Fünf Fragen an Carolina Markowicz

Interview: Im Gespräch mit der brasilianischen Filmemacherin Carlina Markowicz konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „O Órfão“, der im Internationaler Wettbewerb des 31. Filmfest Dresden lief, erfahren, wie sie ihre Geschichte dafür fand und was ihr bei der Umsetzung am Herzen lag.

The original english language interview is also available.

Ich weiß, dass dein Kurzfilm „O Órfão“ eine fiktive Geschichte ist, aber gab es wahre Ereignisse, die dich inspiriert haben. Erzähl mir mehr über den Hintergrund.

Kauan Alavrenga

Genau. Ich habe herausgefunden, dass es hier in Brasilien Kinder gab, die adoptiert wurden und dann aus dem Grund, den der Film zeigt, zurückkehren mussten. Und ich traf einen Mann, der als Kind adoptiert und zurückgekehrt war, und heute glaubt er, dass es an seiner sexuellen Orientierung lag. Es war so bewegend, dass ich schockiert war. 

Viele südamerikanische Filmemacher, auch brasilianische Filmemacher, beschäftigen sich mit LGBT+ Themen. Wie ordnest Du Deinen Film selber ein – siehst Du ihn als einen Teil einer neuen Bewegung?

Nun, ich bin mir nicht sicher, wie ich es einordnen soll. Es ist ein Film über die Zugehörigkeit oder den Mangel daran. Daran, dass es schon schwierig ist, an einem konservativen Ort schwul zu sein, wenn man Teil einer strukturierten Familie ist, aber stell dir vor, du hast das nicht.

Es ist ein Film über einen Teenager, der seine Sexualität entdeckt, während er gleichzeitig versucht zu entdecken, ob er irgendwo hin hingehört.

Wie offen ist Brasilien für solche Themen? Wie hat es das Publikum dort und überall auf der Welt aufgenommen?

Kauan Alavrenga

Wir befinden uns in einer sehr konservativen Welle. Wir sind jetzt der Zensur ausgesetzt, so dass es ein Kampf sein wird, von nun an öffentliche Mittel für diese Art von Themen zu erhalten, was bizarr ist. Unsere neue Regierung glaubt nicht an Vielfalt oder Kunst. Glücklicherweise wurde der Film in der Welt und hier in Brasilien vom Publikum sehr gut aufgenommen. Es war erstaunlich zu sehen, wie das Publikum reagierte. Es macht alles so viel wertvoller.

Erzähl mir mehr zur visuellen Ausgestaltung. Du hast eine sehr realitätsnahe, fast triste Farbdramaturgie gewählt. Gab es auch noch weitere Punkte, welche Dir wichtig waren?

Es musste sich real, fast dokumentarisch anfühlen, was das Schauspiel betrifft, aber gleichzeitig wollte ich, dass es in einigen Teilen formalistischer und verträumter wird. Wichtig für mich war, diese Momente zu mischen und über jedes einzelne Detail nachzudenken, damit es sich echt, roh und filmisch zugleich anfühlt.

Wie hast Du Deinen Hauptdarsteller Kauan Alvarenga gefunden? Und wie ist es mit Jungdarsteller zu arbeiten – hat er die Rolle intuitiv erfasst?

Kauan Alavrenga

Er wurde von Ale Tosi, einem Gussproduzenten, gefunden. Er ist ein junges Genie. Er hatte viel mit dem Charakter zu tun, das half sehr. Sowie sein endloses Charisma.

Kannst Du mir zum Schluss noch mehr von Dir erzählen?

Nun, es war ein intensives Lernen, und es hat mich als Regisseurin sehr verändert. Ich habe viel gelernt, mehr als in jedem anderen Projekt, das ich bisher gemacht habe. Es war intensiv. Aber die Energie fühlte sich richtig an, irgendwie fühlte ich das.

Wie geht es bei Dir jetzt weiter – ich habe gehört ein Langfilm ist in Planung?

Ich habe zwei Langfilmprojekte in der Entwicklung und der Mittelbeschaffung. Um hoffentlich nächstes Jahr zu drehen! „TOLL“ und “When My Life Was My Life”. Beide Dramen mit dunklem Humor, und „TOLL“ ist ein LGBTQ-Film!

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „O Órfão


Interview: In conversation with Brazilian filmmaker Carlina Markowicz, we were able to learn more about her short film „O Órfão„, which was screened in the International Competition of the 31st Dresden Film Festival, how she found the story for it and what was close to her heart during its realization.

I know it is fictional story, but have there been true events that inspired you. Tell me more about the background.

Exactly. I found out that, here in Brazil,  there have been kids adopted and then returned for the reason the film shows. And I met a man who, when he was a child, had been adopted and returned and nowadays he believes is because of his sexuality. It was so moving, I felt shocked. 

Many South American filmmakers, including Brazilian filmmakers, are working on LGBT+ topics. How do you classify your film yourself – do you see it as part of a new movement?

Well, I not sure how to classify it. It is a film about belonging, or the lack of it. Of the fact that it is already difficult to be gay in a conservative place when you are part of a structured family, but imagine if you don’t have that.

It’s a film about a teenager discovering his sexuality at the same time he is trying to discover if he belongs somewhere.

How open is Brazil to such themes? How did the audience there and all over the world take it?

We are going through a very conservative wave. We are now exposed to censorship, so it will be a struggle to get public funding for this kind of topics from now on, which is bizarre. Our new Government doesn’t Believe in diversity, or in art. Fortunately, the film was very well received in the world and here in Brazil, by the audience. It was amazing to see how the audience reacted. It makes everything worth it.

Tell me more about the visual form. You chose a very realistic, almost dreary color dramaturgy. Were there any other points that were important to you?

It needed to feel real, almost documentarish, in terms of  acting, but at the same time I wanted it to be more formalistic and dreamy in some parts. What was important to me was mixing this moments and thinking about every single detail to make it feel real, raw and cinematic at the same time.

How did you find your leading actor Kauan Alvarenga? And how is it to work with young actors – did he intuitively grasp the role?

He was found by Ale Tosi, a casting producer. He is  a young genius. He had a lot to do with the character, that helped a lot. As well as his endless charisma.

Can you tell me more about you at the end?

At the end of the shooting? or in general? Well it was an intense learning, and it changed a lot me as a director. I learned a lot, more than I ever did in any other project so far. It was intense. But the energy felt right, somehow I felt that.

What’s next for you now – I’ve heard that a feature film is being planned?

I have two features projects in development and raising funds. To hopefully shoot next year! „TOLL“ and „When My Life Was My Life“. Both dramas with dark humor, and „TOLL“ is  a LGBTQ film!

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „O Órfão

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