Acht Fragen an Idir Serghine

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem französischen Regisseur Idir Serghine konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Oni“ erfahren, der im ‚Shock Block‘-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, erfahren. Er erzählt mehr über die Entstehung des Films, seine Liebe zur Kunstgeschichte und wie die Musik einen Kontrast zu den Bildern bietet und so den Schrecken verstärkt.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu deinem Kurzfilm entstanden?

Ich arbeite stets damit, Elemente, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, übereinander zu schichten und zu vermischen. Ursprünglich war die Idee für den Film ein Ausdruck der Angst angesichts der aktuellen Weltlage: Globale Konflikte, das Aufkommen von Rassismus, die Folgen des Klimawandels usw. Und dann kam eine ferne Erinnerung an COVID hinzu, als ich während des Lockdowns nachts seltsame Geräusche von meinen Nachbarn hörte. Da ich gerade umzog, fragte ich mich: Was würde mit einer Ausländerin passieren, die nach Paris zieht, in ein Land, das sie nicht gut kennt? Und weil ich Horrorfilme liebe, wollte ich die Erzählung durch die Linse dieses Filmgenres angehen. 

Kunsthistorische Gemälde und Stiche spielen eine wichtige Rolle im Film. Welche Verbindung hast Du selber mit der Kunstgeschichte?

Ich verfüge über keine akademischen Kenntnisse der Kunstgeschichte, obwohl ich regelmäßig Museen besuche. Meine Herangehensweise an die Malerei ist eher sinnlich. Ich habe eine lebhafte Erinnerung an die Ängste oder Freude, die sie in mir hervorruft. Aber ich hege eine echte Vorliebe für die niederländischen Maler des Mittelalters, Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel. Ihre grenzenlose Fantasie, ihre Art, die Grenzen der Darstellungsweisen ihrer Zeit zu sprengen, berührt mich zutiefst. Eigentlich ist es lustig – die Beantwortung dieser Frage weckt eine Erinnerung an eine Salvador-Dalí-Ausstellung, die ich als Teenager in München gesehen habe. Ich war zugleich fasziniert und erschrocken. Ich glaube, das fasst meine Beziehung zur Malerei und zu Stichen (und zur Kunst im Allgemeinen) recht gut zusammen. Starke Bilder und Emotionen, die mich sprachlos machen, aber meine Fantasie beflügeln und später als Material für die Verfilmung einer Geschichte dienen. Darüber hinaus gab es in dem Film den Wunsch, japanische und europäische Ästhetik zu vermischen – den Wunsch zu zeigen, dass wir trotz der Epochen und der Entfernung zwischen uns alle von Darstellungen durchdrungen sind, die die Zuschauer auf die gleiche Weise berühren, unabhängig von ihrer Nationalität. Ein Geist bleibt ein Geist, egal woher er stammt. 

Dein Film spielt komplett in einer Wohnung – wo habt ihr gedreht und wie habt ihr die passende Location gefunden?

Yumi Narita

Zehn Tage vor Drehbeginn war die Wohnung, die wir gefunden hatten, plötzlich nicht mehr verfügbar: Eine Katastrophe! Ganz am Anfang hatte mir mein Produzent gesagt, dass ich im schlimmsten Fall, falls wir keine Wohnung finden sollten, bei ihm zu Hause drehen könnte. Also haben wir bei ihm gedreht. Manchmal spielt das Glück einem in die Hände: die Einrichtung des Wohnzimmers mit den roten Wänden und den Blumen, diese weißen Wände usw. Alles passte perfekt zu mir. 

Ich musste lediglich meine Inszenierung anpassen. Außerdem gehört das Finden von Lösungen für Probleme zu den Aspekten der Arbeit als Regisseur, die mir am meisten Spaß machen. 

Was lag Dir darüber hinaus visuell am Herzen?

Yumi Narita

Zunächst stand die Wahl des Bildformats an: 4:3. Ein Format, das ich liebe, da es Körper und Gesichter einrahmt und so das Gefühl der Beklemmung für die Heldin verstärkt. Dann ließ ich mich gemeinsam mit meiner Kamerafrau Ines Tabarin von einem visuellen Stil inspirieren, der lose vom japanischen Genrekino beeinflusst ist (Hideo Nakatas „Dark Water“ oder die Filme von Kiyoshi Kurosawa). Eine Ästhetik, die zugleich schlicht und raffiniert ist und ein Produktionsdesign erfordert, das meine Farb- und Lichtwahl mit Schlichtheit und Eleganz unterstreicht. Für mich ist Ästhetik eine anspruchsvolle Gemeinschaftsleistung, die eine perfekte Abstimmung innerhalb des Filmteams erfordert. Ich wollte mit einfachen Mitteln eine beunruhigende visuelle Atmosphäre schaffen: Es gibt keine VFX im Film. In gewisser Weise könnte ich sogar Méliès als Inspirationsquelle nennen. 

Ich fand die Musik fantastisch. Kannst Du mir dazu erzählen?

Yumi Narita und Martin Jauvat

Die Musik erforderte einen enormen Arbeitsaufwand, ebenso wie der Ton im Allgemeinen; fast mehr noch als der Schnitt. Zusammen mit dem Komponisten Jérôme Echenoz einigten wir uns schnell auf eine Filmmusik, die von elektronischer Musik inspiriert ist und eine metallische, synthetische Klangtextur aufweist, die im Kontrast zur Malerei und ihrer Darstellung der Natur steht. Wie eine industrielle Präsenz. Ich wollte, dass dieser Kontrast sehr scharf ist und die Momente der Stille verstärkt. Indem ich musikalische Refrains „entgleisen“ ließ, war es das Ziel, zu verunsichern und Angst zu erzeugen, aber die Spannung musikalisch Schritt für Schritt aufzubauen. Die Tonarbeit an einem Genrefilm macht die Hälfte der Regiearbeit aus. Sie ist ein entscheidendes Werkzeug für einen Horror- oder Fantasyfilm. So kraftvoll wie ein schreckliches Bild. 

Dein Film lebt auch von der starken Besetzung der Hauptrolle. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Yumi Narita?

Schon beim Schreiben stand fest, dass die Hauptfigur Japanerin sein musste. Eine bescheidene Art, meine Liebe zum japanischen Kino zum Ausdruck zu bringen. Außerdem wollte ich unbedingt mit Martin Jauvat drehen, der die männliche Rolle spielt. Als ich mit dem Casting für die Rolle der Akemi begann, wurde mir schnell klar, dass es nicht einfach sein würde, eine Schauspielerin zu finden, die perfekt japanisch spricht, und ich hatte großes Glück. Martin Jauvat erzählte mir von Yumi Narita, und ich lud sie zum Vorsprechen ein. Meine Entscheidung für sie fiel sofort. Die Genauigkeit und Präzision ihres Spiels beeindruckten mich. Es war eine naheliegende Wahl. Und ganz wichtig: Sie spielt Angst sehr gut. 

Kannst Du mir von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe Philosophie studiert, und was das Regieführen angeht: Ich bin Autodidakt. Ich habe schon von klein auf immer viele Filme gesehen. Als Teenager schlich ich mich oft durch den Hintereingang ins Kino, wenn die Leute gerade aus der Vorstellung kamen. Nach meinem Studium wusste ich nicht so recht, was ich tun sollte: Romane schreiben, Journalist werden? Ich hatte das Gefühl, dass ich Geschichten erzählen wollte, war aber ein bisschen ratlos. Ein Freund von mir, mit dem ich als Teenager zum Spaß Filme gedreht hatte, bereitete gerade seinen Kurzfilm vor. Da ich nichts zu tun hatte, bat er mich, ihm zu helfen. Nach den Dreharbeiten riet er mir, ein Drehbuch für einen Kurzfilm zu schreiben, was ich auch tat. Ich schickte es an einen Festivalwettbewerb, ohne wirklich daran zu glauben. Zwei Monate später erhielt ich einen Brief, in dem stand, dass ich den ersten Preis und ein Stipendium für die Dreharbeiten gewonnen hatte. Ich hatte keine Wahl mehr. Also drehte ich diesen Film und ich liebte es: Ich hatte meine Stimme und meinen Beruf gefunden! 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe mehrere Spielfilme in der Entwicklung, die sich alle stark voneinander unterscheiden, aber derjenige, der kurz vor der Produktion steht, ist ein Body-Horror-/Rachefilm mit derselben Produktionsfirma, KIDAM, in dem erneut Yumi Narita und Martin Jauvat mitspielen werden. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Oni


Interview: In our conversation with French director Idir Serghine, we learned more about his short film “Oni,” which was screened as part of the “Shock Block” program at the 26th Landshut Short Film Festival 2026. He talks more about the film’s creation, his love of art history, and how the music contrasts with the images, thereby intensifying the horror.

How did the idea for your short film come about?

I always work by layering and mixing elements that seem to have no connection. Initially, the idea for the film was an expression of anxiety linked to the state of the world: global conflicts, the rise of racism, the consequences of climate change, etc. And then, a distant memory of COVID, where I could hear my neighbors making strange noises at night during the lockdown. Since I was moving at the same time, I asked myself: what would happen to a foreigner moving to Paris, to a country she doesn’t know well? And because I love horror movies, I wanted to approach the narrative through the lens of this cinematic genre. 

Historical paintings and engravings play a major role in the film. What is your personal connection to art history?

I don’t have an academic knowledge of art history, even though I visit museums regularly. My approach to painting is more sensory; I have a vivid memory of the anxieties or joys it provides. But I have a real fondness for the Dutch painters of the Middle Ages, Hieronymus Bosch and Pieter Bruegel. Their boundless imagination, their way of exploding the boundaries of representations of their time, deeply moves me. Actually, it’s funny—answering this question brings back a memory of a Salvador Dalí exhibition I saw in Munich as a teenager. I was both fascinated and terrified. I think that sums up my relationship with painting and engravings (and art in general) quite well. Strong images and emotions that leave me speechless, but feed my imagination and later serve as material for filming a story. Furthermore, there was a desire in the film to blend Japanese and European aesthetics—a wish to show that despite the eras and the miles between us, we are all inhabited by representations that affect viewers in the same way, regardless of nationality. A ghost remains a ghost, whatever its origin. 

Your film takes place entirely in an apartment. Where did you shoot it, and how did you find the right location?

Ten days before filming, the apartment we had found was no longer available: a catastrophe! At the very beginning, my producer told me that in the worst-case scenario, if we couldn’t find a place, I could shoot at his house. So, we shot at his place. Luck sometimes works out well: the living room décor with red walls and flowers, those white walls, etc. Everything suited me perfectly. 

I just had to readjust my staging. Besides, finding solutions to problems is one of the aspects of the director’s job that I enjoy the most. 

What was visually important to you?

First, there was the choice of the aspect ratio: 4:3. A format I love, which boxes in bodies and faces, heightening the sense of oppression on the heroine. Then, along with my Director of Photography, Ines Tabarin, I drew inspiration from a visual style loosely influenced by Japanese genre cinema (Hideo Nakata’s „Dark Water“ or Kiyoshi Kurosawa’s films). An aesthetic both simple and sophisticated, which also requires production design that highlights my choices of color and light with simplicity and elegance. For me, aesthetics is a demanding collective effort that requires perfect coordination within the film crew. I wanted to create an unsettling visual atmosphere with simple means: there are no VFX in the film. In a way, I could even cite Méliès as a source of inspiration. 

I found the music fantastic. Can you tell me more about it? 

The music required a huge amount of work, as did the sound in general; almost more than the picture editing. With Jérôme Echenoz, the composer, we quickly decided on a score inspired by electronic music with a metallic, synthetic sound texture that contrasts with the painting and its representation of nature. Like an industrial presence. I wanted this contrast to be very sharp and to reinforce the moments of silence. By making musical refrains „derail,“ the goal was to unsettle and frighten, but by building the tension musically step by step. Sound work on a genre film represents half of the directing. It’s a decisive tool for a horror or fantasy film. As powerful as a horrific image. 

Your film also thrives thanks to the strong casting of the lead role. How did the collaboration with Yumi Narita come about?

Right from the writing stage, the main character had to be Japanese. A humble way to declare my love for Japanese cinema. I also wanted to shoot with Martin Jauvat, who plays the male role. When I started casting for the role of Akemi, I quickly realized it wouldn’t be simple to find an actress who speaks perfect Japanese, and I got very lucky. Martin Jauvat told me about Yumi Narita, and I had her audition. My choice for her was immediate. The accuracy and precision of her performance impressed me. It was an obvious choice. And very importantly, she plays fear very well. 

Can you tell me about yourself and how you got into filmmaking?

I studied philosophy, and as for being a director: I’m self-taught. I’ve always watched a lot of films from a very young age. As a teenager, I used to sneak into cinemas through the back as people were leaving their screening. After my studies, I didn’t really know what to do: write novels, become a journalist? I felt I wanted to tell stories, but I was a bit lost. A friend of mine, with whom I made films for fun when we were teenagers, was preparing his short film. Since I had nothing to do, he asked me to give him a hand. After the shoot, he advised me to write a short film script, which I did. I sent it to a festival competition without really believing in it. Two months later, I received a letter saying I had won first prize and a grant to shoot the film. I didn’t have a choice anymore. So I shot that film and I loved it: I had found my voice and my profession! 

Are there any new projects in the works?

I have several feature films in development, all very different from one another, but the one closest to production is a body-horror/revenge movie with the same production company, KIDAM, and it will again feature Yumi Narita and Martin Jauvat. 

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Oni

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