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Interview: Im Gespräch mit der Filmemacher*in und Fotograf*in Stella Deborah Traub konnten wir mehr über den Kurzfilm „Schwanensee“ erfahren, der im Sonderprogramm ‚Diskurze: Reperkussion‘ des 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 zu sehen war, erfahren, wie es war, diesen Film mit Long Covid zu realisieren und warum es auch wichtig war, zu diesem Thema einen Film zu machen.
Du verarbeitest in Deinem Kurzfilm Deine Erfahrungen mit Long-Covid – Warum hast Du Dich entschieden, sie filmisch zu erzählen?
Das war ehrlich gesagt keine Entscheidung. Es war eher das Bedürfnis, zu prüfen, ob ich mit dieser Krankheit noch filmen kann, noch einen Zugang zur Kunst finden kann. Mir war klar, ich sehe aktuell nur noch wenige Orte – mein Bett, das Wartezimmer beim Arzt, das Taxi zum Arzt, da U-Bahn fahren zu anstrengend ist, und eben manchmal, an guten Tagen, diesen Teich hinter meiner Wohnung. Da war mir klar, wenn ich etwas filmen möchte, muss es sich an einem dieser Orte abspielen und so begann ich, auf meinen Spaziergängen um den Teich diesen zu filmen. Das entstandene Material ist in „Schwanensee“ zu sehen. Es ging mir zu der Zeit hauptsächlich darum, mir zu beweisen, dass ich noch ich bin, also ein Mensch, der in der Lage ist, künstlerischen Output zu generieren. Filmemachen fühlte sich noch nie und nie wieder so existenziell an wie zu dieser Zeit und ich hoffe fast, dass es sich nie wieder so existenziell anfühlen muss.
Wie lange hast Du für die Realisierung gebraucht und wie kann ich mir die Arbeit mit der Krankheit vorstellen?
Der Film war tatsächlich im Großen und Ganzen in drei Tagen fertig. Einen Vormittag die Gedanken in einen Essay runterschreiben, die mir seit Monaten im Kopf herumspukten, am Abend in den letzten Sonnenstrahlen einmal das Material gesammelt, was mir meiner Meinung nach noch gefehlt hat (ich hatte wie gesagt ein andermal schon sehr ziellos den Teich gefilmt). Am nächsten Tag den Text ins Handy eingesprochen und dann geschnitten – ich habe sicherlich danach noch Dinge angepasst, aber an diese drei Tage erinnere ich mich als die schönsten Tage während meiner Erkrankung. Endlich wieder ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, auch wenn es viel zu anstrengend war. Ich weiss noch, wie ich zwei Tage mit dem Laptop im Bett lag, immer wieder die Augen geschlossen habe, wenn der Bildschirm zu anstrengend wurde und dann irgendwie weiter geschnitten habe. Als der Film dann irgendwie viel zu schnell fertig war, fehlte mir die Arbeit daran sehr. Ich habe davor nie ein Projekt so assoziativ und schnell bearbeitet, ich schätze, das lag daran, dass ich davor Wochenlang nichts getan habe und meine Gedanken sich wie überreifes Obst angefühlt haben, die endlich in einer schnellen Ernte-Aktion gepflückt werden durften. Normalerweise bin ich eine Person, die monatelang auch an sehr kurzen Filmen sitzt.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Begrenztheit. Meine eigene Begrenztheit zu der Zeit irgendwie sichtbar und begreifbar zu machen. Und das Träumen am Ende des Films. Die Absurdität des Träumens und des Nicht-Wissens, wie die Welt da draußen eigentlich nochmal aussieht.
Wie kam die Musik von Tschaikowski und der Schwanensee dazu?
Die Musik kam, wie im Film beschrieben, dazu, als ich bei einem Spaziergang, lang vor der eigentlichen Arbeit am Film, aus Neugier nach Tschaikowskis Musik gegoogelt und geschaut habe, ob ich darin eine Analogie oder Metapher auf meine Erzählung finden kann. Und da liegt das natürlich nahe, dass „Schwanensee“, also auch das Ballett, ja von einem verzauberten Schwan handelt, der nicht mehr das tun kann, was er einst als Mensch tun konnte. Ich mag es generell sehr, Metaphern in alten Sagen, Märchen, tradierten Erzählungen, etc. für meine Filme zu finden.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich bin Fotograf*in und Filmemacher*in und mäandere über die letzten Jahre immer sehr zwischen diesen beiden Kunstformen und auch Berufsfeldern. Film und Theater hat mich schon als Jugendlichen interessiert – zum Dokumentarfilm kam ich tatsächlich durch einen lustigen Zufall; In einem Produktionspraktikum in einer kleinen Münchner Produktionsfirma war ich an der Fertigstellung von „Ein letzter Tango“ von German Kral beteiligt – Untertitel-Korrektur-Lesen, oder sowas. Ich hatte bis dato, ich muss 18 oder so gewesen sein, noch keinen künstlerischen Dokumentarfilm gesehen und war total begeistert von der Erzählweise, dem Einsatz visueller Mittel und der Möglichkeit von Inszenierung im dokumentarischen Rahmen. Mein Chef merkte, dass ich etwas auf diesem Film ‚hängengeblieben‘ war (ich schaute ihn immer wieder und fragte, ob ich in als DVD mit nach Hause nehmen könnte) und empfahl mir daraufhin, mich an der HFF für Dokumentarfilm zu bewerben. Nach dem Praktikum habe ich mich dann dokumentarisch ausprobiert, habe einige Kurzfilme gedreht und dann nach ein paar Jahren mein Filmstudium begonnen.
Wie geht es Dir jetzt und sind bereits neue Projekte geplant?
Mir geht es, ich denke mal, die Frage zielt auf Long Covid ab, wieder sehr gut. Damit habe ich großes Glück gehabt, denn dass die Krankheit überhaupt verschwindet, ist nicht selbstverständlich. Viele Menschen entwickeln nach ihrer Covid-Infektion ME/CFS, eine chronische Form von Long Covid, die viel zu wenig erforscht und nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht heilbar ist. Man ist mit dieser Krankheit also vor allem auf Zufall und Glück angewiesen. Aktuell arbeite ich an meinem Abschlussfilm, einem dokumentarischen Langfilm mit und über die Dichterin Tina Stroheker.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Schwanensee“