Sieben Fragen an Judith Beuth

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Judith Beuth konnten wir mehr über ihren Dokumentarfilm „Der Wunsch“ erfahren, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 den Publikumspreis Dokumentarfilm gewann und nun am 14. März 2024 in den Kinos startet, wie es zu dieser Langzeitbeobachtung kam, wie sie selbst immer mehr auch Teil des Films wurde und wie sie der Herausforderungen des Schnittprozesses begegnete.

Wie entstand die Idee zu „Der Wunsch“?
Mit Maria bin ich seit wir 13 Jahre alt waren befreundet, Christiane lernte ich viele Jahre später kennen, als sich die beiden gerade verliebt hatten. Als ich damals mit ihnen Zeit verbrachte, sah ich manchmal Momente zwischen ihnen, als wären es Filmszenen. Mich berührte die Verspieltheit, die sie miteinander hatten, wie sie ihre Liebe ausdrückten und mit welch großer Leichtigkeit sie den Herausforderungen begegneten, denen beide durch Marias Querschnittlähmung ausgesetzt waren. Einer dieser Momente war es, in dem ich dachte, ich möchte gern einen Film mit ihnen machen. Aber erst als sie mir viele Jahre später, es muss 2013 gewesen sein, von ihrem gemeinsamen Kinderwunsch erzählten, hatte ich das Gefühl, es gibt jetzt eine Erzählung dafür.

Gleichzeitig war das Thema nicht-normative Familienkonstellationen und wie ein lesbisches Paar sich seinen Kinderwunsch erfüllen kann, spannend und zu dieser Zeit in Deutschland noch wenig in der Öffentlichkeit. Für Frauenpaare oder alleinstehende Frauen war der Zugang zu Kinderwunschbehandlungen in Deutschland noch stark erschwert und es gab, anders als bei heterosexuellen Paaren, keine finanzielle Unterstützung durch die Krankenkassen – was bis heute der Fall ist. Wie sich eine solche diffuse, ablehnende Gesetzeslage auf das Leben eines Menschen und auf eine individuelle Biographie auswirkt, fand ich auch wichtig zu erzählen.
Immer im Vordergrund stand für mich jedoch die Möglichkeit, diese Liebesbeziehung, die besonders offensichtlichen Herausforderungen ausgesetzt ist, so nah begleiten zu können.

Die Entwicklungen und die Dauer waren nicht vorhersehbar – wie hast Du selbst darauf reagiert? Wie oft seid ihr zum Drehen gekommen?
Genau, das Besondere an dieser Langzeitbeobachtung war, dass wir nicht wussten, dass es eine werden würde. Das bedeutet, dass wir uns nie in dem Sinne darauf einstellen konnten. Irgendwann hatte sich der Film einfach in mein Leben geflochten und Maria, Christiane und ich wurden auf diese Weise gemeinsam älter.
Das Team und ich haben zum größten Teil immer spontan auf Ereignisse reagiert. Da es schwierig war, einen Film mit ungewissem zeitlichen Verlauf zu finanzieren, haben wir die ersten sieben Jahre ohne Förderung gedreht und mit großem Engagement beispielsweise des Kameramanns Yannick Bonica und weiteren Kameraleuten und später dem Creative Producer Andrew Grant. Wir haben zunächst also alle wichtigen Momente, Versuche und Auslandsreisen festgehalten – je nach den Möglichkeiten und der Intimität der Situation waren wir da zu zweit mit einer Kameraperson oder ich habe allein gedreht. Insgesamt sind über 140 Stunden Material entstanden.

Besonders die letzten Jahre, als dann mit der Produktionsfirma Kloos&Co auch Bianca Laschalt als Produzentin dazu gekommen ist, waren durch die Reisen zu den Kinderwunschbehandlungen in andere Länder, deren genauen Zeitpunkt man vorher nicht bestimmen kann, sehr schwer zu planen. Meine persönlichen Planungen habe ich denen von Maria und Christiane und dem Film vollständig untergeordnet – was mit den Jahren immer herausfordernder wurde. Und ich glaube, genauso herausfordernd wurde es zum Schluss auch für die beiden Frauen, dass dieser Ausschnitt ihres Lebens mit einer Filmgeschichte verbunden war.
In der Natur dieser Geschichte liegen sehr viele Wiederholungen. Bei den unzähligen Kinderwunschbehandlungen, von denen man im Film nur einen kleinen Teil sieht, und den unzähligen Variationen von Hoffnung und Enttäuschung bestand eine große Aufgabe auch darin, das eigene Interesse über so lange Zeit frisch zu halten und immer wieder die feinen Abstufungen der Emotionen und den Einfluss auf die Beziehung aufzuspüren.
Abgesehen von den Strapazen, habe ich es als starke filmische Qualität empfunden, als ich irgendwann nach fünf, sechs Jahren verstand, dass wir durch die lange Zeit jetzt wirklich einer menschlichen Entwicklung und der Reifung einer Beziehung beiwohnen können.

War Dir von Anfang klar, dass Du Dich als Erzählerin mit dem Blick auch in die Vergangenheit mit einbringen wirst?
Nein, das ist mit der Zeit entstanden. Ich wollte mich ursprünglich fast vollständig zurücknehmen und die Beziehung und die Geschichte beobachtend erzählen. Ich hatte auch kein besonderes Interesse daran, im Film aufzutauchen.

Das Voice-Over, meine Stimme, die nun auf zurückhaltende Weise durch den Film führt, ist erst später im Prozess der Montage mit der Editorin Jana Dugnus hinzugekommen. Ich würde sagen, es gab meist einen erzählerischen oder strukturellen Impuls für mein Einbringen, gleichzeitig habe ich es dann aber auch als Bereicherung empfunden. Meine Anwesenheit ist ja ohnehin die ganze Zeit spürbar und die Basis für das nahe Verhältnis und die Offenheit, die den Film bestimmt. Dass man die dritte Figur in der Konstellation auch in zarten Dosierungen sieht und ihre Rolle als Freundin verstehen darf, wirkt einerseits klärend und öffnet gleichzeitig den Raum. Die Fragen, die im Film verhandelt werden, beispielsweise bezüglich des Kinderkriegens oder nicht, der Lebensgestaltung und der Umgang mit dem Altern, betreffen nicht nur Christiane und Maria, sie betreffen ja auch mich und andere Menschen.
Die zeitliche Ausdehnung über den Filmrahmen hinaus in die Vergangenheit, war tatsächlich ein weiterer Aspekt, der mir wichtig war, und was unter Anderem das Voice-Over ermöglicht hat. Durch die Freundschaftserzählung von Maria und mir, die begann als wir 13 waren, wird noch mehr des Lebens- und Freundschaftsweges beleuchtet – was ich interessant finde. Auch der Unfall, der zur Querschnittlähmung führte, bekommt so eine Einordnung.

Der Schnittprozess muss sehr intensiv gewesen sein – kannst Du mir mehr dazu erzählen?
Judith Beuth: Ja, der Prozess war intensiv. Ich bin sehr dankbar für die gute Zusammenarbeit mit der Editorin Jana Dugnus, mit der wir gemeinsam aus dem riesigen Haufen Material, der bei noch offenem Ende zudem während des Montierens weiter gewachsen ist, „Der Wunsch“ herausgehoben haben.

Grob haben wir folgendermaßen gearbeitet: Ich habe das Material vorgesichtet und eine Auswahl gemacht, welche wir dann mit Jana Dugnus weiter fokussiert und einen Teil gemeinsam gesichtet haben. Wir haben viele Notizen gemacht, gesprochen, versucht alles immer weiter zu konzentrieren, so dass Drehtage zu bestimmten Begriffen wurden, die wir auf kleine Karten schreiben konnten. Dann haben wir in vielen Anläufen versucht eine Erzählung zu finden, die den verschiedenen Erzählschichten – wie beispielsweise der Chronologie der Ereignisse, den rechtlichen Bedingungen, aber insbesondere der emotionalen Entwicklung der beiden Frauen und ihrer Liebesbeziehung – gerecht wird und den emotionalen Kern der Geschichte klar fühlbar macht. Es war eine große Arbeit, bei der es natürlich sehr viel ums Weglassen ging.
Ich habe hierzu auch Jana Dugnus selbst gefragt.
Jana Dugnus: Die Materialbewertung und -auswahl hat sehr viel Raum eingenommen und war ein langwieriger Prozess. Ich selbst habe nur Material gesichtet, welches wir anhand Judiths tabellarischen Notizen vorausgewählt haben. Anders wäre das nicht machbar gewesen. Eine Herausforderung war, das Gleichgewicht zwischen Liebesgeschichte und Kinderwunsch herzustellen. Außerdem waren wir im Schneideraum jeweils Anwältin von einer der Protagonistinnen. Das war recht nützlich, um da eine Balance zwischen den beiden zu haben.

Auch herausfordernd war es, die Montage zu beginnen, ohne das Ende der Geschichte zu kennen. Dieser Zustand hat sich relativ lange gehalten. Und gleichzeitig zu wissen, dass auch der Prozess für die beiden Frauen nicht abgeschlossen war, so dass es von Judith eine besondere Sensibilität im Umgang mit dem Material brauchte und im weiteren Umgang mit Christiane und Maria.
Judith Beuth: Die Situation der großen Materialfülle bei sehr kostbarer, knapper Schnittzeit, erinnere ich rückblickend in Form eines Gefühls, als wären wir ununterbrochen gesprintet. Gegen Ende, als es stärker um die Gestaltung gehen konnte, wurde dieser Sprint dann manchmal zu einer Art kreativem Rausch, was ich als einen der schönsten Momente erinnere.

Was lag Dir auch visuell am Herzen? Wie kamen die Animationen von Maria dazu?
Die Entscheidung, Animationen mit einzubinden, kam mit den Jahren im Prozess des Drehens. Maria hat schon immer für sich viel gezeichnet und an größeren Animationsprojekten mitgearbeitet. Besonders in einer emotional sehr schwierigen Phase der langen ‚Reise‘ hat sie dann Situationen zeichnerisch verarbeitet und auch Gedichte geschrieben. Mir war klar, dass ich vieles nicht mit der Kamera begleiten können werde, was bei den beiden passiert und innere Zustände sind vielleicht gar nicht auszudrücken in diesem Rahmen. So entstand die Idee, dass Maria dies selbst tut, teilweise mit Christiane zusammen. Auf diese Weise konnten wir auch die erste Begegnung von Maria und Christiane erzählen, die weit in der Vergangenheit lag und Marias feiner Humor und ihre Perspektive konnten ganz direkt Teil des Films werden.

Innerhalb des Rahmens, den dieses spezifische Dokumentarfilmprojekt von sich heraus gesteckt hat, habe ich und haben wir visuell immer nach ausdrucksstarken Bildern gesucht, die möglichst unverstellt, sinnlich und mit einem guten Maß an Nähe zu Maria und Christiane sein sollten. Es stand dabei allerdings immer im Vordergrund, dass die Drehsituation die vertraute und vertrauensvolle Atmosphäre halten kann – und danach richtete sich die Bildgestaltung. Der Großteil des Filmes besteht aus Beobachtungen und Gesprächen und die filmische Aufnahme befindet sich dabei in einem ständigen Tanz mit der Situation, die sich vor der Kamera entfaltet. Ziel ist während des Drehens ja immer ein schnelles Abwägen und Analysieren, was gerade der Kern eines Moments ist oder was gerade erzählt werden soll und welche Kameraposition und welcher Bildausschnitt das am besten einfängt. Und dann soll es natürlich dabei auch dem eigenen visuellen Empfinden davon, was dem Auge „schmeckt“ oder was es reizt, gerecht werden. Dokumentarisches Arbeiten passiert meiner Ansicht nach immer in diesem Spannungsfeld und die seltenen Momente, wo all die Ansprüche auf befriedigende Weise zusammentreffen, nehme ich als magisch wahr und sie lösen eine ganz spezielle Freude aus.
Ebenso wichtig war es mir, eine bildliche Ebene zu finden, die es erlaubt zu reflektieren und aus dem unmittelbaren zwischenmenschlichen Geschehen herauszutreten für einen größeren Blick auf das Leben. Das sind schließlich die Super8-Bilder der Flussläufe und des Wassers in verschiedenen Stimmungen und Zuständen, die den Film durchziehen, geworden.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Das ist auf jeden Fall lange her. Ich wusste eigentlich kurz nach der Schule oder schon früher, dass ich gern Filme machen möchte, es brauchte aber noch Zeit. Ich musste besser verstehen, was das praktisch bedeutete und ich musste es mir zutrauen. Es begann auf jeden Fall mit Bildern (ich dachte auch daran, Kamera oder Fotografie zu studieren), und mit Menschen, die mich faszinierten und Atmosphären, von denen ich dachte, dass ich sie sehr intensiv wahrnehme. In diesen Jahren bin ich mit Freunden auch viel gereist, meistens per Anhalter, und ich habe es immer genossen, durch zufällige Begegnungen mir sonst fremde Räume und Leben ganz unerwartet und intensiv zu erfahren. Für einen begrenzten Zeitraum enthoben sich dann oftmals Situationen und menschliche Verbindungen dem gewöhnlichen Gang der Dinge und scheinbar der Realität. Und dann gab es immer wieder den Wunsch in mir, dass ich all dies gern übersetzen und festhalten möchte. Erste starke Kinofilmerlebnisse kamen hinzu – was mir jetzt spontan einfällt: „In the Mood for Love“, „Der Spiegel“, „Tabor uchodit w nebo“, „Stranger Than Paradise“, „Buffalo 66“, „Whose is This Song?“, „Geh und sieh“, „Belovy“, die Frauen aus den „Wittstock-Filmen“ von Volker Koepp, „Letztes Jahr – Titanic“, „Der Tod des Herrn Lazarescu“, „Accatone“ Aber an eine Filmhochschule zu kommen, schien mir damals sehr schwer, ich hatte noch nicht das Mindestalter für die Aufnahme und ich habe mich auch nicht tough genug gefühlt. Ich beschäftigte mich dann zunehmend mit Kino und Dokumentarfilmen, studierte aber mehr oder weniger pro forma Kulturwissenschaften, machte viele Praktika im Filmbereich, ging ein Jahr nach St. Petersburg (Russland) und drehte dort, bei dem Zirkusprojekt bei dem ich als Freiwillige arbeitete, meinen Bewerbungsfilm für die Filmhochschule „Konrad Wolf“. Und bestand die Aufnahmeprüfung. So ungefähr kam ich zum Filmemachen.

Sind bereits neue Projekte geplant?
Es gibt immer wieder vage Ideen, sie tauchen auf und ab. Ich freue mich nach den letzten Jahren ohne Unterbrechung allerdings gerade erstmal auf das Gefühl von einer kleinen Pause.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Films „Der Wunsch

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