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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur und Drehbuchautor Kai Stänicke konnten wir mehr über seinen Debütfilm „Der Heimatlose“ erfahren, der seine Weltpremiere im Rahmen der 76. Berlinale 2026 feierte. Er erzählt, wie die Idee zu seiner Geschichte entstand, wo er gedreht hat und was ihm bei der Locationwahl, den Sets und der Wahl der Darstellenden am Herzen lag.
Der Film startet am 27. August 2026 in den deutschen Kinos.
Wie ist die Idee zu Deinem Drama entstanden?
Die Geschichte geht zurück auf eine persönliche Erfahrung. Ich bin in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Während meiner Kindheit und Jugend in den 90er Jahren hatte ich dort oft das Gefühl, nicht ich selbst sein zu können. Erst als ich den Ort verlassen und in größere Städte und schließlich nach Berlin gezogen bin, konnte ich Teile von mir akzeptieren, die ich vorher nicht annehmen konnte. Wenn ich dann in dieser Zeit in meinen Heimatort zurückgekehrt bin, hatte ich oft das Gefühl, dass es ein anderes Leben war, dass ich dort geführt habe und dass ich nie zurück in dieses Leben könnte. Aus diesem Gefühl ist die Grundidee des Films entstanden.
Gibt es Filme oder schriftliche Werke, die Dich inspiriert haben?
Sehr viele. Natürlich „Dogville“ von Lars von Trier, eine sehr frühe Inspiration für die Geschichte. Aber auch „Das weiße Band“ von Michael Haneke, „Babettes Fest“ von Gabriel Axel. Sehr viele Gerichtsfilme wie beispielsweise „12 Angry Men“ von Sidney Lumet.
Auf die Geschichte von Martin Guerre, einem französischen Bauern im 16. Jahrhundert, der spurlos verschwand und dessen Frau einem Mann, der sich Jahre später als Guerre ausgab, vorwarf, ein Hochstapler zu sein, bin ich erst später gestoßen. Da war das Buch schon fast fertig. Es gibt einen Film dazu mit Gérard Depardieu und ein amerikanisches Remake namens „Sommersby“ mit Richard Gere und Jodie Foster.
Literarisch war ich sehr inspiriert von Dürrenmatt [Anm. d. Red. Friedrich Reinhold Dürrenmatt, 1921-1990], besonders „Der Besuch der alten Dame“ oder „Die Panne“ und von Kafka [Anm. d. Red. Franz Kafka, 1883-1924] natürlich mit „Der Prozess“ und „Das Schloss“. Ich habe in der Zeit alles gelesen, was in die Richtung geht. Das Motiv des Rückkehrers ist ja uralt und geht zurück bis auf die Bibel und das Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Dein Film spielt auf einer namenlosen Insel – wo habt ihr gedreht und kannst Du mir mehr über das Set selbst erzählen?
Wir haben auf zwei norddeutschen Inseln gedreht. Alles, was am Wasser spielt, haben wir auf Sylt gedreht und alles, was innerhalb der Insel spielt, auf Norderney. Die Drehorte zu finden war tatsächlich sehr schwierig. Es handelt sich im Film ja um eine winzige Gemeinde auf einer kleinen, weit abgeschiedenen Insel. Die Bewohner leben in einem kleinen Dorf mitten in den Dünen. Dünen sind aber fast ausschließlich Naturschutzgebiete, wo man nichts aufbauen darf, schon gar kein historisches Dorf. Norderney hat uns da wirklich sehr geholfen und viel möglich gemacht. Durch das Filmfestival Emden-Norderney sind sie sowieso schon sehr filmaffin in der Region und haben auch einen eigenen Ansprechpartner für Filmarbeiten. Der hat uns sofort einen Ort vorgeschlagen, der möglich wäre. Dabei handelt es sich um einen Zeltplatz relativ zentral in der Stadt, aber umrandet von sehr hohen Dünenwänden, sodass man die Stadt dahinter nicht sieht. Der Ort war ideal für uns um unser Dorf aufzubauen.
Die Ausstattung und der Look sind beinahe zeitlos und lassen sich schwer einordnen. Was lag Dir visuell am Herzen?
Schon sehr früh war klar, dass der Film eine Parabel werden sollte, deshalb wollte ich eine Welt erschaffen, die zeitlich und örtlich nicht genau einzuordnen ist. Eine winzige Insel mitten im Nirgendwo, fast schon außerhalb der Welt. Ein historisches Setting, das man aber nicht genau auf das Jahr bestimmen kann. Es sollte eine zeitlose Geschichte werden. Diese parabelhafte Überhöhung findet sich im Szenenbild mit theaterhaften Kulissen wieder, aber auch im Kostümbild mit Hauben und Richterroben, die man auf so einer Insel vielleicht zunächst nicht vermuten würde. Gleichzeitig wollte ich eine harsche und raue Welt erzählen. Einen Ort, an dem man nur als Gemeinde überleben kann und der Fremden deshalb ganz automatisch erst einmal suspekt gegenübertritt. Deshalb sind die Farben eher kalt gehalten und auch im Sounddesign wird eine windige und raue Natur erzählt.
Die Musik greift die Stimmung des Films sehr gut auf. Kannst Du mir etwas zur Musik von Damian Scholl erzählen?
Musik ist ein so wichtiger aber auch sensibler Teil des Filmemachens. Mit der richtigen Musik kann eine einfache Szene einen ungeahnten Eindruck hinterlassen. Doch genauso leicht ist es, mit der falschen Musik, oder mit zu viel Musik, eine Szene kaputt zu machen. Das ist eine Gratwanderung. Ganz zu schweigen davon, wie schwierig es ist, über Musik zu sprechen und sie in Zusammenarbeit mit jemandem in Gesprächen zu formen. Ich hatte mit Damian Scholl einen unglaublich talentierten und geduldigen Komponisten, mit dem ich über Monate gemeinsam den richtigen Klang für den Film finden konnte. Er spielt Viola und Bratsche, was der Arbeit extrem geholfen hat, da wir so direkt vor Ort Melodien und Spielweisen ausprobieren konnten. Damian hatte ganz viele großartige Ideen zu Instrumenten und zur historischen Anmutung der Musik. Es war ein langer Prozess, aber am Ende ist die Musik genau das geworden, was ich mir erhofft hatte. Sie gibt dem Film eine zusätzliche Ebene und bleibt noch lange danach im Ohr.
Du hast eine Sprache gefunden, die nicht aktuell, aber auch nicht auf literarischen Quellen fußt. Wie hast Du die passende Sprache für den Film gefunden?
Es war von Anfang an klar, dass diese spezielle Welt auch eine spezielle Sprache braucht. Ich wollte den parabelhaften Charakter der Geschichte ebenso in der Sprache gespiegelt haben. Auch das war ein Balanceakt. Eine historisch anmutende Sprache zu finden, die trotzdem natürlich gesprochen werden kann, ohne zu gestellt und theatral zu wirken. Ich habe die Dialoge erst einmal in moderner Alltagssprache geschrieben und laut gesprochen, bis sie für mich natürlich klangen. Im Anschluss bin ich mit meiner guten Freundin und Dialogberaterin Janette Wölwer durch die gesamten Dialoge gegangen und habe die Wörter, die zu modern erschienen, durch altertümliche Alternativen ersetzt. So erschien uns das Wort „vielleicht“ zu modern. Bei unserer Suche stießen wir auf das Wort „womöglich“, das für uns besser zu der Zeit und der Welt des Films passte. Also haben wir, wann immer eine Figur im Dialog „vielleicht“ sagen würde, das Wort durch „womöglich“ ersetzt. Stück für Stück, Wort für Wort, haben wir so unsere eigene Sprache kreiert, ohne den natürlichen Sprachfluss der Dialoge zu zerstören.
Obwohl die Szenerie etwas Theaterhaftes hat, ist das Spiel deiner Figuren naturalistisch. Worauf hast Du bei der Besetzung der Rollen Wert gelegt?
Darauf, dass das Spiel der Figuren naturalistisch und wahrhaftig bleibt. Mir war schon früh bewusst, dass das theatrale Szenenbild die Gefahr birgt, eine Distanz zum Zuschauer aufzubauen. Dass der Zuschauer nur von außen auf die Geschichte blickt und sich nicht emotional mit ihr verbindet. Dem wollte ich mit allen anderen Instrumenten, die mir zur Verfügung stehen, entgegenwirken. Dazu gehört beispielsweise die Musik, aber auch die Kamera, die, wenn sie am Boden ist, immer ganz nah an den Figuren dran ist, fast dokumentarisch, immer mit der Handkamera. Und dazu gehörte auch das Spiel der Figuren. Es war die oberste Priorität, dass der Zuschauer emotional mit den Figuren mitgeht. Und die altertümliche Sprache war dabei eine große Hürde. Es ist nicht einfach, diese Sprache natürlich und emotional zugänglich zu verkörpern. Der Cast macht das unglaublich gut und lässt es dabei ganz einfach aussehen. Das ist es aber nicht. Ich bin immer noch überwältigt und unendlich dankbar, wenn ich sehe, was sie aus den Dialogen und den Figuren herausgeholt haben.
Gibt es schon neue Projekte oder Projektideen?
Die gibt es. Aber um sie zu entwickeln, brauche ich Zeit und Ruhe. Und gerade ist so viel los mit „Der Heimatlose“, da ist an Ruhe kaum zu denken. Der Film reist um die Welt, und ich darf mitreisen. Das ist ein großes Geschenk, das ich genießen möchte. Den Film in verschiedenen Ländern vorzustellen und sich mit dem Publikum austauschen zu können, ist eine der schönsten Seiten des Filmemachens. Und dann steht Ende August unser Kinostart in Deutschland an, für den ich präsent sein möchte. Ende des Jahres wird es dann wahrscheinlich etwas ruhiger. Dann werde ich mich hinsetzen und an der nächsten Geschichte schreiben.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Films „Der Heimatlose“



