Acht Fragen an Pierre-Luc Gosselin und Béatrice Blais

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden kanadischen Filmemacher:innen Pierre-Luc Gosselin und Béatrice Blais konnten wir mehr über ihren gelungenen Genre-Kurzfilm „Last Night Stand“ erfahren, der im ‚Shock Block‘-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, erfahren. Sie erzählen wie sie beide für den Film zusammengearbeitet haben, wie die Effekte umgesetzt wurden und was ihnen dabei visuell am Herzen lag.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu eurem Kurzfilm entstanden?

Benjamin Déziel und Béatrice Blais

Es war eigentlich Pierre-Lucs Idee. Da Pierre-Luc sich mit VFX wirklich gut auskennt, wollte er ein paar Morphing-Effekte einbauen, aber auch eine Figur erschaffen, die eine weibliche Gestaltwandlerin ist und auf Rache sinnt, ein bisschen wie in „Promising Young Woman“ von Emerald Fennell. Als er mit der Idee zu mir kam, habe ich sofort Ja gesagt, denn es fällt mir nicht schwer, auf meine persönlichen Erfahrungen als Frau zurückzugreifen, um eine Geschichte voller Mikroaggressionen und toxischer Männlichkeit zu entwickeln.

Habt ihr überlegt, den Film auch noch etwas härter enden zu lassen?

Wir haben viele Möglichkeiten in Betracht gezogen, aber wir fanden, dass es zu einfach gewesen wäre, mit einer gewalttätigen Szene abzuschließen, da Gewalt heutzutage auf unseren Bildschirmen allgegenwärtig ist und die Botschaft viel eindringlicher wirkt, wenn wir unsere Figur einfach nur psychisch traumatisieren. Dennoch hätten wir jeden Weg einschlagen können, da wir über diese wirklich leistungsstarken VFX-Werkzeuge verfügen; so haben wir natürlich auch über Monster, Kreaturen und düsterere Enden nachgedacht.

Pierre-Luc, kannst Du mir mehr zu den VFX erzählen?

Die visuellen Effekte in „Last Night Stand“ wurden hauptsächlich in Adobe After Effects erstellt, wobei ein sehr präziser Ansatz verfolgt wurde, um die Darbietungen der Schauspieler stets zu bewahren. Für mich muss sich ein Effekt nahtlos in die Szene einfügen. Wenn das Publikum ihn bemerkt, wird der Moment zerstört. Alles war auf eine nahtlose, unsichtbare Integration ausgerichtet.

Marc-André Boulanger und Benjamin Déziel

Die Transformationen wurden aus echtem Filmmaterial konstruiert, wobei Start- und Endaufnahmen durch Frame-für-Frame-Morphing miteinander verbunden wurden. So konnte ich jeden noch so kleinen Übergang kontrollieren und die Kontinuität sowohl in der Darstellung als auch in den Emotionen wahren.

Ich habe außerdem eine mobile App zur Gesichtsretusche verwendet, die ich von ihrem ursprünglichen Zweck abwandelte, und sie Frame für Frame mit 24 Bildern pro Sekunde angewandt. Diese Technik ermöglichte es, sehr subtile, progressive Veränderungen zu erzeugen, zum Beispiel das Alter, die Gesichtszüge oder die Körperform zu verändern, während eine realistische Grundlage erhalten blieb. Einige Schauspielerinnen wurden je nach den Anforderungen der Erzählung um etwa zwanzig Jahre gealtert oder verjüngt.

Béatrice Blais und Benjamin Déziel

Der Film stützt sich stark auf eine Mischung aus praktischen und digitalen Effekten. Wir arbeiteten mit verschiedenen Schauspielerinnen, die später durch Morphing miteinander verschmolzen wurden, und setzten auch physische Elemente wie Latexprothesen ein, darunter Brustprothesen im Drag-Stil, die vor der Kamera eine greifbare Grundlage bildeten, bevor sie in der Postproduktion verfeinert wurden.

Ein wesentlicher Teil der Arbeit bleibt unsichtbar. Es wurden Bereinigungen, das Entfernen technischer Elemente und feine Anpassungen vorgenommen, um die Kontinuität zu gewährleisten, darunter auch das Entfernen von Modesty-Kleidung, die während der Dreharbeiten getragen wurde. Diese Effekte sollen nicht sichtbar sein, sondern den Realismus insgesamt unterstützen und dafür sorgen, dass das Publikum voll und ganz in die Handlung eintauchen kann.

Auch wenn einige dieser Techniken an Werkzeuge erinnern, die heute mit KI in Verbindung gebracht werden, entstand der Film, bevor diese allgemein zugänglich wurden. Der Prozess ist weitgehend manuell, was es mir ermöglichte, die volle Kontrolle über die Ästhetik zu behalten und – was am Wichtigsten ist – die Darbietungen auf der Leinwand niemals zu beeinträchtigen.

Was lag euch darüber hinaus noch visuell am Herzen für eurer Kammerspiel?

Benjamin Déziel

Wir glauben, dass sich etwas so Intimes und Sensibles in einem Fantasy-/Thriller-Drama leichter erzählen lässt und dass die VFX eine gute Möglichkeit waren, Themen anzusprechen, die nicht so einfach zu behandeln sind. Visuell wollten wir auch einige Frontalnacktszenen zeigen, weil diese Themen sehr direkt sind. Eine sexuelle Nötigung ist unzensiert, sie ist direkt und traumatisierend. Das war also der Grund, warum wir die Nacktszenen so belassen haben, wie sie sind. Béatrice wollte sogar noch weiter gehen und mehr Nacktszenen zeigen, aber wir hatten das Gefühl, dass die Botschaft durch zu viel Nacktheit verwässert werden könnte. Die Kameraführung war ebenfalls wichtig, wie in jedem Film. Bei unserem Film sind die Kamerabewegungen und der Bildausschnitt extrem wichtig, um die Handlung zu enthüllen und dem Thriller Spannung zu verleihen. Schließlich spielte auch die künstlerische Leitung eine wichtige Rolle, um schnell zu verstehen, was für ein Typ der Hauptcharakter ist.

Béatrice, du übernimmst eine Doppelrolle. Wie war es gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu sein?

Regisseurin und Hauptdarstellerin Béatrice Blais auf dem 26. LAKFF

Es war super dynamisch und auch sehr anregend, sowohl als Schauspielerin als auch als Co-Regisseurin. Pierre-Luc übernahm den Großteil der Regiearbeit, aber wenn ich gerade nicht spielte, habe ich die Schauspielerinnen und Schauspieler angeleitet, über die Einstellungen gesprochen und Ideen ausgetauscht, denn letztendlich ist es das gemeinsame Projekt von mir und Pierre-Luc. Wir hatten eine ganz klare Vorstellung davon, was wir wollten, aber wenn ich vor der Kamera stand, konzentrierte ich mich voll und ganz darauf, die Figur so gut wie möglich zu spielen und mich in die Rolle zu versetzen. Pierre-Luc hat mir fantastische Anweisungen gegeben, aber da ich das Projekt in- und auswendig kannte, fiel es mir leichter, die Figur dahin zu bringen, wo wir sie haben wollten. Es war fantastisch, bei diesem Dreh mehr als nur eine Rolle zu übernehmen; das hat mir bestätigt, dass mich sowohl das Regieführen als auch das Schauspielern gleichermaßen reizen.

Worauf habt ihr beim restlichen Cast Wert gelegt?

Benjamin Déziel

Bei den anderen Darstellerinnen haben wir auf Authentizität und eine natürliche Darstellung geachtet. Wir wollten mit unseren Freunden zusammenarbeiten, daher sind alle Schauspielerinnen und sogar der Wrestler Freunde von uns. Der einzige, den wir nicht kannten und für den wir ein Casting veranstaltet haben, war die Rolle des Kevin. Wir suchten nach einem Typen, der aussieht wie dein Freund, dein Bruder oder dein Kollege – also einfach jemand, der locker und sympathisch wirkt. Außerdem wollten wir, als wir unseren Darsteller für Kevin auswählten, jemanden, mit dem Béatrice Spaß haben und sich am Set wohlfühlen würde, angesichts der Intimität, die die beiden teilen. Benjamin war perfekt und das Gegenteil von Kevin: Ein absoluter Frauenfreund und ein unglaublich fürsorglicher und lustiger Schauspielkollege.

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von euch erzählen und wie ihr zum Film gekommen seid?

Béatrice Blais

Béatrice ist Autorin und Schauspielerin und hatte gerade ihr Studium am INIS (Institut National de l’Image et du Son) abgeschlossen, wo sie Drehbuchschreiben studiert hatte, als sie Pierre-Luc kennenlernte. Da sie zudem einen Hintergrund in Frauenstudien und Stand-up-Comedy hat, sprachen sie die Themen des Films sofort an. Wir trafen uns zum ersten Mal am Set einer Comedy-Sketch-Dreharbeit und stellten schnell fest, dass wir eine ähnliche kreative Sensibilität teilten.

Pierre-Luc ist ein in Québec ansässiger Regisseur, der sich auf visuelle Effekte, Schnitt und Genrefilme spezialisiert hat. Er hat an großen Fernsehproduktionen, Comedy-Shows und Preisverleihungen mitgearbeitet und dabei einen starken visuellen Stil entwickelt, der auf ambitioniertem Low-Budget-Filmemachen basiert. „Last Night Stand“ entstand auch aus dem Wunsch heraus, eindrucksvolle, emotionsgeladene Bilder zu schaffen und durch intimes Storytelling und Körpertransformation eine innovative Filmsprache zu erforschen.

Sind bereits neue Projekte – allein oder gemeinsam – geplant?

Wir arbeiten derzeit beide an verschiedenen Projekten. Béatrice arbeitet an ihrem nächsten Kurzfilm mit einem Regisseur, den sie auf einem Festival kennengelernt hat, auf dem „Last Night Stand“ gezeigt wurde. Außerdem entwickelt sie eine Miniserie und ist weiterhin als Schauspielerin tätig.

Pierre-Luc schreibt derzeit an mehreren Projekten, und gemeinsam arbeiten wir an einer Spielfilmadaption von „Last Night Stand“.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Last Night Stand“


Interview: In our conversation with the two Canadian filmmakers, Pierre-Luc Gosselin and Béatrice Blais, we learned more about their acclaimed genre short film “Last Night Stand,” which was screened as part of the “Shock Block” program at the 26th Landshut Short Film Festival in 2026. They talk about how they collaborated on the film, how the effects were created, and what was important to them visually.

How did the idea for your short film come about?

It was actually Pierre-Luc’s idea. Since Pierre-Luc is really agile with VFX, he wanted to do some morphing, but also create a character who’s a female shapeshifter and has a vendetta, a bit like Promising Young Woman, by Emerald Fenell. When he came to me with the idea, I immediately said yess, because it isn’t hard to dig into my personal experience as a woman to come up with a story filled with micro-agressions and toxic masculinity.

Did you consider ending the film on an even darker note?

We considered many avenues, but we thought it was too easy to end on something violent, because we feel like nowadays, violence is everywhere in our screens, and the message would be more powerful to just mentally traumatize our character. Still, we could have gone any avenue since we have these really powerful tools of VFX, so of course, we thought about monsters, creatures and darker endings.

Pierre-Luc, can you tell me more about the VFX?

The visual effects in Last Night Stand were created primarily in Adobe After Effects, using a very precise approach designed to preserve the actors’ performances at all times. For me, an effect has to completely flow within the scene. If the audience notices it, it breaks the moment. Everything was built around seamless, invisible integration.

The transformations were constructed from real footage, linking starting and ending shots through frame by frame morphing. This allowed me to control every micro transition and maintain continuity in both performance and emotion.

I also used a mobile face retouching app, repurposed from its original use, applying it frame by frame at 24 frames per second. This technique made it possible to create very subtle, progressive changes, for example altering age, facial features or body shape, while keeping a realistic base. Some actresses were aged up or down by roughly twenty years depending on the narrative needs.

The film relies heavily on a mix of practical and digital effects. We worked with different actresses, later blended together through morphing, and also used physical elements such as latex prosthetics, including drag style breast forms, which provided a tangible base on camera before being refined in post production.

A significant part of the work is invisible. Cleanup, removal of technical elements, and subtle adjustments were done to ensure continuity, including the removal of modesty garments used during filming. These effects are not meant to be seen, but to support the overall realism and keep the audience fully immersed.

While some of these techniques may resemble tools now associated with AI, the film was created before those became widely accessible. The process is largely manual, which allowed me to maintain full control over the aesthetic and, most importantly, never compromise the performances on screen.

What else was important to you visually for your intimate drama?

We believe that something so intimate and so sensitive is easier to be told in a fantasy/thriller drama and that the VFX were a good way to talk about subjects that are not so easy to address. Visually, we also wanted to have some frontal nudity, because those topics are raw. A sexual assault is un-censured, it’s raw and it’s traumatazing. So that was the idea with keeping the nudity as it is. Béatrice even wanted to go further to show more nudity, but we felt that the message could be diluted with too much nudity. The cinematography was also important, as it is in every films. For ours, the camera movements and the frame, are super important to reveal, and add intrigue to the thriller. Finally, the art direction played an important role too, to understand quickly what type of guy the main character is.

Béatrice, you’re playing a dual role. What was it like to be both in front of and behind the camera at the same time?

It was super dynamic and also very stimulating, as an actor and a co-director. Pierre-Luc was doing most of the job as a director, but when I wasn’t acting, I was also directing the actors and actresses, talking about the shots, bouncing ideas, because at the end, it’s me an Piere-Luc’s baby. We had a really clear vision of what we wanted, but, when I was in front of the camera, all my focus was on playing the character as best as I could, and immersing myself in the role. Pierre-Luc was fantastic at giving me directions, but again, since I knew the project by heart, it was easier for me to bring the character where we wanted. It was fantastic to be wearing more than one hat on this shoot, it was the confirmation that both directing and acting attracted me equally.

What did you look for in the rest of the cast?

For the other girls, we were looking for authenticity and a natural performance. We wanted to work with our friends, so all the actresses and even the wrestler, are friends. The only one we didn’t know and did a casting call for, was the character of Kevin. We were looking for a guy that looks like your friend, your brother, your co-worker, so just a casual and friendly looking-type. Also, when we picked our actor for Kevin, we wanted someone Béatrice would have fun with, and be comfortable on set, considering all the intimacy they both share. Benjamin was perfect, and the opposite of Kevin ; super pro-feminist and an amazing caring and funny co-actor.

Can you tell me a little more about yourselves and how you got involved in the film?

Béatrice is a writer and actress who had just graduated from l’INIS, where she studied screenwriting, when she met Pierre-Luc. She also has a background in feminist studies and stand-up comedy, so the themes of the film immediately resonated with her. We first met on the set of a comedy sketch shoot and quickly realized we shared a similar creative sensibility.

Pierre-Luc is a Québec-based director specializing in visual effects, editing and genre filmmaking. He has worked on major television productions, comedy shows and award ceremonies while developing a strong visual style built around ambitious low-budget filmmaking. Last Night Stand was also born from a desire to create striking, emotionally charged imagery and explore innovative cinematic language through intimate storytelling and body transformation

Are there any new projects – solo or collaborative – already in the works?

We’re both currently developing different projects. Béatrice is working on her next short film with a director she met at a festival where Last Night Stand was screening. She’s also developing a mini-series while continuing to work as an actress.

Pierre-Luc is currently writing several projects, and together we are developing a feature film adaptation of Last Night Stand.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Last Night Stand“

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