92. Oscars (2020)

9. Februar 2020 / Dolby Theatre / Los Angeles

Oscar-Rückblick: Die 92. Verleihung der Academy Awards of Merit fand in diesem Jahr ungewöhnlich früh in der ersten Jahreshälfte statt. Am 9. Februar 2020 wurden im Dolby Theatre in Los Angeles in 19 Kategorien Oscars vergeben. Dabei blieben sie hier dem moderationsfreien Konzept des letzten Jahres treu und fanden einen Weg, diese Lücke zu schließen. Der so gestrafften Veranstaltung fehlte es dadurch zwar weiterhin etwas an Charme, aber sie bestach durch die hervorragende Auswahl an Filmen und vor allem überraschte sie mit „Parasite“ als großen Gewinner des Abends.

Bong Joon-ho © Getty Images

Der südkoreanische Spielfilm „Parasite“ des international bereits bekannten Regisseur Bong Joon-ho, der Filme wie „Memories of the Murder“ (2003), „The Host“ (2006) und „Okja“ (2017) verwirklicht hatte, war der klare Favorit für den Auslands-Oscar, der seit diesem Jahr den neuen Namen ‚Bester Internationaler Film‘ trägt. Weltweit konnte er Kritiker und Zuschauer begeistern, so dass er diesen Preis dann auch gewann. Zudem schien er die perfekte Wahl für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ zu sein, da er es schafft, mehrere Geschichten und die Genre Horror und Sozialdrama miteinander auf leichtfüßige Art und Weise zu verbinden. Als er diese Trophäe dann wirklich erhielt, konnte man nicht ahnen, dass sowohl der Regisseur Bong Joon-ho selbst als auch der Film selbst als ‚Bester Film‘ ausgezeichnet werden. Das ist ein Novum in der Oscar-Geschichte und könnte den Wandel zu einer offeneren, nicht nur auf den amerikanischen Markt gerichteten Entwicklung hindeuten.

Joaquin Phoenix © Getty Images

Bei den Darstellerpreisen gab es in diesem Jahr keine großen Überraschungen. Durch die Golden Globes und andere Preise wirkten die Oscars wie bereits vergeben. Joaquin Phoenix gewann für „Joker“ den Preis als ‚Bester Hauptdarsteller‘. Er hielt eine emotionale Rede mit dem Plädoyer für Gleichheit für alle Geschöpfe und sprach sich gegen Rassismus und Speziesismus jeglicher Art aus. Wunderbar nutzte er die Oscar-Bühne als Plattform, um das zu sagen, was gesagt werden muss und was womöglich mehr unterbunden werden sollte, durch das Fehlen der Moderation. Der Film „Joker“, der 11-mal nominiert wurde, konnte ebenfalls noch den Preis für die ‚Beste Filmmusik‘ gewinnen. Ausgezeichnet wurde die isländische Komponistin Hildur Ingveldardóttir Guðnadótti und setzte sich damit gegen starken Konkurrenten wie den zweifachen Oscargewinner Alexandre Desplat durch.

Reneé Zellweger © Getty Images

Den Preis für die ‚Beste Hauptdarstellerin‘ gewann Reneé Zellweger für ihre Performance in „Judy“ und das absolut zu Recht, erweckt sie doch die verstorbene Judy Garland zum Leben und hat sich damit ihren zweiten Oscar nach „Unterwegs nach Cold Mountain“ (2003) redlich verdient. Als ‚Beste Nebendarstellerin‘ wurde Laura Dern für ihre herausragende Performance in „Marriage Story“ ausgezeichnet. Der unter die Haut gehende Scheidungs- und Sorgerechtsfilm von Noah Baumbach konnte hier seinen einzigen Oscar verzeichnen, trotz seiner sechs Nominierungen. Ähnlich erging es auch Quentin Tarantinos liebevoller Hommage an das klassische Hollywood, „Once upon a time in Hollywood“. Von den zehn  Nominierungen, u.a. für die ‚Beste Regie‘ und den ‚Besten Film‘ wurden nur Brad Pitt als ‚Bester Nebendarsteller‘ sowie das ‚Beste Szenenbild‘ ausgezeichnet. Der bekannte Darsteller erhielt hier, nachdem er über die Jahre sieben Mal nominiert war, seinen ersten Darsteller-Oscar. 

Sir Elton John und Bernie Taubman © Getty Images

Einer der großen Favoriten des Abends war der Erste-Weltkriegs-Film „1917“. Der Regisseur Sam Mendes drehte diesen in einem gefühlten One-Shot, zog damit die Zuschauer in seinen Bann und machte den Krieg auf ganz eindringliche Weise spürbar. Honoriert wurde das selbstverständlich mit dem Oscar für die ‚Beste Kamera‘ (Roger Deakins), aber auch den Preis für die ‚Besten visuellen Effekte‘ gewann er und konnte damit Filme wie „Avengers: Endgame“ und „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ ausstechen. Zudem bekam er den Preis für den ‚Besten Ton‘ verliehen. Der Preis für den ‚Besten Tonschnitt‘ ging an den Rennfahrer-Film „Le Mans 66“, der auch die Trophäe für den ‚Besten Schnitt‘ erhielt. Als ‚Bester Filmsong‘ wurde Elton Johns „(I’m Gonna) Love Me Again“ aus „Rocketman“, der nur in dieser Kategorie nominiert war, ausgezeichnet. Zusammen mit seinem Textschreiber Bernie Taubman nahm Sir Elton John die wohlverdiente Trophäe entgegen und wurde damit gefühlt für sein ganzes musikalisches Werk mit einem Oscar ausgezeichnet. 

Taika Waititi © Getty Images

Ebenfalls wohlverdient war die Wahl Taika Waititis für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ für seinen Spielfilm „Jojo Rabbit“ nach dem Roman „Caging Skies“ von Christine Leunens. Dieser wurde zwar von den Zuschauern geliebt, aber durch sein Sujet nicht unbedingt als Oscarfavorit gehandelt, obwohl er sechs-mal nominiert war. In dieser Kategorie trat auch Greta Gerwig mit ihrem starken Film „Little Women“ mit sechs Nominierungen an. Gerwig schafft es in ihrem Film, Frauen abseits klassischer Vorstellungen zu portraitieren und hätte somit auf jeden Fall mehr Auszeichnungen verdient. Vor allem in der Regie-Kategorie hätte ihr eine Nominierung zugestanden, die aber auch in diesem Jahr wieder den Männern vorbehalten war. Die einzige Trophäe, welche der Film gewinnen konnte, war die für das ‚Beste Kostümdesign‘, welches auf hervorragende Weise seine Charaktere widerspiegelt. Auch „Bombshell – Das Ende des Schweigens“, welches auch von Frauenfiguren dominiert wird und drei Nominierungen erhielt, konnte nur den Oscar für das ‚Bestes Make-up und beste Frisuren‘ gewinnen. Mit jeweils einer Trophäe erging es diesen Filmen aber noch besser als dem größten Verlierer des Abends: „The Irishman“ von Martin Scorsese. Der Netflix-Film wurde im Vorfeld als großes Epos gehandelt, welches einen Schlusspunkt in den Mafia-Geschichten Scorseses setzt. Doch trotz seiner zehn Nominierungen konnte er keine einzige Trophäe gewinnen.  

Jonas Rivera, Mark Nielsen und Josh Cooley © Getty Images

Als ‚Bester Animationsfilm‘ wurde der vierte Teil der Pixar-Reihe Toy Story – „A Toy Story – Alles hört auf kein Kommando“ – ausgezeichnet. Wunderbar ist auch die Wahl des Kurzfilms „Hair Love“ der drei Regisseure Matthew A. Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith, der die Trophäe ‚Bester animierter Kurzfilm‘ erhielt. Er entstand als Gegenfilm zu dem viralen Phänomen, wo auf Video gebannt schwarze Väter die Haare ihrer Töchter nicht unter Kontrolle bekommen. Der ausgewählte ‚Beste Kurzfilm‘ ist ebenfalls eine zutiefst menschliche Geschichte. „The Neighbors‘ Window“ von Marshall Curry zeigt, dass das Gras auf der anderen Seite nicht unbedingt grüner ist. Ähnlich geht es auch den Arbeitern in Moraine (Michigan), die von einer chinesischen Firma eine neue Chance bekommen. Doch „American Factory“, produziert übrigens von den Obamas, zeigt, dass es so einfach nicht ist und welchen Wert Arbeit haben sollte und gewann damit den Preis für den ‚Besten Dokumentarfilm‘. Wie auch bereits im Vorjahr wurde als ‚Bester Dokumentar-Kurzfilm‘ ein Film ausgezeichnet, der sich mit der Emanzipation junger Frauen beschäftigte: „Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl)“, der auch bereits den BAFTA gewonnen hatte.

© iStockphoto.com

Fazit: Auch in diesem Jahr war die Verleihung des wichtigsten amerikanischen Filmpreises – die Academy Award of Merit – ein Treffpunkt für viele Stars. Auch wenn immer noch auf eine Moderation verzichtet wurde, nur kleine Intros und Songs durch den Abend leiteten, wurden viele Reden für wichtige Botschaften verwendet. Die Verleihung der Preise – insgesamt erhielten elf Filme die begehrten Oscars – war in den meisten Kategorien mehr als gerechtfertigt und überraschte vor allem mit „Parasite“ als großen Sieger. Für die Zukunft kann man hoffen, dass sich die Oscars nicht nur für internationale Projekte sondern auch für die Arbeit von Frauen und Nicht-Weißen immer mehr öffnen, so dass die Oscars ein Plädoyer für eine offenere, gleichberechtigte Gesellschaft werden.

geschrieben von Doreen Matthei

Nominierungen und Gewinner im Kurzüberblick:

Bester Film

  • „Parasite“
  • „1917“
  • „The Irishman“
  • „Jojo Rabbit“
  • „Joker“
  • „Le Mans 66“
  • „Little Women“
  • „Marriage Story“
  • „Once Upon a Time in Hollywood“

Beste Regie

  • „Parasite“
  • „The Irishman“
  • „Joker“
  • „1917“
  • „Once Upon a Time in Hollywood“

Bester Hauptdarsteller

  • Joaquin Phoenix – „Joker“ 
  • Antonio Banderas – „Leid und Herrlichkeit“
  • Leonardo DiCaprio – „Once Upon a Time in Hollywood“
  • Adam Driver – „Marriage Story“ 
  • Jonathan Pryce – „Die zwei Päpste“

Beste Hauptdarstellerin

  • Renée Zellweger – „Judy“
  • Cynthia Erivo – „Harriet“
  • Scarlett Johansson – „Marriage Story“
  • Saoirse Ronan – „Little Women“
  • Charlize Theron – „Bombshell – Das Ende des Schweigens“

Bester Nebendarsteller

 

  • Brad Pitt – „Once Upon a Time in Hollywood“
  • Tom Hanks – „Der wunderbare Mr. Rogers“
  • Anthony Hopkins – „Die zwei Päpste“
  • Al Pacino – „The Irishman“
  • Joe Pesci – „The Irishman“

 

Beste Nebendarstellerin

  • Laura Dern – „Marriage Story“
  • Kathy Bates – „Richard Jewell“
  • Margot Robbie – „Bombshell – Das Ende des Schweigens“
  • Scarlett Johansson – „Jojo Rabbit“
  • Florence Pugh – „Little Women“

Bestes adaptiertes Drehbuch

  • Taika Waititi – „Jojo Rabbit“
  • Steven Zaillian – „The Irishman“
  • Todd Phillips und Scott Silver – „Joker“
  • Greta Gerwig – „Little Women“
  • Anthony McCarten – „Die zwei Päpste“

Bestes Originaldrehbuch

  • Bong Joon-ho und Han Jin-won – „Parasite“
  • Noah Baumbach – „Marriage Story“
  • Rian Johnson – „Knives Out – Mord ist Familiensache“
  • Sam Mendes und „Krysty Wilson-Cairns – 1917“
  • Quentin Tarantino – „Once Upon a Time in Hollywood“

Beste Kamera

  • Roger Deakins – „1917“
  • Jarin Blaschke – „Der Leuchtturm“
  • Rodrigo Prieto – „The Irishman“
  • Robert Richardson – „Once Upon a Time in Hollywood“
  • Lawrence Sher – „Joker“

Bestes Szenenbild

  • Barbara Ling und Nancy Haigh – „Once Upon a Time in Hollywood“
  • Bob Shaw und Regina Graves – „The Irishman“
  • Ra Vincent und Nora Sopková – „Jojo Rabbit“
  • Dennis Gassner und Lee Sandales – „1917“
  • Lee Ha-joon – „Parasite“

Bestes Kostümdesign

  • Jacqueline Durran – „Little Women“
  • Sandy Powell und Christopher Peterson – „The Irishman“
  • Mayes C. Rubeo – „Jojo Rabbit“
  • Mark Bridges – „Joker“
  • Arianne Phillips – „Once Upon a Time in Hollywood“

Beste Filmmusik

  • Hildur Guðnadóttir – „Joker“
  • Alexandre Desplat – „Little Women“
  • Randy Newman – „Marriage Story“
  • Thomas Newman – „1917“
  • John Williams – „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“

Bester Filmsong

  • „(I’m Gonna) Love Me Again“ aus „Rocketman“ – Musik: Elton John, Text: Bernie Taupin
  • „I Can’t Let You Throw Yourself Away“ aus „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ – Musik und Text: Randy Newman
  • „I’m Standing with You“ aus „Breakthrough – Zurück ins Leben“ – Musik und Text: Diane Warren
  • „Into the Unknown“ aus „Die Eiskönigin II“ – Musik und Text: Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez
  • „Stand Up“ aus „Harriet“ – Musik und Text: Joshuah Brian Campbell und Cynthia Erivo

Bestes Make-up und beste Frisuren

  • Vivian Baker, Kazu Hiro und Anne Morgan – „Bombshell – Das Ende des Schweigens“
  • Nicole Ledermann und Kay Georgiou – „Joker“
  • Jeremy Woodhead – „Judy“
  • Paul Gooch, Arjen Tuiten und David White – „Maleficent: Mächte der Finsternis“
  • Tristan Versluis, Naomi Donne und Rebecca Cole – „1917“

Bester Schnitt

  • Andrew Buckland und Michael McCusker – „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“
  • Thelma Schoonmaker – „The Irishman“
  • Tom Eagles – „Jojo Rabbit“
  • Jeff Groth – „Joker“
  • Yang Jin-mo – „Parasite“

Bester Ton

  • Mark Taylor und Stuart Wilson – „1917“
  • Gary Rydstrom, Tom Johnson und Mark Ulano – „Ad Astra – Zu den Sternen“
  • Paul Massey, David Giammarco und Steve A. Morrow – „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“
  • Tom Ozanich, Dean A. Zupancic und Tod A. Maitland – „Joker“
  • Michael Minkler, Christian P. Minkler und Mark Ulano – „Once Upon a Time in Hollywood“

Bester Tonschnitt

  • Donald Sylvester – „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“
  • Oliver Tarney und Rachael Tate – „1917“
  • Alan Robert Murray – „Joker“
  • Wylie Stateman – „Once Upon a Time in Hollywood“
  • Matthew Wood und David Acord – „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“

Beste visuelle Effekte

  • Guillaume Rocheron, Greg Butler und Dominic Tuohy – „1917“
  • Dan DeLeeuw, Russell Earl, Matt Aitken und Dan Sudick – „Avengers: Endgame“
  • Pablo Helman, Leandro Estebecorena, Nelson Sepulveda-Fauser und Stephane Grabli – „The Irishman“
  • Robert Legato, Adam Valdez, Andrew R. Jones und Elliot Newman – „Der König der Löwen“
  • Roger Guyett, Neal Scanlan, Patrick Tubach und Dominic Tuohy – „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“

Bester Animationsfilm

  • „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“
  • „Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt“
  • „Ich habe meinen Körper verloren“
  • „Klaus“
  • „Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer“

Bester animierter Kurzfilm

  • „Hair Love“
  • „Dcera“
  • „Kitbull“
  • „Mémorable“
  • „Sister“

Bester Kurzfilm

  • „The Neighbors’ Window“
  • „Brotherhood“
  • „Nefta Football Club“
  • „Saria“
  • „Une sœur“

Bester Dokumentarfilm

  • „American Factory“
  • „The Cave“
  • „Am Rande der Demokratie“
  • „Für Sama“
  • „Land des Honigs“

Bester Dokumentar-Kurzfilm

  • „Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl)“
  • „In the Absence“
  • „Vom Leben überholt“
  • „St. Louis Superman“
  • „Walk Run Cha-Cha“

Bester internationaler Film

  • „Parasite“
  • „Corpus Christi“
  • „Land des Honigs“ Tamara Kotevska, Ljubomir Stefanov
  • „Leid und Herrlichkeit“
  • „Die Wütenden – Les Misérables“

Quelle:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.