„Erbarmungslos“ (1992)

1993 / 65. Oscarverleihung / 9 Nominierungen / 4 Gewinne

Filmkritik: Wie allseits bekannt sind vor allem Dramen dafür prädestiniert Oscars zu gewinnen. Doch in der Oscargeschichte haben es auch drei Western geschafft, den höchsten Preis zu ergattern. Der erste war „Cimarron – Pioniere des Wilden Westens“ (1931) und „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) folgte 60 Jahre später. Auf der 65. Oscarverleihung, welche am 29. März 1993 im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles stattfand, gewann der Neo-Western „Erbarmungslos“ (OT: „Unforgiven“, USA, 1992) vier der 23 Trophäen und setzte sich in der Hauptkategorie gegen Konkurrenten wie „Der Duft der Frauen“ (OT: „Scent of a Woman“, 1992), „Eine Frage der Ehre“ (OT: „A few good Men“, 1992) und „Wiedersehen in Howards End“ (OT: „Howards End“, 1992) durch.

Clint Eastwood

In der Stadt Big Whiskey in Wyoming wird 1880 die Prostituierte Deliah (Anna Levine) von den beiden Männern Davey (Rob Campbell) und Skinny (Anthony James) brutal misshandelt. Da der Sheriff Bill Daggett (Gene Hackman) nichts unternimmt, kratzen die leichten Mädels ein Kopfgeld zusammen. Das weckt die Aufmerksamkeit einiger Kopfgeldjäger darunter auch die von Schofield Kid (Jaimz Woolvett), der bisher wenig Erfahrung gesammelt hat. Deshalb klopft er an der Tür des ehemaligen Revolverhelden William ‚Bill‘ Munny (Clint Eastwood), der das Geschäft vor Jahren für seine Frau aufgegeben hat und Schweinezüchter geworden ist. Doch er lässt sich auf das Angebot ein, aber nicht ohne seinen guten Freund Ned Logan (Morgan Freeman). Daraufhin begeben sich die drei nach Big Whiskey, um die beiden Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

?, Morgan Freeman und Clint Eastwood

Der Western ist so alt, wie der Film selbst. „Der große Eisenbahnüberfall“ (OT: „The Great Train Robbery“) markiert 1903 die Geburtsstunde des Spielfilms und ist zugleich der allererste Western. Das uramerikanische Genre erlebte seine Blüte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Filmen wie „Höllenfahrt nach Santa Fé“ („Stagecoach“, 1939) und “12 Uhr mittags” („High Noon“, 1952) und so gewann „Cimarron – Pioniere des Wilden Westens“ („Cimarron“, 1931) auch den Oscar für den ‚Besten Film‘. Doch dann wurde das Genre des Westerns erst einmal für tot befunden, stand erst mit den Italo-Western der 70er Jahren, allen voran „Zwei glorreiche Halunken“ (OT: „Il buono, il brutto, il cattivo“, ET: „The Good, the Bad and the Ugly“, 1966) und „Spiel mir das Lied vom Tod“ (OT: „C’era una volta il West“, ET: „Once Upon a Time in the West“, 1968), wieder auf. Doch auch diese Zeit ging vorbei, so dass sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Westernart ihren Weg bahnte. Sie bezog andere Sichtweisen und Aspekte ein. „Der mit dem Wolf tanzt“, der zweite Western, der die Trophäe bekam, ist ein gutes Beispiel dieser neuen Art Western, die bis zum heutigen Tag weiterlebt.

Clint Eastwood

Der Regisseur Clint Eastwood, geboren 1930 in San Francisco, ist schon lange im Filmgeschäft und beweist mit seinem neuesten Film „The Mule“ (2019), dass er auch mit 89 Jahren nicht gedenkt aufzuhören. Angefangen hat seine Karriere in den 50er Jahren mit Kleinstrollen in Filmen wie „Tarantula“ (1955). Seinen Durchbruch hatte er mit der Western-Serie „Tausend Meilen Staub“ (OT: „Rawhide“, 1959-65), die ihn zu einem klassischen Westernheld machte. Vermutlich wurde so der italienische Regisseur Sergio Leone auf ihn aufmerksam und besetzte ihn in seinem Italo-Western „Für eine Handvoll Dollar“ (ET: „A Fistful of Dollars“, 1964). Dieser und die beiden Nachfolgerfilme „Für ein paar Dollar mehr“ (ET: „For a Few Dollars More“, 1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ begründeten zusammen mit der „Dirty Harry“-Reihe von Don Siegel seinen Ruhm, so dass er ab 1971 selbst auf den Regiestuhl durfte. Auch als Regisseur verwirklichte er immer wieder Western u.a. „Der Texaner“ (1976). Doch erst „Erbarmungslos“, sein 16. Film und sein 4. Western, feierte mit seiner zurückgenommenen Erzählung großen Erfolg und war der erste Clint Eastwood Film, der für einen Oscar nominiert wurde. Es war bis dato sein kommerziell und künstlerisch erfolgreichster Film und zeigte, dass er auch bereit war, sich selbst und seine frühere Rollen zu entlarven. Wunderbar ist die kleine Widmung am Ende des Films, mit der er Don Siegel und Sergio Leone dankt. Denn ihnen verdankte er den Erfolg am Anfang seiner langjährigen erfolgreichen Karriere, in deren weiteren Verlauf er und seine Filme wie „Mystic River“ (2003), „Million Dollar Baby“ (2004) und „American Sniper“ (2014) immer wieder für die Oscars nominiert waren. Auch wenn man kein großer Fan von Eastwoods starker patriotischer Einstellung ist, welche seine späteren Werke prägt, kommt man an ihm nicht vorbei, wenn man sich mit der Filmgeschichte beschäftigt. 

Clint Eastwood

Am Anfang einer neuen Generation von Western stand auch Clint Eastwoods Film „Erbarmungslos“, der selbst, wie bereits beschrieben, in diesem Genre seine Karriere begann. Er hat das Buch von David Webb Peoples bereits in den 80er Jahren gekauft und ließ sich aber mit der Umsetzung Zeit, weil er in die Rolle des Munny hineinaltern wollte. Der Spielfilm ist ein revisionistischer Western – eine Art Korrektiv. Hier wird durch die authentische Bildsprache und die offenen Dialoge gezeigt, wie hart das Leben als Revolverheld wirklich ist. Keine Helden werden inszeniert, sondern Menschen, die über die Runden kommen müssen. In diesem Film herrscht zudem keine komplette schwarz-weiß-Sicht – wenige sind einfach nur Böse, sondern die Charaktere werden nuanciert dargestellt. Die Darstellung erfolgt souverän von der Riege an bekannten Gesichtern u.a. Eastwood selbst, Morgan Freeman („Die Verurteilten“ (1994), „Sieben“ (1995)) und Gene Hackman („Bonnie und Clyde“ (1967), „Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses“ (1988) und „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ (OT: „French Connection“, 1971)). Der letzte erhielt für seine Rolle als Sheriff Little Bill Daggett den Oscar als ‚Bester Nebendarsteller‘. Eastwood schuf eine materialistisch und historisch realistische Western-Welt um die Stadt Big Whiskey herum. Auch war es ihm wichtig, die Glorifizierung von Gewalttaten zu entlarven und die Frauen aus ihrer komplett passiven Rolle von älteren Western herauszuholen. Doch interessanterweise folgt der Film trotzdem den klassischen Mustern eines Western und besitzt sogar einen äußerst typischen Verlauf. Nur dass hier die vermeintlichen Helden nicht jung und strahlend sind und die Motive wahrlich nicht selbstlos. Diese Mischung funktioniert und tat dem Western-Genre als Update gut. Für Eastwood selbst war es sowas wie der Abschied von dem Genre, aber auf keinen Fall wehmütig, sondern eher korrigierend. 

Gene Hackman

Für diese Geschichte brauchte es einen komplett authentischen Look. Dafür ließ er den Ort Big Whiskey, ursprünglich in Wyoming gelegen, originalgetreu in der kanadischen Provinz Alberta nachbauen. Auch auf die Umgebung legte er Wert, da er jegliche Art von Studiokulisse vermeiden wollte. Eine kalifornische Schmalspureisenbahn kommt ebenfalls in dem Film zum Einsatz, da diese noch so aussieht wie vor 100 Jahren. Obwohl der Film im Breitwandformat gedreht wurde, verweigert er weitestgehend Weitsichten oder das romantischen Einfangen der amerikanischen Landschaft. Er schuf mit seinem Kameramann Jack N. Green vor allem begrenzte Räume für seine Protagonisten. Oft werden diese von Rahmen, Türen, Zäunen umgeben, so dass spürbar wird, dass hier nicht die wilde Freiheit herrscht, sondern jeder in seiner Rolle gefangen scheint. Dafür erhielt Green sogar die Oscarnominierung, sowie auch Janice Blackie-Goodine und Henry Bumstead für das ‚Beste Szenenbild‘ und auch die Tonmischung war unter den Nominierungen. Den Oscar gewann aber nur der Cuter Joel Cox, der Eastwoods Ideen und Greens Bilder in die richtige Form brachte.

Clint Eastwood

Die Premiere fand am 3. August 1992 im Fox Bruin Theater in Los Angeles statt. Die Zuschauer nahmen den Film sehr gut an und so wurde er mit mehr als 100 Millionen Dollar Einspielergebnis einer der erfolgreichsten Filme des Jahres. Neben den Oscar-Auszeichnungen wurde der Film auch noch mit zwei Golden Globes für die ‚Beste Regie‘ und Gene Hackman als ‚Bester Nebendarsteller‘ ausgezeichnet. Auch von weiteren bekannten Awards wie dem BAFTA und NYFCC gab es Preise für Hackman. 2004 wurde der Film in das National Film Registry aufgenommen und 2013 folgte ein obligatorisches, aber japanisches Remake: „The Unforgiven“. Alles in allem gilt „Erbarmungslos“ noch heute als gutes Beispiel für die neue Art Western, wie wir sie bis heute in verschiedenen Variationen zu sehen bekommen. So sind Filme wie „There will be blood“ (2007), „The Salvation – Spur der Vergeltung“ (OT: „Salvation“, 2014)  und der österreichische Film „Das finstere Tal“ (2014) alles Kinder der damals begonnen Western-Revision.   

Clint Eastwood

Fazit: Der Western „Erbarmungslos“ nach einem Drehbuch von David Webb Peoples und aus der Hand von Clint Eastwood überzeugt als stringenter, revisionistischer Western. Er erzählt eine authentische Geschichte, die nicht davor scheut, die hässlichen Seiten zu beleuchten und inszeniert Eastwood selbst als einen Gegenentwurf seiner früheren Rollen. Er gilt als einer der Vorreiter einer neuen Art von Western, die bis jetzt Hochkonjunktur haben und war damals bis dato der größte künstlerische und finanzielle Erfolg des Regisseur-Schauspielers, der heute nicht mehr aus der Filmlandschaft wegzudenken ist. Die vier Oscargewinne im Jahr 1993 für „Erbarmungslos“ legen davon ebenfalls Zeugnis ab.   

Bewertung: 7/10

Trailer des Films „Erbarmungslos“ 

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „Erbarmungslos
  • Wikipedia-Artikel über Clint Eastwood
  • Solange Landau, ‚Unforgiven Erbarmungslos‘, kunstundfilm.de, 2017
  • Christoph Huber, ‚Erbarmungslos‘, filmzentrale.com, 2000
  • MovieCheck, ‚Erbarmungslos: Kritik‘, youtube.de, 2015
  • Christopher Michels, ‚Erbarmungslos‘, mannbeisstfilm.de, 2009 
  • Norbert Grob, ‚Der Mann aus Marmor‘, zeit.de, 1992 
  • Clay Motley, ‚„It’s a Hell of a Thing to Kill a Man“: Western Manhood in Clint Eastwood’s Unforgiven‘, americanpopularculture.com, 2004 
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Gene Hackman
  • Eintrag des Films Erbarmungslos bei der Deutschen Medienbewertung
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 4, 1978-1992, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2006.
  • Koebner, Thomas: Filmregisseure, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2002. 
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Lexikon des internationalen Films: Band 1991-1992
  • Seeßlen, Georg: Clint Eastwood trifft Federico Fellini : Essays zum Kino, Bertz-Verlag, Berlin, 1996.
  • Cole, Gerald; Williams, Peter: Clint Eastwood : seine Filme – sein Leben, Heyne-Verlag, München, 1994.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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