45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024

Doreen Kaltenecker
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22.-28. Januar 2024 / Cinestar, Filmhaus, Camera Zwo, Kino Achteinhalb in Saarbrücken sowie Thalia Lichtspiele Bous, Capitol Movieworld Saarlouis und Kinowerkstatt St. Ingbert

Festivalbericht: Seit 1980 feiert eines der ersten Festivals im Jahr den jungen deutschsprachigen Film. Die 45. Ausgabe des Max Ophüls Preis fand in vier Saarbrückner Kinos und auch im Stream vom 22. bis 28. Januar 2024 statt. Organisiert wurde das Festival auch in diesem Jahr wieder von Svenja Böttger und Sabine Dengel. Es bot 58 Lang- und Kurzfilme in den Wettbewerben, in denen Preise im Wert von 75.500 € ausgegeben wurden. Darüber hinaus konnte man in Sonderprogrammen und Nebenreihen noch über 37 weitere Filme sehen und wie in jedem Jahr, wurde eine breite Spannbreite zwischen Drama und Komödie, Improvisation, cineastischen Spielfilmen und Dokumentationen geboten.

Wettbewerb Spielfilm

Im Spielfilm-Wettbewerb traten 13 Filme aus Deutschland, Schweiz und Österreich an. Den Preis der Filmkritik – Bester Spielfilm und Fritz-Raff-Drehbuchpreis erhielt der schweizer Episodenfilm „Electric Fields“ von Lisa Gertsch. In kurzen Episoden fängt sie das skurrile Leben und das manchmal schwierige Miteinander ein. Von einem Roadtrip durch Deutschland, Frankreich und Italien erzählt die Regisseurin Sara Summa, die zusammen mit ihrem Bruder Robin die beiden Hauptrollen übernommen hat. Sie erhielt für das turbulente und überraschende Roadmovie „Arthur & Diana“ den Filmpreis der Saarländischen Ministerpräsidentin. Um das Thema Familie kreist auch das Drama „Manchmal denke ich plötzlich an Dich“ und wie sich bestimmte Entscheidungen auf unser Leben auswirken. Das Thema Familie hat auch einen enorm wichtigen Stellenwert in Frauke Lodders‘ „Gotteskinder“. Die Regisseurin recherchierte jahrelang über evangelikale Freikirchen und schuf einen Spielfilm, der mit seinem religiösen Fanatismus und der Schutzlosigkeit der Jugendlichen demgegenüber unter die Haut geht. Dafür wurde er mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet. Die beiden Hauptfiguren müssten ausbrechen, aber viele Hürden stellen sich ihnen in den Weg. So geht es auch den beiden Haupthelden in „Jenseits der Blauen Grenze“. Eine Schwimmerin (gespielt von Lena Urzendowsky) und ein Rebell beschließen, die DDR über den Wasserweg zu verlassen. Will Geitmann, der den Rebellen spielt, wurde mit dem Preis für den besten Schauspielnachwuchs ausgezeichnet. Auch gewann das Drama den Preis der Ökumenischen Jury und den Publikumspreis Spielfilm. Mit den Gefahren der Welt beschäftigen sich drei weitere Spielfilme im Programm: Zum einen das mit dem Max Ophüls Preis für den gesellschaftlich relevanten Film ausgezeichnete Drama „Good News“, der von einem Journalisten berichtet, der mit Lügen Karriere machen will. In dem Improfilm „Draußen brennt’s“ schafft es die Schauspieler:innen-Riege wunderbar die Gefühle in der Corona-Pandemie aufleben zu lassen. Der deutsche Genrefilm „Milchzähne“ erzählt gleich von einer ganz anderen Gesellschaft, unbekannten Gefahren und einem Zusammenleben, das sich durch barbarische Riten auszeichnet. 

Wettbewerb Dokumentarfilm

Im Wettbewerb Dokumentarfilm waren elf Filme zu sehen und es wurden vier Preise vergeben. Der Hauptpreis – Bester Dokumentarfilm – wurde der Regisseurin Lara Milena Brose für ihre Dokumentation „Echoes from Borderland“ verliehen. Sie dokumentierte über einen längeren Zeitraum Geflüchtete bei ihren Grenzüberschreitungsbemühen zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien und schafft mit der sympathischen, jungen Protagonistin dem Publikum sofort die Situation in diesem Zwischenraum spürbar zu machen. Ebenfalls ist man sehr involviert in die Geschichte von Christiane und Maria, die über zehn Jahre lang versuchen, sich den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen. Mit viel Gefühl, Anteilnahme und Hoffnung begleitet das Publikum das Paar und dementsprechend hat der Film „Der Wunsch“ von Judith Beuth sich den Publikumspreis Dokumentarfilm mehr als verdient. Auch mehr als eingespannt ist man von der Dokumentation „Hausnummer Null“ von Lilith Kugler, die von Chris erzählt, der auf der Straße lebt und von den Drogen wegkommen will. Die Regisseurin ist dabei oft an seiner Seite, unterhält sich mit ihm und erlebt, was Solidarität wirklich bedeutet. Der Film lässt einen lange nicht los, so dass man sich ganz automatisch an die eigene Nasenspitze fasst.

weitere Preise im Wettbewerb Dokumentarfilm:

  • Preis der Filmkritik – Bester Dokumentarfilm – „Exile never ends“ (Regie: Bahar Bektaş)
  • Beste Musik in einem Dokumentarfilm (5.000 €) – Johannes Blume & Markus Hossack für „Berlin Utopiekadaver“ (Regie: Johannes Blume)

Wettbewerb Mittellanger Film

Land der Berge

Eine besondere Kategorie des Filmfestival Max Ophüls Preis ist der Wettbewerb Mittellanger Film, in dem sich Filme mit zwischen Länge 25 und 65 Minuten tummeln. In diesem Jahr gab es hier elf Filme zu sehen. Der österreichische Film „Land der Berge“ von Olga Kosanović konnte nicht nur den Hauptpreis – Bester Mittellanger Film – sondern auch den Publikumspreis Mittellanger Film gewinnen. Sie erzählt von dem Irrwitz der österreichischen Bürokratie, welche Einwander:innen viele Steine in den Weg legt. Zudem wurde auch hier ein Preis für eine schauspielerische Leistung vergeben. Joshua Bader wurde für seine Rolle in „Söder“ mit dem Preis für den besten Schauspielnachwuchs ausgezeichnet. Neben den Preisträgern gab es noch weitere spannende Filme. Jonathan B. Behr stellt seinen neuesten Genrefilm vor – „Anna – A Tale for Tomorrow“. Die Adaption eines Romans von Jostein Gaarder beschäftigt sich im schönsten Sci-Fi-Dystopie-Gewand mit der Klimakrise. Um die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen ging es in zwei anderen Filmen: „Das Zittern der Aale“ erzählt von der Hürde, rechtzeitig seine Gefühle auszudrücken. In  „French Flamingo Fucker“ geht es gleich um eine Vielzahl von (auch bizarren) Begegnungen und den Wunsch, auch mal seine Ruhe zu haben.

Wettbewerb Kurzfilm

Als Bester Kurzfilm wurde Isa Schieches Film „Die Räuberinnen“ ausgezeichnet. Sie erzählt darin die Geschichte von drei Transfrauen, die sich auf einen Raubüberfall vorbereiten. Den Publikumspreis Kurzfilm gewann das Drama „Syncope“, das Thriller-Elemente mit modernem Tanztheater vereint. Insgesamt gab es unter den 23 Kurzfilmen noch viele weitere tolle Filme zu entdecken. „Saigon Kiss“ von Hong Anh Nguyen nimmt uns mit nach Saigon, wo man den Trubel aber auch die Menschlichkeit in dieser schnelllebigen Stadt spüren kann. Auch in „The Red Sea makes me wanna cry“ werden wir in ein anderes Land entführt, wo eine junge Frau mit einem Verlust ringt und gleichzeitig die Schönheit der Fremde erlebt. Fremd ist auch vieles für die Hauptprotagonistin in Kevin Bieles neuestem Film „Lange nicht gesehen“, als sie nach langer Krankheit in ein stark verändertes Unternehmen zurückkommt. Die beiden Filme „Ich hab dich tanzen sehen“ und „Enricos Geburtstag“ stellen beide Kinder in das Zentrum ihrer Geschichte und fangen ihren Blick auf die Welt ein. Von einer Vater-Kind-Beziehung handelt auch der Film „Donnerstag“ von Maja Bresink, der zeigt, dass mit dem Erwachsenwerden des Kindes eine manchmal nicht mehr überwindbare Distanz entsteht. Auch dem Pärchen in „Lass nicht los“ passiert etwas, nachdem sie vermutlich nicht mehr miteinander glücklich werden können. Ein Film, der beim Publikum noch lange nachhallt, ist der Kurzfilm „Am Ende sind wir alle Gesang“, der Chormusik wunderbar mit dem täglichen Treiben in einem Schwimmbad kombiniert.

Nebenreihen & Sonderprogramme

Neben einer Tribut-Reihe für Christian Schwochow mit Filmen wie „Die Unsichtbare“ und „Je suis Karl“ gab es wieder eine Klassiker-Reihe und einen Film des Regisseurs Max Ophüls zu sehen. Auch waren wieder Gastbeiträge u.a. vom 33. Filmfestival Cottbus 2023, dem Atelier Ludwigsburg-Paris und dem Bundesfestival Junger Film ein Teil des Programms. Neben den Wettbewerben erfreuen sich aber auch immer die Reihen MOP-Watchlist, MOP-Diskurze (u.a. „Bear“) und MOP-Serien (u.a. „Watch Me – Sex Sells“) großer Beliebtheit. Dort werden Filme von jungen Filmemacher:innen abseits der Wettbewerbe gezeigt. Hier fand man u.a. das lethargische Dystopie-Drama „Ein schöner Ort“ und den Animationsfilm „Sultanas Dream“, der bereits auf dem 66. DOK Leipzig 2023 zu sehen war. Stark im Gedächtnis geblieben sind die dokumentarischen Filme „Atomnomaden“, welcher von den Leiharbeiter:innen in den französischen Kraftwerken erzählt, und der schweizer Film „Die Anhörung“ von Lisa Gerig. Sie erzählt darin von den Asylverfahren ihres Landes, stellt diese nach, aber mit realen Beamten der Behörde und Antragsteller:innen. Der Film geht unter die Haut und lässt nach der Richtigkeit solcher Anhörungen fragen. Abseits des normalen Programms gibt es immer einen besonderen Eröffnungsfilm. Diesmal war das der neueste Film von Adrian Goiginger – „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“, der kurz danach in Deutschland seinen bundesweiten Kinostart erhielt. Mit dem Sänger Voodoo Jürgens in der Hauptrolle erzählt der Regisseur aus einem Milieu und fängt den liebenswerten Chaoten, der sein Leben nicht in den Griff bekommt, mit viel Herz und Charme ein.

Fazit: Die 45. Ausgabe des Filmfestival Max Ophüls Preis präsentierte wieder einen gelungenen Rundumblick über das Schaffen junger deutschsprachiger Filmemacher:innen, dabei waren viele Genre und auch Erzählformen vertreten. Der Kurz- und mittellange Film hat dabei genauso seinen Platz wie der Spielfilm. 18 Preise wurden vergeben, die den Filmschaffenden die Möglichkeit geben, weiter ihre Ideen umzusetzen und vielleicht auch ihre Filme im Kino zu platzieren. So ist das Festival weiterhin ein Gütesiegel für die Filmschaffenden und begeistert mit seiner gelungenen Filmauswahl das Publikum.

Filmliste 

  • „Am Ende sind wir alle Gesang“ (OT: „Am Ende sind wir alle Gesang“, Deutschland, 2024, Regie: Katharina Schnekenbühl)
  • „Anna – A Tale for Tomorrow“ (OT: „Anna – A Tale for Tomorrow“, Deutschland, 2024, Regie: Jonathan Behr)
  • „Arthur & Diana“ (OT: „Arthur & Diana“, Deutschland, 2023, Regie: Sara Summa)
  • „Atomnomaden“ (OT: „Nomades du Nucléaire“, Deutschland, 2023, Regie: Kilian Armando Friedrich und Tizian Stromp Zargari)
  • „Bear“ (OT: „Ours“, Schweiz, 2022, Regie: Morgane Frund)
  • „Berlin Utopiekadaver“ (OT: „Berlin Utopiekadaver“, Deutschland, 2024, Regie: Johannes Blume)
  • „Das Zittern der Aale“ (OT: „Das Zittern der Aale“, Deutschland, 2024, Regie: Maximilian Weigl)
  • „Der Wunsch“ (OT: „Der Wunsch“, Deutschland, 2024, Regie: Judith Beuth)
  • „Die Anhörung“ (OT: „Die Anhörung“, Schweiz, 2023, Regie: Lisa Gerig)
  • „Die Räuberinnen“ (OT: „Die Räuberinnen“, Österreich, 2023, Regie: Isa Schieche)
  • „Die Unsichtbare“ (OT: „Die Unsichtbare“, Deutschland, 2011, Regie: Christian Schwochow)
  • „Donnerstag“ (OT: „Donnerstag“, Deutschland, 2024, Regie: Maja Bresink)
  • „Draußen brennt’s“ (OT: „Draußen brennt’s“, Deutschland, 2024, Regie: Ella Haas)
  • „Echoes from Borderland“ (OT: „Echoes from Borderland“, Deutschland, 2023, Regie: Lara Milena Brose)
  • „Ein schöner Ort“ (OT: „Ein schöner Ort“, Deutschland, 2023, Regie: Katharina Huber)
  • „Electric Fields“ (OT: „Electric Fields“, Schweiz, 2024, Regie: Lisa Gertsch)
  • „Exile never ends“ (OT: „Exile never ends“, Deutschland, 2024, Regie: Bahar Bektas)
  • „French Flamingo Fucker“ (OT: „French Flamingo Fucker“, Deutschland, 2024, Regie: Leo Geisler und Louis Gering)
  • „Good News“ (OT: „Good News“, Deutschland, 2024, Regie: Hannes Schilling)
  • „Gotteskinder“ (OT: „Gotteskinder“, Deutschland, 2024, Regie: Frauke Lodders)
  • „Hausnummer Null“ (OT: „Hausnummer Null“, Deutschland, 2024, Regie: Lilith Kugler)
  • „Ich hab dich tanzen sehen“ (OT: „Ich hab dich tanzen sehen“, Österreich/Deutschland, 2024, Regie: Sarah Pech)
  • „Jenseits der Blauen Grenze“ (OT: „Jenseits der Blauen Grenze“, Deutschland, 2024, Regie: Sarah Neumann)
  • „Land der Berge“ (OT: „Land der Berge“, Österreich/Deutschland, 2024, Regie: Olga Kosanović)
  • „Lange nicht gesehen“ (OT: „Lange nicht gesehen“, Deutschland, 2023, Regie: Kevin Biele)
  • „Lass nicht los“ (OT: „Lass nicht los“, Deutschland, 2024, Regie: Antonia Lindner)
  • „Manchmal denke ich plötzlich an Dich“ (OT: „Manchmal denke ich plötzlich an Dich“, Deutschland, 2024, Regie: Lynn Oona Baur)
  • „Milchzähne“ (OT: „Milchzähne“, Deutschland, 2024, Regie: Sophia Bösch)
  • „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ (OT: „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“, Deutschland, 2024, Regie: Adrian Goiginger)
  • „Saigon Kiss“ (OT: „Saigon Kiss“, Australien/Deutschland/Vietnam, 2024, Regie: Hong Anh)
  • „Sultanas Dream“ (OT: „El Sueño de la Sultana“, Deutschland/Spanien, 2023, Regie: Isabel Herguera)
  • „Syncope“ (OT: „Syncope“, Schweiz, 2023, Regie: Linus von Stumberg)
  • „Söder“ (OT: „Söder“, Österreich, 2024, Regie: Raoul Bruck)
  • „The Red Sea makes me wanna cry“ (OT: „The Red Sea makes me wanna cry“, Deutschland/Jordanien, 2023, Regie: Faris Alrjoob)
  • Watch Me – Sex Sells“ (OT: „Watch Me – Sex Sells“, Deutschland, 2023, Regie: Alison Kuhn)

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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