„Rocketman“ (2019)

Filmkritik: Nachdem die Geschichte Freddy Mercurys mit „Bohemian Rhapsody“ (2018) Millionen Zuschauer in die Kinos lockte und vier Oscars abstauben konnte, kommt gefühlt nur kurze Zeit später das Biopic „Rocketman“ (OT: „Rocketman“, UK/USA, 2019) in die Kinos. Es lässt sich dabei nicht vermeiden, diese beiden Filme zu vergleichen, erzählen sie doch beide die Geschichte eines berühmten, ehemals drogensüchtigen Sängers und das auch noch aus der Hand des gleichen Regisseurs, Dexter Fletcher. Doch eigentlich ist ein Vergleich unnötig, denn „Rocketman“ wählt eine andere Form für seine Geschichte über Elton John: das Musical.

Reginald Dwight (Taron Egerton) entdeckte schon als Kind sein Talent. Er wächst bei seinen lieblosen Eltern (Bryce Dallas Howard und Steven Mackintosh) auf, die aber sein Talent fördern. Klavierstunden, die erste Band und schlussendlich das Treffen mit dem Songwriter Bernie Taupin (Jamie Bell) machen aus ihm einen Solosänger, der sich bald Elton John nennt. Seine Karriere wird schnell angekurbelt und zusammen mit Bernie schafft er viele Hits. Doch als Erwachsener klappt es nicht so richtig mit der Liebe, obwohl er sein Herz seinem Manager John Reid (Richard Madden) geschenkt hat und so flüchtet er sich in Luxus und Drogen.

Taron Egerton
© Paramount Pictures

Meistens entstehen Biopics bekannter Musiker erst nach deren Ableben. So verwundert es schon, dass es nun einen Spielfilm über Elton John gibt, der natürlich seinen Segen dafür gegeben hat. Verkörpert wird er von Taron Egerton – die beiden haben sich am Set von „Kingsmen: The Golden Circle“ (2017) kennengelernt. Vielleicht hat dort alles begonnen. Der Drehbuchautor Lee Hall, den man vor allem für „Billy Elliot“ (2000) kennt und der nun zusammen mit Tobe Hopper für den Film „Cats“ (2019, Kinostart: 25. Dezember 2019) das Drehbuch schrieb, schrieb für Elton John eine äußerst klassische Geschichte, die natürlich auf wahren Eckpunkten aus dem Leben des Musikers beruht. Der Film behandelt die Kindheit, geprägt von lieblosen Eltern, das Erwachsenwerden, die Suche nach der Liebe und der Umgang mit Erfolg, der auch hier ohne Drogen und falsches Verhalten nicht zu bewältigen ist. Natürlich endet dieser Film nicht mit dem Tod, sondern mit einer positiven Botschaft, was gut zu dem Leben passt, was Elton John nun führt. Man könnte den Film als zu konventionell und ja auch vielleicht zu gefällig einordnen, aber die wahren Hintergründe und vor allem die Inszenierung als Musical, welche der Regisseur Dexter Fletcher („Eddie the Eagle“ (2016), „Sunshine on Leith“ (2013)) wählte, geben dem Film den richtigen Drift, bei dem auch Stereotypen und Klischees keine kritikfähige Rolle spielen. 

Taron Egerton
© Paramount Pictures

Denn als Musicaladaption glänzt „Rocketman“. Gekonnt werden hier die biographischen Eckpunkte von einer rückblickenden Rahmenhandlung ausgehend, chronologisch erzählt und mit Musical-Elementen verbunden. Aus der Situation heraus, werden passende Songs in die Lebensschilderungen eingebunden und auch als Auftritte wiedergegeben. Dabei handelt es sich bei den Songs aber nicht um reine Wiedergaben bekannter Elton-Songs, sondern die Arrangements gehen teilweise einen eigenen Weg und bekommen eine besondere Note durch die Darbietung der Darsteller. Natürlich überzeugt nicht jeder Schauspieler als großer Sänger, doch die Mischung stimmt und nimmt einen mit auf die Reise. Das liegt aber auch vor allem an Taron Egerton (Kingsman: The Secret Service“ (2014), „Eddie the Eagle“ (2016) und „Robin Hood“ (2019)), der bereits beim Animationsfilm „Sing“ (2016) sein Gesangstalent unter Beweis stellte, als er dem Affen Johnny seine Stimme gab und hier als Elton John glänzt. Er gibt seiner Figur etwas Eigenes, das eine gute Balance zwischen Fiktion und Realität findet. Zudem spielt er souverän die verschiedenen Stadien von Johns Leben, ohne dabei in irgendwelche Klischee-Fallen zu geraten und überzeugt mit seiner Bandbreite an Gefühlen. An seiner Seite spielt Jamie Bell, der seine Karriere mit dem Film „Billy Elliot – I will dance“ (2000) als 14-jähriger startete und seitdem in Filmen wie „Jumper“ (2008), „Snowpiercer“ (2008) und „Skin“ (2018) zu sehen war. Er ist als Bernie Taupin die stimmige Inkarnations des Songschreibers, der die Stimme der Vernunft bleibt, und der perfekte Gegenpart zu Egerton. Dieses Ensemble, das mit viel Verve die Songs vertont und das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen schildert, ist neben der Musik die große Stärke des Films. Hinzu kommt eine mehr als souveräne Umsetzung, welche die Zuschauer wunderbar in die Zeit zurückversetzt und eine große Sorgfalt darauf legte, John selbst, seine Kleidung und seine verrückte Kostüme über die Jahre detailgetreu wiederzugeben. Am Ende des Films fühlt man sich glücklich, berührt, auch etwas schlauer und hat mit Sicherheit den einen oder anderen neuen Song für sich entdeckt.

Jamie Bell und Taron Egerton
© Paramount Pictures

Fazit: Der Film „Rocketman“, inszeniert von Dexter Fletcher und geschrieben von Lee Hall, ist ein klassisches Biopic über den noch lebenden Künstler Elton John getaucht in ein wunderbares Musical-Kostüm. Hervorragend besetzt, allen voran mit Taron Egerton und Jamie Bell, verbindet der Film wunderbar die Lebensstationen mit der schmissigen Neu-Intonationen der bekannten Songs. Die Mischung funktioniert ebenso, wie auch die Liebe zum Detail, so dass man beschwingt den Kinosaal verlässt und noch tagelang die Songs weiter summt. 

Bewertung: 9/10

Kinostart: 30. Mai 2019 / DVD-Start: 10. Oktober 2019

Trailer zum Film „Rocketman“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

 

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