Acht Fragen an Jon Frickey, Thies Mynther und Sandra Trostel

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den drei Filmemacher:innen Thies Mynther, Sandra Trostel und Jon Frickey konnten wir mehr über ihren 29-minütigen Kurzfilm „Zoopticon“ erfahren, der auf dem 36. Filmfest Dresden 2024 den DEFA Förderpreis Animationsfilm gewinnen konnte, wie die Idee zu dem Sci-Fi-Musical entstand, welche Vorbilder die Optik geprägt haben und ob man sich auf eine Langfilmvariante des Films freuen darf.

Wie ist die Idee zu „Zoopticon“ entstanden?

Thies: Am Anfang stand die Idee, philosophische Thesen von anthropomorphen Tieren in gesungener Form interpretieren zu lassen. Von da aus ging es erstmal zur Idee eines Musicals, dann zur Idee eines Animationsfilms, dann zur Idee eines animierten Science Fiction-Musicals.

Jon: Genau, es war absolut Thies‘ Brain Child. Am Anfang, als wir noch dachten, wir machen ein Bühnenmusical mit Zwischenanimationen, habe ich so eine kleine Test-Animation angefertigt zu einem Musikstück von Thies über eine Katze, die vom Höhlengleichnis [Anm. d. Red. Platon] singt. Auch wenn das nachher nicht im Film gelandet ist, würde ich sagen, dass diese Ursprungsidee präsent ist. Das Höhlengleichnis spielt ja eine zentrale Rolle in dem Film, auch wenn wir es nicht mehr so klar benennen.

Sandra: Thies hat mir irgendwann mal seine Idee mit den anthropomorphen singenden Tierchen erzählt. Und dann hing da ganz lange eine Karteikarte mit dem Titel „Zoopticon“ am Kühlschrank. Der Titel war also schon ganz zu Anfang da. Zuerst stand die Idee im Raum, das ganze als konzertante Performance mit projizierten Animationen auf die Bühne zu bringen. Davon haben wir uns dann erstmal verabschiedet, aus dem einfachen Grund, weil wir die sehr aufwendigen und kostspieligen Animationen nie mit Theaterförderung finanziert bekommen hätten. So haben wir beschlossen, erst einmal einen Kurzfilm zu machen. Von da an hat der Wahnsinn dann seinen Lauf genommen.

Wie habt ihr als Regie-Dreigespann zusammengefunden und dann zusammen gearbeitet?

Thies: Wir kennen uns alle schon eine ganze Weile und haben schon bei Sandras Dokumentarfilm „All Creatures Welcome“ zusammengearbeitet, zu dem Jon die Animationen und ich die Musik beigesteuert haben. Da wir alle unsere speziellen Fähigkeiten in den Prozess hineingeworfen haben und die Geschichte und die Erzählform zusammen erarbeitet haben, war es völlig naheliegend und logisch, die Hierarchien über Bord zu werfen und lieber als ein Board of Directors zu fungieren, lol.

Sandra: Ja genau, so war’s. Ich kannte beide unabhängig voneinander schon sehr lange. Thies und Jon sind sich mal beim Screening des besagten Dokumentarfilms begegnet, hatten aber sonst nichts miteinander zu tun. Als Thies und ich dann die Idee angeschoben haben, ist mir Jon als weiterer Partner in den Sinn gekommen. Es passte einfach perfekt. Zum Schreiben hab ich dann noch den Drehbuchautor Christoph Mathieu dazu geholt, der uns als Team wahnsinnig gut ergänzt hat.

Bei diesem Projekt war die große Herausforderung, gesungene Musik mit der Animation und der Story zusammenzubringen. Während sich Jon hauptsächlich um das Design und die Animation gekümmert hat und Thies um die Komposition, Musikproduktion und den Gesang, habe ich ganz praktisch die Elemente zusammengebracht und dramaturgisch am Film gearbeitet. Aber die Grenzen waren fließend und am Ende haben wir alles zusammen beschlossen. Oder war es vielleicht doch ein fremdes Wesen aus einer fernen Galaxie?

Jon: Ich glaube, manchmal ist es so, dass wenn drei Leute zusammenarbeiten, am Ende ein sauberes Destillat rauskommen kann. Bei uns hat sich aber eher das Crazy verdreifacht und es ist ein Film entstanden, wie ihn keiner von uns einzelnen genau so gemacht hätte. Ich finde „Zoopticon“ auch jetzt noch beim Gucken irgendwas zwischen träumerisch bis neurotisch.

Thies: Also, ich kriege  gute Laune, wenn ich überlegen muss, wer sich diesen Wahnsinn überhaupt ausgedacht hat! 

Was war euch visuell wichtig? Auf welche Vorbilder referenziert ihr mit eurem Stil?

Jon: Auf alle! Wir wussten, dass wir mit so einem Genre-Film einen großen Fundus an Vorbildern zurückgreifen können, die alle auf eine andere Art Spaß machen. Und ich finde, dass wir das auch dürfen, und dass wir da auch großzügig Stile mischen dürfen, weil es inhaltlich vorgegeben ist: die Zoopticon selbst fliegt ja mit einem eklektischen Stil-Mix aller Menschheits-Epochen durchs All. Es hat sich so herauskristallisiert, dass wir mit der Figur des Raumschiffs eine Mecha-Anime-Referenz drin haben, während die Weltraum-Hintergründe ziemlich 70s sind, mit vielen Gradiationslinien und krisseligem Schatten. Wir haben uns sogar die Yellow-Submarine-Typo benutzt, was eigentlich zu sehr auf der Hand liegt, aber es hat sich so richtig angefühlt, da kann es nicht verkehrt sein. Die Tiere sind inspiriert von Hiroshi Manage, einem ganz fabelhaften japanischen Künstler, der in den 1970ern viele utopische Bilder illustriert hat, irgendwo zwischen Technik-affin und fröhlich-skurril.

Die Musical-Songs sind total eingängig – ich habe sie danach noch tagelang gesummt. Könnt ihr mir mehr über die Entstehung der Musik erzählen?

Thies: Schön, dass die so eingängig sind! Sie sind tatsächlich alle im Verlauf des Schreibprozesses zusammen mit dem Buch und dem Animatic entstanden.  Klar sind viele kleine Zitaten und Anspielungen von „Alien“ [1979, Regie: Ridley Scott] bis „Animal Crossing“ [Nintendo Switch, 2001l] darin versteckt, aber grundsätzlich empfinde ich Musik ebenso als basisches erzählerisches Mittel, das wirklich der Erzählung hilft bzw. einfach eine Ebene der Erzählung ist – wie alles, was gesprochen oder getan wird. 

Sandra: In der Layoutphase, also die Zeit in der die Songs noch nicht ausproduziert und die Stimmen noch nicht aufgenommen waren und Thies das Layout gesungen hatte, haben wir manchmal auch mit Stems, also Spurzusammenfassungen der Musik, gearbeitet. So konnte ich in der Musik schneiden und sie auf’s Bild anpassen, wenn wir da Änderungen vorgenommen haben. Das war ein ständiges hin und her mit der Musik und der Animation. Am Ende ist dann alles zusammengewachsen. Über die 2 1/2 Jahre haben sich die Ohrwürmer dann tief in mein Gehirn vorgearbeitet, lol.

Was lag euch bei dem Gesang und der Synchronisation am Herzen?

Thies Mynther, Sandra Trostel und Jon Frickey („Zoopticon“) in Nationaler Wettbewerb 2 (Schauburg)

Thies: Also, vor allem, dass es lebt und naja, Seele hat! Und dass alle Beteiligten eher artists in their own right sind (eine Tänzerin, Komponistin, eine elektrische Diva, eine bildende Künstlerin, zwei Performancetheater-ikonen und ein Animationsfilmer) und eine biographische und kulturelle Verbindung zu dem jeweiligen Kontinent besteht, war für uns interessant und wichtig – als Abgleich, aber auch, weil die etwas mitbringen, dass ein*e reine Schauspieler*in vielleicht gar nicht so herstellen kann. 

Wird man die Musik irgendwo zu hören bekommen?

Ja, unbedingt! Sobald wir mit dem Film vom Festival Circuit in die “Realwelt” übergehen, wird es auch eine Soundtrackveröffentlichung geben!

Ich hätte mir auch gut und gerne eine Langfilmfassung von dem Film vorstellen können. Gibt es da Pläne?

Jon: Absolut!

Thies: Wir sondieren gerade die Möglichkeiten und wollen im Sommer Ideen entwickeln, sowohl inhaltlich als auch produktionstechnisch.

Sandra: Genau! Es war schnell klar, dass die Reise der Zoopticon noch nicht zu Ende ist. Allerdings wollen wir nicht aus dem Kurzfilm einen Langfilm machen, sondern ihn als ersten Teil einer Trilogie mit zwei weiteren zusammenfassen. Auf jeden Fall haben wir alle total Lust dazu. Jetzt brauchen wir nur noch das nötige Kleingeld für die Umsetzung, lol.

Sind bereits neue Projekte – allein oder gemeinsam – geplant?

Sylke Gottlebe, Sandra Trostel, Thies Mynther und Jon Frickey

Thies: Ja! Sandra und ich arbeiten bereits an einem experimentellen Dokumentarfilm über die Entstehung und Hinterlassenschaften der Subkultur der Hamburger Schule und ich habe Jon gerade bei seinem neuen Kurzfilm musikalisch und dramaturgisch ein bisschen beigestanden. Ich persönlich arbeite gerade noch als Fortsetzung einer Theaterfassung von Frankenstein an zwei musikalischen Kurzfilmen, die sich mit dem künstlerischen Umgang mit KI-Tools und deren Implikationen befassen.

Jon: Und es war bei meinem aktuellen Kurzfilm wieder die ultimative Freude, mit Thies zusammenzuarbeiten. Er hat allein durch Sounddesign die Stelle, die ich vorher am gruseligsten fand, zur schönsten oder zweitschönsten Stelle im Film gemacht. Also, die mit der sprechenden Motte meine ich, Thies.

Sandra: Nach einem Film ist immer auch vor einem Film. Wir werden natürlich wieder an dem langen Film „Zoopticon“ zusammenarbeiten. Und ansonsten macht jede:r gerade auch wieder eigene Projekte. Ich arbeite auch an einem hybriden Kurzfilm, an einem langen Dokumentarfilm zusammen mit Thies und einer dokumentarischen Serie. Langweilig ist uns allen nicht.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Zoopticon

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