„Million Dollar Baby“ (2004)

2005 / 77. Oscarverleihung / 7 Nominierungen / 4 Auszeichnungen

Filmkritik: Auf der 77. Oscarverleihung, welche am 27. Februar 2005 stattfand, war „Aviator“ von Martin Scorsese in reinen Zahlen der große Abräumer. Doch Clint Eastwoods Boxer-Drama „Million Dollar Baby“ (OT: „Million Dollar Baby“, USA, 2004) konnte in drei der Big-Five-Kategorien Trophäen abräumen und so war er der Star der Verleihung: Neben den Oscars für die ‚Beste Regie‘ und die ‚Beste Hauptdarstellerin‘ gewann er den Preis für den ‚Besten Film‘, setzte sich damit gegen „Aviator“, „Ray“ „Sideways“ und „Wenn Träume fliegen lernen“ durch und war damit die große Überraschung des Abends. Denn im Vorfeld ging er bei vielen Filmpreisen leer aus, lediglich Eastwood selbst konnte vorher den einen oder anderen Preis gewinnen. Wie konnte sich also das Drama mit nur sieben Nominierungen, gegen den großen „Aviator“ mit ganzen elf Nominierungen durchsetzen? Dies liegt vor allem in seiner starken Geschichte und der großartigen Performance von Hilary Swank begründet.  

Hillary Swank und Morgan Freeman

Der Boxtrainer Frankie Dunn (Clint Eastwood) ist ein alter Hase im Geschäft. In seinem Boxclub HIT-PIT trainiert er Männer, die nicht das Geld haben, woanders zu trainieren und wenn er sie zu erfolgreichen Boxern macht, wechseln sie oft den Stall. An seiner Seite ist stets sein Helfer und auch Freund, der ehemalige Boxer Eddie „Scrap“ Dupris (Morgan Freeman). Eines Tages taucht die 32-jährige Maggie Fitzgerald (Hilary Swank) bei Frankie im Boxstall auf und fordert von ihm trainiert zu werden. Doch dieser lehnt es partout ab eine Frau und noch in diesem Alter zu trainieren, doch Maggie weiß sich mit Beharrlichkeit durchzusetzen, so dass sie bald ihren ersten Kampf anmelden.

Morgan Freeman und Clint Eastwood

Die Idee zum Film hatte der Autor Paul Haggis (*1953), der für „Die besten Jahre“ (OT: „thirtysomething“ 1988) mit einem Emmy ausgezeichnet wurde, bereits als er die Kurzgeschichtensammlung „Champions. Geschichten aus dem Ring“ (OT: „Rope Burns: Stories from the Corner“, 2000) des amerikanischen Boxtrainers F. X. Toole gelesen hatte. Clint Eastwood war sofort von dem Stoff begeisterte und versucht das Projekt nach „Mystic River“ (2003), der zwei Oscars gewann, auf die Beine zu stellen. Die Produzenten, die bereits seinen letzten Film zu düster fanden, konnten sich aber nicht für den Stoff begeistern, der ja nicht nur ein Boxerfilm ist, sondern am Ende in ein düsteres Drama mit einem kontroversen Thema umschlägt. Die Geschichte, welche in der Kategorie ‚Bestes adaptiertes Drehbuch‘ nominiert war, könnte man als klassischen Eastwood-Stoff bezeichnen. Im Zentrum steht der knorrige Alte, der seine Familie vermisst, das sieht man später u.a. auch in „Gran Torino“ (2008) und „The Mule“ (2019). Als Gegenpol ein armes Mädchen mit einem schwierigen familiären Hintergrund, das gelernt hat sich alleine durchzuschlagen. Dabei werden die klischeehaften Charaktere nicht verändert und entsprechen exakt ihren Stereotypen. Dass es sich hierbei um keinen reinen Boxfilm handelt, wird schnell klar. Der Film dient vor allem als Übermittler einer Botschaft, u.a. wollte Eastwood damit sagen, dass man sich zwar aus dem Dreck wühlen kann, aber das Leben dafür seinen Preis fordert. Doch nicht diese relativ oberflächlichen Botschaften machen den Kern des Films aus, sondern die prekäre Situation am Ende, die alles Mitgefühl der Zuschauer fordert, und so den Film bewegender macht, als jeder andere Boxerfilm. Doch gerade für den Schluss und das innewohnende Thema der Sterbehilfe wurde Eastwood von vielen Seiten kritisiert. An dieser Stelle kann man sehen, wie ein Film falsch ausgelegt werden kann, denn mit Sicherheit ging es Eastwood nie um eine Direktive, sondern um einen Einzelfall, der vor allem die familiäre Stärke dahinter betont.

Jay Baruchel und Morgan Freeman

Der Film ist die 25. Regie-Arbeit des Schauspielers und Filmemachers Clint Eastwood (*1930) und seine 58. Rolle als Schauspieler. Wie schon in „Erbarmungslos“ (1992) erhielt er dafür nicht nur als Produzent den Oscar, sondern auch als Regisseur. Man merkt seinem Film eine Routine an, die dazu führt, dass die Geschichten meistens schnörkellos vorangetrieben werden und die Elemente des klassischen Hollywoodkinos zielgerichtet eingesetzt werden. So sind auch die Kämpfe reduziert dargestellt und orientieren sich an der  Sprache der Kurzgeschichte. Es handelt sich dabei um harte Austragungen voller Schmerzen und ohne ausgefeilte Box-Choreographien. Für die Darstellung wurde der Cutter Joel Cox, der für „Erbarmungslos“ (1992) einen Oscar für den ‚Besten Schnitt‘ erhalten hatte, mit einer Nominierung bedacht. Der Film spielt vor allem in der Boxhalle, die vom Produktionsdesigner Henry Bumstead, mit dem Eastwood schon zum neunten Mal zusammenarbeitete, geschaffen wurde. Er verwandelte ein leer stehendes Lagerhaus im Zentrum Los Angeles in den schäbigen Boxclub, der von erdigen Farben dominiert wird. Das Hit-Pit ist so authentisch wie seine Charaktere selbst und versprüht so den richtigen Charme. Zudem wurden die große Kämpfe im Grand Olympic Auditorium in Los Angeles gedreht. Zur authentischen Wirkung des Films trägt auch die Kameraarbeit von Tom Stern bei und die von Eastwood selbst komponierte und zurückhaltende Musik. In „Million Dollar Baby“ kann man wunderbar sehen, wie die Inszenierung und alles Formelhafte so eingesetzt wird, dass es die Geschichte am besten unterstützt und dabei aber selbst kaum auffällt.   

Hilary Swank und Clint Eastwood

Die Darsteller wurden auf der Oscarverleihung besonders geehrt für diesen Film. Auch wenn Clint Eastwood sich mit einer Nominierung seiner Rolle begnügen musste, die ihm gefühlt auf den Leib geschrieben war. Die Darstellung eines alten, mürrischen Mannes, der in seinem Inneren doch gut ist, begegnet uns in seiner Karriere noch häufiger. Doch der Oscar für die ‚Beste Hauptdarstellerin‘ ging an die amerikanische Schauspielerin Hilary Swank (*1974), die im Jahr 2000 für „Boys Don’t Cry“ (1999) ihren ersten Oscar erhalten hatte. Wie schon bei diesem Film kniete sich die Darstellerin richtig in die Rolle hinein. Für „Million Dollar Baby“ wurde sie in dreimonatiger Vorbereitungszeit zu einer glaubwürdigen Boxerin geschult. Ihr Trainer war der legendäre Boxtrainer Hector Roca und ihre Sparringspartnerin die vierfache Box-Weltmeisterin Lucia Rijker, die man auch im Film als Finalisten-Gegnerin Billie ‚The Blue Bear‘ sieht. Doch nicht nur das – Swank schafft es, die richtige Mischung aus Willensstärke und Gefühl darzustellen, und gibt die immer Benachteiligte mit breitem Südstaatendialekt. Doch das Herz des Films befindet sich nicht bei den HauptdarstellerInnen, sondern in der Nebenrolle des Eddie „Scrap“ Dupris. Er gibt den Zuschauern mit seiner Figur und dem Off-Kommentar den perfekten Einstieg und ist ein wunderbarer Gegenpol zu Eastwoods Figur, so dass auch etwas Humor in das Drama kommt. Diese Rolle wird gespielt von Morgan Freeman (*1937), der zu diesem Zeitpunkt bereits drei Oscarnominierungen („Glitzernder Asphalt“ (1987), „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ (1989) und „Die Verurteilten“ (1994)) erhalten hatte und schon einmal hervorragend an die Seite Eastwoods in „Erbarmungslos“ (1992) gepasst hatte. Die Rolle in „Million Dollar Baby“ verschaffte ihm nun endlich den Oscargewinn, den er bisher auch noch nicht wiederholen konnte, trotz einer Nominierung für „Invictus“ (2009).

Hilary Swank und Lucia Rijker

Seine Premiere feierte der Film am 15. Dezember 2004 und konnte mehr als 100 Millionen Dollar einspielen. Obwohl das Thema keine leicht Kost ist und man sich auch darauf einlassen muss, wurde es zu Eastwoods erfolgreichster Regiearbeit – kommerziell wie finanziell. Er gewann neben den vier Oscars auch zwei Golden Globes (Regie, Hauptdarstellerin) und wurde bei einigen anderen Preisverleihungen bedacht u.a. bekam Eastwood für die Regie auch den Preis der Directors Guild of America verliehen. So gilt „Million Dollar Baby“ trotz aller kritischen Stimmen bis heute als der große Eastwood-Film. Obwohl der Regisseur danach immer wieder Gast bei den Oscars war,konnte er mit seinen meist stark patriotischen neueren Werken nicht mehr den Oscar für den ‘Besten Film’ gewinnen.

Clint Eastwood und Morgan Freeman

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Million Dollar Baby” gewann auf der 77. Oscarverleihung gleich drei der Big Five und einen weiteren Oscar von seinen sieben Nominierungen. Das als ‚Bester Film‘ ausgezeichnete Boxerdrama bestach mit seiner gelungenen dichten Milieustudie und dem Umschwung ins berührende Drama. Das lag vor allem an den hervorragenden DarstellerInnen, insbesondere Hilary Swank, die ihre Rolle mit viel Authentizität, Sympathie und Gefühl spielte. Morgan Freeman als Sidekick lieferte dann die humoristische Komponente und war ein gelungener Gegenpart zu Clint Eastwoods Rolle, der wieder einmal den mürrischen Alten gab. Dank des gelungenen Casts und einer souveränen Inszenierung mauserte sich das schwermütige Drama zum Kritiker- und Publikumserfolg, den Eastwood seitdem nicht wiederholen konnte.

Bewertung: 7,5/10

Trailer zum Film „Million Dollar Baby“:

Quellen

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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