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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher und Animationskünstler Patrick Buhr („The Train, the Forest“ (2017)) konnten wir mehr über seinen neuesten Animationsfilm „Die Falte“ erfahren, welcher im Nationalen Wettbewerb des 36. Filmfest Dresden 2024 lief, wie hier der Animationsstil und das Gedankengerüst sich gegenseitig bedingten und welche Rolle der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz dabei spielte.
Wie ist die Idee zu „Die Falte“ entstanden?
In diesem Film kamen für mich eine inhaltliche und eine formale Idee zusammen. Inhaltlich richte ich gerne meinen Blick auf scheinbar banale Dinge, um diese auf humoristische Weise in größeren Zusammenhängen zu kontextualisieren. In diesem Fall das gemeinsame Spekulieren über Passanten und die damit verbundenen Gesprächsdynamiken, in denen sich Figuren oft selbst offenbaren. Daraus entstand schnell die Assoziation des Datings und die damit verbundenen Problematiken im Zeitalter der Apps. Dies war auch eine Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit anderen und wilden Spekulationen zu vereinen.
Die formale Idee war den Stil einer Animation mit der Geisteshaltung des Erzählten in Verbindung zu bringen. Was mir bei Animationsfilmästhetik generell nicht gefällt ist die oft radikale Trennung von Hinter- und Vordergrund sowie der Umgang mit Figuren und Objekten, die meistens mit konsistenten Umriss und Füllung dargestellt sind. Seit Jahren versuche ich mit viel Aufwand und Programmierung diese Trennung aufzuheben und eine Arbeitsweise zu entwickeln, die jede Form im Fluss hält ohne dabei in der Herstellungsweise zu ineffizient zu sein und somit Raum für Improvisation zu erhalten.
Welche Rolle spielt Leibniz dabei?
Zufällig habe ich in dieser Zeit das Buch „Die Falte – Leibniz und der Barock“ von Gilles Deleuze gelesen. In dieser Denkweise habe ich sofort meine formalen Ambitionen innerhalb der Animation wiedererkannt. Zum Beispiel der Gedanke, dass man eine Kurve nicht zwingend über ihre Punkte definieren muss (vom Objekt aus gedacht), sondern auch von außen durch alle Tangenten definieren könnte. In anderen Worten: Die Kurve hat keine eigene Essenz, sondern ist eine Faltung der Umgebung. Alles Welthafte kann nach Leibniz (laut Deleuze) als Faltung einer Monade betrachtet werden.
Dein Stil ist sehr dynamisch – kannst Du mir zu Deinen Animationen erzählen?
Anfangs wollte ich expliziter darstellen, wie sich der Hintergrund in den Vordergrund faltet. Aus ästhetischen Gründen bin ich dann aber doch bei den dynamischen Linien geblieben, die ständig ineinander übergehen und somit die Wahrnehmung von in sich geschlossenen Objekten überschreiten. Technisch gesehen wird jeder Punkt über ein ‚Partikelsystem‘ gesteuert, das i.d.R. in der 3D-Animation für Simulationen von Rauch, Staub, Tropfen etc. benutzt wird, ich aber mit viel Programmieraufwand umfunktioniert habe. So ist jeder Punkt in gewissem Sinne autonom und kann sich jederzeit nach bestimmten Regeln an beliebige Formen anheften.
Im Gegensatz zu den philosophischen Gedanken wirkt die Sprache eher schnoddrig. Gerade im Dialog mit dem Date-Partner. Kannst Du mir zu den Dialogen und vor allem ihrer Wiedergabe erzählen?
Mich hat schon immer die Verknüpfung von geisteswissenschaftlichen Themen mit performativen Klischees bzw. einem gewissen Gestus der Redeweise gestört. Die Beiläufigkeit der Sprache sollte vermitteln, dass die Gedanken der Hauptfigur aus ihrer Perspektive nicht als ‚philosophische Gedanken‘ zu verstehen sind, sondern bereits so verinnerlicht und selbstverständlich wie ein Gespräch über das Wetter. (Dasselbe gilt für Lyrik: Wenn gute Gedichte ohne die Klischees der lyrischen Vortragsweise gelesen werden, gewinnen sie für mich an Kraft.)
Das gesamte Sounddesign ist mir im Gedächtnis geblieben. Was lag Dir dabei am Herzen?
Sehr wichtig war mir das übliche Mickey-Mousing im weiteren Sinne zu vermeiden. D.h. nicht mit comicartigen Soundeffekten in entscheidenden Momenten den Eindruck der Banalität zu verlieren oder auch den Humor auf eine zu alberne Ebene zu verlagern. Für diesen Film habe ich auch erst ein Hörspiel erstellt, um ein Gefühl für das Ganze zu bekommen. Am Schluss habe ich alles von Gerald Schauder, meinem Mixer und Sounddesigner, überarbeiten lassen.
Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ein Wendepunkt war für mich, als ich mit ca. 15 Jahren nachts zufällig Kurzschluss auf Arte gesehen habe. Die Experimentalfilme, die dort gezeigt wurden, haben mich spüren lassen, dass ganz andere gedankliche Welten möglich sind. Dazu kam in dieser Zeit auch eine Technik- und Theoriebegeisterung, die mich zur Animation geführt hat. Ich war trotz des Stigmas der Animation allerdings nie daran interessiert, Animationen für Kinder zu produzieren und habe selbst auch wenig davon konsumiert. Deswegen suche ich immer alternative Darstellungsweisen und spiele auch gerne mit Komplexität in der Erzählstruktur.
Am Studium der Philosophie war ich zwar interessiert, trotzdem war es zunächst mehr eine Ersatzhandlung, da ich (zu recht) das Gefühl hatte, noch nicht bereit für einen Film oder Kunststudium zu sein. 25 war dann ein gutes Alter für mich, um an der KHM in Köln anzufangen. Dort habe ich dann zwischenzeitlich einen Umweg über die Performance gemacht, bin aber schlussendlich wieder zur Ursprungsleidenschaft zurückgekehrt.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Immer! Ich verfolge gerade zwei Kurzfilmideen und eine Drehbuchidee für einen nicht-animierten Langfilm. Inhaltlich möchte ich dazu gerade nichts sagen, denn in der frühen Phase der Projekte verliere ich an Schwung, wenn ich mehr als nötig darüber rede.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Die Falte“
