Neun Fragen an Hannah Schweier

Interview: Im Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Hannah Schweier („Cindy liebt mich nicht“ (2010)) erzählt sie mehr zu der Entstehung und Umsetzung ihres ersten Dokumentarfilms „80.000 Schnitzel“. Dieser lief auf dem 63. DOK Leipzig im Programm ‚Deutscher Wettbewerb‘ und im DOK-Filmgespräch erzählt sie mehr von der Entstehung ihres Films. Mit der Testkammer sprach sie über die genauen Umsetzung, die inszenatorischen und visuellen Leitlinien, wie sie es geschafft hat, trotz vieler emotionalen Belastungen professionell zu bleiben und ob der Film selbst ihr Leben verändert hat.

Wie haben die Protagonistinnen den Films aufgenommen und wie weit verschmolzen Sie über die Zeit selbst mit der Realisierung des Films?

Meine Oma wollte sofort mitmachen. Sie stand als Wirtin ihr Leben lang auf der Bühne und hat sofort Freude daran gehabt sich zu „präsentieren“. Das war für den Film selbst jedoch oft problematisch, weil es für mich nicht „echt“, sondern „gespielt“ war und mir war es sehr wichtig meiner Oma nah zu kommen und nicht nur Ihre Wirtinnen Persona zu bewerben. Diese Persona wird sichtbar in den Telefonaten, die sich über den Film verteilen, oder in der Abrechnung mit den Stammgästen.

Bis zum Schluss war die Oma aufgeregt, wenn wir zum Drehen kamen und hat fast alle meine verrückten Ideen mitgemacht. Gegen Ende hin, nach ca. einem Jahr Dreharbeiten wurde ihr immer klarer, dass sie den Film nicht mehr erleben würde. Das hat sie sicher traurig gemacht. Auf der anderen Seite hat sie immer wieder betont, wie froh sie ist, dass sie nun für immer in diesen Bilder existieren wird: „Das ist jetzt ein Film. Das ist mehr als nur ein Foto“. Einmal da saß sie schon im Rollstuhl hat sie gesagt: „Wann ist denn dieser Scheissfilm endlich fertig? Also Hannah, das macht doch keinen Sinn, du solltest dir wirklich einen anderen Job suchen.“

Monika hat sicher nur wegen mir mitgemacht. Sie wollte mich unterstützen und hätte alles dafür getan, dass ich eine Chance bekommen würde, endlich meine Filme zu drehen. Den Dreh an sich hat sie gehasst. Sie hatte von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends zu tun. Dabei ihren ganz eigenen Rhythmus, der  durch Futter und Melkzeiten streng vorgegeben ist. Es war oft Krieg zwischen uns, damit ich meine Bilder bekomme. Eine meiner krassesten Erinnerungen ist, das Nebelbild, indem sie von uns weg tanzt. Kurz davor war ja eine ihrer Kühe gestorben (die Mama war auch schon tot und die Oma im Rollstuhl). Und genau an dem Tag hatte eine andere Kuh Probleme aufzustehen. Trotzdem ist Monika mit uns um 5 Uhr morgens in die „Nebelkuhle“ gefahren. fünf Tage am Stück. Jeden Tag, weil es leider keinen guten Nebel gab. Und dann am 5. Tag, als unsere Nerven blank lagen und die Hoffnung schon fast verloren schien endlich der Nebel.

Monika war hoch nervös wegen ihrer Kuh im Stall. Sie kam uns (die endlose Strecke von unten) entgegen und marschierte dann wieder endlos nach unten während wir oben filmten.  Leider konnte ich immer sehen, wie angestrengt sie war und alles nicht wirklich gut aussah. Dann hatte ich die Idee mit dem tanzen. Ich lies oben Musik ablaufen und sagte zu Moni „Tanz von uns weg“ und Moni tanzte, war aber da schon total am Limit. In der Kamera haben wir gesehen, dass das Tanzen gut ist. Nur gab es leider ein technisches Problem. Als Monika zurück nach oben kam, meinte ich: „Moni, das Tanzen war super gut, aber wir müssen es leider nochmal machen.“ Moni brüllte über den Acker. Dass sie im Stall eine Kuh habe, die nicht aufsteht und überhaupt nicht verstehe was das mit einem Dokumentarfilm zu tun haben solle. Tränen von Wut standen ihr in den Augen. Es war fürchterlich und trotzdem wusste ich: Das ist mein Ende vom Film. Wir müssen das jetzt drehen. Also sind auch mir die Tränen runtergelaufen und ich sagte nur „bitte, tanz.“ und hab die Musik angemacht. Daraufhin hat sich Monika umgedreht und tanzte weinend in den Nebel, während ich weinend auf den Monitor starrte. Die Beziehung zwischen Moni, dem Film und mir hat sich immer wieder gewandelt. Bevor die Mama gestorben ist, war alles schon sehr auf der Kippe für sie und sie hatte schon keine wirkliche Lust mehr. Jede Szene mit ihr war ein Kampf. Nach dem Tod von der Mama hatte ich einen Moment wo ich kurz hinschmeissen wollte, da war es sie, die dann sagt, wir drehen weiter und war auch wieder mehr dabei mit uns an einem Strang zu ziehen. Bis die Oma dann zum Pflegefall wurde. Da war eben auch alles so hart an der Belastungsgrenze, dass es kaum noch auszuhalten war.

Über die Drehzeit passiert sehr viel, was auch emotional belastend war. Wie fühlt es sich an wenn man einen so persönlichen Film realisiert – wie schafft man es dann noch die professionelle Arbeit zu erledigen?

Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, dass während der Drehzeit meine Mutter, sowie meine Großmutter versterben würden. Ich dachte tatsächlich an einen landwirtschaftlichen Jahreskreis – von Herbst zu Herbst oder Frühling zu Frühling. Ich war mir auch sicher, dass meine Oma den Film dann irgendwann sehen würde. Also dass wir ihn alle als Familie miteinander sehen würden. Genauso wie die Mama sich das gedacht hat. Bis heute bricht es mir auch das Herz, dass meine Oma nicht mal einen Trailer oder so etwas davon zu Gesicht bekommen hat. Ich kann es ehrlich gesagt kaum fassen.

Wie fühlt es sich an wenn man einen so persönlichen Film realisiert?

Schizophren. Zeitgleich mit der Schwere der Ereignisse, wuchs auch meine Verantwortung dem Film gegenüber. Man zerfleischt sich förmlich dieser Verantwortung gerecht zu werden. Es ist plötzlich viel mehr als die kreative Eitelkeit einfach einen „guten Film“ machen zu wollen, sondern man schreibt plötzlich die familiäre Erinnerung dieser sehr krassen Zeit für uns alle. Und dabei möchte man allen gerecht werden. Und der Film wird wie etwas ganz Eigenständiges, dem man dient. Oft aber auch zerrissen. „Ist das zuviel?“ Als die Oma ihr letztes Schnitzel geschlagen hat und wir als Team alle geweint haben: „Darf ich das filmen?“ Und neben dem Film auch die Pflege, die dazu kam. Ich habe meine Oma auf den Klostuhl gehoben, Windeln gewechselt, gebadet, während wir beide dabei geweint haben und dazwischen haben wir weiter gefilmt. Woher wir die Kraft genommen haben, weiter zu filmen? Man macht es einfach, weil man gar nicht weiss, was man sonst tun soll. Ist die einzige Antwort die mir dazu einfällt.

Sehr belastend war vor allem dann die Postproduktion, wo der äußere Stress ein wenig wegfällt und sich alle Ereignisse setzen und man anfängt zu realisieren was eigentlich passiert ist. Zu Beginn konnte ich nur 8-10 Tage im Schnitt sitzen. Dann mussten wir wieder ein Monat Pause machen, weil es so belastend für mich war und ich einfach abbrechen musste, weil ich nicht aufhören konnte zu weinen. Irgendwann hat man dann eine erste Rohschnittfassung und geht mit Kritiken von Produktion und Redaktion zurück an den Schneidetisch á la: „Der Tod deiner Mutter stellt noch nicht wirklich einen Verlust für den Zuschauer dar, es ist nur eine Information. Da musst du dir noch überlegen, wie man das besser emotional nachempfinden kann.“ Und man überlegt sich dann zuhause, wie man es besser hinkriegt, dass der Tod meiner Mutter auch für den Zuschauer als Verlust emfpunden werden kann. Das ist schon sehr verrückt. Fast schon schizophren.

Wenn man (um den Film so gut wie möglich zu machen) über knapp ein Jahr seine Mutter und Oma vor den eigenen Augen wieder und wieder hat sterben lassen, wird alles immer unwirklicher. Manchmal bin ich nachts eingeschlafen und habe geträumt dass beide noch leben und mich lachend umarmen und ich bin total perplex und erzähle ihnen: „Wie verrückt! stellt euch vor was ich geträumt habe: Dass ihr beide tot seid! und ich einen Film darüber mache.“ und dann wacht man auf, um einmal wieder festzustellen, dass sie wirklich tot sind. Und irgendwann besucht man dann mal den Rest der Familie und stellt fest, dass die mit der Verarbeitung dieser Ereignisse schon ganz wo anders steht. Für sie gehörte das Sterben eben schon der Vergangenheit an.  

Wie schafft man es dann noch die professionelle Arbeit zu erledigen?

Professionell. Man steht auf. Geht zur Arbeit. Macht seinen Job. Geht nach Hause. Wie eine Maschine. Es gibt ja in so einer Zeit sonst nicht viel zu tun. Man will eh nicht ausgehen oder Leute sehen und ist einfach nur froh, dass man Arbeit hat. Heute bin ich ehrlich gesagt auch  dankbar, dass ich das machen durfte. Schließlich konnte ich in diese Arbeit auch meinen ganzen Schmerz legen. Ich musste mich nicht verstellen. Wenn ich da an unsere große Schwester denke, die als Zahnärztin arbeitet. Wie schrecklich muss es sein, genau die gleichen Dinge zu erleben und jeden Morgen lächelnd dazustehen: „Und was kann ich für Sie tun?“ da hatte ich es garantiert um vieles leichter. Ich habe alles in den Film rein gegeben. Und fühle mich heute in Ordnung mit allem, was passiert ist. Letztendlich würde ich es als einen heilenden Prozess bezeichnen, bei dem ich die Chance hatte, all meine Gefühle dort zu lassen, wo sie hingehören.

Was lag Ihnen bei der Umsetzung – inszenatorisch und auch visuell – am Herzen? 

Meine Kamerafrau [Anm. d. Red. Stefanie Reinhard ] und ich haben vor dem Dreh zwei Testdrehs mit unterschiedlichen Kamerasystemen versucht. Zu Beginn sind wir den Protagonistinnen einfach mit einer Premium Foto-Filmkamera nachgelaufen, dabei haben wir aber schnell festgestellt, dass viele Abläufe auf dem Hof so verwirrend und redundant sind, dass man das mit dem reinen Hinterherlaufen gar nicht richtig abgedeckt bekommt. Oft beginnt Moni z.B. eine Handlung (zB. Schaden am Milchtank) dann wird hierfür telefoniert, parallel dazu muss sie Mähen und 100 andere Sachen machen, dann irgendwann Tage später kommt der Milchtank-Mann und noch viel später erst löst sich diese Situation auf. aber all die kleinen Zwischenschritte passieren in einer enormen Hektik, der man kaum folgen kann. Man hätte Monatelang auf dem Hof sein müssen und am Ende wahrscheinlich 1000 Stunden Material über all diese kleinen und großen Baustellen gehabt. Das Ganze dann schnell und wackelig gedreht. Und uns war schnell klar, dass das für uns keinen Sinn macht. Schließlich geht es inhaltlich ja mehr ums große Ganze – Arbeit vs. Freiheit, Tradition vs. Moderne, Heimat vs. Aufbruch. All diese poetischen Schlagworte wollten wir im Film durchschimmern sehen.

Daher haben wir uns für ein hochwertigeres Kamerasystem entschieden, das uns zwar sehr viel langsamer gemacht hat, aber dafür auch fokussierter. Wir haben damit dann über ein Jahr verteilt ca. 35 Tage gedreht. Diese Drehblocks haben wir wiederum akribisch vorbereitet. Angenähert haben wir uns dabei über die Jahreszeiten, über Frauen in der Landwirtschaft, Gedichte, Fotografien, Gemälde. Für jeden Drehblock haben wir uns einem Thema oder einer Überschrift verschrieben, das wir dann während der Dreharbeiten versucht haben visuell zu übersetzen. Dabei hatten auch unsere Protagonistinnen ein sehr genaues visuelles Konzept: Moni, die draussen immer in Bewegung ist und versucht, das untergehende Schiff zu retten, während meine Oma nie das Haus verlässt, die Welt nur durch die Fenster begreifen kann. Meist mittig kadriert, als das Herz des Hauses. Beide haben immer zu tun, keiner schläft oder macht einmal was nur zum Spaß. Man kann sich kaum orientieren als Zuschauer. Das Anwesen wird zum Mikrokosmos, in dem man sich labyrinthartig verläuft und an dem sich die Hauptfiguren abarbeiten. Was für mich auch eine  entscheidende Frage war: „Wie gehen wir mit der Natur um?“ In keinem Fall wollte ich typische Heimatfilm-Landschaftsaufnahmen. Daher haben Stefanie und ich uns entschieden radikal die Horizonte in den Landschaftstotalen abzuschneiden. Nur ein feiner Silberstreif bleibt zurück, der die kleine Hoffnung symbolisiert, dass das doch irgendwie gut gehen könnte. Ansonsten ist das Bild vom Boden geprägt, auf dem die Träume aufgeschlagen sind. Dieses Konzept setzt sich dann konsequent im Sounddesign fort. In allen Totalen auf und um den Hof hören wir nicht „die Weite” sondern der Ton fokussiert sich auf die Arbeiten im Bild (z.B. Moni kommt aus dem Nebel – kein Wind, sondern ihr angestrengtes Aufsteigen und Atmen).

Im harten Kontrast dazu stehen die Rückblenden: Horizont und Ton gehen auf. Wir hören Wind, Weite, Wellen, Vögel und sehen Himmel und Meer. Das ist nur ein Detail, von denen es wirklich viele im Film gibt. Wer sich die Muse und Zeit nimmt, kann sie alle entdecken.

Inszenatorisch war mir wichtig, dass ich meine Protagonisten in den Szenen so authentisch wie möglich einfangen kann, was eine ziemliche Herausforderung war. Gerade am Anfang der Dreharbeiten hatte ich oft die Situation, dass beide sich selbst für uns „gespielt” haben. Besser kann ich das nicht beschreiben. Da uns die visuelle Ebene sehr wichtig gewesen ist, war unsere Konzentration auf die Kamera und das Bild sehr groß. Sobald die Protagonistinnen das gemerkt haben, fingen sie wiederum an für uns zu „performen”. Wahrscheinlich ist das eine ganz natürliche Reaktion auf uns gewesen. Wir mussten also lernen, trotz großer Anspannung (schaffen wir es diesen Moment einzufangen) und verhältnismäßig großen Kameraaufbauten (Objektivwechsel/Stativaufbau/im Auto riggen/ usw.) immer eine Art absolute Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen, damit unsere Hauptfiguren unseren Druck nicht aufnehmen, sondern vor der Kamera dann „da” und „echt” sind.

Haben Sie in Drehzeit selber bei der Arbeit mitgeholfen? Könnten Sie sich jetzt eher vorstellen, auch so ein Leben zu führen?

Während der Dreharbeiten war kaum Zeit irgendetwas anderes zu tun, als sich konkret mit dem nächsten Bild zu beschäftigen. Monika noch mitzuhelfen war unmöglich, allerdings habe ich meiner Oma geholfen. Küche sauber machen, für alle Kochen, wieder Küche sauber machen. Wäsche aufhängen, eben alles was im Haus angefallen ist. Das war tatsächlich eine große Herausforderung für mich, da ich mein Leben lang gewohnt bin im Zollhaus anzupacken, weil man sich sonst automatisch überflüssig und eher wie eine Belastung anfühlt, als ein Gast. Den beiden bei der Arbeit und Anstrengung durch die Kamera nur zuzusehen und dabei noch mehr Anstrengung zu verursachen, war oft richtig quälend für mich. Hier habe ich auch eine nette Anekdote für Sie: Meine Oma hat ja nie verstanden, was ich eigentlich in meinem Leben mache. Und wie das mit dem Film gemacht wird. Aber was sie mehr und mehr verstanden hat, während wir gedreht haben, ist dass wir wirklich hart arbeiten, von morgens bis nachts zum Umfallen, oft ohne Mittagessen und Pausen. Je mehr sie das begriffen hat, desto mehr Respekt hat sie bekommen. Meine Kamerafrau Stefanie Reinhard sagte mal: „Ich glaube die Oma hat begriffen, dass wir leiden, seitdem respektiert sie uns im Haus.“

Wie im Film erzählt wird, kam meine Mama von Drehblock zu Drehblock um uns den Rücken freizuhalten und die Abläufe im Haus zu übernehmen, die durch unsere Dreharbeiten blockiert wurden. Nach dem Tod meiner Mutter wurde daher die Kraftanstrengung viel krasser. Völlig abgesehen davon, dass wir alle niedergeschlagen waren, fehlten ihre helfenden Hände an allen Ecken und Enden. Wäre nicht ab da unsere Producerin Lorena Junghans mit zu den Drehs angereist, um die Verpflegung und anfallenden Haus- und Hofarbeiten zu erledigen, weiss ich nicht wie wir es geschafft hätten.

Besonders krass wurde alles als die Oma die letzten zwei Blocks zum Pflegefall wurde. Mit Windeln wechseln, waschen, auf Klostuhl heben, anziehen und parallel das Haus, die Hofarbeiten und der Dreh, waren wirklich eine Herausforderung und rückblickend weiß ich nicht woher wir die Kraft nahmen, das zu schaffen.

Wenn nun die Dreharbeiten abgeschlossen waren, bin ich vor und nachher noch 2-3 Tage am Hof geblieben, um mitzuarbeiten und Moni die durch den Dreh verlorene Zeit irgendwie zurückzuholen. Wahrscheinlich auch immer in der Hoffnung, dass wir es mal schaffen Zeit miteinander zu bringen. Und sei es nur abends zu zweit zu sitzen und mal richtig zu reden, ohne Film etc. Doch das blieb ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe also meine Tage abgearbeitet und bin dann zurück nach Berlin gefahren. Meist habe ich dann wieder tagelang gebraucht, um zu realisieren, dass es nicht darum geht sich kaputt zu arbeiten und es okay ist sich auch mal auszuruhen. Und daher: Nein. Ich kann mir so ein Leben nicht vorstellen. Bis heute nicht. Ich kann langsam akzeptieren (weil mir eh nichts anderes übrig bleibt), dass Monika das für sich als Aufgabe angenommen hat. Wenn ich selten noch dort bin, habe ich manchmal eine Ahnung davon, was Monika daran gefällt. Das viele draußen sein, ihr eigener Chef sein, eigenen Grund und Boden haben und bestellen (was tatsächlich eine ganz eigene Kraft hat) und nirgendwo mehr hin müssen im Leben. Ich stelle es mir fast so Mönch-mäßig vor. Man entscheidet, dass dieser Grundzustand jetzt das Leben ist – sechs Stunden melken – Felder bestellen – arbeiten bis zum Umfallen – wieder melken in einer unendlichen Schleife. Und man muss nichts mehr erreichen. Nichts mehr tun. Denn genau was man tut ist schon das Ziel und es gilt nur diesen Zustand am Laufen zu halten.

Nein. Das möchte ich nicht. Vor allem nicht mit allen Glaubenssätzen die damit verbunden sind – „Das Leben ist hart. Opfer bringen. Sünder sein. Schuld(en).“ 

Ich möchte frei sein, losgelöst und weiter große Träume jagen. Egal wie oft ich dabei noch verbrenne. Sollte ich mich irgendwann für Bodenerdung entscheiden, dann in völliger Reduktion, mit wenig Besitz an einem schönen übersichtlichen geordneten Ort, am besten am Meer und dort einfach bescheiden überleben. Im besten Fall schreiben, wenn auch nur für mich.

Wie geht es Monika und dem Hof jetzt? 

Monika ist noch im Zollhaus. Sie hat sich mit einem Bauern aus der Nachbarschaft zusammen getan (der auch im Film auftritt), der vorher für sie als Betriebshelfer eingesetzt wurde. Im März wird Monika einen Sohn zur Welt bringen. Ich war noch zweimal etwas länger dort, um mit Moni ihre Idee der Ferienwohnungen nach vorne zu bringen, an die (wie die Oma) auch ihr neuer Freund nicht geglaubt hat. Aber mit einem geschickten Deko-Händchen und einem realistischen, aber sympathisch geschriebenen Airbnb-Eintrag, hat Moni letztes und dieses Jahr zwischen 10.000 – 12.000 € nur mit den Ferienwohnungen verdient. Worauf ich rasend stolz bin.

Wie es Monika wirklich auf dem Hof geht, kann ich leider nur erahnen, weil wir kaum noch Kontakt haben. Da dort nun auch wieder Gäste ein und ausgehen, braucht Moni ihre Energie für diese oder eben ihren neuen Freund, der auch ins Zollhaus eingezogen ist und den sie kommendes Jahr heiraten wird. Und ich denke, das Monika wirklich erfüllt und glücklich ist. Zumindest wirkt es so, wenn ich sie sehe. Und jedes Jahr macht sie größere Fortschritte auf dem Hof. Aber das war ja absehbar. Monika hätte überall etwas starten könne, sie hätte das Beste daraus gemacht. Jetzt ist es eben das Zollhaus geworden. Und wie im Film auch gesagt, hat sie mich damit auch befreit. Ich weiss nicht wie hart es für uns gewesen wäre, das Zollhaus aufgeben und räumen zu müssen. Und wenn bei mir doch noch alles schief läuft, kann ich immer noch zu Moni ins Zollhaus gehen. Der Mama und der Oma hätte das sicher gefallen.

Wird es eine Kinoauswertung geben?

80.000 Schnitzel“ ist beim kleinen Fernsehspiel als 100%-iger Fernsehauftrag entstanden, weil uns damals am Wichtigsten war, sofort mit dem Dreh zu beginnen anstatt eine lange Finanzierungsstrecke zurücklegen zu müssen. Heute wissen wir, dass das die richtige Entscheidung war, weil wir keinen Monat später mit den Dreharbeiten hätten beginnen können. Unser Redakteur hatte damals mit uns besprochen, dass wir, sollte sich ein Verleiher finden, der den Film gerne herausbringen möchte, das tun können. Tatsächlich gab es bereits Interessenbekundungen, jetzt sitzen wir aber landesweit im Corona-Nebel. Und das Einzige was jetzt noch sicher ist, ist, dass nichts sicher ist. Es kann also sein, dass es kommendes Jahr einfach zu einer Absendung kommt.

Sind bereits neue Projekte geplant – zum Dokumentarfilm wollen Sie nach eigenen Aussagen ja nicht mehr zurückkehren, richtig?

Tatsächlich schreibe ich seit knapp drei Jahren an einem Drehbuch für einen fiktionalen Film, mit dem ich Anfang 2021 rauskommen und an mögliche Investoren herantreten möchte. Es ist eine Liebesgeschichte, zwischen einer Frau, die nicht weniger will, als die Welt zu verändern und einem Mann, der nur noch eines will: nichts mehr zu wollen – während im Hintergrund die Welt, wie wir sie kennen, immer mehr aus den Fugen gerät.

Das ist aber nur eine von vielen Ideen, die mir im Kopf kreisen, die ich gerne umsetzen möchte. Wie Sie nach dem Film „80.000 Schnitzel“ wissen, bin ich jetzt aber auch 40 geworden und ich habe mir fest vorgenommen, dem Traum vom Film nur noch fünf Jahre zu geben. Sollte ich bis dahin die Füsse nicht auf den Boden bekommen, so dass ich davon auch halbwegs vernünftig leben kann, werde ich zum Roman wechseln. Dafür braucht man kein Geld, sondern man kann es einfach nur mit sich alleine und einem Laptop, ohne weitere Abhängigkeiten herstellen und hat am Ende eine Endprodukt. Nicht wie beim Drehbuch einen nackten Zwitter, der sich erst in voller Schönheit zeigt, wenn er umgesetzt wurde. Ich habe auch schon eine Geschichte im Kopf, die ich über eine Triologie schreiben würde. Die ersten 350 Seiten dazu habe ich sogar 2015 schon geschrieben.

Aber sollte mir plötzlich wieder ein Dokumentarfilm einfallen, oder eine Internetserie, oder was weiss ich für ein Format, wenn es sich richtig anfühlt, für das was ich erzählen möchte, dann werde ich es versuchen. Insofern werde ich, komme was wolle, dem Geschichten Erzählen in jedem Fall treu bleiben. Die Frage ist nur in welcher Form.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Films „80.000 Schnitzel

2 Gedanken zu “Neun Fragen an Hannah Schweier

  1. cafe_compl@web.de' Bettina Rütz schreibt:

    Sehr geehrte Frau Schweier, Sie haben mir mit Ihrem Film eine große Freude gemacht!
    Bettina Rütz

  2. alois.morschett@sfr.fr' ines schreibt:

    schließe mich dem an, eine Super-Super-Super-Doku, mein Mann undich waren völlig gebannt und haben mittlerweile die meisten Freunde “verpfichtet”, den Film anzuschauen. Ihre Beobachtungsgabe, Ihre eigenen Kommentare, Ihre Offenheit und nicht zuletzt Ihr Vertrauen in uns, die Zuschauer, dass wir den Film entsprechend würdigen werden, damit sich die ganze Mühe auch gelohnt hat. Machen Sie bloß weiter!!!! Herzlichst aus der Normandie, Ines und Alois Morschett

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