„Promising Young Woman“ (2020)

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Filmkritik: Der Spielfilm „Promising Young Woman“ ist das Regiedebüt der amerikanischen Schauspielerin Emerald Fennell und war der ungewöhnlichste Oscarbeitrag in diesem Jahr. Er war in fünf Kategorien nominiert und konnte schlussendlich den Oscar für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ für seine gelungene, bis ins letzte Detail durchdachte und sich in kein Genre pressende Story mit nach Hause nehmen.

Tagsüber lebt Cassie (Carey Mulligan) noch bei ihren Eltern zu Hause und geht ihrer Arbeit im Coffee Shop nach. Doch fast jeden Abend zieht sie in die Bars und Clubs, tut so als ob sie äußerst betrunken ist und wartet darauf, dass ein Mann ihr hilft nach Hause zu kommen. Aber jeder dieser Gentlemen entpuppt sich schnell als ein Mann, der die junge, scheinbar wehrlose Frau ausnutzen will. Doch da haben sie nicht mit Cassie gerechnet. Hinter ihren Taten steckt das Ziel einer großangelegten Rache für eine Missbrauchsgeschichte aus der Vergangenheit, von dem sie sich auch nicht abbringen lässt, selbst als sie mit Ryan (Bo Burnham) ihr Glück in der Liebe zu finden scheint.

Merie Weismiller Wallace; SMPSP

Carey Mulligan und  Bo Burnham

Der 108-minütige Spielfilm erzählt in seinem Kern eine Revenge-Geschichte, aber anders als die klassische Rachegeschichte wegen Missbrauchs- und Vergewaltigungsfällen geht es hier nicht vordergründig darum die Menschen, welche ihr Leid zugefügt haben, leiden zu lassen. Denn in der Geschichte geht es um viel mehr. Es sticht zielgerichtet in eine gesellschaftliche Wunde, in der solche Übergriffe immer noch gesellschaftsfähig sind und von einem ganzen System von Wegschauen, Anfeuern und fadenscheinigen Entschuldigungen getragen werden. Das deckt nun die Hauptheldin im Film „Promising Young Woman“ auf. Geschrieben hat das kluge Drehbuch Emerald Fennell (*1985), die bisher nur einen Kurzfilm („Careful How You Go“ (2018)) als Regisseurin realisiert hat und vorher vor allem als Schauspielerin u.a. in „Killing Eve“ arbeitete. Hier in ihrem Spielfilmdebüt gelingt ihr ein wunderbares Spiel mit Genres und bekannten Elementen und sie schafft es diese immer wieder zu brechen. So werden Handlungen im Unklaren gelassen, ein Love Interest eingeführt und immer wieder schlägt der Film Haken. Für dieses durch und durch spannungsgeladene und einfallsreiche Drehbuch wurde die zu dem Zeitpunkt hochschwangere Regisseurin mit dem Oscar für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ ausgezeichnet.

Courtesy of Focus Features

Carey Mulligan

Neben dem äußerst gelungenen Drehbuch überzeugt der Film auch mit seiner Um- und Besetzung. Mit vielen Referenzen auf die Anfänge des Jahrtausends wird Cassies Welt eingefangen. Sie selbst sieht man meist im klassischen Girlie-Look, der nicht mehr so hundertprozentig zu dem Alter der Protagonistin passen will. Sie verbringt ihren Alltag vor allem im Coffee Shop, in dem sie arbeitet. Abends verwandelt sie sich gekonnt in die unterschiedlichsten Formen der betrunkenen Frau, ob nun in Business Schick oder im sehr aufreizenden Look. Diese Weltwechsel mit ihrer Gegensätzlichkeit tragen genauso zur Wirkung bei, wie der poppige Soundtrack mit Klassikern bei. Aber natürlich würde das nicht funktionieren ohne den grandiosen Cast. Allen voran Carey Mulligan („An Education“ (2009)), die Cassie mit einer enormen Stärke spielt und deren Berechenbarkeit trotzdem nicht abschreckt sodass die ZuschauerInnen sich zwangsläufig auf ihre Seite stellen. Auch Bo Burnham („Inside“) ist als Love Interest und Gag-Lieferant hervorragend besetzt, so dass auch hier ein plötzlicher Wandel die richtige Wirkung beim Publikum erzielt. Hinzu kommt ein perfekt zusammengestellter Nebencast, u.a. mit Laverne Cox („Orange is the New Black“) als Coffee Shop Besitzerin, Connie Britton („Chaos City“ (1996-2001), „American Horror Story“ (2011, 2018)) als Direktorin, die nichts gewusst haben wollte, und Max Greenfield („New Girl“ (2012-2018), „The Assassination of Gianni Versace“ (2018)), das eigentliche Ziel Cassies. Durch und durch macht dieser Film sehr viel richtig, überzeugt als abgewandelte Rachegeschichte, überrascht mit Ton-, Genre- und Stimmungswechseln und begeistert mit seiner Umsetzung. Es ist wunderbar, dass diese Art Film, welche normalerweise kein Standard-Oscarkandidat ist, mit fünf Nominierungen bedacht wurde.

Merie Weismiller Wallace; SMPSP

Carey Mulligan und Sam Richardson

Fazit: „Promising Young Woman“ ist ein klug inszenierter und durchdachter Film, der mit Genren genauso wie mit Stilelementen spielt. Die Regisseurin Emerald Fennell, welche auch das Drehbuch schrieb, verbindet klug ein Revenge-Drama mit anderen Versatzstücken und schlägt so immer wieder überraschende Haken. Hochkarätig besetzt und perfekt in bunter Pop-Atmosphäre inszeniert ist der Film gelungene Kinounterhaltung, welche aber zugleich wichtige Themen anspricht.

Bewertung: 8/10

Kinostart: 10. Juni 2021 / DVD-Start: noch unbekannt

Trailer zum Film „Promising Young Woman“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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