Sieben Fragen an Hannah Weißenborn

© Filmakademie Baden-Württemberg, Hannah Weissenborn

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Hannah Weißenborn konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Plume“, der auf dem 32. Filmfest Dresden den Preis für den besten Filmton erhielt, erfahren. Warum sie sich dafür entschied eine Geschichte aus der Zirkuswelt zu erzählen, wie sich das Projekt umsetzte und wie sie die perfekte Hauptdarstellerin gefunden hat.

Wie ist die Geschichte zu „Plume“ entstanden – was war zuerst da, der Übergriff auf eine junge Frau oder der Zirkus?

Ich war in einem Punkt in meinem Leben plötzlich mit Artisten umgeben. Ich war mit einem Clown zusammen, habe mit Jongleuren und Magiern gewohnt und mir war klar, ich will einen Film über Zirkus machen. Bei meinem Gaststudium an der La Fémis in Paris habe ich dann begonnen, in Zirkusschulen zu recherchieren, mit Artisten zu sprechen und mir wurde relativ bald klar, dass es ein Milieu ist, in dem sehr viel über körperliche Grenzen gegangen wird. Aber auch über menschliche Grenzen, denn die Arbeit ist intim, intensiv und die Grenzen oft fließend. Als mir dann der Sohn einer Zirkusfamilie erzählte, wie schwierig es im laufenden Betrieb ist, mit Übergriffen hinter den Kulissen umzugehen, war mir klar, dass ich diese Themen verbinden will.

Für mich steht in der Deiner Geschichte nicht die Tat selbst im Vordergrund, sondern was sie mit der jungen Frau macht – Durch die Rückblenden schauen wir sozusagen in ihren Kopf. Steckt für Dich das dahinter?

Die Drehbuchautorin Oona von Maydell und ich haben beschlossen, die Hauptfigur in ein Setting zu setzen, in der sie von außen „gezwungen“ ist, zu funktionieren. Genau das ist nämlich das Problem wenn Übergriffe zwischen Menschen passieren, die eigentlich in einem engen Verhältnis stehen. Dass man im schlimmsten Fall das Vorgefallene vor sich selbst herunterspielt und ins Weiterfunktionieren verfällt. Trotzdem wird ein solches Ereignis einen weiterhin begleiten, beeinflussen und nachhaltig verändern. Genau das wollten wir zeigen, indem wir diesen Reflex des Weiterfunktionierens auch in die äußere Erwartungshaltung einer Aufnahmeprüfung übersetzt haben.

Der Film ist ja im Rahmen eines Auslandssemester entstanden – wie waren die Drehbedingungen – wie viel Zeit hattest Du für die Realisation des Projekts?

Drei Monate vom ersten Exposé bis zum Drehschluss. 

Hast Du im Vorfeld Recherchen betrieben, wie solche Auditions für Zirkusaufnahmen aussehen? 

Lorette Sauvet

Ich habe viel Recherche mit Artisten und Castern vom Cirque du Soleil gemacht. Zudem mit den jungen Zirkusschülern in Paris gesprochen. Rechtlich konnten wir nicht die Logos des Cirque du Soleil zeigen, aber im Grunde genommen ist es ein Ausschnitt der dortigen Aufnahmeprüfung, die wir inszeniert haben. Die Juroren sind auch im echten Leben Trapezkünstlerinnen und -lehrerinnen.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Dicht bei meiner Protagonistin zu sein. Das war für diesen Film das A und O. Und dieses Gefühl, in Einzelteile zerfallen zu sein, irgendwie zerstückelt zu sein, auch in die Auflösung zu übersetzen. Man springt manchmal ungewöhnlich hin und her zwischen Nahaufnahmen und weiteren Einstellungen. Das entspricht der überempfindlichen Wahrnehmung der Hauptfigur.

Deine Hauptdarstellerin Lorette Sauvet ist großartig. Wie hast Du sie gefunden – sie ist eigentlich Akrobatin, richtig?

Lorette Sauvet

Lorette hat zu der Zeit an der Academie Fratellini in Paris Trapez studiert. Ich habe sie schon bei meinen ersten Recherchen getroffen und sie ist mir in Erinnerung geblieben. Mit der Streetcasterin Anouk Abolnik habe ich zwei Monate lang alle Zirkusse von Paris durchgecastet und schließlich ist mir Lorette wieder eingefallen. Das Problem mit den meisten Trapezkünstlerinnen war nämlich, dass sie durch ihren Leistungssport so unfassbar kontrolliert und diszipliniert sind, dass sie sich im Spiel vor der Kamera wenig zeigen. Als wir Lorette dann zum Casting eingeladen haben, hat sie uns mit ihrer unglaublichen Natürlichkeit vor der Kamera überzeugt. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr über Dich erzählen und welche neue Projekte vielleicht schon geplant sind?

Seit dem Austausch an der La Fémis lebe ich in Paris. Während der Vorbereitungen zu „Plume“ hatte ich die Idee zu meinem nächsten Projekt, das ich inzwischen finanziert habe und kurz vor dem Dreh stehe. Das Projekt heißt „Douze“ (frz. „Zwölf“) inspiriert von der Metro Linie 12, und erzählt von dem Obdachlosen Damien, der in einem bürokratischen Teufelskreis feststeckt und beginnt in der Metro zu schnorren und zu schlafen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Plume

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