93. Verleihung der Academy Awards of Merit 2021

Oscar-Bericht: In diesem Jahr sah auch die 93. Oscarverleihung ganz anders aus als die Jahrzehnte zuvor. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde sie nicht nur zeitlich verschoben (auf den 25. März), sondern auch in die Union Station verlegt, mit weniger Gästen und reduziertem Veranstaltungsprogramm. In diesem Jahr, inszeniert u.a. von Steven Soderbergh, standen die Auszeichnung und die Dankesreden, welche zeitlich nicht begrenzt wurden, aber emotional sein sollten, im Vordergrund.

Der große Gewinner des Abends war der amerikanische Spielfilm „Nomadland“, der auch bereits bei den Golden Globes zwei Preise gewinnen konnte. Bei der Oscarverleihung erhielt er nicht nur den Preis für den ‚Besten Film‘, sondern auch für Frances McDormand als ‚Beste Hauptdarstellerin‘, welche diese Trophäe bereits für „Fargo“ (1996) und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017) gewonnen hat, sowie für die ‚Beste Regie‘. Die ausgezeichnete Regisseurin Chloé Zhao ist die erste Woman of Color, die diese Auszeichnung erhielt und in der 91-jährigen Geschichte der Oscars erst die zweite Frau (nach Kathryn Bigelow 2010 für „The Hurt Locker“) welche überhaupt diesen Oscar erhielt.

Die Reihenfolge der Preisvergaben wurden in diesem Jahr verändert. Am Schluss wurde nicht wie üblich der Beste Film gekürt, sondern es endete mit der Verleihung des Oscars für den Besten Hauptdarsteller. Vermutlich wurde hier darauf gesetzt, dass der verstorbene Chadwick Boseman („Black Panther“ (2018)) den Preis für seine Rolle in „Ma Rainey’s Black Bottom“ erhält. Doch der Film konnte sich nur in den Kategorien ‚Bestes Makeup‘, in der auch hier zum ersten Mal eine Woman of Color ausgezeichnet wurde, und ‚Bestes Kostüm‘ sich gegen die starke Konkurrenz wie „Emma“ durchsetzen. Als ‚Bester Hauptdarsteller‘ wurde überraschenderweise, aber verdientermaßen Anthony Hopkins für seine Darstellung eines Demenzkranken in „The Father“ ausgezeichnet. Der Film erhielt zudem noch die Trophäe für das ‚Beste Adaptierte Drehbuch‘ – das Kammerspiel beruht auf einer Geschichte von Philippe Le Guay.

Auch bei der Verleihung der Preisen für die ‚Beste NebendarstellerInnen‘ war die Oscarverleihung in diesem Jahr breiter aufgestellt. Yoon Yeo-jeong gewann den Oscar für die ‚Beste Nebendarstellerin‘ für ihre Rolle als resolute Oma in dem Film „Minari“, der zwar in sechs Kategorien nominiert war, aber nur diese eine Trophäe mit nach Hause nehmen konnte. Die koreanische Darstellerin hielt die amüsanteste Rede des Abends und konnte so sogar das Wolfsgeheul von Frances McDormand, beim Gewinn des Oscars für den ‚Besten Film‘ überbieten. Als ‚Bester Nebendarsteller‘ wurde Daniel Kaluuya, der bereits 2018 für „Get Out“ als ‚Bester Hauptdarsteller‘ nominiert war, für den Film „Judas and the Black Messiah“ ausgezeichnet. Der Film erhielt zudem noch den Preis für den ‚Besten Song‘ – „Fight for You“ von H.E.R. und D’Mile, der im Abspann zu hören ist und stach damit leider den eigentlich besten Song – „Husavik“ von Savan Kotecha, Fat Max Gsus und Rickard Göransson aus dem Film „Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ aus.

Bei der Verleihung kam vieles anders, als man es erwartet hätte. Der Film „The Trial of the Chicago 7“ von Aaron Sorkin ging trotz sechs Nominierungen leer aus. David Finchers Hollywoodfilm „Mank“ konnte nur in der Kategorie ‚Beste Kamera‘ (Eric Messerschmidt) und ‚Bestes Szenenbild‘ die Konkurrenz ausstechen. Dafür bekamen Filme, die man selbst favorisierte aber nicht unbedingt glaubte, verdiente Preise zugesprochen. So erhielt die Regisseurin und Drehbuchschreiberin Emerald Fennell den Oscar für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ für ihren Film „Promising Young Woman“ und der großartige ‚Sound of Metal‘, bei dem auch die Darsteller die Trophäen verdient hätten, die Oscars für ‚Bester Schnitt‘ und ‚Bester Ton‘, der in diesem Jahr zum ersten Mal in einer Kategorie zusammengelegt wurde.

Bei den Animationsfilmen gewann nicht überraschend der 23. Pixarfilm „Soul“ die begehrte Trophäe für den ‚Besten Animationsfilm‘ und erhielt zudem noch die Auszeichnung für die ‚Beste Musik‘ für die Musiker Trent Reznor, Atticus Ross (Band ‚Nine Inch Nail‘) und Jon Batiste, der eine wunderbar freudige Rede zum Besten gab. Auch der Preis für den ‚Besten Internationalen Film‘ ging wie erwartet (trotz starker Konkurrenz von u.a. „Better Days“) an den dänischen Film „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg, der aufgrund eines Todesfalls in der Familie eine besonders emotionale Rede hielt. Auch der Actioner „Tenet“ von Christopher Nolan wurde in der richtigen Kategorie – ‚Besten Spezialeffekte‘ – ausgezeichnet. Als ‚Bester Dokumentarfilm‘ wurde ganz unerwartet der Tierfilm „Mein Lehrer, der Krake“ von Pippa Ehrlich, James Reed und Craig Foster ausgezeichnet und besiegte so Dokus mit größeren gesellschaftlicher Relevanz wie „Sommer der Krüppelbewegung“, welches von den Obamas mitproduziert wurde.   

Reese Witherspoon hielt eine knackige Rede auf die Wichtigkeit von Kurzfilmen und wie sie alle am Anfang einer Karriere stehen. Ausgezeichnet wurde „If anything happens, I love you“ als ‚Bester animierter Kurzfilm‘ und setzte sich durch gegen starke künstlerische Beiträge, wie „Burrow“, „Opera“ (2020) von Erick Oh und „Genius Loci“ von Adrien Mérigeau, der im letzten Jahr den Goldenen Bären bei den Berlinale Shorts gewann. Als ‚Bester Kurzfilm‘ wurde der Film „Two Distant Strangers“, der das Zeitschleifen-Prinzip wunderbar mit einem aktuellen Thema verbindet, geehrt. Er auch er hatte starke Konkurrenz von Filmen wie „Feeling Through“ und den mit Oscar Isaac prominent besetzten „The Letter Room“. Auch unter den Kurz-Dokus gab es viele interessante Beiträge zu entdecken. „Do not split“ lässt die ZuschauerInnen an der Hongkonger Protestbewegung teilnehmen und „A Lovesong for Latasha“ erzählt eine berührende Geschichte über eines junges Mädchen, das durch Alltagsrassismus zu Tode kam. Gewonnen hat der US-amerikanische Kurzfilm „Colette“, der sehr emotional von der ehemaligen Widerstandskämpfer Colette erzählt und sie zusammen mit einer jungen Historikerin ins KZ führt, wo ihr Mann gestorben ist. 

Fazit: Corona-bedingt war die 93. Oscarverleihung eine ganz andere, stark reduzierte und mehr auf die Awards konzentrierte Verleihung. Dabei überzeugte die Wahl der Filme und GewinnerInnen, obwohl es ein schwieriges Kinojahr war. Alle vergebenen Preisen fühlen sich dabei richtig an, auch wenn natürlich hier und da der eigene Favorit mehr Trophäen hätte gewinnen können. Spannend ist auch der Blick aufs nächste Jahr – ob sich die reduzierte Festlichkeit vielleicht beibehalten wird oder ob wir die Oscars 2022 wieder in ihrer alten Farbenpracht leuchten sehen werden?

geschrieben von Doreen Matthei

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