Acht Fragen an Olga Stalev

Doreen Kaltenecker
Teet Raik, Ratestuudio, ratestuudio@gmail.com

Interview: Im Gespräch mit der estnischen Regisseurin und estnische Animationskünstlerin Olga Stalev konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „The Shadow of Dawn“ (OT: „Eha Vari“) erfahren, der auf dem 8. Obscura Festival Berlin 2024 als Bester Kurzfilm den Publikumspreis erhielt, warum sie selbst ihn als Neo-Folkore-Botschaft bezeichnet und warum Stop-Motion die beste Erzählart für diese Geschichte ist.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir zur Entstehung Deines Films erzählen?

Die Geschichte begann mit der Idee, einen Film über Schatten zu machen. Ich habe mehrere Jahre als Stop-Motion-Animator gearbeitet und dabei festgestellt, dass der Schatten einer Puppe selbst bei sehr sanften Bewegungen oft versucht, Tricks zu machen und sein eigenes Leben zu führen. Warum also nicht den Schatten frei machen und einen Protagonisten aus ihm machen? Außerdem passte es sehr gut zur Stop-Motion-Technik – die realistischste Puppe wird nie ein Mensch sein, aber der Schatten einer Puppe ist immer ein echter Schatten, 2D-Animation würde hier nicht funktionieren. 

Von der Geschichte her wollte ich ein Thema ansprechen, das mich sehr beschäftigt – Konflikte zwischen netten Menschen, die in Hass ausarten. Habt ihr schon einmal erlebt, wie sich Freunde austauschen, nachdem sich ein Paar getrennt hat? Es wird erwartet, dass man sich für eine Seite entscheidet, auch wenn man mit beiden sympathisiert. Ich wollte eine Geschichte ohne schlechte (böse) Charaktere schreiben, denn in meinem Märchen ist das Böse nicht eine Person, sondern ihre Gefühle oder Nachlässigkeit. Dawn verletzt Woodcutters Gefühle durch ihren Mangel an Empathie, und das Biest ist die physische Verkörperung von Woodcutters Wut und Scham. Ich habe meinen Figuren die Fähigkeit gegeben, einander zu verstehen und zu verzeihen. Ich wünschte, mehr Menschen könnten das lernen. Dann gäbe es weniger Gewalt auf der Welt.

Ich habe Situationen aus meinem wirklichen Leben (auf die ich nicht stolz bin) als Inspiration für den Film und zum Nachdenken für mich selbst genommen. Wir sind nicht perfekt, aber wir sind in der Lage zu lernen und uns zu ändern. 

Wie weit nimmst du folkloristische Märchen (deines Landes) Bezug? Was hat Dich bei der Geschichte inspiriert?

Ich würde meine Geschichte als Neo-Folklore bezeichnen. Sie basiert nicht auf einer bestehenden Geschichte. Aber ich liebe Volksmärchen, denn sie haben einen sehr realistischen Hintergrund, sind metaphorisch und lehrreich auf einer unterbewussten Ebene. Und sie sind oft gruselig, nicht so wie die zensierten modernen Geschichten für Kinder. Also habe ich versucht, diese Stimmung in meiner Geschichte wiederzugeben. 

Kannst Du mir mehr zur Arbeit selbst erzählen? Wie lange hat die Umsetzung des Stop-Motion-Films gedauert und wie groß war Dein Team?

Von der Idee bis zum Ende waren es vier Jahre. Während der Dreharbeiten (die mit einigen Pausen und COVID etwa 1,5 Jahre dauerten) hatte ich die meiste Zeit mein Dreamteam aus drei Leuten und mir selbst, aber in Momenten des Arbeitsüberflusses waren wir insgesamt bis zu sechs Leute. Außerdem hatte ich während der gesamten Zeit einen Produzenten. Ein Sounddesigner und ein Komponist kamen in der Postproduktion hinzu, ebenso wie ein Entwickler für visuelle Effekte.

Was war Dir bei den Bildern und Animationen wichtig? Beziehst Du Dich dabei auf Vorbilder?

Mein Protagonist ist ein Schatten, daher ist das Licht in diesem Film sehr wichtig. Ich wollte zeigen, wie sich die Tageszeit ändert, vom Morgen zur Nacht und zurück zum Morgen. Außerdem wollte ich betonen, wie der Schatten durch die Schatten verschiedener Objekte mit der physischen Welt kommuniziert. Um den Apfel in der Luft zu halten, sollte Shadow den Schatten des Apfels halten. Es scheint also, dass der Apfel der Bewegung seines Schattens folgt und nicht umgekehrt (wie wir früher dachten). Das gibt dem Schatten mehr Macht über die Realität. 

Ich beziehe mich nicht wirklich auf andere Arbeiten, aber ich fand „Krabat“ (1978) sehr inspirierend, und ich glaube, es hat mich beeinflusst, dass ich die Traumszene in meinem Film in Cut-out-Technik gemacht habe. 

Worte braucht Dein Film kaum, dafür besitzt er eine starke musikalische Untermalung – Kannst du mir dazu noch etwas mehr erzählen?

Bei der Suche nach einem Komponisten habe ich versucht, mich an Filme zu erinnern, deren Soundtrack mir gefallen hat. Aber ich merkte, dass ich mich nur an schlechte Beispiele erinnere. Wenn die Musik gut passt, verbindet sie sich mit dem Bild und der ganzen Stimmung in meiner Erinnerung. So fand ich mithilfe meines Produzenten die estnische Komponistin Mari Kalkun. Ich hörte in ihrer Musik eine Verbindung zur Natur und einige Folk-Vibes, die ich suchte. Und glücklicherweise stimmte sie zu, den Soundtrack für meinen Film zu machen!

Wann hat man die Gelegenheit, Deinen Film nochmal zu sehen?

Das ist eine schwierige Frage, ich hoffe, dass ich in etwa einem Jahr meinen Film für alle zugänglich machen kann. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe an der estnischen Kunstakademie Animation studiert und war schon immer von diesem Medium angezogen. Disney und Ghibli haben mein Herz in der frühen Kindheit für immer gestohlen. Ich stellte mir vor, klassische 2D-Animationen zu machen, aber zufällig verliebte ich mich in die Stop-Motion-Technik und arbeite nun schon seit 12 Jahren in diesem Bereich.

Sind bereits neue Projekte geplant? Bleibst du dem Animationsfilm treu?

Keine klaren Pläne, aber der starke Wunsch, einen neuen Film zu machen. Und ja, animiert, und wieder Stop-Motion!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Shadow of Dawn


Interview: In our conversation with Estonian director and animation artist Olga Stalev, we found out more about her short film „The Shadow of Dawn“ (OT: „Eha Vari“), which won the Audience Award for Best Short Film at the 8th Obscura Festival Berlin 2024, why she herself describes it as a neo-folkore message and why stop-motion is the best narrative style for this story.

Can you tell me about the origins of your movie?

Story began with the idea to make a film about shadow. I used to work as a stop motion animator for several years, and noticed that quite often, even during very smooth movements of a puppet, its shadow is trying to make tricks and live its own life. So why not to make the Shadow free and make a protagonist out of it? Also it suited Stop-motion technique very well – the most realistic puppet never will be a human, but shadow of a puppet is a real shadow all the way long, 2d animation would not work here. 

From the story part I wanted to touch on a topic that bothers me very much – conflicts between nice people that grow into hatred. Have you ever witnessed sharing friends after a couple breaks up for example. You are expected to choose one side even if you sympathise with both of them. I wanted to make a story without bad (evil) characters, in my fairytale evil is not a person but their emotions or carelessness. Dawn hurts woodcutters‘ feelings with her lack of empathy, and Beast is a physical incarnation of woodcutters anger and shame. I gave my characters the ability to understand and forgive each other. I wish more people could learn it. We would have less violence in the world.

I took situations from my real life (I’m not proud about) as an inspiration for film and reflection for myself. We aren’t made perfect, but we are able to learn and change. 

To what extent do you refer to folkloric fairy tales (of your country)? What inspired you in the story?

I would call my story neo-folklore. It is not based on an existing story. But I love folk fairy tales, for having a very realistic background, being metaphoric and educational on a subconscious level. And quite often scary, not that censored modern stories for kids.

So I tried to recreate this vibe in my story. 

Can you tell me more about the work itself? How long did it take to realize the stop-motion film and how big was your team?

From Idea to the end it was 4 years. During shooting time (that took around 1,5 years with some breaks and COVID) most of the time I had my dream team of 3 people + myself, but in work overflow moments we were up to 6 people all together. Also I had a producer for the whole time. Sound designer and composer joined in post production as a visual effects creator did.

What was important to you in the visuals and animations? Did you refer to any inspiring examples?

My protagonist is a shadow, so light is very important during the film. I wanted to show how the time of the day changes, from morning to the night and back to morning. Also I wanted to make an accent on how Shadow communicates with the physical world through the shadows of different objects. To hold the apple in the air Shadow should hold the shadow of the apple. So it appears that apple follows the movement of its shadow, not opposite (how we used to think). That gives shadows more power over reality. 

I don’t really refer to other work, but I found Krabat (1978) very inspiring and I think it influenced that I made Dream Scene in my film on cut-out technique. 

Your film barely needs words, but it has a strong musical background – can you tell me a bit more about that?

Music was a hard part for me, when I was searching for a composer I tried to recall films where I liked the soundtrack. But realised that I remember only bad examples, if music suits good it blends together with a picture and whole mood in my memory. So with the help of my producer I found an Estonian composer Mari Kalkun. I could hear in her music a connection with nature and some folk vibes I was searching for. And luckily she agreed to make the soundtrack for my film!

When will people have the opportunity to see your movie again?

That is a hard question, I hope in a year or so to make my film available for everyone. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to making films?

I studied animation in the Estonian Academy of Arts, I was always attracted to this media. Disney and Ghibli stole my heart in early childhood forever. I imagined myself making classical 2d animations but accidently I fell in love with stop motion, and I have worked in this field for 12 years already.

Are there any new projects planned? Are you staying true to animated films?

No clear plans, but a strong wish to make a new film. And yes, animated, and again stop motion!

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „The Shadow of Dawn

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