Sechs Fragen an Teemu Niukkanen (2020)

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Interview: Wir hatten das Glück und konnten uns mit dem finnischen Filmemacher Teemu Niukkanen („Saatanan Kanit“) auch über seinen zweiten Film unterhalten: „Are you hungry?“ (OT: „Onko Sulla Nälkä?“), den wir u.a. auf dem ‚Open Air‘ auf dem 32. Filmfest Dresden sichten konnten. Er erzählt uns, woher die Idee dazu stammt, wie wichtig Musik bei der Umsetzung ist und warum man harte Stoffe immer als Komödien inszenieren sollte.

The original english language interview is also available.

Was war der Ausgangspunkt für eure neue Geschichte „Are you hungry“, welche Du zusammen mit dem Drehbuchautor Antti Toivonen entwickelt hast?

Die Finnische Filmstiftung und der Finnische Nationalrundfunk Yle hatten ein Kurzfilmprojekt mit dem Titel „One Night Stand“. Sie waren auf der Suche nach Kurzfilmdrehbüchern, die unter diesen Titel und dieses Thema passen würden. Der Drehbuchautor Antti Toivonen hatte diese Idee von einem besorgten Elternteil, der seinem Kind ein Online-Date besorgt, und wir dachten, dass das perfekt zu den Anforderungen passen würde. Also bewarben wir uns mit einem groben Entwurf des Drehbuchs und schafften es, einer der drei Kurzfilme zu sein, welche die Finanzierung erhielten. 

Thematisch wollten wir eine Geschichte über das Scheitern in der elterlichen Liebe erzählen, die ein großartiger Ausgangspunkt sowohl für die Tragödie als auch für die Komödie ist.

Bereits Dein erster Film „Saatanan kanit“ (ET: „Fucking Bunnies“) und auch dieser scheinen tief in der Realität verankert zu sein und in beiden Filmen wird diese scheinbare Normalität mit etwas Ungewöhnlichem konfrontiert, aus dem heraus wieder viel der Komik entsteht. Würdest Du sagen, dass dies die Art ist wie Du Deine Geschichte transportieren möchtest? Wirst Du dieser Richtung treu bleiben?

Matvei German

Meiner Meinung nach funktioniert Komödie am besten, wenn sie auf wahren Phänomenen und Beobachtungen beruht. Je schmerzhafter und schwieriger das Thema ist, desto besser ist der Ausgangspunkt, um etwas außergewöhnlich lustig zu machen. Es geht darum, die Geschichte aus einem überraschenden Blickwinkel zu erzählen und eine komödiantische Gegenüberstellung zu finden. Das bedeutet, die auf der Realität basierende Beobachtung in etwas Einzigartiges zu verwandeln, etwas objektives subjektiv zu machen und wirklich an den wunden Punkten unserer Charaktere anzusetzen.

Was war Dir bei der Umsetzung wichtig – visuell wie erzählerisch.

Visuell wollte ich, dass die Umgebung des Films ziemlich schlicht und farblos ist, damit Tomis (der Sohn) farbenfrohe Kleidung wirklich hervorsticht. Auf diese Weise würde er die ganze Zeit ‚unter dem Radar‘ sein. Ich wollte auch ganz nah bei unserer Hauptfigur bleiben, um ihren inneren Kampf zu sehen und zu sehen, wie sie völlig hilflos mit ihren Gedanken ist. Wir sehen sie in weiteren Aufnahmen, wenn sie in Aktion tritt. Alles in allem ist der Look des Films ziemlich organisch entstanden.

Deine DarstellerInnen sind großartig – wie hast Du Pirjo Lonka und Matvei German gefunden?

Pirjo Lonka

Pirjo Lonka ist eine in Finnland sehr etablierte Schauspielerin. Ich wusste, dass sie großartige Rollen gemacht hatte, in denen sich Tragödie und Komödie vereinen, also war sie von Anfang an in meinem Kopf. Ich bin froh, dass sie die Zeit hatte, diesen Film zu machen. Auch die Besetzung von Tomis Rolle war recht einfach. Trotz der ziemlich breit gefächerten Besetzung haben wir es geschafft, nur vier Bewerber zu bekommen, von denen nur einer zum Vorsprechen gekommen ist. Ich bin sehr froh, dass einer davon Matvei war. Er war genau das, was ich gesucht habe. Er hat eine erstaunliche Präsenz und Rhythmusgefühl.

In Deinem Film ist der Musikeinsatz immer perfekt. Wie wichtig ist Dir diese Ebene und wie hast Du für diesen Film die passende Musik gefunden?

Ich verwende gerne Musik, die im Widerspruch zur Szenerie und zu den Charakteren steht. Taxifahrerinnen mittleren Alters und Minimal-Techno lassen sich einfach nicht kombinieren, und ich finde es aus irgendeinem Grund wirklich lustig (und stilvoll). Es gibt etwas in dieser Disharmonie, das ich nicht ganz genau benennen kann, aber es reizt mich wirklich – und ich hoffe, die Zuschauer nehmen es auch so wahr. Für mich ist Musik auch ein sehr wichtiges Werkzeug, um einen bestimmten Rhythmus in den Szenen und Übergängen zu erreichen. Sie hilft dem Schnittprozess sehr. In „Are you hungry?“ habe ich zunächst versucht, wirklich unkomplizierte Happy-Hardcore-Scores zu verwenden, aber es stellte sich heraus, dass das die Szenen zu lebhaft machte. Also suchte ich nach melancholischeren elektronischen Melodien. Aufgrund meiner langen Geschichte als Regisseur von Werbespots bin ich es wirklich gewohnt, Musik aus verschiedenen Bibliotheken zu suchen, und das ist auch bei Kurzfilmen sehr praktisch. Mir gefällt irgendwie die Tatsache, dass die Musik, die ich benutze, nicht nur für meinen Film komponiert ist. Dann kann ich leicht verschiedene Ansätze ausprobieren und muss mich nicht auf eine Idee oder einen Komponisten festlegen.

Wie wird es bei Dir / euch weitergehen? Ist als nächstes ein Langfilm geplant? 

Antti Toivonen arbeitet derzeit an einem Drehbuch für einen Spielfilm. Wenn also alles glatt läuft (also nicht wie im Jahr 2020 mit covid19 und so weiter), werden wir in etwa 1,5 Jahren mit den Dreharbeiten beginnen. Allerdings hoffe ich, in der Zwischenzeit einige Komödienreihen und Kurzfilmarbeiten an Land ziehen zu können. Mal sehen, was das Leben bringt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Are you hungry?


 Interview: We had the fortune of talking to the Finnish filmmaker Teemu Niukkanen („Saatanan Kanit„) about his second film: „Are you hungry?“ (OT: „Onko Sulla Nälkä?“), which we were able to see at the ‚Open Air‘ at the 32nd Filmfest Dresden. He tells us where the idea for his film came from, how important music was in its realization and why one should stage heavy stuff as comedies.

What was the starting point for your new story „Are you hungry“, which you developed together with the screenwriter Antti Toivonen?

Finnish Film Foundation and Finnish National Broadcasting Company Yle had a short film project called „One Night Stand“. They were looking for short film scripts which would fit under that title and theme. Screenwriter Antti Toivonen had this idea of a worried parent who sets their kid on an online date and we thought that it would fit the requirements perfectly. So we applied with a rough draft of the script and managed to be one of the three shorts that got the funding. 

Thematically we wanted to tell a story of failing in parental love which is a great starting point for both tragedy and comedy.

Already your first film „Saatanan kanit“ and this one too seem to be deeply anchored in reality and are then confronted with something unusual, out of which much of the comedy emerges. Would you say that this is the way you want to convey your story? Will you stay true to this approach?

In my opinion comedy works best when it’s based on true phenomenona and observation. The more painful and difficult the subject is the better starting point it is for making something extraordinarily fun. The thing is to tell the story from a surprising point of view and come up with a comedic juxtaposition. That means twisting the reality based observation into something more unique, making something objective subjective and really poke at the sore points of our characters.

What was important to you in the implementation – both visually and from a narrative point of view?

Visually I wanted the film’s environment to be pretty plain and colorless in order to have Tomi’s (the son) colorful clothes to really jump out. That way he’d be „under the radar“ all the time. I also wanted to stay quite close to our main character to see her inner struggle and how she’s completely helpless with her thoughts. We see her in wider shots when she’s taking action. All in all the film’s look is pretty organic.

Your actors are great – how did you find Pirjo Lonka and Matvei German?

Pirjo Lonka is a very established actress in Finland. I knew she’d done awesome roles where tragedy and comedy combine so she was in my mind right from the beginning. I’m glad she had the time to do this film. The casting of Tomi’s role was quite simple as well. Despite the rather broad casting calling we managed to get only four applicants out of which only one managed to come to audition. I’m very happy that one was Matvei. He was exactly what I was looking for. He has an amazing presence and sense of rhythm.

In your film the use of music is always perfect. How important is this level to you and how did you find the right music for this film?

I like to use music that contradicts the scenery and the characters. Middle-aged lady taxi driver and minimal techno just do not combine and I find it really funny (and stylish) for some reason. There’s something in that disharmony I can’t quite put my finger on but it really tickles me – and I hope the viewers perceive it like that also. To me music is also a very important tool in achieving a certain rhythm to the scenes and transitions. It helps the editing process a lot. In „Are you hungry?“ I first tried to use really straightforward happy hardcore score but it turned out to make the scenes too perky. So I searched for more melancholic electronic tunes. I’m really used to scouting music from different libraries due to my long history in directing commercials and that has become really handy with short films as well. I kinda like the fact that the music I use is not composed solely for my film. Then I can easily test different approaches and not be stuck with one idea or composer.

How will it go on with you? Is a feature film planned next? 

Antti Toivonen is currently working on a feature film script. So if everything goes smoothly (meaning not like in 2020 with covid19 and all) we’ll start shooting in about 1,5 years. Though I hope to land some comedy series / short film work in the meantime. Let’s see what life brings.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Are you hungry?

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