31. Internationales Kurzfilmfestival Dresden 2019

9.-14.4.2019 / Schauburg, Thalia, Programmkino Ost, Kino in der Fabrik, Kleines Haus, Hauptbibliothek Dresden, Lingnerschloss, Technische Sammlungen Dresden, Open-Air Neumarkt Dresden

© Filmfest Dresden

Festivalbericht: Nachdem das Filmfest Dresden im letzten Jahr sein Jubiläum unter der neuen Festivalleiterin Sylke Gottlebe gefeiert hat, geht es in diesem Jahr unter gleicher Hand mit der bewährten Mischung aus nationalen und internationalen Wettbewerben, Kinder-, Jugend und Lokalprogrammen sowie politischen Stoffen weiter. Hinzu kamen in diesem Jahr der ‚Schwerpunkt Kuba‘ und der ‚Diskurs Europa‘, welcher sich vieler Themen darunter Emanzipation, Ausgrenzung und Aggressionen annahm. Abgerundet von vielen mittlerweile etablierten Sonderreihen und Veranstaltungen fernab der Leinwand war auch das 31. Internationale Kurzfilmfestival Dresden ein Highlight der deutschen Kurzfilm-Festival-Landschaft.

Jenni Zylka und Sylke Gottlebe

Wie bei jedem Festival bildet der Wettbewerb das Herzstück des Programms. Auch in Dresden stehen die zwölf Veranstaltungen mit 76 Filmen im Mittelpunkt des Festivals. Dabei werden sie in einen Nationalen und Internationalen Wettbewerb unterteilt. Bei dem diesjährigen Nationalen Wettbewerb konnte man 36 Filme aus Deutschland sehen, die sich aber keineswegs einem internationalen Blick verschließen. Der Goldene Reiter für den besten Spielfilm ging an „Are you listening, Mother?“ von Tuna Kaptan, welcher eine Mutter mit ihrem Sohn in einer außergewöhnlichen Situation aneinander bindet. Dieser setzte sich damit gegen die starke Konkurrenz mit Filmen wie „Nachtschicht“ von David Dybeck, „Was bleibt“ von Eileen Byrne und „F for Freaks“ von Sabine Ehrl durch. Den Preis für den besten Animationsfilm erhielt ungerechtfertigterweise die 3D-Animation „Sealand“. Das verwundert sehr, wenn man die starke Konkurrenz von Filmen wie „Der Gerichtszeichner“ von Jochen Kuhn, „Augenblicke“ von Kiana Naghshineh und „Carlotta’s Face” bedenkt. Der außergewöhnliche Kurzfilm „Fuse“ aus der Hand von Shadi Adib, der seine Geschichte aus der Mausperspektive erzählt, gewann den Goldenen Reiter der Jugendjury. Der höchstdotierte Preis, der 20.000 € schwere Filmförderpreis der Kulturministerin, wurde an den Kurzfilm „Nicht im Traum“ vergeben.

Schauburg

Im Internationalen Wettbewerb traten 47 Kurzfilme aus 28 Ländern, darunter 23 Animationsfilme gegeneinander an. Gewonnen hat den Goldenen Reiter für den besten Animationsfilm die Filmemacherin Martina Scarpelli, welche in ihrem Kurzfilm „Egg“ eindringlich von der eigenen Essstörung erzählt. Der Preis der Jugendjury ging ebenfalls an einem Animationsfilm: Der japanische Stop-Motion-Film „My little Goat“ erzählt die klassische Märchengeschichte „Die sieben Geißlein“ verstörend anders. Die Regisseurin Tomoki Misato konnte damit auch die Arte-Jury überzeugen und erhielt auch den mit 6.000 € dotierten Preis. Auch die Filmton-Jury wählte einen Animationsfilm zu ihrem Preisträger: „O Jezu“ von Betina Bożek. Doch der Sektor hatte noch mehr zu bieten: der ungewöhnliche „Mr. Deer“ von Mojtaba Mousavi, der charmante „Five Steps to the right“ von Äggie Pak-Yee-Lee sowie „Plankton“ von Gustaf Lindström konnten die Herzen der Zuschauer gewinnen. Als Publikumsliebling wurde der Spielfilm „Fauve“ ausgezeichnet, der auch für die diesjährigen Oscars nominiert war. Den Goldenen Reiter gewann der philippinische Kurzfilm „Manila is full of Men named Boy“, der eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte mit viel Herz und Humor erzählt. Unter den Spielfilmen fielen auch der britische „Wren Boys“, der immer wieder mit der nächsten Überraschung um die Ecke kam, der russische „Hymns of Muscovy“, der die Hauptstadt aus einem anderen Blickwinkel zeigt, und der faszinierende „Accidence“ auf. In diesem Jahr wurde zum zweiten Mal der Preis für Geschlechtergerechtigkeit vergeben. Dafür war der schwedische, semi-dokumentarische Film „Juck“ wie prädestiniert und erhielt den Goldenen Reiter.   

Thalia Kino

Im Internationalen Wettbewerb lief auch „The Boogeywoman“ von Erica Scoggins, welches der einzige Genrebeitrag in diesem Programm war. Seit Jahren scheut sich das Festival eher vor Genrethemen und tendiert zu Dramen und Komödien. Doch in diesem Jahr gab es mitten in der Nacht eine Genre-Sonderreihe „Seriously! WTF?: Lost in Space“, welche schon einen Tag vorher ausverkauft war und damit zeigt, dass es gern mehr solcher Beiträge geben kann, da die Panorama-Reihe diesen Sektor nicht mehr so gut abdeckt, wie noch vor einigen Jahren. Doch der bedeutendste Schwerpunkt in diesem Jahr für das Filmfest war die sechsteilige Kuba-Sonderreihe. Aus allen Ecken des karibischen Landes wurden Kurzfilme aus vielen Jahrzehnten aufgetrieben und boten zusammen ein buntes Panoptikum des Filmlands Kuba. Ebenfalls einen breiten Schnitt macht die Sonderreihe ‘Diskurs Europa’, welche Beiträge rund um den Begriff Invektivität (Dynamiken und Konstellationen von Beleidigung, Beschämung, Herabsetzung und Diskriminierung). Ein Highlight waren auch in diesem Jahr wieder die Kinder- und Jugendprogramme, welche nun schon zum dritten Mal von den Kindern und Jugendlichen im entsprechenden Alter selbst kuratiert und anmoderiert wurden. Die Zuschauerlieblinge waren hier „Cat Lake City“, selbstverständlich das „Faultier“ von Julia Ocker und „Kleiner großer Bär“ von Sarah Schulz. In der bunten Mischung des Jugendprogramms fiel wieder Anne Isensee mit ihrem neuesten Beitrag „Ich will“ auf. Die Animationskünstlerin hatte im letzten Jahr mit „Megatrick“ eine gelungene Festivalrunde (u.a. auf dem Filmfest Dresden) absolviert.      

Einen weiteren Schwerpunkt der Sonderreihen bildeten die beiden Retrospektiven zu den Werken von Derek Jarman und Jochen Kuhn. Jarman (1942-1994) lieferte den Cineasten Filme zwischen Kunst und Film. So überzeugte er mit Filmen wie „Caravaggio“ (1986), „Wittgenstein“ (1993) und „Edward II.“ (1991). Auf dem Filmfest hatte man die Möglichkeit in einem Programm sieben seiner Kurzfilme und seinen letzten Film „Blue“ zu sehen. Während die Kurzfilme ganz unterschiedlicher, oft experimenteller Machart waren, überzeugt der Spielfilm mit seiner ungewöhnlichen Inszenierung und schafft es, das Gefühl zu vermitteln, wie es sich für den Künstler anfühlte, blind zu sein. Dabei lauschte man 75 Minuten lang den Beschreibungen und Berichten über seine Aids-Erkrankung und das Blindsein während man selbst nichts anderes zu sieht als ein blaues Bild.

Jochen Kuhn

Der Animationskünstler und Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg Jochen Kuhn war nicht nur mit seinem neuesten Film im Nationalen Wettbewerb vertreten, sondern bekam eine Sonderreihe, in der sein Schaffen in Form von sechs seiner gemalten Kurzfilme präsentiert wurden. Über die Jahre hat sich bei seinen Filmen ein außergewöhnlicher Stil gefestigt, bei dem er neben der Drehbuchentwicklung, Ausgestaltung, auch das Einsprechen der Dialoge und das Komponieren der Musik übernimmt. Nachdem man seine Filme wie „Sonntag 3“ (2012) und „Zentralmuseum“ (2016) noch einmal oder zum ersten Mal sichten konnte, gab es anschließend ein Filmgespräch mit Jochen Kuhn, durch das man tiefere und humorvolle Einblicke in sein Werk bekam. Diese Masterclass gehörte in diesem Jahr definitiv zu den Höhepunkten des Festivals, welches zusätzlich vor allem für Filmschaffende selbst mit vielen zusätzlichen Programmpunkten (u.a. Sandwich Talks und Workshops) abgerundet wurde. Auf der Festivalparty am Samstag im Alten Wettbüro konnte man nach der Siegerehrung im Kleinen Haus zusammen mit vielen anderen Kurzfilmfreunden das Festival ausklingen lassen.

Sektempfang in der Schauburg

Fazit: Das 31. Filmfest Dresden, unter der Leitung von Sylke Gottlebe, blieb auch in diesem Jahr seiner Linie treu und bot ein Programm, das so vielfältig war, wie man es erwartet hatte. Dabei mischt das Festival Experimental-, Animations- und Spielfilme im richtigen Maß, schaut über den Tellerrand und scheut sich auch nicht vor politischen und gesellschaftlichen Standpunkten. An den sechs Festivaltagen konnte jeder Zuschauer für sich das Richtige entdecken, ob in dem neuen Genreblock, unter den neuesten Produktionen oder in den ausführlichen Sonderprogrammen. Kein Wunder, dass sich das Filmfest Dresden mittlerweile weltweit größter Bekanntschaft erfreut und dieses Jahr über 18.000 Zuschauer in die Kinos lockte. So kann man sich schon auf das 32. Filmfest freuen, welches in der 2. Aprilwoche 2020 stattfinden wird.

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Doreen Matthei und Michael Kaltenecker

Der Trailer zum „31. Internationalen Kurzfilmfestival Dresden 2019“

Quellen:

Alle im Bericht erwähnte Filme:

  • „Accidence“ (OT: „Accidence“, 2018, Regie: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson)
  • „Are you listening, Mother?“ (OT: „Are you listening, Mother?“, 2018, Regie: Tuna Kaptan)
  • „Blue“ (OT: „Blue“, 1993, Regie: Derek Jarman)
  • „Caravaggio“ (OT: „Caravaggio“, 1986, Regie: Derek Jarman)
  • „Cat Lake City“ (OT: „Cat Lake City“, 2019, Regie: Antje Heyn)
  • Der Gerichtszeichner“ (OT: „Court Sketch Artist“, 2018, Regie: Jochen Kuhn)
  • „Edward II.“ (OT: „Edward II.“, 1991, Regie: Derek Jarman)
  • „Egg“ (OT: „Egg“, 2018, Regie: Martina Scarpelli)
  • „Fauve“ (OT: „Fauve“, 2018, Regie: Jérémy Comte)
  • Fuse“ (OT: „Fuse, 2018, Regie: Shadi Adib)
  • „Hymns of Muscovy“ (OT: „Gimny Moskovii“, 2018, Regie: Dimitri Venkov)
  • „Ich will“ (ET: „I want“, 2019, Regie: Anne Isensee)
  • „Juck“ (OT: „Juck [Thrust]“, 2018, Regie: Olivia Kastebring, Julia Gumpert, Ulrika Bandeira)
  • „Manila is full of Men named Boy“ (OT: „Manila is full of Men named Boy“, 2018, Regie: Andrew Stephen Lee)
  • „Mr. Deer“ (OT: „Aghaye Gavazn“, 2018, Regie: Mojtaba Mousavi)
  • „My little Goat“ (OT: „マイリトルゴート“, 2018, Regie: Tomoki Misato)
  • Nachtschicht“ (OT: „Nightshift“, 2018, Regie: David Dybeck)
  • „Nicht im Traum“ (OT: „Unlike Today“, 2018, Regie: Astrid Menzel)
  • „O Jezu“ (OT: „Oh God“, 2017, Regie: Betina Bożek)
  • „Sealand“ (OT: „Sealand“, 2018, Regie: Till Giermann)
  • „Sonntag 3“ (OT: „Sonntag 3“, 2013, Regie: Jochen Kuhn)
  • The Boogeywoman“ (OT: „The Boogeywoman“, 2018, Regie: Erica Scoggins)
  • „Was bleibt“ (ET: „Touch me“, 2018, Regie: Eileen Byrne)
  • „Wittgenstein“ (OT: „Wittgenstein“, 1993, Regie: Derek Jarman)
  • „Wren Boys“ (OT: „Wren Boys“, 2017, Regie: Harry Lighton)

Folgende Kurzfilme haben wir auf dem Filmfest Dresden gesehen und rezensiert:

Interviews mit Filmemachern vom Filmfest Dresden

9 Gedanken zu “31. Internationales Kurzfilmfestival Dresden 2019

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