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Interview: Im Gespräch mit dem aus Guatemala stammenden Regisseur und Drehbuchautor Diega Oliva Tejeda konnten wir uns über seinen Kurzfilm „Anxiety Anthem“ erfahren, der seine Premiere im Kurzfilmwettbewerb des 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 feierte, wie seine eigenen Erfahrungen die Geschichte und den Look des Films geprägt haben und warum er sich dafür entschieden hat, das Thema Burnout als Musical zu erzählen.
Wie ist die Idee zu Deinem Film entstanden? Und warum hast Du Dich für ein Musical entschieden?
Ende 2019, im Alter von 21 Jahren, hatte ich mein erstes großes Burnout. Ich war relativ jung an der HFF und wusste nicht, wie ich mit Feedback umgehen sollte. Als der Rohschnitt meines Zweitjahresfilms „Apocalíptica“ stark kritisiert wurde, versuchte ich wochenlang obsessiv, ihn zu ‚retten‘. Gleichzeitig wollte ich von allen Kommiliton*innen gemocht werden, überall dabei sein – und schlief kaum. Dann kam die Pandemie. Plötzlich war all die Spannung und Hyperaktivität vorbei. Ich legte mich ins Bett und konnte es nicht mehr verlassen. Musste ich auch nicht, musste ja nicht mehr am Film arbeiten – es war schließlich Lockdown. Aber irgendwann kehrte die Welt zurück zur Normalität, alle gingen wieder raus. Außer ich. Ich wollte nicht. Ich blieb im Bett. Wenn Leute mich einluden, sagte ich immer, es ginge mir nicht gut. Und für eine Weile fühlte es sich sogar gut an, eine Ausrede zu haben. Aber dann vergingen ein, zwei, drei Jahre – und ich merkte, dass ich nicht ewig in meinem Pyjama in der Wohnung chillen konnte. Nur hatte ich keine Wahl mehr. Mein Bett wollte mich nicht mehr loslassen. Ich flüsterte mir manisch zu: Order your mind. Order your mind. Wie ein Mantra. Ich machte ein kleines Lied daraus. Und das gab mir – ganz langsam – etwas Kraft. Schritt für Schritt kam ich wieder auf die Beine.
2023 sah ich die Ausschreibung für das Seminar Film als Experiment mit Daniel Lang und Christina Heeck. Da ich meinen Abschlussfilm als Musical machen will, wollte ich mich an einem experimentellen Low-Budget-Musical versuchen. Ich hatte ja schon meinen Song – also warum nicht meine Erfahrung mit dieser depressiven Episode filmisch erzählen? Der Song war der Ausgangspunkt, die Geschichte formte sich drum herum. Das Genre war damit vorgegeben. Ein Musical erschien uns passend, weil Filme über mentale Gesundheit oft traurig und hyperdramatisch sind – dabei ist die Reise (zumindest in meiner Erfahrung) chaotisch, komplex und manchmal absurd. Das macht sie menschlich. Mit einem Musical konnten wir die schönen, vielleicht sogar skurrilen Seiten der Depression zeigen. Es öffnete die Tür für eine zarte Liebesgeschichte – aber auch für eine traurige Trennungsgeschichte über mentale Gesundheit.
Der Film besitzt einen ganz besonderen Look. Kannst Du mir mehr über die Bildgestaltung erzählen?
Als klar war, dass wir ein experimentelles Musical machen wollten, kam ich mit einer groben Idee für den Look zu meinem Bildgestalter Oskar Mücke: ein extrem kontrastreiches, bedrohliches Schwarz-Weiß. Doch diese Ästhetik fühlte sich zu konkret, zu festgelegt an. Also entschieden wir uns dagegen – aber sie wurde zum Ausgangspunkt für ein tieferes Gespräch: Wie sieht die Welt aus, wenn man durch eine depressive Phase geht?
Dabei merkten wir schnell, dass die Wahrnehmung in solchen Momenten oft skurril ist. Die Welt ist nicht einfach nur schwarz-weiß oder invertiert – manchmal erscheinen Schwarztöne grau, Weiß wirkt dunkler, und Grau bekommt plötzlich einen bläulichen Schimmer. Mal ist alles weich und verschwommen, ohne klare Kanten, mal scharf und kontrastreich.
Aus dieser Auseinandersetzung heraus entwickelte Oskar eine komplexe Farbkorrektur-Programmierung, die es ermöglichte, Licht- und Farbwerte flexibel zu verändern (die Node-Struktur sah wirklich beeindruckend aus). Dadurch entstanden faszinierende Schwarz-Weiß-Bilder, die dem Film einen einzigartigen Look verliehen. Diese Technik erlaubte uns, nicht nur kreativ, sondern auch technisch flexibel zu arbeiten. Diese Technik gab uns nicht nur kreative, sondern auch technische Flexibilität, da wir mit nur zwei Drehtagen kaum Zeit fürs Lichtsetzen hatten. Wir konnten am Set direkt sehen, wie das Bild ungefähr aussehen würde, quasi ein Live-Grading am Monitor. Während der Vorproduktion setzten wir uns intensiv mit Kadragen und Bewegung auseinander: Wie fühlt sich unsere Hauptfigur? Wie können wir seine Ängstlichkeit, seine Liebe und seine Paralyse bildlich darstellen? Welche spannenden visuellen Ideen können wir einbringen? In der Postproduktion stellten wir uns dann andere inhaltliche Fragen: Wann bleibt das Bild ‚normales‘ Schwarz-Weiß? Wann kippt es ins Invertierte? usw.
Es war ein unglaublich schöner Prozess. Unser Ziel war es, dieser psychischen Realität filmisch so nah und gerecht wie möglich zu kommen.
Warum lasst ihr die Depression als Handpuppe auftreten?
Das alles verdanke ich der großartigen Maria Theresia Fata – einer wunderbaren Freundin und meiner Regieassistentin und Musical Advisor für dieses Projekt. Resi ist eine Dramaturgin und die größte Musical-Kennerin, die ich kenne. Als die erste Drehbuchfassung stand und klar war, dass der Film ein Musical werden würde, ging ich sofort zu ihr. Ursprünglich hatte die Depression im Film eine menschliche Gestalt. Da ich in München lebe und studiere, dachte ich an etwas Traditionelles/Artsy-Arthousiges – vielleicht „ein Wesen aus Licht“ oder eine abstrakte Präsenz als Symbol. Doch Resi hinterfragte das Konzept tiefer und brachte die Idee einer (Hand)Puppe oder Marionette ins Spiel. Das Thema Kontrolle wurde zentral: Normalerweise führt der Mensch die Puppe, doch hier kontrolliert die Puppe den Menschen – so wie eine psychische Krankheit, die plötzlich den Körper steuert. Diese Erkenntnis war nicht nur entscheidend für die Entwicklung von „Anxiety Anthem“, sondern erlaubte uns auch, den ‚Camp‘-Aspekt des Musical-Genres zu nutzen und gleichzeitig die Depression menschlicher darzustellen. „Wir müssen uns trauen, sie mit Empathie zu behandeln – sie ist ein Teil der Hauptfigur. Du kannst dich nicht selbst dafür hassen, dass es dir schlecht geht. „Du musst gnädig mit dir sein und Schritt für Schritt daran arbeiten“, sagte Resi „Außerdem wäre eine Trennungsgeschichte mit einer Handpuppe einfach hilarious.“
Nach diesen Gesprächen überarbeitete ich das Drehbuch und machte mich auf die Suche nach Puppenspieler:innen. Zum Glück hatte meine Kommilitonin, sehr talentierte Regisseurin und Hauptdarstellerin Agnes Pauer eine Leidenschaft für Puppen und sogar selbst welche gebaut. Die Süßeste hieß – witzigerweise – Oskar, genau wie unser Kameramann. Ich wählte sie, weil sie niedliche Augen und ein sanftes Gesicht hatte, aber dennoch wirkte, als würde sie ein dunkles Geheimnis verbergen. Perfektes Casting für die Depression.
So wurden Oskar (die Puppe) und Agnes Teil unserer Besetzung, und ich bin unglaublich dankbar für diese Entscheidung. Sie brachte eine Leichtigkeit und gleichzeitig eine tiefere Ebene ins Thema Depression – ohne sie hätte der Film vielleicht nicht funktioniert.
Wie kam Andrej Agranovski als Darsteller zu dem Projekt? Er hat auch die Musik geschrieben, richtig?
Richtig! Andrej und ich haben uns über unseren gemeinsamen Freund Leonard Dick kennengelernt, während der Produktion unseres vorherigen Kurzfilms „Don Juicy“, bei dem Andrej als Komponist mitwirkte. Anfangs kannte ich ihn nur als Schauspieler und mochte seine Arbeit sehr. Erst während „Don Juicy“ machte mich Leo auf sein Talent als Komponist aufmerksam – und Andrej ist wirklich unglaublich engagiert und einfach super gut! Außerdem ein großartiger Kollaborateur und Pianist.
Als der Dreh von „Anxiety Anthem“ näher rückte, fragte ich ihn (sehr spontan), ob er Lust hätte, Musik für ein Musical zu komponieren. Er hatte Lust. Also schickte ich ihm meinen Text zu „Order Your Mind“ – zusammen mit einer ziemlich peinlichen Voicenote, in der ich den Song vorsang. Andrej nahm die grobe Melodie daraus und brachte sie auf ein völlig neues Level: Er komponierte ein Stück, das rhythmisch und melodisch stark war und musikalisch den Konflikt zwischen der Depression und „The Lover“ (der Hauptfigur) widerspiegelte.
Während der Vorproduktion sang er beide Stimmen ein, auch wenn uns klar war, dass wir später vielleicht eine:n Musical-Darsteller:in für die finale Version nehmen würden. Doch seine Stimme begleitete uns die ganze Zeit – beim Storyboarden, bei der Auflösung. Irgendwann konnte ich mir einfach niemand anderen in der Rolle vorstellen. Und da er auch ein fantastischer Schauspieler ist, fragte ich ihn, ob er die Rolle selbst übernehmen wolle. Zum Glück hatte er Zeit und Energie, dabei zu sein. Ich bin super happy, wie seine Screen-Präsenz, seine Stimme, seine Musik und die Chemie zwischen ihm und Agnes im Film ganz organisch zusammenkommen.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich wurde in Ciudad de Guatemala geboren und habe mein ganzes Leben dort verbracht. Meine Familie stammt zwar nicht aus der Kunst, aber kreativer Ausdruck war immer präsent – sowohl in meinem Leben als auch in Guatemala und Lateinamerika: Meine Mutter hat stets gezeichnet, gestrickt oder Dinge mit ihren Händen gemacht, mein Vater spielte Musik oder baute Objekte aus Holz, und meine Schwester beherrscht viele Instrumente. Außerdem hört man aus dem Fenster oft laute Musik, und so vermischen sich die Klänge von Reggaeton, Cumbia und Corridos mit den Vögeln. Das war für mich eine große und konstante Inspiration, die einfach immer da war. Zudem waren meine Eltern große Filmfans, und diese Leidenschaft haben sie mir und meiner Schwester weitergegeben. Einige der schönsten Erinnerungen meiner Kindheit sind Filme mit meiner Familie zu schauen – nicht weil die Filme besonders gut waren, sondern weil wir zusammenkamen, sie sahen und stundenlang darüber sprachen. Eine prägende Erfahrung war „Spider-Man“ (2002), der mit fünf Jahren mein Leben veränderte. Nachdem ich den zweiten Film von Sam Raimi gesehen hatte, fragte ich meinen Vater, wer Superheldenfilme mache, weil ich selbst einen drehen wollte. Er wusste es nicht genau, aber er sagte „Regisseur“. „Das will ich werden“, sagte ich damals – und seitdem versuche ich, es zu werden.
In Guatemala war damals die Filmindustrie noch jung, und viele Menschen standen meiner Berufswahl anfangs skeptisch gegenüber: „Bist du sicher, dass du das machen willst? Hier kann man nicht von Kunst leben!“ Nach der Schule bewarb ich mich daher im Ausland an der HFF München – und zum Glück hat alles geklappt. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Film und dem filmischen Handwerk. Ich bin mir sehr bewusst, wie privilegiert ich bin: Ich gehöre zu einer kleinen Minderheit in meinem Land, die die soziopolitische Möglichkeit hat, in den globalen Norden zu ziehen und an einer Institution wie der HFF München zu studieren. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar. Aber ich hoffe, dass ich in Zukunft meine filmische Karriere und mein Privileg nutzen kann, um mich (kultur-)politisch in Guatemala zu engagieren – für Gewerkschaften, Kulturreformen und um die Menschen zu unterstützen, die bereits Filme machen und dafür kämpfen, damit mehr Menschen Zugang zu Kunst und Film bekommen können.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Haha – ich muss bald abschließen! Ich studiere inzwischen schon eine ganze Weile an der HFF und merke, dass es Zeit ist, den nächsten Schritt zu gehen. Deshalb arbeite ich an meinem Abschlusskurzfilm „El Sireno“ („Der Meerjungmann“): einem magischen Realismus-Musical über einen olympischen Turmspringer, der seine Angst vor dem Springen nach einer traumatischen Verletzung auf obsessive Weise überwinden will. Dabei muss er jedoch mit Hilfe seiner Trainerin und Zwillingsschwester seine Leidenschaft für den Sport wiederentdecken – doch die professionellen und familiären Grenzen verschwimmen, und ein mysteriöser Meerjungmann droht, ihre Beziehung zu zerstören. Parallel schneide und arbeite ich gemeinsam mit meiner langjährigen Kollaborateurin Lillian Malan an einer Horror-Doku-Fiktion namens „Moroccan Minoxidil“, in der ich meine männlichen Unsicherheiten bezüglich Haarausfall auf eine sehr absurde Weise thematisiere. Darüber hinaus beginne ich, an meinem (hoffentlich) Langfilmdebüt „Insomniacs“ zu arbeiten, ebenfalls ein Musical, das sich mit dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Deutschland beschäftigt. Ich würde mich sehr freuen, viele Mitglieder meines „Anxiety Anthem“-Teams in diesem Projekt dabei zu haben. Aber mal sehen – fingers crossed!
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Anxiety Anthem“
