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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Joscha Bongard konnten wir mehr über seinen Spielfilm „Babystar“ erfahren, der auf vielen Festivals u.a. dem 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 zu sehen war und jetzt in den Kinos startet. Wie er bereits 2020 die Idee dazu entwickelte, an zukünftige Entwicklungen dachte und warum er sich visuell von Sozialen Medien deutlich unterscheiden wollte.
Ausgangspunkt zu deinem Film war die Idee, dass ein Kind seine Eltern verklagt. Kannst Du mir mehr zu der Entstehung erzählen?
Die Idee kam mir, als ich im Schnitt meines Dokumentarfilms [Anm. d. Red. „Pornfluencer“] saß, der auch viel mit Machtdynamiken und dem Internet zu tun hat. Ich wusste, dass ich etwas über Familie erzählen wollte und Soziale Medien haben mich schon immer stark beschäftigt, weil ich die letzte Generation bin, die noch eine Kindheit ohne Smartphones kennt, aber dann schon eine Jugend auf SchülerVZ, Facebook und Instagram hatte. „Babystar“ habe ich dann mit der Autorin Nicole Rüthers und unseren Produzentinnen Lisa Purtscher und Lotta Schmelzer als Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg entwickelt.
Dein Film ist ein Blick in eine nahe Zukunft – wie weit hat sich Deine Version mit den Jahren seit dem Drehbuchschreiben bestätigt? Wo habt ihr gedreht?
Ende 2020 kam die Idee zu „Babystar“ und da ich ja wusste, dass es mindestens fünf Jahre dauert, bis der Film fertig ist, haben wir von Anfang an auch darüber nachgedacht, was 2025 sein wird. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren erleben, wie sich Social-Media-Babys, die dann erwachsen werden, positionieren. Wir haben unsere Geschichte natürlich auch immer wieder angepasst. Zum Beispiel war ein AI-Avatar, der im Film eine wichtige Rolle spielt, vor drei Jahren noch eine kleine Nische und Zukunftsidee und heute ist es für viele von uns normal, sich mit Chat GPT über persönliche Dinge zu unterhalten.
Den Film haben wir unter anderem in dem Elternhaus von Roland Emmerich gedreht, das in Sindelfingen stand. Leider wurde es vermutlich mittlerweile abgerissen. Der gesamte Film ist in der Region Stuttgart produziert, auch wenn das Feedback oft ist, dass das nicht unbedingt erkenntlich ist.
Es ist euer Diplomfilm – welche Mittel und wie viel Zeit stand euch zur Verfügung?
Wir haben im ZDF Kleines Fernsehspiel und unserer tollen Redakteurin Melvina Kotios einen starken Partner schon in der Entwicklung des Stoffs gefunden. Die MFG und die HessenFilm haben uns dann die Umsetzung ermöglicht, worüber wir sehr dankbar sind. Insgesamt mussten wir mit etwas über einer halben Millionen Euro Barmittel auskommen und der Unterstützung der Filmakademie Baden-Württemberg. Das sorgt dann dafür, dass man ein großartiges Team zu prekären Gagen anstellen muss. Ich glaube, es wird Zeit darüber nachzudenken, wie man entweder mehr Geld für die Nachwuchsförderung auftreibt, oder weniger Filme finanziert, was für uns als Nachwuchs allerdings auch eine harte Entscheidung wäre. Aber es muss aufhören, dass Menschen sich selbst ausbeuten müssen, um in einem Land wie Deutschland Filme machen zu können.
Obwohl es ein Film über Social Media ist, besitzt er keine Social Media Ästhetik. Warum war euch das wichtig? Was lag euch stattdessen visuell am Herzen?
Diese Entscheidung ist sehr früh gefallen, weil wir eine bewusste Antithese zur Schnelllebigkeit von Social Media setzen wollten. Die stetig anwachsende Beschleunigung unseres Lebens tut uns als Gesellschaft meiner Meinung nach nicht gut. Zusätzlich wollten wir Lucas Leben im Goldenen Käfig für die Zuschauenden erlebbar machen, weswegen wir uns für lange Einstellungen mit teils starken Weitwinkeln entschieden haben.
Warum habt ihr euch dafür entschieden, Marken u.ä. auszublenden und auszupiepsen?
Wenn wir alle Marken gezeigt hätten, wäre es den Zuschauenden gar nicht aufgefallen, wie gebrandet unsere Welt mittlerweile ist. Menschen sind ja mittlerweile auch zu Marken geworden. Mit dem unkenntlich machen, wollen wir das Publikum überdeutlich auf diesen Umstand aufmerksam machen. Zur ganzen Wahrheit gehört auch: Als kleiner Film können wir es uns nicht leisten, uns mit großen Plattform-Monopolisten anzulegen.
Eure Darsteller:innen sind großartig besetzt – nach welchen Kriterien hast Du sie ausgewählt?
Der Castingrozess war eine große Freude, da wir tolle Vorschläge von unseren Castingdirektorinnen Liza Stutzky und Andrea Rodríguez bekommen haben und ich eine wirklich starke neue Generation an deutschem Filmnachwuchs kennenlernen durfte, wir können uns da auf sehr viel Talent freuen. Zuerst haben wir intensiv nach Luca gesucht und dann in Maja Bons unsere absolute Traumbesetzung gefunden. Allerdings war das erst Liebe auf den zweiten Blick, sowohl bei Maja als auch bei mir. Dann haben wir in Bea Brocks und Liliom Lewald durch Konstellation-Castings eine Familie gefunden, die ich sehr liebe. Die drei haben mir mit ihrer Dynamik und unendlicher Spielfreude ein so großes Geschenk gemacht. Komplettiert von der tollen Joy Ewulu und u.a. Maximilian Mundt und Verena Altenberger, sind wir sehr stolz auf diesen Cast.
Kannst du mir mehr über die Musik erzählen?
Jonas Vogler, der Komponist, und ich haben vor „Babystar“ bereits an mehreren Projekten gemeinsam gearbeitet, unter anderem an dem Dokumentarfilm „Pornfluencer“. Bereits während des Entwicklung des Drehbuchs war er an Bord und hat während der Vorproduktion schon angefangen eine Klangwelt zu entwickeln und einige Themen entwickelt, die unsere Editor:innen Emma Holzapfel und Wolfgang Purkhauser beim drehbegleitenden Schnitt schon benutzt haben. So mussten wir wenig Tempmusik benutzen und hatten auch schon beim Dreh bei einigen Szenen Musik, die wir für die Atmosphäre abspielen konnten. Der Soundtrack arbeitet viel mit Stimme und verzerrten Klängen. Uns war es von Anfang an wichtig einen organischen, nahbaren und doch auch teilweise fremden und weirden Ton zu treffen. Stimme ist etwas sehr persönliches und emotionales. Durch die Verzerrung entsteht eine gewisse Spannung und Entrückung.
Dein Film startet jetzt bald in den Kinos – auf welches Publikum hoffst Du?
Ehrlicherweise freue ich mich über jede Person, die an der Kinokasse ein Ticket kauft und den wichtigen Begegnungsraum damit am Leben hält. Der Film ist nicht nur, wie man vermuten könnte, ein Film für die Gen Z und die Millennials. Vielmehr haben wir auf unserer Kinotour erlebt, dass vor allem auch Menschen, die weniger Kontakt mit Social Media haben, also vielleicht um die 60 sind, sehr viel mit dem Film anfangen können und uns tolles Feedback geben. Der Film ist also bestens geeignet für junge Eltern, Eltern mit Jugendlichen, aber auch gerne deren Großeltern.
Ich glaube, dass Social-Media-Konsum und Medienkompetenz nicht ausschließlich nur ein Problem von jungen Menschen sind, wie es oft suggeriert wird, sondern, dass hier vor allem auch bei Menschen ab 45+ ein großer Nachholbedarf besteht.
Hast Du schon neue Ideen oder Projekte am Start?
Ich arbeite bereits an meinem nächsten Spielfilm, aber stehe dort noch sehr am Anfang. Das Projekt dreht sich um Elternschaft und Abtreibung. Diesen Sommer darf ich erst mal ein paar Folgen einer ZDFneo-Serie drehen, die ich sehr liebe. Darauf freue ich mich!
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Films „Babystar“



