„Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (2008)

2010 / 82. Oscarverleihung / 9 Nominierungen / 6 Auszeichnungen

Filmkritik: Auf der 82. Oscarverleihung wurde zum ersten Mal eine Regisseurin mit dem Oscar für die ‚Beste Regie‘ bedacht, doch der Film, den Kathryn Bigelow schuf, ist durch und durch ein Männerfilm. „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (OT: „The Hurt Locker“, USA, 2008) wurde für neun Oscars nominiert, konnte sechs der begehrten Trophäen gewinnen u.a. auch den Preis für den ‚Besten Film‘ und setzte sich gegen neun Konkurrenten durch u.a. „Inglourious Basterds“, „Oben“ und „District 9“. Denn just in diesem Jahr hatte man sich nicht nur dafür entschiedenen zur alten Ankündigungsformel „And the Winner is…“ zurückzukehren, sondern auch die Anzahl der Nominierungen in den wichtigsten Kategorien auf zehn zu erhöhen, um auch kleineren Produktionen und Animationsfilmen die Chance zu geben, hier nominiert zu werden. Der große Favorit des Abends war aber der Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ von Bigelows Ex-Mann James Cameron, der überraschenderweise zwar drei Oscars gewann, aber nicht für den ‚Besten Film’. Im Vorfeld hatte Nicolas Chartier, einer der Produzenten von „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“, mit einer E-Mail Stimmung gegen „Avatar“ gemacht und wurde deswegen von der Verleihung ausgeschlossen, doch als das Produzententeam den Oscar erhielt, wurde er natürlich in der Rede erwähnt. So geht dieses Jahr vor allem als das Jahr in die Oscar-Geschichte ein, in dem ein kleiner Antikriegsfilm einen großen Blockbuster geschlagen hat.               

Irak, 2004: Sergeant Thompson (Guy Pearce) führt ein Team der Explosive Ordnance Disposal (EOD) an, die für die Bombenräumung zuständig ist. Doch bei dem letzten Einsatz verliert die Truppe ihren Sergeant. William James (Jeremy Renner) übernimmt die Aufgabe, doch durch seine ruppige und egoistische Art und Vorgehensweise, verliert das Team, u.a. Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) und Specialist Eldridge (Brian Geraghty), das Vertrauen in ihren neuen Boss, der sie immer wieder in zu waghalsige Situationen manövriert. 

Filme über Kriege sind nichts Neues aus Hollywood nicht nur in der Filmgeschichte selbst, sondern auch bei der Verleihung des ‚Besten Film’-Oscars wurde diese berücksichtigt, u.a. Filme wie „Mrs. Miniver“ (1942) und „Platoon“ (1986). Bigelows Kriegsdrama „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ stellt einen Höhepunkt der damals aktuellen Filmwelle über den Krieg in Irak dar. Nie zuvor griff Hollywood so oft und vehement die Regierung und den ungewollten Krieg mit seinen Filmen an. Fast alle davon, u.a. „Redacted“ (2009) von Brian De Palma und „Grace is Gone“ (2007) von James C. Strouse, waren Kassengifte. Aber auch wenn das Reizwort Irak vermieden wurde und so die Handlung in ein anderes Land verlegt wurde, wie z.B. bei „Syriana“ (2005) und „Im Tal von Elah“ (2007), brachte es kein Geld in die Kinokassen. Ungeachtet dessen wurden weiterhin Filme diese Art als Ausdruck des Widerstands produziert und das war absolut neu in der Filmgeschichte, denn die Filme entstanden nicht als historischer Rückblick oder als Propaganda-Werk, sondern als massive Kritik.

In diese Geschichte reiht sich der 131-minütige Spielfilm „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ der Regisseurin Kathryn Bigelow ein. Das Drehbuch stammt dabei von Mark Boal (*1973). Er selbst war als embedded journalist (ein Kriegsberichterstatter, der fest einer Truppe zugewiesen ist) mit amerikanischen GIs im Irakkrieg. Sein Ziel war es, die erste Geschichte des Irakkriegs aus der Sicht von einfachen Soldaten zu erzählen. Die Story basiert zudem auf kürzlich freigegebenen Informationen über eine EOD-Truppe, welche die Stadt Bagdad von Minen etc. befreien sollte. Trotzdem und obwohl eigene Erfahrungen mit einfließen, handelte es sich um ein rein fiktives Buch. Kurz vor der Oscarverleihung meldete sich aber Jeffrey Sarver, ehemaliger Warrant Officer der United States Army, zu Wort, der meinte, seine eigene Geschichte darin wiederzuerkennen. Die Klage wurde abgewiesen. Trotz des fiktiven Charakters war für Mark Boal und auch für die Regisseurin eine authentische Kriegsschilderung das Wichtigste. Äußerst lebensnah sind dabei die Sprache der Soldaten, die Locations und die Details. Nur der Fakt, dass die Armee einen Sergeant, der alle in Gefahr bringt, tolerieren würde, ist mehr als unwahrscheinlich. Die Figur des Sergeant James wurde eingesetzt um die verschiedenen Gefühle der Soldaten und den routinierten Umgang mit Gefahren einzufangen und nebenbei noch zu erklären, warum Krieg für manche zu einer Art Droge werden kann. Dabei schaffen sie es, Klischees, die sich bereits damals etabliert hatten, zu vermeiden. So finden wir hier keinen bösartigen Washingtoner Politiker oder einen traumatisierten GI, der zurück in den Krieg geschickt wird. Für dieses Drehbuch wurde Mark Boal mit seinem ersten Oscar für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ ausgezeichnet. Kathryn Bigelow bekam mit diesem Film die Chance ihren eigenen Film über den sogenannten ‚Guten Krieg‘ zu machen, in dieser Kategorie changieren so unterschiedliche Filme wie „Avatar“ (2009), „Inglourious Basterds“ (2009) und „District 9“ (2009). „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ ist ein starkes, politisches Drama, das einen echten Blick auf die Geschehnisse verlangt und umsetzt.  

links: Jeremy Renner

Die Dreharbeiten zu dem Film fanden vor allem in Jordanien statt. Ursprünglich sollte auch auf einer Militärbasis in Kuwait gedreht werden, aber dort wurde ihnen der Zugang verwehrt. Die restlichen Szenen wurden in Vancouver, Kanada, gedreht. Für die Produktion hatte der Film ein geringes Budget von 11 Millionen Dollar. Kein Wunder war es doch das erste Projekt Bigelows, nachdem „K-19 – Showdown in der Tiefe“ (2002) an den Kinokassen gefloppt war. Die Dreharbeiten in Jordanien verliefen nahezu reibungslos. Security wurde wider Erwarten nicht benötigt. Einzig das Wetter machte zu schaffen. Eine Woche extremer Hitze setzte dem Team so zu, dass der Kameramann Barry Ackroyd einen Hitzschlag erlitt. Doch trotz dessen bestand Jeremy Renner darauf, die Szenen im Bombenschutzanzug, in dem standardmäßig fast 40 Grad herrschen, selber zu spielen. So sieht man wirklich immer den Schauspieler, wenn man diese Szenen sieht. Gedreht wurde der Film von vier Kamerateams. Dabei verwendeten sie vor allem 16mm Film, denn das erlaubte ihnen eine größere Beweglichkeit, was wiederum in natürlicheren Aufnahmen resultierte. Nur für die Zeitlupenaufnahmen entschied man sich für eine digitale Variante. Im Gesamten wurde auch hier viel Wert auf authentische Bilder gelegt, so dass sie teilweise an Überwachstechnologien oder Fernsehberichterstattungen erinnern. So unterstützen die Optik, der Sound und auch die ungeschliffenen Dialoge die Wirkung des Films. Das trotzdem ein wenig Langeweile aufkommt, liegt an der Zerfasertheit der Geschichte und den Figuren, deren Schicksal dem Zuschauer irgendwie nicht nahe geht. Doch die Umsetzung der Geschichte ist gelungen und untermalt das Anliegen. So verwundert es nicht, dass er dafür auch drei Oscars in den Kategorien ‚Bester Schnitt‘ (Chris Innis, Bob Murawski), ‚Bester Ton‘ (Paul N.J. Ottosson, Ray Beckett) und ‚Bester Tonschnitt‘ (Paul N.J. Ottosson) gewinnen konnte.

Jeremy Renner

Wenn man sich das Œuvre der Regisseurin Kathryn Bigelow (*1951) anschaut, fällt auf, dass sie schon immer eine Schwäche für sogenannte Männerfilme hatte. Ihre Karriere begann klassisch mit einer Universitätsausbildung in Film, 1981 erschien mit „Die Lieblosen“ (OT: „The Loveless“) ihr Langfilmdebüt. Es folgten Filme wie „Blue Steel“ (1990), „Gefährliche Brandung“ (1991) und „Strange Days“ (1995). Ihren großen Erfolg feierte sie aber erst mit „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“, der ihr gleich zwei Oscars als Regisseurin und Produzentin einbrachte. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Mark Boal wiederholte sich noch beim Film „Zero Dark Thirty“ (2012), der ihr ebenfalls viele Preise bescherte. Der 2008 verliehene Regie-Oscar war der erste Oscar in dieser Kategorie den eine Frau erhielt. Ursprünglich sollte James Cameron die Regie übernehmen, aber er schlug seiner Exfrau den Film vor, denn er passte perfekt zu ihr. Als eine der wenigen Action-Regisseurinnen hatte sie sich schon mit Genregeschichten, in deren Zentrum oft eine Art Sucht steht, beschäftigt. Auch „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ handelt von einer süchtigen Person. Ihre Geschichte ist dabei angereichert mit Gewalt und Action, wie man es von ihr erwarten würde. Sie sticht dabei nicht besonders unter den Regisseuren heraus, sie ist eben einer der Jungs. Dadurch kann man sich die Frage stellen, ob sie mit einem explizit weiblicheren Film die Ehre des Oscargewinns erhalten hätte oder ob genau das Männliche des Films hier dabei geholfen hat. Bis heute wurde keine weitere Frau mit dieser Auszeichnung bedacht, so wurde in diesem Jahr (92. Oscars) beispielsweise Greta Gerwig für ihren Film „Little Women“ nicht einmal mit einer Nominierung bedacht.   

Jeremy Renner

Zwar kann der Film mit bekannten Gesichtern bei den Darstellern aufwarten und machte Jeremy Renner bereit für seine Leinwandkarriere, aber trotzdem kann „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ nicht als großes Schauspielerkino eingestuft werden, so dass abgesehen von Jeremy Renner, der als ‚Bester Hauptdarsteller‘ nominiert war, auch niemand mit einer Oscarnominierung bedacht wurde. Darsteller wie Ralph Fiennes („James Bond 007 – Spectre“ (2015)) und Guy Pearce („Iron Man 3“ (2013), „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (2018)) kommen höchstens auf zehn Minuten Leinwandzeit. Dem Film ging es um den einfachen Soldaten und so spielt sich auch keiner aus der Truppe hervor, u.a. sieht man Anthony Mackie („Million Dollar Baby“ (2004), „Triple 9“ (2015)) in einer Rolle. Jeremy Renners Part sticht dabei durch die Andersartigkeit hervor. Er spielt einen Soldaten, der sich ein Leben ohne Krieg und Wagnisse nicht mehr vorstellen kann. Um seine Figur entspinnen sich die Konflikte und wird die Spannung aufgebaut. Der 1971 in Kalifornien geborene Darsteller spielt ihn dabei authentisch und fast unauffällig, denn äußerlich ist er nur einer von vielen Soldaten. Dieser Film brachte seine Karriere richtig in Schwung, welche 1995 mit „Die Chaos-Clique auf Klassenfahrt“ startete. Größere Aufmerksamkeit bekam er danach durch die Filme „Dahmer“ (2002) und „28 Weeks Later“ (2007). Bigelows Film brachte ihm die erste von bisher zwei Oscarnominierungen ein und öffnete ihm die Türen, spätestens mit seiner Rolle als Hawkeye in den „Avenger“-Filmen weiß man, wer Jeremy Renner ist. Hier bei „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ beweist er durch sein ambivalentes Spiel, dass auch ein Held ein Verrückter sein kann. Er schafft es aber nicht, die Spannung komplett aufrecht zu halten, denn seine Figur besitzt etwas Unnahbares, was das Skript von Boal und die Inszenierung von Bigelow auch nicht aufwiegen können. So bleibt „The Hurt Locker“ ein stringenter Irak-Film, der auf Authentizität und wahre Schilderungen aus ist, es dabei aber nicht schafft alle Zuschauer abzuholen. So spricht er vor allem Fans von realistische Kriegsdramen an.

Nach seinen gefeierten Premieren in Venedig und Toronto wurde der Film erst ein Jahr später in die Kinos gebracht. Dort spielte er sieben Millionen Dollar ein, was für einen amerikanische Produktion nicht viel ist, aber für einen Film über den Krieg im Irak beachtlich. Im Gesamten verkaufte er sich nicht besonders gut an den Kinokassen, was man immer auf einen gewissen Überdruss an diesem Thema, welches ein fester Bestandteil in allen Nachrichten ist, zurückführen kann. So ist er der Film mit dem kleinsten Einspielergebnis unter den Gewinnern des ‚Bester Film’-Oscars. Doch die Kritiken liebten den Film. So gewann er nicht nur sechs Oscars, sondern auch fünf BAFTA-Awards und vier Preise in Venedig. Bis heute gehört er zu den sehenswerten, Irak-kritischen Filmen, welche den Krieg in ihren Kern erfassen und gehört in dem Genre des Antikriegsfilme zu den Must-Sees. 

Jeremy Renner

Fazit: Das amerikanische Kriegsdrama „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ ist einer von vielen Filmen in der Zeit, die sich mit dem Irakkrieg beschäftigten. Obwohl diese Filme als allgemeines Kassengift gelten, entschieden sich die Regisseurin Kathryn Bigelow und der Drehbuchautor Mark Boal eine Geschichte des einfachen Soldaten aus diesem ungewollten Krieg zu erzählen. Dabei legten sie viel Wert auf Authentizität, was sich vor allem in Dialogen, Ausgestaltung und im Habitus widerspiegelt. Sie sind dem Actiongenre aber trotzdem treu geblieben und bieten dem geneigten Zuschauer dreckige Kriegsaction. Vom Publikum wurde der Film überraschend gut angekommen, aber vor allem wurde er von den Kritikern verehrt. So gewann der Film auf der 82. Oscarverleihung auch sechs Oscars, u.a. für den ‚Besten Film‘, zudem wurde zum ersten Mal eine Regisseurin ausgezeichnet und sicherte sich spätestens so ihren Platz in der Filmgeschichte.

Bewertung: 7/10

Trailer zum Film „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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