die weißen Highlights funkeln lassen. Die Idee war, den kruden numerischen Aspekt wegzunehmen. Es war ein Weg, um trotz des Teamwechsels eine allgemeine Kohärenz zu haben. Wir haben dann auch viel Zeit in den Farbabgleich investiert.

Welche Aussagen liegt Dir mit Deinem Film besonders am Herzen?

Ich hatte keine Botschaften im Sinn, als ich den Film gemacht habe. Aber ich bin froh, wenn ich feststelle, dass es ein zärtlicher, konkreter feministischer Film ist.

Haben die SchülerInnen den fertigen Film schon gesehen?

Ja! Ich war ein bisschen besorgt über ihre Reaktionen, aber es hat ihnen sehr gut gefallen.

Kannst Du mir zu Dir und deinen filmischen Wurzeln erzählen?

Ich entdeckte das Kino, als ich 15/16 war, dank eines Programmkinos in der Nähe meiner Schule. Dann habe ich mir viele DVDs in der öffentlichen Bibliothek ausgeliehen. Ich studierte Kino an der Femis (eine öffentliche Filmschule in Frankreich). Ich verdanke also dem öffentlichen System in Frankreich eine Menge. (Übrigens zeigt „The End of Kings“ diese Bedeutung von öffentlicher Unterstützung und Dienstleistungen in der französischen Gesellschaft – Krankenhaus, Schule, Fußballverein, städtische Dienste).

Ich mag besonders das italienische Kino der 60er-80er Jahre (Ettore Scola, Dino Risi, Monicelli, Rosi) und das britische Kino (Mike Leigh, Andrea Arnold, Ken Loach [Anm. d. Red.: „Ich, Daniel Blake“ (2016)]). Im Dokumentarfilm interessiere ich mich für die Werke von Depardon, Périot, Wiseman, Panh, Lanzmann. Eine besondere Verbindung habe ich zu „Carré 35“ und „Waltz with Bashir“.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bin Drehbuchautor, daher werden dieses Jahr einige Drehbücher, an denen ich mitschreibe, gedreht, vor allem der erste Spielfilm von Héloïse Pelloquet, der mein erster Spielfilm auf der Leinwand sein wird.

Ich bereite auch einen mittellangen Film in England vor, in der Gegend von Newcastle. Ein Spielfilm mit dokumentarischen Elementen: Eine französische Radiojournalistin kommt zurück nach Newcastle, um eine Radioreportage über die europäischen Gefühle nach dem Brexit zu machen und findet eine junge Liebe wieder. Es ist eine Geschichte über soziale Unterschiede, Erinnerungen, Politik. Es ist auch ein sehr melancholischer Film.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The End of Kings


Interview:In conversation with French filmmaker Rémi Brachet, we were able to learn more about his short film “The End of Kings” (OT: “La fin des rois”), which celebrated its international premiere at the 63rd DOK Leipzig, how his own biography played a role in the development of the film, and how this successful mix of documentary and staged material came about.

Can you tell me about the beginnings of your short film – starting point were the 2005 riots in Clichy-sous-Bois, right?

I grew up in the south of Parisian suburbs, in a city less isolated and poor than Clichy-sous-Bois. But the social issues were similar. So I guess I was interested in the dynamics of the “banlieue” because I lived there. In 2005, I was 15, and I remember how biased and stereotypical the media coverage of the events was.

Basically, there were three boys running away from the police, who hid themselves in a big electrical transformer. The police did nothing to save them. The didn’t try to shut down the electrical installation. The youngsters burnt, and two of them died. The injustice and the anger rose riots all around the city during one month.

Quickly, the media coverage talked only about “violences”, “delinquency”, showing poor interest in the reasons for the riots, or in the issues of these territories largely ignored by public policies.

I began an artistic residence there in the fall of 2018. A residence funded by the Ateliers Medicis, a public structure dedicated to promote the cultural creation in places remote from the cultural world, like suburbs or rurality. I decided to show the city differently, far from the common representations and the usual stereotypes (face-to-face between police and young people, poverty, etc.). I decided also to follow girls and women, because in the French cinema, the “banlieue” is mainly represented by male points of view.

Your main thread tells the story of the development of the play – can you tell me about the project and how ready the students were to take on such an old play? Were you involved from the beginning?

In fact, the play does not exist. We have invented it together with the class, only for the purpose of the film. What Jules (the actor) says in his first meeting with the class actually happened between me and them. We have first “written” the play, then we have shot that with Jules, re-doing scenes with the class.

There is no public, no real show, we have set all the plot for the film. But it’s not either a fiction: the scenes we have shot really occurred with me, during the year I spent with them. And Jules was present during several days of rehearsal and shootings.

It was very interesting to use a story inspired by the French history (the Chilperic murder) and to question it. We have thought with the youngsters about the issues of historiography – who writes the history, why, with which bias in mind. In the case of Chilperic, the witness and chronicler of the story was a misogynistic bishop who had a strong hatred against women (especially the queens of the period) and against Chiperic. It was very interesting to question it, and turn it round in our “play”.

The theater scenes are interspersed with short scenes – can you tell me about them, be it the birth or the soccer game?

One of the main references of the film is Fellini’s Roma: it’s a kaleidoscopic portrayal of Roma – much more fictional and phantasmagoric than “The End of Kings“. The structure is made of independent parts juxtaposed, and the meaning, and the beauty of the film comes from these confrontations.

So when I began to think about the film, I decided immediately to work with different people, different social worlds –  keeping in mind my general idea of observing gender relations today in a suburban city as Clichy-sous-Bois is. We kept in the editing process the best situations, and created a system of echoes, parallels – a dialogue between independent parts.

Your shots have a certain melancholic beauty. Did you have visual guidelines that you followed?

Thanks! I think the structure, which calls upon the fictional past, which mixes it up with the documentary, especially in the theater scene, gives this melancholic aspect to the film.

As we had a very little budget, my team changed very often – people came for free when they had time between their other shootings.

So we decided with the “main” cinematographers (Evgenia Alexandrova and Eva Sehet) to use a special type of filters which sparkle the high white lights. The idea was to take off the crude numeric aspect. It was a way to have a general coherence despite the team turn-over.

We have also spent a lot of time in colour balancing.

Which messages are particularly close to your heart with your film?

I had no messages in mind doing the film. But I’m glad to observe that it’s, tenderly, concretely, a feminist movie.

Have the students already seen the finished film?

Yes! I was a bit worried about their reactions but they liked it very much.

Can you tell me about yourself and your cinematic roots? 

I discovered cinema when I was 15/16 thanks to an art cinema close to my high school. Then I borrowed a lot of DVDs in the public library. I studied cinema in the Femis (a public shool of cinema in France). So I owe a lot to the public system in France. (Incidentally, “The End of Kings” shows this importance of public support and services in French society – hospital, school, soccer club, city services.)

I especially like Italian 60’s-80’s cinema (Ettore Scola, Dino Risi, Monicelli, Rosi) and British cinema (Mike Leigh, Andrea Arnold, Ken Loach). In the documentary, I’m interested in the works of Depardon, Périot, Wiseman, Panh, Lanzmann. I have a special bond with Carré 35 and Waltz with Bashir.

Are there already new projects planned?

I’m a screenwriter, so a few screenplays I co-write will be shooted this year, especially the first feature film of Héloïse Pelloquet, which will be my first feature film broadcasted in the screen.

I also prepare mid-length in England, in the Newcastle area. A fiction with documentary elements: a French radio journalist comes back to Newcastle to make a radio report about European feelings after Brexit and finds a young love again. It’s a story about social differences, memories, politics. It’s also a very melancholic film.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “The End of Kings

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