Acht Fragen an Marilyn Cooke

Interview: Im Gespräch mit der kanadischen Filmemacherin Marilyn Cooke konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Wanted: Strong Woman“, der auf dem 32. Filmfest Dresden zu sehen war, erfahren, warum sie Wrestling und Gedichte darin vereint und was ihr bei der Umsetzung, der Gestaltung und bei der Wahl der Darstellerin wichtig war.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zu den Ursprüngen Deines Kurzfilms „Wanted: Strong Woman“ erzählen und wie Du das Skript entwickelt hast.

Lustigerweise war der Name des Films das erste, was mir einfiel! Das, zusammen mit dem Konzept einer Frau, die sich auf Wrestling einlässt, und diese Elemente haben beide ihren Weg in die Endfassung gefunden. Ich fügte dann eine Menge anderer Elemente hinzu, die den Endschnitt schafften (die Fantasy-Welt, die Rückbesinnung auf die Wurzeln/Erziehung, verschiedene Stadien des Lebenszyklus, ein Doppelleben wie eine Superheldin führen etc.), aber die Idee, über eine schwarze Frau zu schreiben, die durch diesen Randsport einen Sinn in ihrem eigenen Leben findet, war der Zündfunke. Die Gedichte kamen etwas später hinzu.

Warum hast Du Dich für Wrestling entschieden (ich musste auch ein wenig an die Netflix-Serie „Glow“ denken)?  

Tatiana Zinga Botao © Marie Davignon

Ich denke, es wäre zutreffender zu sagen, dass das Wrestling mich gewählt hat! Scherz beiseite, als ich in meiner Familie aufwuchs, war es bei uns Tradition, amerikanisches Wrestling im Fernsehen zu sehen. Jeden Sonntagnachmittag und jeden Montagabend sahen wir es uns an! Ich war fasziniert von dieser Scheinwelt, die halb Theater und halb Sportwettkampf war, und davon, wie sich jeder auf diese Fantasie einließ, als wäre sie real. Ich war auch von den Wrestlern selbst beeindruckt, vor allem von den Frauen, und von ihrer Zähigkeit und Entschlossenheit. Ich bewunderte sie und fragte mich, was eine Frau motivieren würde, einen so extremen Sport auf einem von Männern dominierten Feld auszuüben. Übrigens liebe ich „Glow“! Wusstest du, dass die Show auf einer echten Fernsehsendung mit Ringerinnen aus den 1980er Jahren basiert? Ich habe mir den Dokumentarfilm [Anm. d. Red.: „GLOW: The Story of the Gorgeous Ladies of Wrestling“, 2012, Regie: Brett Whitcomb] tatsächlich vor den Dreharbeiten angesehen, aber das Timing war ein Zufall. 

In Deinem Film steckt sehr viel. Es handelt vom familiären Miteinander, der Behauptung von Frauen im Allgemeinen und im Besonderen der schwarzen Frau und dem Finden zu sich selbst. Was ist für Dich die wichtigste Kernaussage des Films?

Tatiana Zinga Botao und Maka Kotto © Marie Davignon

Das ist ein harter Brocken, denn wie du sagst, habe ich eine Menge Zeug in 15 Minuten Film gepackt! Aber letztendlich ist das für mich eine sehr einfache Frage: Was bedeutet es, sich wirklich stark zu fühlen? Als ich über Wrestlerinnen recherchierte und darüber, wie sie in den Sport eingestiegen sind, ist mir eine Sache wirklich aufgefallen: Für sie war es nicht einfach irgendeine andere Sportart oder ein Hobby. Es war ihre Lebensleidenschaft, und sie widmeten ihre Zeit, ihre Energie, ihr Geld, ihren Körper, alles, was sie hatten, dem Sport, auch wenn ihre Liebsten oder Kollegen es nicht wirklich verstanden. Ich habe einen so großen Respekt vor Menschen, die ihre Leidenschaft leben. Das brachte mich auf die Idee, dass eine Figur nicht nur ihre physische, sondern auch ihre mentale Stärke durch das findet, was ihr das Gefühl gibt, wirklich lebendig zu sein, was das Feuer in ihr entzündet. Ich wollte, dass die Zuschauer sich damit verbinden und sich befähigt fühlen, sich zu fragen, was sie in ihrem eigenen Leben dazu bringt, sich so zu fühlen.

Dein Kurzfilm ist fest verankert in der Realität, doch durch das Rezitieren von Gedichten ist es gleichzeitig poetisches Kino, was durch die Bilder unterstützt wird. Kannst Du mir mehr zu den Gedichten selbst erzählen?

Tatiana Zinga Botao © Marie Davignon

Ich habe schon immer Poesie geliebt und Gedichte geschrieben, schon als Teenager wollte ich ein ‚poète maudit‘ (wie Rimbaud oder Baudelaire) sein und ein tragisches Schicksal haben. Ich bin daraus erwachsen (Gott sei Dank!), aber meine Liebe zur Musikalität der Worte ist geblieben. Gelegentlich schreibe ich noch Gedichte, und ich habe die Gedichte geschrieben, die im Film zu hören sind (sowohl in der französischen als auch in der übersetzten englischen Fassung). Es gibt auch eine starke Tradition der Poesie in der karibischen Kultur, durch Literatur und auch in der mündlichen Geschichte, die ich durch die Figur des Onkels darstellen wollte. Auch wenn es den Anschein haben mag, dass diese beiden Dinge aufeinanderprallen (Poesie/Wrestling), finde ich in den kurzen Phrasenfolgen und dem Wunsch, beim Publikum eine emotionale Reaktion hervorzurufen, eine große Ähnlichkeit zwischen ihnen. 

Was war Dir bei der visuellen Umsetzung wichtig? 

Tatiana Zinga Botao © Marie Davignon

Eine wichtige Sache war die Idee der Dualitäten. Mit dem Team haben wir dies in jedem Aspekt des Films umgesetzt. Zwischen ihrem langweiligen Heim-/Arbeitsleben und der farbenfrohen Welt des Ringkampfs, die im Inneren der Hauptfigur etwas Neues aufleuchten lässt, kollidiert diese Dualität, um am Ende des Films eins zu werden. Es ist sehr subtil, aber mit meiner Kamerafrau Marie Davignon haben wir ein Kameraschema mit festen Einstellungen am Anfang entwickelt, dann geht es über zur Handkamera, wenn sie das Ringen entdeckt und es ihre Weltanschauung verändert, und schließlich verwenden wir die Steadicam für die letzten Szenen, wenn sie ihre Stärke gefunden hat und stabiler ist in dem, was sie ist. Mit meiner Produktionsdesignerin und Garderobendesignerin arbeiteten wir daran, Farbpaletten zu entwickeln, die die verschiedenen Stimmungen der Traumwelt (die eher in Schwarzweiß war) und der realen Welt widerspiegeln. Ich weiß, deine Frage bezieht sich auf das Visuelle, aber ich werde schummeln: Das Sounddesign ist auch ein sehr wichtiges Element, über das ich immer schon beim Schreiben nachdenke – und ich wollte wirklich all diese Dualitäten auch durch verschiedene Klanglandschaften und Musik zeigen. 

Deine Hauptdarstellerin Tatiana Zinga Botao hat eine wunderbar starke Präsenz. Wie hast Du sie gefunden? 

© Marie Davignon

Sie ist erstaunlich, sowohl als Schauspielerin als auch als Mensch! Am Anfang waren wir uns nicht sicher, ob wir versuchen würden, eine Wrestlerin zu casten, die schauspielern kann, oder eine Schauspielerin, die wresteln kann. Wir hielten ein Casting ab, und Tatiana fesselte mich mit ihrem Gefühlsreichtum, ihrer Stimme beim Rezitieren der Gedichte und ihrer kraftvollen körperlichen Präsenz. Ihre Tatkraft und ihr Charisma hält Sie in Ihren Bahnen. Sie ist das A und O! Um die Rolle zu spielen, musste sie Box- und Ringkampfunterricht in einer örtlichen Wrestle-Schule namens ‚Folterkammer‘ nehmen. Sie hat sich wirklich in die Rolle gestürzt. Es war eine körperlich anspruchsvollere Rolle, als ich gedacht hätte.

Kannst Du mir zum Schluss noch etwas mehr über Dich erzählen?

Tatiana Zinga Botao © Marie Davignon

Ich bin in Montreal geboren und lebe immer noch dort, mein Vater war ein Einwanderer aus St. Vincent und von den Grenadinen (einer winzigen Insel in der Karibik), meine Mutter ist Frankokanadierin. Ich habe die Filmschule besucht, obwohl sie wollten, dass ich Neuropsychiaterin werde. Ich wusste nicht immer, dass ich Filme machen wollte. Bevor ich ein ‚poète maudit‘ werden wollte, wollte ich schon als kleines Kind entweder Ägyptologin oder Prophetin werden. Obwohl ich nie göttliche prophetische Visionen hatte, spürte ich in beiden Berufen ein Gespür für das Dramatische, mit dem ich mich anfreunden konnte. Ich habe immer viel geschrieben – die Gedichte habe ich schon angesprochen, aber ich habe auch Kurzgeschichten, Theaterstücke, persönliche Essays, Spukhausführungen durch unseren Keller usw. geschrieben, und dann dachte ich: „Hmmm, vielleicht kann ich mit Geschichten für meinen Lebensunterhalt sorgen?“ People of Color werden in den Medien im Allgemeinen unterrepräsentiert oder falsch dargestellt, aber in Quebec damals, als ich aufwuchs, war das besonders ausgeprägt. Ich glaube, ich habe so viele Geschichten geschrieben, zum Teil, um meine eigene Existenz zu bestätigen, und zum Teil, weil das die Charaktere und Geschichten sind, die meine Vorstellungskraft durchdringen. Es freut mich zu sehen, dass es allmählich mehr Anerkennung und Offenheit dafür gibt, dass wir unsere Geschichten erzählen. Hoffentlich ist das nur der Anfang!

Sind schon weitere Projekte geplant?

Tatiana Zinga Botao © Marie Davignon

Ich habe einen dritten Kurzfilm mit dem Titel „No Ghost in the Morgue“ begonnene. Ich habe gerade das Drehbuch fertig geschrieben und bin mit meiner Produzentin im Finanzierungsprozess. Er handelt von einer jungen schwarzen Frau, die Chirurgin werden will, um die Familientradition zu ehren, aber während ihrer ersten Operation schlägt die Tragödie zu, und sie ist gezwungen, stattdessen in der Leichenhalle zu arbeiten. Sie wird von diesem Scheitern heimgesucht, das durch den Geist ihrer Großmutter dargestellt wird, der sie in Tagträumen besucht. Es klingt gruselig, aber es ist tatsächlich lustig, das verspreche ich! Nun, es ist eher eine Dramedy (Komödien-Drama). Ich befinde mich auch im ersten Entwurfsstadium des Schreibens meines ersten Spielfilms, aber es ist noch zu früh, um mehr Details dazu zu nennen. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Wanted: Strong Woman


Interview: In conversation with the Canadian filmmaker Marilyn Cooke, we were able to learn more about her short film „Wanted: Strong Woman„, which was screened at the 32nd Filmfest Dresden, why she combines wrestling and poetry in it and what was important to her in the realisation, design and choice of actress.    

Can you tell me more about the origins of your short film „Wanted: Strong Woman“ and how you developed the script? 

Funnily enough, the name of the film was the first thing that came to me! That, along with the concept of a woman who gets into wrestling and those elements both made their way to the final version. I then added a lot of other elements that made the final cut (the fantasy world, reclaiming roots/ancestry, different stages of the life cycle, leading a double life like a superhero,…), but the idea of writing about a Black woman who finds meaning in her own life through this marginal sport was the spark. The poetry came to me a bit later.

.Why did you choose wrestling (I also had to think a little bit about the Netflix series „Glow“)?  

I think it would be more accurate to say that wrestling chose me! Jokes aside, growing up in my family, watching American wrestling on TV was a tradition in our house. Every Sunday afternoon and every Monday night we would watch it! I was fascinated by that make-believe world that was half theatre and half sports match, and by how everybody bought into the fantasy as if it were real. I was also impressed with the wrestlers themselves, especially the women, and their toughness and determination. I admired them and wondered what would motivate a woman to take up such an extreme sport in a male-dominated field. By the way I love Glow! Did you know the show is based on a real TV show with women wrestlers in the 1980s? I actually watched the documentary before shooting the film, but the timing was a coincidence. 

There is a lot in your film. It’s about family togetherness, the assertion of women in general and the black woman in particular, and finding oneself. What is the most important message of the film for you? 

That’s a tough one, because like you say I packed a lot of stuff in 15 minutes of film!! But ultimately, to me it’s a very simple question: What does it mean to truly feel strong? When I was researching women wrestlers and how they got started in the sport, one thing really stuck out to me. To them, it wasn’t just like any other sport or a hobby. It was their life’s passion, and they dedicated their time, their energy, their money, their body, everything they had to it, even if their loved ones or colleagues didn’t really understand it. I have such a huge respect for people who live their passion. It led me to the idea of a character finding not just her physical strength, but her mental strength through what makes her feel truly alive, what lights the fire inside her. I wanted the audience to connect to that and to feel empowered to ask themselves what makes them feel like that in their own life.

Your short film is firmly anchored in reality, but by reciting poems it is at the same time poetic cinema, which is supported by the images. Can you tell me more about the poems themselves? 

I’ve always loved poetry and wrote poems, when I was a teenager I wanted to be a „poète maudit“ (like Rimbaud or Baudelaire) and have a tragic destiny. I grew out of that (thank God!) but my love for the musicality of words has stayed. I occasionally still write poetry, and I wrote the poems that are in the film (both in French and the translated English version). There is also a strong tradition of poetry in Carribean culture, through literature and also in oral history, which I wanted to portray through the character of the uncle. Even though it may seem like those two things clash (poetry/wrestling) I find a lot of similarity between them in the short bursts of phrases and the desire to elicit an emotional response in the audience. 

What was important to you in the visual realization? 

One important thing was the idea of dualities. With the team we put this into every aspect of the film. Between her tedious home/work life and the colourful world of wrestling, which lights up something new inside the main character, that duality collides to become one at the end of the film. It’s very subtle but with my Director of photography Marie Davignon, we devised a camera scheme with fixed shots at the beginning, then going into handheld when she first discovers wrestling and it changes her worldview, then finally using steadicam for the final scenes, when she has found her strength and is more stable in who she is. With my production designer and wardrobe designer, we worked on having colour palettes to reflect the different atmospheres of the dream world (which was more in black and white) and the real world. I know your question is about visuals but I’ll cheat :)  the sound design is also a very important element that I always think about as early as the writing stage – and I really wanted to show all those dualities through different sound landscapes and music as well. 

Your leading actress Tatiana Zinga Botao has a wonderfully strong presence. How did you find her? 

She is amazing both as an actress and as a human being! In the beginning we weren’t sure if we would try to cast a wrestler who could act or an actress who could wrestle. We held auditions and Tatiana riveted me with her range of emotions, her voice when reciting the poetry and her powerful physical presence. Her drive and charisma stops you in your tracks. She’s the whole deal! She had to take boxing lessons and wrestling lessons at a local wrestling school called the „Torture Chamber“ to play the part. She really invested herself in the role. It was a more physically challenging role than I had thought.

Can you tell me more about yourself at the end? 

I was born and still live in Montreal, my father was an immigrant from St Vincent and the Grenadines (a tiny island in the Carribean), my mother is French Canadian. I went to film school even though they wanted me to be a neuropsychiatrist. I didn’t always know I wanted to make films. Before wanting to become a „poète maudit“, when I was a young child I wanted to be either an Egyptologist or a prophet. Although I never had any divine prophetic visions, I felt there was a flair for the dramatic in both those professions that I could vibe with. I’ve always written a lot – I talked about poems earlier, but I also wrote short stories, plays, personal essays, haunted house tours of our basement, etc. and then I was like „hmmm, maybe I can create stories for a living?“ People of colour are underrepresented or misrepresented in media in general, but in Quebec back then when I was growing up it was especially rare. I think I wrote so many stories in part to affirm my own existence, and in part because those are the characters and stories that permeate my imagination. I’m glad to see that there is starting to be more recognition and openness to us telling our stories. Hopefully it’s just the beginning!

Are there already more projects planned? 

I have a third short film called No Ghost in the Morgue, I just finished writing the script and am in the funding process with my producer. It’s about a young Black woman who wants to become a surgeon to honour the family tradition, but during her first operation, tragedy strikes and she is forced to go work in the morgue instead. She is haunted by that failure, that is represented by the ghost of her grandmother that visits her in daydreams. It sounds creepy but it’s actually funny, I promise! Well it’s more of a „dramedy“ (comedy-drama). I am also at the first draft stage of writing my first feature film but it’s too early to give more details about that. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Wanted: Strong Woman“ 

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