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Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Filmemacher Romain Dumont konnten wir mehr über seinen neuesten Kurzfilm „Street Light“ (OT: „Le reste n’a pas d’importance“) erfahren, wie die Geschichte auch sehr persönlich ist und wie der Mockumentary-Stil die Schlussfolgerung daraus war.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?
Vor drei Jahren verließ ich Montreal und zog nach Paris, genauer gesagt ins 18. Arrondissement. Damals kannte ich noch niemanden, und mein Alltag war ziemlich einsam. Was mich jedoch morgens aufheiterte, war der Anblick eines Mannes, der den Verkehr auf der Rue Clignancourt regelte, Didier, der allen zuwinkte und mitten im Verkehr Breakdance tanzte. Für mich verkörperte er das Symbol einer Straßenlaterne, die den Alltag der Menschen erhellt. Ich fing an, ihn mit meinem Handy zu filmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, denn ich wollte ihn so natürlich wie möglich zeigen. Er ertappte mich sehr schnell, und ich musste ihm erklären, dass ich ein Filmemacher bin und er mich fasziniert. Um ihn zu beruhigen, sagte ich ihm, dass wir nach seinem Arbeitstag einen Kaffee trinken gehen würden. Plötzlich war er mein erster Pariser Freund.
In den folgenden Wochen begannen wir, ihn zu filmen, aber eher dokumentarisch. Eines Tages begann das Rathaus, ein Auge auf ihn zu werfen. Seinen Chefs gefiel seine Arbeitsweise nicht. Er verlor seinen Job.
Ein Jahr später, als wir uns aus den Augen verloren hatten, überredete ich ihn, ohne Erlaubnis an genau die Straßenecke zurückzukehren, an der er gearbeitet hatte, und einen Spielfilm zu drehen, der die Geschichte unserer Freundschaft, meines gescheiterten Dokumentarfilms und seiner Entlassung erzählen sollte.
Warum hast Du Dich für diesen Mockumentary-Stil entschieden? Oder besser gesagt, wie viel Dokumentation steckt in Deinem Film?
Auch wenn es einen dokumentarischen Ansatz gibt, ist fast alles Fiktion. Ich habe mit den Dreharbeiten begonnen, als Jafar Panahi noch im Gefängnis saß. Da war es für mich klar, dass ich mich von dieser großen Tradition des iranischen Kinos, mit der Realität zu spielen, inspirieren lassen musste – was auch Kiarostami [Anm. d. Red. Abbas Kiarostami (1940-2016)] so gut gelang. Die Szene mit dem Mann im Rathaus ist stark von einer Szene in Close-Up inspiriert. Indem ich mich von dieser Art des Filmemachens inspirieren ließ, öffnete ich die Tür, um mich von der Realität überrumpeln zu lassen: Wir sahen oft, wie Passanten eingreifen. Man muss bedenken, dass Didier ein Jahr zuvor an dieser Straßenecke der Star des Viertels war. Es war eine Art Comeback, und die Leute freuten sich sehr, ihn wiederzusehen. Aus dieser Freude heraus entstand die einzige wirklich ‚dokumentarische‘ Szene des Films, die letzte. Für mich ist das ein wirklich magischer Moment. Zweifellos die schönste Szene in meiner gesamten Filmografie.
Was lag Dir dabei visuell am Herzen?
Nichts war so richtig durchdacht. Die meisten der Aufnahmen, die wir uns sorgfältig überlegt hatten, schafften es nicht in den endgültigen Schnitt. Hadrien Vedel, der Kameramann des Films, und ich sagten uns von Anfang an, dass wir unser Ego beiseite lassen und einfach die Emotionen einfangen wollten. Eine der wichtigsten visuellen Intentionen war auch eine klangliche Intention: Ich wollte Passagen im Auto schaffen, in denen wir in den POV der Fahrer oder Beifahrer eintreten, aber vor allem in die Geräuschkulisse des jeweiligen Autos eintauchen: Musik, Radio, Gespräche usw.
Hast Du Vorbilder im Sinn gehabt, als Du Dich für diese Inszenierungsart entschieden hast?
Kiarostami. Kiarostami. Und wieder Kiarostami. Ich hatte auch eine großartige Lehrerin für die Geschichte des iranischen Kinos, Agnès De Victor, die mich wirklich inspiriert hat. Sie ist eine Referenz.
Wie lange und wo habt ihr gedreht?
Wir haben an einem Wochenende an der Straßenecke gefilmt, an der Didier gearbeitet hat: Clignancourt und Myrha. Ohne Erlaubnis, und jedes Mal, wenn die Polizei vorbeifuhr, hörte mein Herz auf zu schlagen. Didier hatte vor nichts Angst, er tanzte minutenlang vor den Autos, was manchmal zu riesigen Staus führte.
Nach welchen Kriterien habt ihr die Rollen besetzt?
Es ist ein Familienfilm: Die Philosophin, die begabte Elizabeth Mazev, ist buchstäblich meine Nachbarin. Der Brigadier, der Didier ersetzt, ist der Vater eines meiner Produzenten, und auch der Bösewicht aus dem Rathaus ist der Vater des anderen Produzenten des Films.
Arbeitest Du schon an neuen Projekten?
Ich versuche seit über einem Jahr, meinen ersten Spielfilm zu schreiben. Dabei vermisse ich Kurzfilme. Ich merke, wie viel Freiheit dieses Medium bietet. Ich möchte so bald wie möglich wieder einen Kurzfilm machen.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Street Light“
Interview: In our conversation with Canadian filmmaker Romain Dumont, we were able to find out more about his latest short film „Street Light“ (OT: „Le reste n’a pas d’importance“), how the story is also very personal and how the mockumentary style was the conclusion.
How did the idea for this movie come about?
Three years ago, I left Montreal to live in Paris, in the 18th arrondissement to be precise. At the time, I didn’t know a soul, so my day-to-day life was pretty lonely. However, what brightened up my mornings was seeing a man in charge of traffic on the rue Clignancourt, Didier, waving to everyone and break-dancing in the middle of the traffic. For me, he really embodied the symbol of a street-light, lighting up everyone’s daily lives. I started filming him with my phone without asking his permission, because I wanted him to be as natural as possible… He very quickly caught me in a ‚fait accompli‘, and I had to explain to him that I was a film-maker and that he fascinated me. To calm him down, I told him we were going for a coffee after his day’s work. He suddenly became my first Parisian friend.
In the weeks that followed, we started filming him, but in a more documentary way. Then one day, the Town Hall started keeping an eye on him. His bosses didn’t like the way he worked. He lost his job.
A year later, when we’d lost touch, I persuaded him to return to the exact street corner where he was working, without any permission, and to shoot a fiction film that would tell the story of our friendship, of my failed documentary and his sacked.
Why did you decide on this mockumentary style? Or rather, how much documentary is in your movie?
Even if there is a documentary approach, almost everything is fiction.
I started shooting when Jafar Panahi was still in prison, so it was obvious to me that I had to draw inspiration from this great tradition of Iranian cinema of playing with reality – which Kiarostami also did so well. The scene with the man at the town hall is deeply inspired by a scene in Close-Up. By taking inspiration from this approach of filmmaking, I opened the door to allowing myself to be invaded by reality: we often see passers-by intervene. You have to remember that a year earlier, on this very street corner, Didier was the star of the neighborhood. It was his comeback of sorts, and people were so happy to see him again. It was this happiness that gave rise to the only real ‘documentary’ scene in the film, the last one. For me, it’s a truly magical moment. Without doubt the most beautiful scene in my entire filmography.
What was important to you visually?
Nothing really was. Most of the shots we had carefully thought out didn’t make it into the final cut. Hadrien Vedel, the DOP of the film, and I told ourselves from the start that we were going to put all ego aside to simply capture the emotion. One of the main visual intentions was also a sound intention: I wanted to create passages in the car, where we would enter the POV of the drivers or passengers, but above all, where we would be immersed in the soundscape of each car: music, radio, discussion, etc.
Did you have any role models in mind when you decided on this style of production?
Kiarostami. Kiarostami. And Kiarostami again. I also had a great teacher of history of Iranian cinema, Agnès De Victor, that really inspired me. She’s a reference.
How long and where did you film?
We filmed over a weekend, on the actual street corner where Didier worked: Clignancourt and Myrha. With no license, every time the police drove by, my heart stopped beating. Didier wasn’t afraid of anything, he danced in front of the cars for long minutes, which sometimes created huge traffic jams.
What criteria did you use to cast the roles?
It’s a family film: the philosopher, the talented Élizabeth Mazev, is literally my neighbor. As for the brigadier who replaces Didier, he’s the father of one of my producers, and the same goes for the bad guy from the town hall, he’s the father of the film’s other producer.
Are you already working on new projects?
I’ve been trying to write my first feature film for over a year. It makes me miss short films. I realize how much freedom this medium offers. I want to make another short film as soon as possible.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Street Light„