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Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Harry Besel konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Auferstanden aus Ruinen“ erfahren, der im Programm der 59. Hofer Filmtagen 2025 und des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war. Er erzählt, wie eigene Erfahrungen die Geschichte geformt haben, wie er in Kassel die 90er-Jahre wiederaufleben ließ und ob wir mehr von der Geschichte in einem Langfilm sehen werden.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden? Wie viele eigene Erfahrungen stecken darin?
Die Idee, sich den 90er Jahren zu widmen und dabei auch gezielt den Blick auf die postsozialistische Seite des gefallenen Eisernen Vorhangs zu werfen, trage ich schon seit vielen Jahren mit mir. Das liegt sicher auch daran, dass ich Nachkomme von Russlanddeutschen bin, die 1992 nach Deutschland eingewandert sind.
Ich bin mit Menschen aufgewachsen, die zum ersten Mal mit der Möglichkeit konfrontiert waren, durch privaten Handel Geld zu verdienen. In Kombination mit einer besonderen Affinität zu Automobilen, die in unseren Kulturkreisen sehr verbreitet war und ist, hat das dazu geführt, dass in meinem Umfeld viele Leute in der Hoffnung ein Vermögen zu verdienen, Autos kauften und im Ostblock verkauften. Es hat sich einfach angeboten, weil die meisten noch Verwandte in Polen, Russland, der Ukraine oder, wie meine Familie, in Weißrussland hatten. Gleichzeitig war das Verlangen nach westlichen Autos dort unbeschreiblich groß, weil es sie zu Zeiten des Sozialismus nicht zu kaufen gab. Sie waren durch z.B. Kinofilme omnipräsent und haben über Jahrzehnte ein starkes Begehren ausgelöst. So ist ein extrem lukrativer Markt entstanden. Man kaufte hier ein Auto und verkaufte es dort für ein Vielfaches weiter.
Ein Teil meiner Familie lebt mütterlicherseits in Weißrussland und in den 1990ern und frühen 2000ern sind wir regelmäßig dorthin gefahren. Aus dieser Zeit sind mir sehr prägende Erinnerungen geblieben, vor allem daran, wie sich das gesellschaftliche Zusammenleben und die politischen Umstände zunehmend verschlechtert haben. Die Erfahrungen an den Grenzen mit Polizisten und die Armut im Land sind direkt in den Film eingeflossen. Auch mein Vater hat sich einmal daran probiert, ein bisschen Geld mit einem Auto zu machen. Bei unserer letzten Reise nach Weißrussland wurden wir dann aber an der polnisch-weißrussischen Grenze von Grenzbeamten mit dem Leben bedroht. Sie wollten unsere gesamte Urlaubskasse mitgehen lassen. Das war das erste und einzige Mal, dass mein Vater sich auf das Geschäft mit den Autos eingelassen hat. Andere Menschen aus meiner Community, gerade die jungen Erwachsenen, haben daraus, geblendet von der Hoffnung nach Selbstständigkeit und Vermögen, ein richtiges Geschäft gemacht. Der Sohn einer Nachbarsfamilie in unserer Notunterkunft war so jemand – bis er eines Tages nach so einer Überfahrt nicht mehr nach Hause kehrte.
Die Korruption in den post-sowjetischen Ländern und in Russland selbst hatte schon damals Ausmaße, die wir im Westen nicht ernsthaft thematisiert haben, auch weil man daran mitverdient hat. Hier liegt für mich auch der eigentliche Grund, warum ich diesen Film machen wollte. Ich musste erst älter werden und meinen Horizont erweitern, um diese Erinnerungen von damals kritisch zu reflektieren und in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können. Die 90er Jahre, die oft als Jahrzehnt der Hoffnung, des Neuanfangs und der Wiedervereinigung erzählt werden, haben sich für mich immer mehr als ein Jahrzehnt der vertanen Chancen herausgestellt. Gerade im Hinblick darauf, dass wir im Eiltempo die neuen Bundesländer (und bald alle anderen auch!) an eine rechtsextreme Partei verlieren, oder die vermeintliche Überraschung über den abscheulichen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Ich glaube, dass das überhaupt nicht überraschend ist im Angesicht der wenig aufgearbeiteten Geschehnisse der 1990er-Jahre. Es hat sich schon seit 30 Jahren angebahnt.
Was mich letztlich zur Umsetzung bewegt hat, ist das Gefühl, dass in den 90ern ein unheilvoller Samen gesät worden ist, dessen Triebe wir heute sehen. Deshalb möchte ich einen anderen Blick auf diese Jahre werfen, abseits der großen Erzählung von Aufbruch und Einheit. Denn verarbeiten kann man nur das, was man auch in seiner Gänze versteht, oder wenigstens zu verstehen versucht.
Dein Film ist Deine Abschlussarbeit – wie viel Zeit und Mittel standen Dir zur Verfügung?
Zeit war kein treibender Faktor und dafür schätze ich mein Studium an der Kunsthochschule Kassel. Wir genießen eine außerordentliche Freiheit, was die Projektentwicklung und Umsetzung angeht. „Auferstanden aus Ruinen“ sollte jedoch so schnell wie möglich umgesetzt werden – schlicht aus Eigenantrieb. Filmemachen ist schließlich das, wofür ich brenne, warum also warten? Ich habe etwas über ein Jahr gearbeitet, von der konkreten Stoffentwicklung bis zum Dreh im Jahr 2023.
Viel Geld steht den meisten Produktionen der Kunsthochschule jedoch auch nicht zur Verfügung – paradoxerweise gerade bei Abschlussarbeiten. Für einen Abschlussfilm steht einem nicht die normale Produktionsförderung zur Verfügung, sondern „nur“ die Abschlussfilmförderung. Das ist ein Festbetrag in Höhe von 2500€. Glücklicherweise wurde genau während meiner Vorproduktionsarbeiten die HAB – Hessen Abschluss Förderung gegründet, die dieses Defizit versucht abzumildern. Hier konnte ich weitere 5000€ für die Produktion gewinnen. Über den gesamten Vorproduktionszeitraum hinweg habe ich mir aus Eigenmitteln noch 7500€ angespart. Damit war alles finanziell gedeckt, bis auf die Filmfahrzeuge.
Hier musste ich kreativ werden – die Miete für Filmfahrzeuge war für die Größenordnung meiner Produktion absolut nicht finanzierbar. Nun, wie ich bei der ersten Frage schon angedeutet habe, bin auch ich und mein größerer Bruder mit einer gewissen Affinität für Autos aufgewachsen. Wir schrauben gerne an unseren Autos und kennen uns ein wenig aus. Das hat dazu geführt, dass mein Bruder mit einer Lösung für mein Filmfahrzeugproblem um die Ecke kam, die lautete: Lass es uns doch ein bisschen wie im Film selbst machen? Wir suchen uns die alten Autos selber – runtergerockt und so billig wie möglich – machen sie wieder fahrbereit, drehen den Film und verkaufen sie danach einfach wieder. Eine tolle Idee, wie ich bis heute finde! Mein Bruder hat sich der Aufgabe gewidmet die alten Schrottkisten zu suchen, zu kaufen und für den Film fit zu machen und ich konnte mich weiter mit der Produktion beschäftigen. Das heißt, der Kostenpunkt der Filmautos ist so gesehen nicht in den Produktionskosten des Films enthalten, weil es ein Privatvorhaben war, das Überschneidungen mit meinem Film hatte.
Wie hast Du es geschafft, diese vergangene Zeit so perfekt aufleben zu lassen? Was war Dir visuell wichtig?
Erstmal danke für das Lob – das bedeutet mir viel, weil ich sehr viel Zeit damit verbracht habe, eine Lösung dafür zu finden. Wie kann ich bei diesem kleinen Budget die Zuschauerinnen und Zuschauer glaubwürdig nicht nur in die 90er-Jahre, sondern auch noch nach Russland versetzen?
Ich erinnerte mich bei der Lösungssuche daran, dass es eine große Sache gibt, die ich mit meiner Kindheit und unseren Reisen nach Weißrussland stark verbinde: den Drang meiner Eltern alles mögliche mit der Videokamera aufzuzeichnen, selbst wenn nichts Aufregendes passiert ist – fast schon dokumentarisch. So kam ich auf die Idee, meinen Charakteren die gleiche „Marotte“ zu geben. Sie beginnen ein neues Leben, sind hoffnungsvoll und sich ihrer Sache sicher, also zeichnen sie ihre Erlebnisse in dieser neuen, post-sozialistischen Welt mit ihrer Kamera auf. Die VHS-Kassetten meiner Eltern und anderer Verwandter habe ich vor ein paar Jahren digitalisiert. Sie zeigen diese Länder in ihren Zuständen in den 90er-Jahren aus der Perspektive neugieriger und hoffnungsvoller Menschen – sie sind ein wenig wie meine Hauptcharaktere. Viele der Aufnahmen aus der Camcorder-Perspektive sind persönliches Found-Footage. Darüber hinaus habe ich dann noch weiteres Found-Footage im Internet recherchiert und eingebunden. Im Schnitt ergibt sich schließlich etwas, was sich gut verschmolzen hat mit den Camcorder Aufnahmen, die wir am Set gedreht haben. Das in Kombination mit den weiteren Akzenten im Bühnenbild, das von den hervorragenden Bühnenbildnerinnen Charlotte Ella Bouchon und Linnea Kuht stammt, und den großartigen Kostümen von Julia Gens, hat schlussendlich zu einem stimmigen Gesamtbild geführt. Charlotte, Linnea und Julia haben sich monatelang in Archivmaterialien in Form von Fotos, Filmen, Dokumentationen, alten Zeitungen etc. vergraben, um jedes Detail perfekt zu gestalten. Hierbei möchte ich noch erwähnen, dass Linnea sich die kyrillische Schreibschrift angeeignet hat, um Alexeys Führerschein auszufüllen! Dieser intensive Prozess hat mich viel darüber gelehrt, wie „wenig“ es manchmal braucht, um fremde Welten auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, wenn das Fundament, das man sich erarbeitet hat, stimmt.
Wo habt ihr gedreht – nach welchen Kriterien wurden die Drehorte ausgewählt?
Wir haben vorrangig in Kassel und Landkreis Kassel gedreht. Dazu kam noch ein Drehort in Eisenach beim ehemaligen Automobilwerk Eisenach, der es leider nicht in den finalen Schnitt geschafft hat. Da ich in Kassel seit meiner Kindheit an aufgewachsen bin, kenne ich mich hier sehr gut aus. Hier gibt es viele Plattenbausiedlungen und generell trostlose, ungepflegte Stahlbetonarchitektur, die sich sehr gut in Osteuropa erzählen lassen. Die Tiefgarage wo sich unserer Hauptcharaktere mit dem Händler Oleg treffen bspw. kenne ich sehr gut aus meiner Kindheit, weil hier jeden Sonntag ein großer Flohmarkt war, der damals sehr gerne von meiner Familie und unseren Landsleuten besucht wurde. Die Drehorte mussten also grundsätzliche, architektonische Kriterien sozialistischer Bauweisen besitzen (Plattenbau, Stahlbeton) und auch eine gewisse trostlose Farbpalette mitbringen: grau, mal heller, mal dunkler.
Die Werkstatt gehört meinem Freund und Schrauberkollegen, dem ich hier nochmal herzlich danken möchte, denn er hat uns im Grunde für drei Tage seinen Arbeitsplatz zum Drehen zur Verfügung gestellt.
Der russische Grenzübergang im Film ist auf einem verlassenen Kasernengelände im Landkreis entstanden und wurde schließlich mit Details gefüllt, wie Schildern und Schranke. Er war komplett verwachsen mit Gestrüpp und Unkraut – hier musste ich mit meinem Kollegen Max Muselmann, der später das Grading des Films übernommen hat, mühsam mit Schaufel, Motorsäge und Gartenschere den ganzen Ort auf Vordermann bringen. Es hat sich gelohnt, denn an diesem Ort war beispielsweise das kleine Wärterhäuschen und die Panzerplatten-Straße ausschlaggebend für mich – das waren wichtige Details, an die ich mich noch lebhaft erinnern konnte, bei unseren Überfahrten nach Weißrussland.
Ich finde auch die Besetzung großartig. Kannst Du mir mehr dazu sagen?
Auch hier wieder vielen Dank. Ich bin sehr froh, mit diesen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Mit vielen durfte ich schon bei meinem letzten Kurzspielfilm zusammenarbeiten, wie bspw. Johann-Christof Laubisch (Hauptrolle Andreas Diehlmann), der auch der erste war, der mir beim Pitchen von „Auferstanden aus Ruinen“ seine Zusage gegeben hat. Danke Christof! Er ist in Ostberlin aufgewachsen und hat während seines Schauspielstudiums in Mecklenburg-Vorpommern gelebt. Christof spielt nicht nur sehr wandelbar, sondern hat dazu noch viele biografische Bezüge zum Leben in Ostdeutschland, die mir sehr wichtig waren, weil ich auf diese Weise auch von ihm lernen konnte und wollte – Offenheit für neue Ideen und Ansätze im Spiel, auch während des Drehs, sind mir als Regisseur zentral wichtig. Generell war und ist mein Anspruch, dass ich immer Menschen casten möchte, die eine tiefere, echte Verbindung zu ihrer Rolle haben.
So war es bei „Auferstanden aus Ruinen“ mein größtes Anliegen, dass russisch gesprochen wird, wo es in „echt“ der Fall gewesen wäre. Deshalb habe ich mich sehr früh aufs Casting konzentriert, weil ich unbedingt wollte, dass alle russischsprachigen Charaktere diese Sprache auch muttersprachlich beherrschen. Das verkleinert den Pool an möglichen Leuten natürlich drastisch. Doch ich wollte mich dieser Herausforderung stellen und was soll ich sagen? Mühe und eine gute Portion Glück haben mich zu einem tollen Cast geführt. Nikita Petrosian, der die zweite Hauptrolle Alexej Danilenko spielt, war auf so vielen Ebenen ein großes Glück für mich und den Film und ich glaube auch andersrum für Nikita. Es war seine erste Produktion nach seiner Flucht vor dem Ukrainekrieg. Davor war er dort schon in größeren Kinoproduktionen vertreten und musste hier wieder von neu anfangen zu netzwerken und die deutsche Sprache zu lernen. Für uns beide waren wir uns glaube ich ein Glücksgriff. Ich brauchte genau einen Darsteller wie ihn und er brauchte ein erstes Projekt, um einen Grundstein für seine Schauspielkarriere in Deutschland zu legen. Ich bin auch sehr froh darüber, dass ich Nikita eine Rolle geben konnte, die mit ungeschönter, drastischer Wahrheit ihre Wut, ihren Frust und Zorn über Russland freien Lauf lassen durfte. Dem Land, das in Nikitas Heimat diesen menschenverachtenden Krieg führt.
Mit dem großartigen Alexander Waigel, der den russischen Grenzbeamten spielt, habe ich ebenfalls einen Glücksgriff gelandet! Ich hatte ihn allein wegen seiner schauspielerischen Qualitäten beim Casting genommen, bis sich dann viel später herausstellte, dass er ein professioneller Stuntman ist. Das war wieder eine neue, tolle Erfahrung für mich! Die Authentizität der Szene, in der er überwältigt wird, ist allein Alexander zu verdanken. Ich erinnere mich noch gut an seine Ansage an Nikita, der sich nicht traute, ihm ins Gesicht zu treten: „Los jetzt, tritt zu! Nein, trete richtig zu!“ Ich konzentriere mich hier erstmal auf die Hauptdarsteller und meine Stuntman-Anekdote – ich könnte ewig schreiben über meinen hochgeschätzten Cast, muss aber ein Ende finden. Ich grüße jedoch aus ganzem Herzen Lukas Umlauft, Wolfgang Preussger, Andrej Agranovski, Lilli Sommerhage und meine Kindheitsfreunde, die ebenfalls vor der Kamera zu sehen sind: Maximilian Petersen und Gleb Romov.
Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich wohne glücklich in Kassel, gehe gerne bouldern, spazieren oder schraube an meinem alten Opel Senator zum Ausgleich. Zum Film bin ich gekommen, weil mich das Medium schon von Jugend an fasziniert hat mit all seinen vereinten Gewerken. Ich habe eigentlich leidenschaftlich gezeichnet und bin dann schrittweise in die Musik gegangen. Dann folgten Kurzgeschichten und Fotografie. Das war aber alles strikt voneinander getrennt. Die Sachen haben sich untereinander nicht viel beeinflusst. Mit 17/18 Jahren dann hat es angefangen, dass ich, inspiriert von großartigen Filmen von Stanley Kubrick, Andrei Tarkowski, Park Chan-Wook und David Lynch immer mehr das Interesse daran gefunden habe, all diese Gewerke zusammenzuführen. Nicht der Sache selbst wegen, sondern weil mir Filme wie „2001: A Space Odyssey“, „Der Spiegel“, „Twin Peaks“ und „Mulholland Drive“ (eine Auswahl) das Gefühl gegeben haben, dass der Film, bestehend aus all seinen Einzelteilen von Geschichte, Visualität und Sound, mehr als die Summe seiner Teile ist. Das fasziniert mich bis heute am Film – er ist so jung, so unerforscht und wird im Grunde erst entdeckt. Hier gibt es noch so unglaublich viel zu erforschen, erproben und entdecken. Dazu kommt wahrscheinlich, dass, so gern ich auch allein für mich bin, ich doch gerne im Team arbeite und unter Menschen sein muss in regelmäßigen Abständen. Meine ersten Set-Erfahrungen haben mich deshalb in meinem Interesse am Film bestätigt und bestärkt. Das ist bis heute so geblieben.
Dein Film ist auch ein Proof-of-Concept für einen Langfilm. Kannst Du einen kleinen Vorausblick geben?
Es gab sogar ganz zu Beginn der Stoffentwicklung noch die Hoffnung, meinen Abschlussfilm selbst als Langfilm umzusetzen. Diesen Wunsch musste ich schnell begraben, aber was davon übrig geblieben ist in „Auferstanden aus Ruinen“, ist die Dichte der Handlung und von Informationen. Es passiert für einen Kurzfilm ziemlich viel.
Da ich erfreulicherweise eine bislang tolle Festivalauswertung habe, kommt „Auferstanden aus Ruinen“ seiner Intention als Proof-of-Concept gut nach und hat mein Vorhaben daraus einen Langfilm zu machen, gefestigt und bestärkt. Das Setting bleibt im Langfilm erhalten, aber vieles wird sich dennoch ändern. Der Langfilm wird sich auf die Perspektive einer russlanddeutschen Familie richten, die Anfang der 90er nach Deutschland einwandert, mit all den Eigenheiten und Herausforderungen, die es zu bewältigen gab. Zerrissene Familien, Neuanfänge und unerfüllte Erwartungen und Hoffnungen in der neuen Welt. Dabei möchte ich meine eigene Kritik, gerichtet an eben meine Community, offen und ehrlich mit einfließen lassen. Ich möchte das Thema des Zusammenlebens mehrerer unterschiedlicher, migrantischer Personengruppen aufgreifen und welche Konflikte sich dort abspielen, gerade weil in der öffentlichen Wahrnehmungen das Wort „Migrant“ einfach synonym für alle Menschen verwendet wird, die in ein Land einwandern. So verschwindet einfach die Komplexität der Realität. Dabei, ich spreche nun von meinen persönlichen Erlebnissen, gab es unglaublich starke Konflikte zwischen russlanddeutschen, türkischen, afghanischen und weiteren Migrantengruppen untereinander, da die Politik gerade in den untersten Gesellschaftsschichten nicht müde wurde (und nach wie vor ist) uns gegenseitig auszuspielen. Das sind für mich alles die Themen, die ich aufarbeiten möchte für den Langfilm – nach wie vor eingebettet in das Setting des Autohandels von West nach Ost in den 1990er Jahren.
Sind weitere, andere Projekte geplant?
Oh ja! So gerne ich Projekte entwickle und schreibe, dauern diese Prozesse ja ewig lang. Um nicht einzurosten und auch kleine Ideen nicht sterben zu lassen, drehe ich aktuell ein No-Budget-Filmprojekt, das eine ganz andere Richtung einschlägt und sehr experimentell ist. Ebenfalls arbeite ich an einer weiteren Langfilmidee, die dem Folk-Horror zugewandt ist und sich mit der Radikalisierung moderner Gesellschaften befasst – gepackt in ein Gewand nordhessischer Hexen-Folklore.
Nikita hat ein großartiges Drehbuch für einen Kurzspielfilm geschrieben, der sich mit der Nacht befasst, in der der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist. Hier wirke ich ebenfalls mit.
Johann-Christof Laubisch arbeitet ebenfalls an einem Langfilmstoff, der sich der Fußball Ultra-Szene in Ostdeutschland widmet und auch hier arbeite ich mit!
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Auferstanden aus Ruinen“








