67. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2024

Doreen Kaltenecker
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28. Oktober – 3. November 2024 / Leipzig

Festivalbericht: Sieben vollgepackte Tage Ende Oktober standen ganz im Zeichen des Dokumentarfilms. Vom 28. Oktober bis zum 3. November 2024 fand unter der Leitung von Christoph Terhechte die 67. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm – kurz DOK Leipzig – statt. In den meist ausverkauften Sälen der 19 Spielstätten hatte man die Möglichkeit, 122 Langfilme und 87 Kurzfilme aus 55 Ländern zu sehen. Von diesen wurden 19 Filme mit 22 Preisen ausgezeichnet. 

Internationaler Wettbewerb Dokumentation Langfilm & Publikumswettbewerb

Filmgespräch zu “Flowers of Ukraine” beim 67. DOK Leipzig

Die Goldene Taube Langfilm im Internationalen Wettbewerb erhielt die französische Dokumentation „La Jetée, the Fifth Shot“. Die Regisseurin Dominique Cabrera, der auch eine Hommage gewidmet war (u.a. mit dem großartigen „Chronicle of an Ordinary Suburb“), erzählt darin von einer persönlichen Spurensuche, denn ihr Cousin scheint auf einem Filmbild von „La Jetée“ abgelichtet worden zu sein. Dabei bleibt die Geschichte vor allem im Privaten und das große Weltgeschehen wird nur angeschnitten. Ähnlich gelagert ist auch der Film „Valentina and the MUOSters“, der den Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI Preis) erhielt. Die Regisseurin Francesca Scalisi erzählt darin von Valentina, ihrer Familie und dem Leben in einem kleinen sizilianischen Ort, in dessen Nähe das amerikanische Militär Funkantennen platziert hat. Der Film „Flowers of the Ukraine“ stellt auch eine Frau ins Zentrum der Geschichte. Wir begleiten darin über mehrere Jahre hinweg Natalia, die sich zwischen Plattenbauten einen Garten mit Ziegen aufgebaut hat und erleben mit ihr den Ausbruch des Krieges. Die Silberne Taube und den Preis der Interreligiösen Jury erhielt der Film „Twice into Oblivion“ von Pierre Michel Jean, das mit Zeitzeugen einen Blick auf das Petersilienmassaker wirft, das sich 1937 in der Dominikanischen Republik ereignet hat. Dabei geht es auch um das jetzige Miteinander der beiden Länder Dominikanische Republik und Haiti, wo eine starke Armutsgrenze vorherrscht. Auch zwei weitere Filme konzentrieren sich auf die ärmere Bevölkerung des Landes. Der kolumbianische Film „Morichales“ beobachtet die Goldschürfer entlang des Flusses Orinoco in Venezuela und findet dafür mit einem ungewöhnlichen Voice-Over und besonderen Bildern einen gelungenen Zugang. Auch der Film „Marching in the Dark“ von Kinshuk Surjan, der im Publikumswettbewerb lief, wendet sich der Landbevölkerung in Maharashtra zu und schaut auf die jungen Witwen, die es aufgrund einer hohen Selbstmordrate unter den Kleinbauern in dieser Region Indiens gibt. In diesem Wettbewerb fand man auch den italienischen Film „Wishing on a Star“ von Peter Kerekes, der sehr unterhaltsam die Grenze vom Dokumentarischen hin zum Spielfilm überschreitet. 

Internationaler Wettbewerb Animation Langfilm

Schauburg

Ein besonderes Highlight in jedem Jahr ist der Animationsfilm-Wettbewerb, der viele Spielarten des Animationsfilm präsentiert. In diesem Jahr waren drei bemerkenswerte Animationen vertreten, die für ihre Geschichten alle einen anderen Stil wählen: „Pelikan Blue“, der auch die Goldene Taube gewann, erzählt mit 2D-Animationen und einem Off-Kommentar basierend auf wahren Ereignissen von einer Gruppe von Freunden, die mit dem Fälschen von Internationalen Bahntickets in den 90er Jahren in Budapest erfolgreich wurden. Der japanische „Ghost Cat Anzu“ von Yôko Kuno und Nobuhiro Yamashita ist ein klassischer Anime, der anhand von fantastischen Figuren und einer sprechenden Katze eine Coming-of-Age- und Familiengeschichte erzählt. Der dominikanische „Olivia in the Clouds“ von Tomás Pichardo Espaillat ist eine kleine Geschichtensammlung, die sich um die Themen Liebe kreist. Besonders an diesem Film ist das Zusammenkommen vieler verschiedener Animationsstile, die aber trotz großer Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Stimmung übertragen. 

Internationaler Wettbewerb Dokumentation & Animation Kurzfilm

CineStar

In den beiden Kurzfilm-Wettbewerben konnte man 31 Filme aus 22 Ländern sehen. Die Goldene Taube für den besten dokumentarischen Kurzfilm ging an „Being John Smith“ von John Smith, der auf amüsante Weise seine Biographie zum Besten gibt und gleichzeitig einen Blick auf die Zeit und die Menschen wirft. Auch einen kleinen historischen Abriss bietet der Film „Birthday Cakes from China“ von Shengjia Zhang. Er berichtet davon, wie der Geburtstagskuchen nach China kam und wie er sich zu einer festen Tradition entwickelte. Unter den Animations-Kurzfilmen gab es einige bemerkenswerte Filme wie den abstrakten „Lines“ von Martin Schmidt, der den Kampf von widerstreitenden Elementen visualisiert. Der tschechische Kurzfilm „Hurikán“ von Jan Saska erzählt in einer kleinen Abenteuergeschichte von einem Schwein, das auf der Suche nach einem Fass Bier ist. Die beiden Filme „The Car that Came Back from the Sea“ aus der Schweiz und „Simply Divine“ aus Rumänien, der auch den mephisto 97.6 Preis gewann, wählen eine Animadok-Ansatz und geben so wahre Geschichte im Animationsgewand wieder. 

Deutscher Wettbewerb Lang- und Kurzfilm

Filmgespräch zu „Im Prinzip Familie” beim 67. DOK Leipzig

Auch in diesem Jahr war der Deutsche Wettbewerb vollgepackt mit großartigen Dokumentationen, von denen hoffentlich noch einige einen Kinostart erhalten. Daniel Abmas Dokumentation „Im Prinzip Familie“, der gleich drei Preise (ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness & Gedanken-Aufschluss & film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum) gewinnen konnte, ist eine warmherzige Liebeserklärung an den Beruf des Erziehers. Die Goldene Taube Langfilm konnte die Dokumentation „Tarantism Revisited“ gewinnen. Darin beschäftigen sich die Regisseurinnen Anja Dreschke und Michaela Schäuble mit dem Phänomen des sogenannten Tarantismus, der u.a. bei Menschen in Süditalien auftrat. Auch die Regisseurin Kristina Shtubert begibt sich an einen weit entfernten Ort und liefert mit „Sonnenstadt“ eine Langzeitdokumentation einer zurückgezogenen lebenden Sekte. Zwei weitere Regisseurinnen erweitern mit ihren Filmen die Palette der Themen im Wettbewerb: Jennifer Mallmann schaut mit ihrem Diplomfilm „Moria Six“ auf den Prozess gegen sechs Jugendliche wegen des Brands eines Flüchtlingslagers auf der griechischen Insel Moria. Der Film erhielt den DEFA-Förderpreis und den Filmpreis Leipziger Ring. Aysun Bademsoy bleibt dagegen in Deutschland und kehrt mit „Spielerinnen“ zu den Protagonistinnen ihrer drei vorhergehenden Filme zurück und schaut, wie sich ihr Leben entwickelt hat und gleichzeitig auf die türkisch-deutsche Diaspora in Berlin. Die Goldene Taube Kurzfilm erhielt „Der König von Spanien“ von Leonard Volkmer, der darin Schilderungen einer Depression mit harmlosen Urlaubsbildern aus Spanien zusammenbringt. Unter den Kurzfilmen fielen vor allem der Essayfilm „Accidental Animals“ von Leila Fatima Keita und Felix Klee auf, der mit Google-Street-View-Aufnahmen philosophischen Fragen nachgeht, sowie Betina Kuntzschs neuester Kurzfilm „Himmel wie Seide. Voller Orangen“, die sich dieses Mal in collagierter Form mit der neu gewonnenen Reisefreiheit während der Wende beschäftigt. 

Camera Lucida, Kids DOK und Young Eyes

Regina-Palast

Seit mittlerweile elf Jahren gibt es die Programmreihe ‚Camera Lucida‘, welche Dokumentarfilme mit besonderem künstlerischem Charakter zeigt. Dort lief der kanadische Film „Just Above the Surface of the Earth“ von Marianna Milhorat, das sich auf poetische Weise, aber mit einem klaren Blick mit dem sechsten Massensterben im Anthropozän beschäftigt. Ebenfalls lohnt es sich jedes Jahr, einen Blick in das Kids-Programm des DOK zu werfen. In diesem Jahr gab es nicht nur eine berührende Freundschaftsgeschichte zwischen einem Vogel und einem Bären („The Bear and the Bird“), sondern auch unterhaltsame Stop-Motion-Schlittschuh-Action („Hoofes on Skates“), schön gezeichnete, leichte verträumte Animationen („“) sowie kreativ erzählte Kindergeschichten, die nur für Kinder überraschend waren („Filante“). Die Reihe ‚Young Eyes‘ zeigt seit 2004 speziell für Jugendliche und junge Erwachsene: Hier wurde die Dokumentation „Sister Queens“ von Clara Stella Hüneke mit dem Young Eyes Film Award ausgezeichnet. In der vierjährigen Langzeitbeobachtung begleitet die Regisseurin drei Mädchen, die alle die Liebe zum Hip Hop teilen, beim Erwachsenwerden.

CineStar

Fazit: Die 67. Ausgabe des international renommierten Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm konnte in diesem Jahr einen starken Anstieg bei den Besucherzahlen verzeichnen und knackte damit den Rekord der Vor-Corona-Zeit. So waren sehr viele Veranstaltungen bis auf den letzten Platz ausgebucht. Diesen Zuwachs verdankt das Festival auch seinem sehr gut kuratierten und vielfältigen Programm. Zum Erfolgsrezept des Festivals gehört, dass die oftmals schwer verdaulichen Dokumentarfilme mit erfrischend unterhaltsamen Animationsfilmen aufgelockert werden. Nach einer Woche DOK hat man, wie auch in den Jahren zuvor, stets das Gefühl, einen offeneren Blick auf die Welt zu haben.

weitere Preise

Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm

Silberne Taube Kurzfilm
What Goes Up“ (Saudi-Arabien/USA, 2024, Regie: Samar Al Summary)

Wettbewerb Animation Kurzfilm

Goldene Taube Kurzfilm
On Weary Wings Go By“ (Estland/Litauen, 2024, Regie: Anu-Laura Tuttelberg)

Publikumswettbewerb

Goldene Taube
Once upon a Time in a Forest“ (Finnland, 2024, Regie: Virpi Suutari)

MDR-Filmpreis
The Other One“ (Tschechische Republik/Slowakei, 2024, Regie: Marie-Magdalena Kochová)

Trailer des 67. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2024:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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