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Interview: Im Gespräch mit dem französischen Regisseur und Drehbuchautor Rodrigue Huart konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Transylvanie“ erfahren, der auf dem 24. Landshuter Kurzfilmfestival 2024 den Deadline-Award erhielt, wie er seine Geschichte aus einer eigener Kindheitserinnerung formte, was ihm wichtig bei der Wahl der Hauptdarstellerin war und welche Filmemacher und Werke ihn inspirierten.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?
Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter immer sehr coole selbstgemachte Kostüme genäht, von Robin Hood bis Batman. Ich erinnere mich, wie ich mir vorstellte, ein Superheld oder ein cooler Ritter in meinem Garten zu sein. In diesen Momenten wurde die Realität ausgeblendet und meine Fantasiewelt übernahm die Kontrolle. Dieses Gefühl wollte ich auf die Leinwand bringen, seit ich angefangen habe, Filme zu schreiben. Obwohl ich wusste, dass diese Idee ziemlich weit verbreitet ist (viele Filme basieren auf diesem Konzept!), wollte ich eine einzigartige Herangehensweise finden, und das brauchte Zeit! Aber diese Kindheitserinnerungen waren der Ausgangspunkt, der Jahre später zu der Idee dieses kleinen Vampirkind führte.
Ich mag das Spiel, dass man nicht weiß, ob sie wirklich ein Vampir ist oder es nur ihre Ausflucht aus ihrer Umgebung ist – wieso kombinierst hier das Horrorgenre mit einem Sozialdrama?
Einerseits habe ich mich schon immer für Teenagerfilme begeistert, bei denen es sich meist um Sozialdramen handelt. Andererseits ist „Martin“, bei dem George A. Romero Regie führte, ein Film, der mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist, seit ich ihn vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Ich liebe vor allem den ersten Akt, in dem man einem einsamen Teenager dabei zusieht, wie er Frauen belästigt und ihr Blut auf eine sehr seltsame und derangierte Weise trinkt. Diese Szenen sind besonders verstörend, weil man nicht weiß, ob man einen fantastischen Film sieht, in dem man die Reise eines Vampirs verfolgt, oder einen realistischen Psychokiller-Film. Diese Idee erschien mir als eine sehr kraftvolle Art, die komplexen Gefühle eines Teenagers zu erforschen, der darum kämpft, dazuzugehören. Vor fünf Jahren hatte ich gerade eine Coming-of-Age-Fernsehserie geschrieben, als mir die Idee eines jungen Kindes kam, das davon überzeugt ist, ein Vampir zu sein – ein Konzept, das sich mit dem kreuzte, was mich zu dieser Zeit interessierte. Ich hatte ziemlich viel Glück in der Schule, ich wurde nie gemobbt. Aber dieses Konzept hat mich insofern angesprochen, als ich glaube, dass wir alle als junge Teenager eine Art Verkleidung tragen. Ich habe eine Rockband gegründet, als ich etwa 14 war. Ein Rocker zu sein, war eine Art Verkleidung, die mir half, meine Identität zu formen. Ewa macht das Gleiche mit ihrer Fantasie, ein Vampir zu sein, und nutzt sie, um ihre Gefühle auf ihre Weise auszudrücken.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Ich bin ein großer Fan von J-Horror aus den 00er Jahren. Ich erinnere mich oft an die Arbeit von Hideo Nakata und Kiyoshi Kurosawa, die es schaffen, mit sehr wenig Mitteln eine so angespannte, düstere und geisterhafte Atmosphäre in ihren Filmen zu erzeugen. Diese Regisseure arbeiten sorgfältig an kleinen Details, damit alles so wunderbar funktioniert, von der Kameraführung bis zum Sounddesign. Das ist die Art von Ansatz, den ich verfolgen wollte. Deshalb habe ich mir „Kaïro“ und „Dark Waters“ während der Vorbereitung noch einmal angesehen, obwohl diese Filme in Bezug auf die Handlung nichts gemeinsam haben. Ich denke, das Ergebnis dieser Sichtung in „Transylvanie“ ist die Kombination eines realistischen und sehr alltäglichen Schauplatzes mit einer atmosphärischen Dreharbeit, wobei ich versucht habe, so viel wie möglich von einer unterschwelligen Spannung zu vermitteln. Das Licht ist weich und irgendwie grau und es scheint, als ob außer den Kindern niemand in dieser Stadt ist!
Deine Schauspielerin Katell Varvat ist perfekt ausgewählt – wie hast Du sie gefunden? Und wie hast Du mit ihr an dieser Geschichte gearbeitet?
Ich danke dir! Alle Mitglieder der Besetzung waren Laienschauspieler, die in bretonischen Highschools gecastet wurden. Nur Katell wurde klassisch professionell gecastet, durch ein Casting mit einem Casting-Direktor, denn für die Rolle der Ewa wollte ich jemanden, der schon ein wenig Filmerfahrung hat, und vor allem jemanden, der für sein Alter reif ist. Für das Casting von Ewa haben wir immer mit einer Lesung der ersten Zeilen des Films begonnen, die eine Neuinterpretation eines Zitats aus Bram Stoker’s „Dracula“ sind. Katell verstand es auf Anhieb und spielte perfekt mit der Unschuld ihrer kindlichen Stimme, um diese tiefen und feierlichen Zeilen gleichzeitig spielerisch und seltsam verstörend zu machen. Das ist eine Balance, mit der wir in jeder Szene gespielt haben. Eine der Hauptrichtungen war, dass Ewa sich wie ein sehr alter Vampir verhält, der schon alles gesehen hat und mit der klassischen Trope der deprimierten und romantischen unsterblichen Seele spielt. Das ist die Art und Weise, wie sich dieses junge Mädchen vor ihrer tatsächlichen Einsamkeit und Melancholie schützt. Und deshalb ist Ewa die meiste Zeit über sehr unerschütterlich. Ich denke, das macht die Momente, in denen wir ihre aufgewühlten, verborgenen Gefühle wahrnehmen können, noch herzzerreißender.
Kannst Du Dir vorstellen, diese Geschichte zu einem Langfilm auszubauen?
Ich arbeite gerade an einem Spielfilmprojekt über einen gestörten Teenager namens Ewa. Ich würde es nicht wirklich als Fortsetzung von „Transylvanie“ bezeichnen, auch wenn ich möchte, dass Katell Varvat ihre Rolle erneut spielt. Meine neue Ewa ist nicht mehr von Vampiren besessen, sondern von Creepypastas. Und sie taucht so tief in diese Internet-Überlieferungen ein, dass sich Realität und Fantasie in ihrem Kopf vermischen und sie die verrücktesten Dinge tun lässt. Aber natürlich hat „Transylvanie“ den Ton angegeben. Ich möchte weiter erforschen, wie man den Zuschauer gleichzeitig berührt und erschreckt. Dieses Gefühl in einen Spielfilm zu übertragen, ist eine meiner nächsten Herausforderungen.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich begann mit dem Filmen, weil wir ein Musikvideo für meine Highschool-Rockband brauchten. Dann fing ich an, für andere Bands zu filmen, was zu einer Musikvideokarriere führte, die fünf bis sieben Jahre andauerte, und begann gleichzeitig, Musikdokumentationen zu drehen. Durch Dokumentarfilme lernte ich, wie man eine Geschichte erzählt, und begann dann, meine eigenen narrativen Filme zu schreiben. Ich würde sagen, dass ich als sehr visuell orientierter Regisseur angefangen habe, der gelernt hat, mit einem Team zu arbeiten und seinen ästhetischen Geschmack beim Drehen von Musikvideos zu schärfen, und dann begann ich, diesen Hintergrund und dieses handwerkliche Können für meine eigenen Geschichten zu nutzen. Der Ton in meinen Filmen ist ebenfalls sehr wichtig, und das ist etwas, an dem ich – von der Musik bis zum Sounddesign – absolut gerne arbeite. Das Brainstorming mit Musikern und dem Sounddesigner gehört zu meinen Lieblingsmomenten bei der Entstehung eines Films.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ich habe gerade einen neuen Kurzfilm fertiggestellt, den ich ohne Budget, mit einem iPhone und ein paar Freunden gedreht habe. Er heißt „Real“ („Réel“ auf Französisch) und handelt von zwei Bauern aus dem 19. Jahrhundert, die ein Telefon auf ihrem Feld finden. Der Film wird hoffentlich noch in diesem Sommer auf einem Festival gezeigt werden. In Frankreich entwickle ich den Spielfilm, den ich bereits erwähnt habe, und einen weiteren, einen Rachefilm, der in der Underground-Punkszene einer französischen Kleinstadt spielt. Da ich außerdem das Glück hatte, den Midnight Short Wettbewerb in SXSW zu gewinnen, sind im Moment einige amerikanische Produzenten auf mich aufmerksam geworden, so dass ich versuche, den Grundstein für einen internationalen, englischsprachigen Film zu legen, aber es ist im Moment noch zu weit hergeholt, um mehr zu verraten!
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Transylvanie“
Interview: In our conversation with French director and screenwriter Rodrigue Huart, we learned more about his short film „Transylvanie„, which won the Deadline Award at the 24th Landshut Short Film Festival 2024, how he shaped his story from his own childhood memories, what was important to him when choosing the lead actress and which filmmakers and works inspired him.
How did the idea for the movie come about?
My mother used to make me very cool handmade costumes when I was a kid, from Robinhood to Batman. I remember myself picturing me as a superhero or a cool knight in my garden. In those moments, reality faded to let my imaginary world take over. That’s a feeling I wanted to encapsulate on screen since I started writing films. Though, knowing it was a pretty common idea (a lot of films are actually based on this concept!), I wanted to find a singular way of approaching it, which took time! But those childhood memories were the starting point, leading to the idea of this little vampire kid, years later.
I like the game of not knowing if she’s really a vampire or if it’s just her escape from her surroundings – why combine the horror genre with a social drama here?
On one hand, I’ve always been passionate about teen movies, which are actually social dramas, most of the time. On the other hand, „Martin“, directed by George A. Romero, is a film that really stuck with me since I’ve seen it for the first time, maybe 10 years ago. I especially love the first act in which you follow a lonely teenager molesting women and drinking their blood in a very strange and deranged manner. Those scenes are particularly disturbing because you have no idea if you are watching a fantastic film, following a vampire’s journey, or if you are watching a realistic psycho killer movie. That idea struck me as a very powerful way to explore the complex feelings of a teenager struggling to fit in. 5 years ago, I just finished writing a coming of age TV series bible, when I got this idea of a young child convinced of being a vampire, a concept at the crossroads of what I was interested in at this time. I’ve been pretty lucky in school, I’ve never been bullied. But this concept resonated with me in the sense that I think we kind of all wear disguises when we are young teenagers. I started a rock band when I was around 14. Being a rocker was kind of a disguise that helped shape my identity. Ewa is kind of doing the same thing with her fantasy of being a vampire, using it to express her feelings her way.
What was important to you visually?
I’m a big fan of J-Horror from the 00’s. I come back a lot to the work of Hideo Nakata and Kiyoshi Kurosawa, who manage to set such a tense, bleak and ghostly vibe to their films with very little. Those directors are working carefully on little details to make it all work so beautifully, from the cinematography to the use of sound design. That’s the kind of approach I wanted to go for. That’s why, even though those films have nothing in common in terms of storytelling, I rewatched „Kaïro“ and „Dark Waters“ during the prep. I guess what comes out of those viewing in „Transylvanie“ is the combination of a realistic and very common location with an atmospheric filming, trying to infuse as much as I could a weird underlying tension. The light is soft and kind of gray and… it seems like there’s nobody else apart from the kids in this city!
Your actress Katell Varvat is perfectly chosen – how did you find her? And how did you work with her on this story?
Thank you! Every member of the cast were unprofessional actors, casted in highschools in Brittany. Only Katell has been casted in a more classic professional way, through a casting process with a casting director, because for the character of Ewa, I wanted someone who already had a bit of a filming experience, and most of all, someone who was mature for a age. For the casting of Ewa, we always started with a reading of the first lines of the film, which are a re-interpretation of a quote from Bram Stoker’s „Dracula“. Katell got it straight away, playing perfectly with the innocence of her childish voice tone to make those deep and solemn lines playful and weirdly disturbing at the same time. That’s a balance we’ve been playing with in every scene. One of the main directions was to make Ewa behave as a very old vampire that has seen it all, playing with the classic trope of the depressed and romantic immortal soul. It is this young girl’s way to protect herself from her actual loneliness and melancholy. And that’s why Ewa is very unflappable most of the time. I think that makes the moments in which we can perceive her troubled hidden feelings even more heartbreaking.
Can you imagine developing this story into a feature film?
I’m actually working on a feature film project about a disturbed teenager called Ewa. I wouldn’t really call it a sequel to „Transylvanie„, even though I want Katell Varvat to play her character again. My new Ewa is not obsessed with vampires anymore, but about creepypastas. And she’s diving into this internet lore so deeply that reality and fantasy are merging in her mind, making her do the craziest things. But for sure, „Transylvanie“ set the tone. I want to continue to explore that way of making the viewer moved and scared at the same time. To translate that feeling to a feature is one of my next challenges.
Can you tell me a bit more about yourself and how you came to making films?
I started filming because we needed a music video for my high school rock band. Then I started shooting stuff for other bands, leading to a music video career which lasted for 5 to 7 seven years, starting to shoot music documentaries at the same time. I learned how to tell a story through documentaries then started to write my own narrative films. I would say that I started as a very visually driven director, learning to work with a crew and sharpening my aesthetic taste shooting music videos, then I started using that background and craftsmanship for my own stories. The sound in my films is also very important and that’s something, from music to sound design, that I absolutely love working on. Brainstorming with musicians and the sound designer are ones of my favorite moments in the making of a film.
Are there any new projects planned?
I just finished a new short, which was shot with no budget, an iPhone and a few friends. It’s called „Real“ („Réel“ in French) and it’s about two peasants from the 19th century finding a phone in their field. The film will hopefully start its festival run this summer. In France, I’m developing the feature I was mentioning before and another one, a revenge movie set in the underground punk scene of a French little town. Also, as I’ve been very lucky winning the Midnight Short competition in SXSW, I’ve got some American producer’s attention at the moment, so I’m trying to lay the foundations for an International-English speaking film, but it’s too much of a long shot at the moment to tell more!
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Transylvanie„