Zwölf Fragen an Lotta Schweikert

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der österreichischen Filmemacherin Lotta Schweikert konnten wir mehr über ihre Kurzfilme „Besser so“ (2024) und „Wäsche“ (2024) erfahren, welche beide im Programm des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 liefen, wie die Autoren Calvin Lucas Trosien und Lukas Wesslowski ihre Themen fanden, wie Lotta Schweikert diese umsetzte und was ihr bei der jeweiligen Inszenierung und Besetzung am Herzen lag.

Wie entstand die Idee zu „Besser so“?

Lotta Schweikert: Der Drehbuchautor Calvin Lucas Trosien kam mit der Idee auf mich zu, damals noch unter einem anderen Titel, und wir haben darüber gesprochen. Die Grundidee, dass sich eine junge Frau ausrechnet, dass sich ihr Leben „nicht lohnt“, hatte Calvin.

Calvin Lucas Trosien: Die Idee entstand so, wie eine gute Salzgurke entsteht – über sehr viel Zeit, und mit sehr vielen Zutaten. Begonnen hat das narrative Ferment mit einem Interesse an der Farbe Grün, und über die Zeit kam der Rest dazu – nicht zuletzt in der Zusammenarbeit mit Lotta, in der wir die Geschichte um viele wichtige und zentrale Punkte erweitern konnten. Inspiriert wurde ich weiterhin von der Band  Foals, Analogfotos von alten Autos, Hofläden tief in Bayern, Gedichten aus Polen und einem Urlaub in Lettland.

In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden? Wie viel Zeit hattet ihr und wie war der Dreh über Ländergrenzen hinweg?

Benita Martins

Besser so“ war mein dritter Kurzfilm an der Filmakademie Wien. Wir haben das ganze Projekt von der Entwicklung bis zur Teampremiere in weniger als einem Jahr abgeschlossen. Wir hatten insgesamt 9 Drehtage und 2 Reisetage, um nach Polen und wieder zurückzukommen. Da wir mit zwei Autos und einem Sprinter aus Wien nach Szczyrzyc gefahren sind und dort in einer Pension mit großem Garten übernachtet haben, hat es sich fast angefühlt wie eine Klassenfahrt.

Die ersten 3 Tage waren in Wien, in der Wohnung, auf der Straße und im Plenum in einem Seminarraum. Dann waren wir in Polen, wo wir den Sonnenuntergang, die Tankstelle, den Steinbruch und natürlich die Hochzeit gedreht haben (alles in und um den kleinen Ort Szczyrzyc, südlich von Krakau). Unsere polnischen Ko-Produzentinnen Mia Samusionek und Ania Adamiak waren dafür unabdingbar. Danke auch nochmal an unser ganzes tolles Team aus Polen und Österreich!

Was lag Dir bei der Inszenierung und visuell am Herzen?

Ganz wichtig war mir, das Thema Suizid nicht zu heroisieren oder zu verharmlosen, obwohl wir darüber eine schwarze Komödie drehen. Sowohl im Drehbuch- als auch im Schnittprozess haben wir darüber viel diskutiert. Bei der Inszenierung an sich war mir wichtig, dass wir bei Nora, unserer Protagonistin bleiben (es geht um sie und ihre Reaktionen auf die Umwelt, aber auch ihre aktiven Entscheidungen). Dennoch soll auch eine gewisse Distanz und am Anfang eine Art Unwohlsein entstehen, durch Bilder, in denen sie nicht zentriert ist, sondern off-center kadriert. Eine Art des Nicht-ins-Bild-Passens und des Sich-nicht-Fügen-Könnens in einem durch und durch geregelten Alltag. Mir war wichtig, dass je weiter die Reise geht, sich auch die Kamera mehr befreit, das Kostüm, die Haare, das Spiel – alles befreiter und wilder wird. Dass Nora es scheinbar schafft, aus ihrer geregelten kontrollierten Welt raus zu brechen. Nur um am Ende wieder (statisch und zentriert) bei ihrer ursprünglichen Entscheidung anzukommen.

Die Hauptdarstellerin, aber auch alle Nebenrollen sind wunderbar ausgewählt. Wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt?

Benita Martins

Benita Martins und ich haben uns (ganz romantisch) bei einem Frühstück in einem Garten in Paris kennengelernt, nach einem Dreh, den ich dort als Regie-Assistentin hatte. Ich hatte Benita zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wirklich spielen sehen, aber ich spürte irgendwie schon, dass sie eine große spielerische Kraft hat. Ihr Foto tauchte dann auch ziemlich schnell bei den Casting-Ideen auf. Was ich an Benita für die Rolle der Nora so perfekt fand, ist die Mischung zwischen Toughness und Emotionalität, die durch ihre Stärke immer wieder durchscheint. Benita kann einfach eine große Bandbreite liefern und ihrer Nora glaubte ich auch direkt, dass sie so lebt und so autonom handelt. Für mich kann Benita die ausgelassen feiernde und die nachdenkliche Nora genauso gut spielen wie die verbissene ikonische Klimaaktivistin. Ein absolutes Highlight mit ihr zu arbeiten! Sie war dann nur enttäuscht, dass sie das Auto nicht anzünden durfte, wie es ursprünglich im Drehbuch stand.

Die Nebenrollen sind teilweise klassisch gecastete Schauspieler:innen, teilweise Freunde und auch nicht ausgebildete Schauspieler:innen. Ich mag die Mischung, weil so das Spiel frisch bleibt. Benita hatte ihren Lieblingsdrehtag mit dem Radfahrer (gespielt von Martin Rigo), der kein ausgebildeter Schauspieler ist, aber sie und uns alle regelmäßig zum Lachen brachte.

Ist der Drehbuchautor selbst ein großer Gurkenfan?

Benita Martins

Calvin Lucas Trosien: Absolut, ja. Wichtig hier ist: es geht um Salzgurken, nicht Essiggurken – diese herzustellen, ist mir seit Jahren ein großes Hobby, und ich hüte meine Hausrezeptur für das bestmögliche Ferment sehr, sehr wachsam und verbringe viel Zeit damit, die bestmögliche Salzgurke in Wien zu finden – sei es in meiner eigenen Küche oder auf dem Markt.

Der zweite Film, der auf dem Festival gezeigt wurde, war „Wäsche“. Du verfilmst da ein Drehbuch von Lukas Wesslowski – was lag ihm dabei am Herzen? 

Lukas wohnte als Kind in einem recht alten Haus in einer Wohnung, in der immer mal wieder frühere Mieter:innen vorbei schauten und wissen wollten, wie die Wohnung jetzt aussieht. Dass sie dabei oft ungelegen kamen, war ihnen egal. Lukas wollte diese Erfahrung mit der Idee verbinden, dass man als junger Mensch wenn man beispielsweise ein Start-Up gründet mit viel Elan und Leidenschaft in ein Projekt startet und dann schrittweise überfordert wird von dem ganzen Material für das Projekt, das dann irgendwo hin muss und sich schließlich im eigenen Zimmer stapelt.

Dieser Film ist ebenfalls als Uni-Film entstanden? Wie viel Zeit hattet ihr für das Projekt?

Leonie Berner

Wäsche“ ist noch während der Pandemie entstanden, deshalb gab es immer wieder Verschiebungen und es hat sich über zwei Jahre gestreckt. Für die Finanzierung war das aber gar nicht schlecht, damit genug Zeit war, Geld aufzustellen.

Wo hattet ihr all die Wäsche her zum Waschen?

Da bedanken wir uns bei der carla, einem Second-Hand-Kaufhaus in Wien, das von der Caritas betrieben wird. Sie haben uns freundlicherweise neun 70-Liter-Säcke mit Altkleidern zur Verfügung gestellt. Wir konnten sie für einen Spottpreis von wenigen Euros pro Sack ausleihen und nach dem Dreh wieder zurückbringen. Mit dem Sortieren der Wäsche nach Farben und dem Stapeln haben wir einige Abende zugebracht.

Eure Darstellerinnen sind großartig – wie hast Du sie gefunden?

Leonie Berner kannte ich von einem Casting an der Filmakademie über Zoom. Bereits da hatte mich ihre Verletzlichkeit im Spiel sehr fasziniert – Ich habe dann an unserer Uni ein klassisches Casting gemacht und auch noch andere Schauspielerinnen angeschaut, die auch toll waren, aber die Rolle ganz anders interpretiert haben. Bei Leonie fand ich so besonders, wie sie im Telefongespräch mit der Mutter die Vorwürfe formuliert hat. Bei ihr klang es nicht aggressiv oder fies, sondern so, als fühle sie sich von ihrer Mama ehrlich allein gelassen. Das hat mich berührt.

Babett Arens und Leonie Berner

Babett Arens hat unsere Regieassistentin Magdalena Steiner ins Spiel gebracht. Sie kannte Babett, die auch als Regisseurin tätig ist, persönlich und hat sie wärmstens empfohlen. Wie ich Babett dann auch kennenlernen konnte, wusste ich direkt: Das ist Marianne, unsere überraschende Besucherin! Lustigerweise hat sich Babett mit der Dreistigkeit der Rolle anfangs schwer getan und immer wieder betont, dass sie sich gar nicht vorstellen könne, privat so in die Intimsphäre von jemand anderem einzudringen. Da musste ich sie immer wieder daran erinnern, dass Marianne ja glaubte, in „ihre“ Wohnung zu kommen. Dass jetzt eine andere drin wohnt, ist da eher nebensächlich.

Den Song „Wäsche“ hatte ich tagelang im Ohr – wie habt ihr diesen gefunden?

Den Song kenne ich schon eine ganze Weile, den hat mir mal ein guter Freund gezeigt. Als ich das Drehbuch von Lukas gelesen habe, hatte ich fast sofort einen Ohrwurm von dem Lied und dachte mir: Der muss in den Film!

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr über Dich erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe vor meinem Regiestudium schon Medienkulturwissenschaft und Politikwissenschaft studiert und in einer Werbeagentur als Editorin gearbeitet. Film hat es mir angetan, weil es so komplex ist, Filme zu machen – Es wird nie langweilig. Außerdem ist man den ganzen Prozess über mit Menschen in Kontakt. Die kreative Energie, die da entsteht, ist ziemlich inspirierend. In Freiburg, wo ich mein erste Studienzeit verbracht habe, war ich in einem freien Filmkollektiv, Blackwood Films. Sich gegenseitig zu unterstützen, zusammen zu lernen und zu drehen, das hat mir den Schwung gegeben, Regisseurin werden zu wollen. Ich habe auch so ziemlich jede andere Set-Rolle mal ausprobiert. Es macht natürlich auch Spaß, ein einzelnes Department zu leiten oder zu assistieren – An der Regieaufgabe mag ich, dass man mit allen Departments verbunden ist und versucht, gemeinsam eine Vision für den Film zu entwickeln.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Leonie Berner und Babett Arens

Wenn nicht immer mindestens zwei Sachen parallel laufen, werde ich unentspannt. Gerade plane ich den 2. Drehblock für meinen nächsten Kurzfilm, den wir bis Ende des Jahres abschließen wollen. Darin gehen wir visuell und inhaltlich nochmal in eine ganz andere Richtung, auch wenn meine Kamerafrau von „Wäsche“, Jasmin Schwendinger, wieder mit dabei ist. Es geht um eine toxische Heterobeziehung zwischen zwei Influencer:innen. Lustig wird es hoffentlich trotzdem auch zwischendurch. Danach steht für mich noch mein Abschlussfilm an der Filmakademie Wien an. Ich suche jetzt aber auch schon eine Produktionsfirma für mein Langfilmdebüt. Meldet euch!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezensionen des Kurzfilm „Besser so“ und „Wäsche

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