Fünf Fragen an Jochen Kuhn

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Jochen Kuhn erzählt uns wie sich die Religiosität in sein Werk „Der Gerichtszeichner“ schlich, warum er Kurzfilme liebt und wie er zu einem Autodidakten wurde.

Der Der Gerichtszeichner fängt so sachlich an, dass man denkt, es könnt sich um einen realen Fall handeln. Wie sind Sie auf die Idee zu der Geschichte gekommen?

Vor ein paar Jahren schrieb ich einen Text zum Thema „Religion und Wahn“, der mir leider über den Kopf wuchs und daher ein Fragment blieb. Mir war schon vorher klar, dass mich das Thema spätestens seit den beinahe täglich auftretenden Zumutungen religiös motivierter Gräueltaten nicht losließ. Früher schien mir, das Thema „Religion“ sei sozusagen ad acta gelegt. Die Trennung von Religion und Staat schien mir selbstverständlich zu sein.

Diese Auffassung war nicht mehr haltbar seit Allah immer wieder aufgerufen wurde, um Massaker und andere Aktivitäten zu legitimieren. Auch ging mir nicht das m.E. atavistische Brauchtum von Genitalbeschneidungen von Säuglingen und Kindern im Namen Gottes aus dem Kopf. Als ich Vater wurde, war mir die Vorstellung, ich sollte meinen kleinen, süßen Sohn oder meine Tochter am Genital herumschneiden, um damit Gottes Willen zu gehorchen, unerträglich. Beweist nicht der messerscharfe Eingriff in Gottes Schöpfung die Hybris oder den Wahn der Menschen oder gar die Nicht-Existenz Gottes?

Kurz – das Thema ließ mich nicht los. Und so drängte es in eine filmische Bearbeitung.

Die Fiktion so zuzubereiten, dass sie als möglicherweise real passierend erscheint, hat mich ja schon immer gereizt. Wenn der Zuschauer irgendwann denkt: „Das kann doch nicht wahr sein“, bin ich zufrieden.

Sie haben schon viele Kurzfilme realisiert, sind aber gelernter Maler – wie haben sie ihre Leidenschaft für Film entdeckt?

Ich habe mit dem Malen im Alter von 14 Jahren begonnen. Schon nach ziemlich kurzer Zeit, machte ich die Erfahrung, dass mir am Dienstag nicht mehr gefiel, was ich am Montag zuvor gemacht hatte. Aber statt das Nicht-Zufriedenstellende wegzuwerfen, übermalte ich es. Dabei merkte ich, dass mir die Übergänge zwischen zwei Bildern besser gefielen als die ‘fertigen’ Bilder. Die Verwandlung inspirierte mich mehr als die Fertigung. Außerdem offerierten die Übermalungen ungeplante Bildvermischungen, quasi Überblendungen, die zu unbeabsichtigten Ergebnissen führten. Dass ich dabei ohne es zu wissen in der Prozess-Kunst gelandet war, wurde mir erst auf der Kunsthochschule bewusst.

Als zweites kam hinzu, dass mir auffiel, dass ich während der Arbeit ständig irgendwas dachte, ja sogar Dialoge sprach mit imaginierten Gesprächspartnern. Dann dachte ich: diese Dialoge gehören doch eigentlich auch dazu. Als drittes: Ich spielte damals viel Klavier (ich wollte mal Komponist werden). Viertens: ein Freund von mir brachte (ca. 1969) eine Normal-8-mm-Kamera mit und wir fingen an, damit experimentelle Aufnahmen zu machen.

So hat sich das dann entwickelt. Was lag näher, als die malerischen „Überblendungen“ mit den Dialogen und der Musik zu verbinden?

Sie übernehmen, wie sie erwähnen, dabei sehr viele Aufgaben selbst: Regie, Zeichnungen, Buch und sie sprechen auch die Texte selbst ein und sorgen auch für die Musikuntermalung. War das eine Entwicklung oder haben sich schon immer gern auf allen Gebieten erprobt?

Da ich völlig autodidaktisch anfing, hat sich die Personalunion verschiedener Funktionen von allein ergeben. Auch dachte ich, meine Erstellung von Gesamtkunstwerken würde mir besonders hoch angerechnet, was kaum je der Fall war. Manche wittern hinter dieser Personalunion eher Dilettantismus oder Egomanie. Sicherlich hing meine Neigung zum Einzelgängertum auch mit meiner Empfindlichkeit zusammen, Kritik nur schwer zu ertragen. Daher konnte ich kaum andere in meine Vorhaben einbeziehen,  was aber auch verständlich ist, da meine Filme lange Zeit ohne Manuskript begannen. Ich filmte/ malte sozusagen „drauf los“. Wie hätte ich da jemandem mein Projekt erklären oder ich die Arbeit mit anderen teilen können, da ich ja gar nicht wusste, worauf die Sache hinauslaufen sollte?

Das änderte sich allerdings, als 1978 Olaf Meltzer auf mich zukam und mir vorschlug, meinen Film „Der Umzieher“ neu zu schneiden und neu zu vertonen. Da lernte ich viel von ihm. Seit der Zeit arbeite ich bei Schnitt und Vertonung (mittlerweile digitale Postproduktion) mit ihm zusammen. Auch darf man die ökonomischen Aspekte der Produktion nicht unterschätzen: ich begann ja meine Filme jahrelang ohne irgendein Geld, ohne Kalkulation und Abrechnung etc.. Also war es schon aus Kostengründen klar, dass ich das meiste (Buch, Kamera, Malerei, Sprecher, Musik) selber machte.

Würden Sie sagen, dass sich über die Jahre ein typischer Jochen-Kuhn-Animations-Look herauskristallisiert hat?

Das müssen Sie natürlich andere oder auch sich selbst fragen. Allerdings glaube ich schon, dass man meine Handschrift gut erkennen kann. Es ist ja im Film nicht leicht, Formen zu finden, die man auf Anhieb (wie bei Malern) einem bestimmten Künstler zuordnen kann.

Besonders wunderbar finde ich neben den handwerklich vortrefflichen Zeichnungen, ihren Sprechduktus, der sehr viel subtilen Humor besitzt. Wie entwickeln sie die Geschichte – steht am Anfang der Text oder die Animationen? Wie haben sie dort zu ihrem wiedererkennbaren Sprechrhythmus gefunden?

Es freut mich immer, wenn der Humor erkannt und im Zuschauersaal gelacht wird; besonders da dem deutschen Film immer wieder latente oder prinzipielle Humorlosigkeit nachgesagt wird.
Es wird – im „Der Gerichtszeichner“ allerdings kaum – bei meinen Filmen relativ viel gelacht, ein meist leises Lachen oder Schmunzeln; daher wundert es mich immer, wenn meine Filme mit „dunkel“ oder „düster“ beschrieben werden. Für die eigene Stimme kann man ja nichts.
Bei der Sprachaufnahme sitze ich sehr nah am Mikrofon  und spreche sehr leise. Dabei werden zwangsläufig viele „Schmatzer“ und „Plopper„“ mit aufgezeichnet, die wir dann alle einzeln rausschneiden. Durch diese Art der Aufzeichnung wird der intime Charakter des Sprechens verstärkt, der ja ohnehin oft den Duktus des inneren Monologs hat, auch wenn er dialogisch vorgetragen wird.

Ich spreche mittlerweile auch nicht mehr im Studio – sondern mit sehr simplem Equipment allein im Schlafzimmer. Das Studio hat mich immer eingeschüchtert, und das belauscht werden bei meinen „Flüstertexten“ hat mich blockiert und zuweilen zu künstlichem Timbre verführt.

Früher fing ich, wie gesagt, Filme ohne Manuskript an. Mittlerweile gibt es vor und während der Arbeit fast immer Manuskripte und Storyboards. Übrigens schreibe und ändere ich sehr lang an den Texten, um sie so kurz wie möglich werden zu lassen. Manche Texte fing ich vor fünf Jahren zu schreiben an, nach drei Jahren Pause lese ich sie wieder und streiche ca. 80% davon weg; dann schreibe ich sie weiter; nach Monaten Pause, streiche ich wieder viel und schreibe neu. Immer lese ich sie halblaut. Das geht so diverse Male. Und noch beim Lesen der Texte ins Mikrofon ändere ich den Text. Und beim Schneiden fallen dann auch noch eine Reihe von Sätzen weg.

Ich rechne immer mit Zuschauern, die keine Zeit haben. Daher denke ich: halte die Leute nicht länger als 10 Minuten maximal auf. Es grämt mich dann, wenn ich doch auf 12 oder gar 14 Minuten komme. Am liebsten würde ich meine Stoffe auf drei oder vier Minuten eindampfen.  Die meisten Filme ringsum sind viel zu lang, zu gedehnt; Stoffe, aus denen abendfüllende Spielfilme gemacht werden, reichten eigentlich nur für 15 Minuten, dann hätte man sie kapiert. Sie sehen: ich bin ein bekennender Kurzfilmer. Dafür zahle ich auch einen sozialen Preis, denn nur der Langfilm wird letztlich für voll genommen.

Wie wird es bei Ihnen weitergehen? Werden sie weiterhin dem Kurzfilm treu bleiben?

Ich weiß es nicht; wenn man etwa ein Viertel seines Lebens im abgedunkelten Raum verbracht hat, um diese Filme zu machen, denkt man schon: „Muss das immer so weitergehen?“ Ich will eigentlich lieber auf dem Sofa liegen und lesen, und möchte spazieren gehen und schwimmen. Na mal sehen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch unsere Rezension des Kurzfilms „Der Gerichtszeichner

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Jochen Kuhn

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