32. Filmfest Dresden 2020

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8.-13.September 2020 / Schauburg, Thalia, Programmkino Ost, Neumarkt, Zentralbibliothek Dresden, SLUB

Festivalbericht: Das diesjährige Filmfest Dresden – mittlerweile die 32. Ausgabe – stand aufgrund der Corona-Pandemie unter einem anderen Stern. Als eines der ersten wieder komplett offline durchgeführten Filmfestivals (zeitgleich mit den Internationalen Filmfestspielen Venedig), stellte es sich den neuen Herausforderungen und Bedingungen und bestritt zugleich ein paar neue Wege.

Nachdem das 32. International Short Film Festival bereits im April fertig geplant war, wurde es vernünftigerweise um fünf Monate verschoben. Es fand nun vom 8. bis 13. September an den bekannten Orten, vor allem in der Schauburg sowie im Thalia und für Frischluftfreunde auf dem Neumarkt statt. Auch die SLUB, die Zentralbibliothek, die Galerie Raskolnikow sowie die Filmgalerie Phase IV wurden in diesem Jahr wieder eingebunden. Vor Ort wurde auf Abstand und Maskenpflicht geachtet und zur besseren Nachverfolgung die Besucherdaten aufgenommen. So fühlten sich genügend Besucher sicher genug, um das Festival auch in diesem Jahr zu besuchen. Sie kamen in den Genuss zahlreicher Kurzfilme, von denen die FilmemacherInnen zum Teil vor Ort waren oder mit Video- oder Grußbotschaften zugeschalten wurden. Somit verlief das Kurzfilmfestival weitestgehend normal und die Struktur wurde kaum geändert. Das gute Wetter Anfang September kam ebenfalls gelegen, so dass u.a. der Sektempfang dieses Mal im Freien stattfinden konnte.

Schauburg

Auch in diesem Jahr bildeten die Wettbewerbe das Kernstück des Festivals. Im Internationalen und im Nationalen Wettbewerb wurden insgesamt 14 Preise im Wert von 68.000 Euro vergeben. Auch die Mitteldeutsche Filmnacht kürte wieder einen Gewinner des Abends. Gewonnen hat der Spielfilm „Der Ruf“ von Karl-Friedrich König, der sich mit Missionaren, welche auf dem Land nach neuen Schäfchen suchen, beschäftigt. Aus dem Wettbewerb stachen aber vor allem zwei sehr starke Filme zweier Regisseurinnen hervor. „Lychen 92“ von Constanze Klaue wirft einen Blick auf die Zeit kurz nach der Wende und wie sich die Kindheit zu dieser Zeit angefühlt hat. „Interstate 8“ von Anne Thieme führt uns nach Amerika, wo sich in einem Polizeiauto die Schicksale zweier Mädchen für einen kurzen Moment überschneiden.

Open Air am Neumarkt

Wie in jedem Jahr ist der Animationsfilm-Anteil beim Filmfest ebenso groß wie der Anteil der Spielfilm-Beiträge. Im Internationalen Wettbewerb gewann der amüsante „ZORG 2“ von Auden Lincoln-Vogel und setzte sich gegen seine starke Konkurrenz durch. Hier fielen besonders die Stop-Motion-Filme „Imbued Life“ der beiden RegisseurInnen Ivana Bosnjak und Thomas Johnson sowie der düstere „Drive“ aus Argentinien und Frankreich auf. Unter den Internationalen Wettbewerbsteilnehmer stach der Kurzfilm „The Physics of Sorrow“ des Regisseurs Theodore Ushev („Blind Vaysha“ (2015)) besonders hervor, der seine Bilder mit flüssigem Wachs zeichnete und eine auf einen Buch beruhende Geschichte der wachsenden Melancholie erzählt. Dafür gewann er den Goldenen Reiter des Publikumspreises. Auch im Nationalen Wettbewerb kam der Animationsfilm nicht zu kurz. Die Auszeichnung als ‚Bester Animationsfilm‘ erhielt der Kurzfilm „Brand“ von Jan Koester und Alexander Lahl („Eine Villa mit Pinien“). Der mit 3000€ dotierte DEFA-Förderpreis ging an den etwas merkwürdigen und sich einer ungewöhnlichen Optik bedienenden Kurzfilm „Steckbrief Natur – Folge 1: Der Waldkauz“ von Aleksandar Radan. Im Wettbewerb stach der herzerfrischende 2D-Animationsfilm „Wochenbett“ von Henriette Rietz (Herzette) hervor, welcher frei von der Leber weg erzählt, wie es sich wirklich anfühlt frisch gebackene Mutter zu sein. Sie erhielt dafür den LUCA Filmpreis für Geschlechtergerechtigkeit, der in diesem Jahr einen neuen Namen vermutlich nach dem Kurzfilm „Luca (m/w/d)“ der Regisseurinnen Hannah Schwaiger und Ricarda Funnemann, verpasst bekam. Doch auch außerhalb der Animationsfilmreihen, wie das von David Buob (Regisseur des Kurzfilms „Das Haus“) kuratierte Programm ‚How Dare You?‘ konnte man immer wieder Animationsfilme entdecken. Vor allem auf dem ‚Open Air‘ auf dem Neumarkt versteckten sich einige großartige Arbeiten wie „Muedra“ von Cesar Díaz Meléndez, der ein kleines Wesen auf eine abenteuerliche Reihe schickt, sowie der Anime-Dok „Der übers Meer kam“ von Jonas Riemer, der eindringlich von einem DDR-Flüchtling erzählt, der einen unerwarteten Weg einschlägt. Die Bandbreite zeigte wieder auf, wie vielfältig Animationen und ihre unterschiedlichen Techniken eingesetzt werden können, teilweise verschmelzen und die Geschichten so lebendig machen.

Duc Ngo Ngoc bei der Preisverleihung

Ein anderer Schwerpunkt lag dieses Jahr auf Filmen, die uns aus unserer Komfortzone holen sollen. Der ungewöhnliche, als Musikvideo inszenierte, Kurzfilm „Zombies“ prangert auf lockerleichte Weise den Handykonsum an. Andere Filme dagegen gehen noch tiefer und offenbaren menschliche Tiefen und Tragödien. Der deutsche Kurzfilm „Trading Happiness“ von Duc Ngo Ngoc erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die zwangsverheiratet wird. Das eindringliche und authentische Portrait wurde von der Jugendjury mit einem Goldenen Reiter belohnt. Auch der Gewinner des Goldenen Reiters für den ‚Besten Kurzspielfilm‘ im Internationalen Wettbewerb – „Stay Awake, Be Ready“ – erzählt als One-Take von verschiedenen Ereignissen an einer Straßenkreuzung und überlässt den ZuschauerInnen die Entscheidung, worauf sie ihren Fokus setzen. Auch der Spielfilm „Plume“, der den Goldenen Reiter für den ‚Besten Filmton‘ gewann, überlässt dem Publikum die Einordnung der Ereignisse. Genauso wie der auf dem Open Air gelaufene Film „The Rudeness of a German Lady“, welcher einen scheinbaren normalen Tag an einem Strand in Kroatien abbildet und doch auch die unangenehmen Tiefen des menschlichen Miteinanders offenbart. Bekannt für aufwühlende Stoffe, aber auch mit einem humorvollen Gesichtspunkt sind die Werke des Künstlerinnen-Kollektivs Neozoon, welche auf dem 32. Filmfest Dresden gleich mit zwei Filmen vertreten waren: „FragMANts“ und „Little Lower than the Angels“. Ein ebenfalls außergewöhnlicher Kurzfilm gewann den ARTE-Kurzfilm-Preis: „Hell and Such“ von Enrique Buleo, der mit ungewöhnlicher Bildsprache von einem weniger gesunden Mutter-Tochter-Verhältnis erzählt.   

Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch

In diesem Jahr waren zahlreiche Jugend-Filme mit starken, jugendlichen ProtagonistInnen zu sehen, welche sich ebenfalls zum Ziel gesetzt haben, keine Standardgeschichte zu erzählen. Allen voran der deutsche Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, welcher auf stimmige und freche Weise vom Leben als Jude im Pott erzählt und damit alte verkalkte Vorstellungen brechen will und es auch schafft. Dafür gewann er den Publikumspreis und den mit 20.000 Euro dotierten ‚Filmförderpreis der Staatsministerin‘. Zum mittlerweilen vierten Mal wird das Jugend- und Kinderprogramm von Mädchen und Jungs in diesem Alter zusammengestellt und moderiert. So war auch in diesem Jahr hier ein extremer hoher Standard in den Programmen bemerkbar und überzeugte auch im Kinderprogramm mit Filmen wie „The Last Day of Autumn“ und „The Kite“. Auch der Gewinner des Jugendjury-Preises im Internationalen Wettbewerb beschäftigt sich mit einem jungen Protagonisten, welcher durch einen Unfall auf einmal eine ungewöhnliche Quelle der Lust entdeckt: „Austral Fever“ von Thomas Woodroffe. Auch „Balloon“ von Jeremy Merrifield handelt von einer neuen Stärke, die sein Protagonist entwickelt und verbindet damit wunderbar eine authentische Coming-of-Age-Geschichte mit Elementen aus Superhelden-Geschichten. Die Kraft dagegen, welche die Mädels-Clique in „Brave Little Army“ besitzt, kommt aus ihnen selbst heraus und es ist immer wunderbar einen so dezidiert weiblichen Film zu sehen. Im Gegensatz zum Mainstreamkino sind beim Kurzfilm oft die genauso viele Filmemacherinnen vertreten wie männliche Kollege, sodass man immer wieder in den Genuss von Filmen aus weiblicher Hand, mit einem weiblichen Blick und und Geschichten mit starken Frauenfiguren kam. Hier fielen besonders „Wanted: Strong Woman“ von Marilyn Cooke und „Pick“ von Alicia K. Harris im ‚Open Air‘-Programm auf. 

Thalia

Ungewöhnlich war auch die Wahl des Gewinners für den ‚Besten Spielfilm‘ im Nationalen Wettbewerb: „Nach zwei Stunden waren zehn Minuten vergangen“ von Steffen Goldkamp. Denn mit seiner Mischung aus Dokumentar- und Experimentalfilm stach er unter den Beiträgen hervor und fängt in seinen 20 Minuten Länge das Gefühl von Zeit als Strafe wunderbar ein. Auch wenn sich in den Wettbewerben des Filmfests selbst keine reinen Dokumentationen befinden, konnte man u.a. im Open Air einige sehr gute Kurz-Dokumentationen entdecken. Hier fiel besonders der bissige „Let’s go to Antarctica“ auf, der wunderbar aufzeigt, wie wir unsere Welt zerstören, sowie der einfühlsame „Night Cleaners“, der Menschen, welche kaum gesehen werden, portraitiert. Auch der spanische „Sand Castles“, der auf erklärende Kommentare verzichtet, besticht mit seinen Aufnahmen von über ganz Spanien verteilten Bauruinen.

Austellungseröffnung Phasen

Wer weniger Zeit in dunklen Kinosälen verbringen wollte, hatte auch diesmal die Möglichkeit, an verschiedenen Sonderveranstaltungen teilzunehmen. So ging es unter anderem mit dem Rad durch Dresden, die Ausstellung zu der DDR-Künstlerin Christine Schlegel wurde eröffnet (dazu gab es auch eine Masterclass) und in der Filmgalerie Phase IV fanden wie immer die ‚Sandwich Talks‘ statt, welche auch online übertragen wurde und bei denen die internationalen Gäste per Livestream hinzugeschalten wurden. Wen es aber in die Kinos zog und wer neben dem Wettbewerb noch gut kuratierte und auch zeitaktuelle Programme sehen wollte, der konnte sich auf die vierteilige Sonderreihe ‚Schwerpunkt: Nachbilder – Spuren des Traumas‘, in der u.a. auch „Dark Chamber“ von Ottó Bánovits sowie „Nimic“, ein Kurzfilm von Yorgos Lanthimos gezeigt wurden, einlassen oder sich mit der Retrospektive ‚Regisseurinnen in der DDR‘ weiter mit Künstlerinnen wie Christine Schlegel vertiefen. Allen Freunden des besonderen Films stand in diesem Jahr leider nicht mehr die Panorama-Reihe zur Verfügung, dafür ging das ‚Seriously, WTF?‘ in eine zweite Runde und löste das anvisierte Gefühl bei den nächtlichen ZuschauerInnen aus. 

Auch in diesem Jahr war das Filmfest Dresden wieder vollgepackt mit vielen Film- und Sonderveranstaltungen, Wettbewerben und Gesprächen und fand bis auf wenige Veranstaltungen komplett offline statt. Trotz Corona wagten sich viele ZuschauerInnen in die Kinos, so dass offizielle Zahlen insgesamt 17.200 BesucherInnen verzeichneten. So können die beiden Festivalleiterinnen Sylke Gottlebe und Anne Gaschütz zufrieden sein und mit einem guten Gefühl mit der Planung für 2021 beginnen, welches wie gewohnt im Monat April stattfinden wird.

Festivalleiterinnen Anne Gaschütz und Sylke Gottlebe bei der Preisverleihung

Fazit: Nachdem die 32. Ausgabe des Filmfest Dresden im April verschoben werden musste, fand es fast wie gewohnt an den bekannten Spielstätten und mit zahlreichen Sonderprogrammen in der zweiten Septemberwoche 2020 statt. Trotz neuer, notwendiger Hygienemaßnahmen fand das Festival guten Zulauf und konnte so an den Erfolgen der letzten Jahre anknüpfen. Auch die Hybrid-Elemente und vor allem der Umgang mit internationalen Gästen, die nicht live anwesend sein konnte, funktionierte so gut, dass es nichts zu missen gab. Rundherum ein gelungenes Festival, welches durch gut kuratierte Reihen, abwechslungsreichen Wettbewerben und Programmen sowie vielen Zusatzveranstaltungen glänzte.

Trailer des 32. Internationalen Kurzfilmfestivals 2020

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Michael Kaltenecker

Alle oben aufgeführte Filme findest Du hier noch einmal aufgelistet:

  • „Austral Fever“ (OT: „Fiebre Austral“, Chile, 2019, Regie: Thomas Woodroffe)
  • „Balloon“ (USA, 2019, Regie: Jeremy Merrifield)
  • „Brand“ (Deutschland, 2019,  Regie: Jan Koester und Alexander Lahl)
  • „Brave Little Army“ (Kanada, 2018, Regie: )
  • Dark Chamber“ (Schweden, 2018, Regie: Ottó Bánovits)
  • „Der Ruf“ (Deutschland, 2019, Regie: Karl-Friedrich König)
  • „Der übers Meer kam“ (Deutschland, 2020, Regie: Jonas Riemer)
  • „Drive“ (OT: „Pulsión“,Argentinien/Frankreich , 2019, Regie: Pedro Casavecchia)
  • „FragMANts“ (Deutschland, 2019, Regie: NEOZOON Art Collective)
  • „Hell and Such“ (OT: „El Infierno y tal“, Spanien, 2019, Regie: Enrique Buleo)
  • „Imbued Life“ (Kroatien, 2019, Regie: Ivana Bosnjak und Thomas Johnson)
  • „Interstate 8“  (Deutschland/USA, 2019, Regie: Anne Thieme)
  • „Let’s go to Antarctica“ (Spanien, 2018, Regie: Gonzaga Manso)
  • „Little Lower than the Angels“ (Deutschland, 2019, Regie: NEOZOON Art Collective)
  • „Lychen 92“ (Deutschland, 2019, Regie: Constanze Klaue)
  • „Masel Tov Cocktail“ (Deutschland, 2020, Regie: Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch)
  • „Muedra“ (Spanien, 2019, Regie: Cesar Díaz Meléndez)
  • „Nach zwei Stunden waren zehn Minuten vergangen“ (Deutschland, 2019. Regie: Steffen Goldkamp)
  • „Night Cleaners“ (USA/Finnland, 2019, Regie: Hanna Nordenswan)
  • „Nimic“ (Deutschland, UK, USA, 2019, Regie: Yorgos Lanthimos)
  • „Pick“ (Kanada, 2019, Regie: Alicia K. Harris)
  • „Plume“ (Deutschland/Frankreich, 2019, Regie: Hannah Weissenborn)
  • „Sand Castles“ (Spanien, 2019, Regie: Markel Redondo)
  • „Stay Awake, Be Ready“ (OT: „Hãy tỉnh thức và sẵn sàng“, Vietnam/Südkorea/USA, 2019, Regie: Pham Thien An)
  • „Steckbrief Natur – Folge 1: Der Waldkauz“ (Deutschland, 2019, Regie: Aleksandar Radan)
  • „The Kite“ (OT: „Šarkan“, Tschechische Republik/Slowakische Republik/Polen, 2019, Regie: Martin Smatana)
  • „The Last Day of Autumn“ (Frankreich/Schweiz, 2019, Regie: Marjolaine Perreten)
  • „The Physics of Sorrow“ (Kanada, 2019, Regie: Theodore Ushev)
  • „The Rudeness of a German Lady“ (OT: „Njemački Ina“, Kroatien/Ungarn, 2019, Regie: Silva Ćapin)
  • Trading Happiness“ (Deutschland/Vietnam, 2020, Regie: Duc Ngo Ngoc)
  • „Wanted: Strong Woman“ (Kanada, 2019, Regie: Marilyn Cooke)
  • „Wochenbett“ (Deutschland, 2020, Regie: Henriette Rietz)
  • „Zombies“ (Belgien/Kongo, 2019, Regie: Baloji)
  • „ZORG 2“ (Estland, 2019, Regie: Auden Lincoln-Vogel)

Rezensionen zu Filmen vom 32. Internationales Kurzfilmfestival Dresden:

Interviews mit Filmemachern vom 32. Internationalen Kurzfilmfestival Dresden

Quellen:

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