62. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

28.10. – 3.11.2019 / Cinestar Leipzig, Grassimuseum, Hauptbahnhof Osthalle, Passage Kinos, Schaubühne Lindenfels, Schauburg, Museum der bildenden Künste, Polnisches Institut, Zeitgeschichtliches Forum

Festivalbericht: Seit vielen Jahren ist das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eine feste Größe in der Festivallandschaft. Nicht nur weil es den Filmemachern nach der Schau in Leipzig auch die Möglichkeit offenbart für den Oscar nominiert zu werden, sondern auch durch die hohe Qualität der Beiträge. Auch im 62. Jahr bietet das siebentägige Festival eine überragende Bandbreite an Lang- und Kurzfilmen, so dass sich der Zuschauer jeden Tag aufs Neue entscheiden muss. Doch egal, was man sich anschaute, die Säle waren meist voll oder gar ausverkauft. An 14 Spielstätten in ganz Leipzig konnte man 310 Lang- und Kurzfilme in Einzelschauen, Retrospektiven und Kompilationen sehen und so eine ganze Woche lang seinen Horizont erweitern. 

62. DOK Leipzig

Im Internationalen Wettbewerb der Langen Dokumentar- und Animationsfilme traten elf Filme gegeneinander an. Der Dokumentarfilm „Exemplary Behaviour“, der von zwei Häftlingen erzählt und wie diese mit ihrer lebenslangen Strafe umgehen, gewann nicht nur die Goldene Taube (dotiert mit 10.000 €), sondern auch noch den FIPRESCI-Preis. Ansonsten fiel im Wettbewerb der chinesische Film „Noodle Kid“ auf, der einen Jungen vom Land auf seinem Weg begleitet, das Nudelhandwerk zu erlernen und etwas aus sich zu machen. Auch der deutsch-schweizerische Beitrag „Das Forum“, der auch das Festival eröffnet hat und hinter die Kulissen des WEF (Weltwirtschaftsforum) blickt, stach heraus. Der Gedanken-Aufschluss-Preis wurde an den österreichischen Film „Robolove“ vergeben. Die Regisseurin Maria Arlamovsky reiste um die Welt, um sich den aktuellen Stand von KI anzuschauen und lieferte damit eine informative Dokumentation, die auch zum Austauschen und Diskutieren anregt.      

Schaubühne Lindenfels

Auch der Kurzfilm kommt auf dem DOK Leipzig nicht zu kurz. Im Wettbewerb traten dort 21 Kurzfilme aus 18 Ländern an. Gewinnen konnte der russische Kurzfilm „Puberty“ als ‚Bester Dokumentar-Kurzfilm‘. Die Goldene Taube für den ‚Besten kurzen Animationsfilm‘ ging an den iranischen Kurzfilm „Am I a Wolf?“, der sich u.a. gegen starke Beiträge wie „Average Happiness“ der Schweizerin Maja Gehrig, die hier amüsant mit Statistiken spielt, durchsetzte. Besonders im Wettbewerb sind der unterhaltsame und mit einem besonderen Protagonisten gesegnete Kurzfilm „Asho“, der auch lobend erwähnt wurde, sowie „California on Fire“ aufgefallen. Der Dokumentarfilm von Jeff Frost ordnet in einem außergewöhnlichen Rhythmus Waldbrände an, deren Aufnahmen über vier Jahre hinweg entstanden sind und ein eindringliches Bild hinterlassen.

Passage Kinos

Der zweite große Wettbewerb auf dem DOK Leipzig ist der Next Masters Wettbewerb, wo junge Filmemacher bei ihrer Arbeit unterstützt werden sollen. Der Gewinner ist der Dokumentarfilm „Sicherheit 123“ von Julia Gutweniger und Florian Kofler, die in den Alpen den Bau von Zäunen und Sicherungen beobachten, welche vor Lawinen schützen sollen. Sie lassen ihre Aufnahmen für sich sprechen, so dass man sich als Zuschauer eine eigene Meinung darüber bilden kann. Anders der großartige „Under the Skin“ von Robin Harsch, der im selben Wettbewerb lief. Hier geht der Regisseur von einem sehr persönlichen, neugierigen Standpunkt aus und begleitet drei Transgender-Jugendliche eine Weile. Der brasilianische Film „Guaicurus Street“ geht über das Begleiten hinaus und engagierte für manche Rollen Schauspieler. Hier gab es, wie schon im letzten Jahr bei „Marina“ erneut eine Debatte darüber, was alles im Dokumentarfilm erlaubt ist. Aus dem Wettbewerb stach auch noch der ukrainische Film „The Diviners“ heraus, der als Videotagebuch begonnen wurde und das Land und seine Menschen auf sehr ehrliche und nahe Weise festhält. Auch der Gewinner des Animationsfilmpreises in dieser Kategorie stammt aus der Ukraine: „Deep Love“ von Mykyta Lyskov erzählt auf amüsante Weise von einer Hassliebe zu seiner Heimatstadt. Unter den Kurzfilmen fiel auch noch der russische Kurzfilm „The Track“ auf, in dem man sich als Zuschauer zusammen mit dem Regisseur und einigen Passagiere auf einen Zugfahrt ins entlegene Dorf Otdaljonnyi aufmacht.  

Cinestar

Den Deutschen Wettbewerb gewann der Dokumentarfilm „Zustand und Gelände“ von Ute Adamczeweski, die auf andere Art und Weise Kriegsverbrechen und deren Aufarbeitung angeht. Sie konnte ebenfalls noch den Ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness gewinnen. Der Preis für den Besten Kurzfilm ging an „Opera Glasses“. In dieser Kategorie stach auch Tom Salts berührendes Portrait seines Vaters heraus: „The Last Painting“. Ebenfalls das Portrait einer Künstlerin zeichnete die Regisseurin Therese Koppe in ihrem wunderbaren „Im Stillen Laut“, wo sie die Künstlerin Erika Stürmer-Alex und ihre Partnerin Christine Müller-Stosch im Alltag begleitet und damit gleichzeitig deutsche Geschichte erzählt. Er gehörte zu den Favoriten des Festivals und wurde so auch noch einmal im Programm ‚DOK-Buster‘ aufgeführt und bei der Siegerehrung lobend erwähnt. Unter den deutschen Beiträgen wurden noch weitere Preise vergeben: Der Filmpreis Leipziger Ring ging an „Girls of Paadhai“ und der DEFA-Förderpreis an „Resonance“.

Grassimuseum

Im Internationalen Programm des Festivals, in dem 38 Lang- und 39 Kurzfilme liefen, konnten man noch viele weitere spannende Filme entdecken und seinen Horizont erweitern. Dazu gehörten der großartige „Autobahn“ von Daniel Abma, der wunderbar einen Querschnitt durch die Gesellschaft zieht, indem er über Jahre hinweg den Bau eines neuen Autobahnabschnitts bei Bad Oeynhausen beobachtet. Mit ähnlicher Geduld begleitete die japanische Filmemacherin Hirose Nanako in ihrem Film „Book-Paper-Scissors“ den Buchdesigner Kikuchi Nobuyoshi. Der polnische Film „In Touch“ beschäftigte sich auf künstlerische Art mit der Distanz von Verwandten, deren eine Hälfte in Island und die andere in Polen lebt. Aufwühlend war der Film „Space Dogs“ von Elsa Kremser und Levin Peter, wo man sich ein Q&A gewünscht hätte, um mehr über diese fast kommentarlose Hunde-Dokumentation zu erfahren. Einer der absoluten Festivalfavoriten und das absolut zu recht, war der französische Dokumentarfilm „My Name is Clitoris“. Hinter dem reißerischen Titel verbergen sich offene Gespräche mit jungen Frauen, die über Sexualität und Weiblichkeit kein Blatt vor dem Mund nehmen und damit bestimmt Vielen aus dem Herzen gesprochen haben. Im Internationalen Programm lief auch der Gewinner des Healthy Workplaces Film Award: „Bird Island“ erzählt die Geschichte von Antonin und wie er in einer Vogelpflegestation gleichsam mit der Heilung einer Eule zu neuer Lebensenergie findet. 

Schauburg

Auch bei der Kurzfilmen konnte man im Internationalen Programm viele starke Beiträge entdecken. Filme wie „Playhouse“ und „Luca (m/w/d)“ beschäftigen sich mit Identitäten. Einen genaueren Blick auf Männlichkeit werfen die Kurzfilme „About Finnish Manhood“ und „The Call of the Wild“, in dem die Regisseurin Karolína Peroutková zwei Jungen auf ihren Streifzügen begleitet. Wer Animationen liebt war mit Anne IsenseesIch will“ gut beraten und konnte sich prächtig mit „Warum Schnecken keine Beine haben“ amüsieren. 

Ebenfalls zum Entdecken lädt in jedem Jahr die ‚Spätlese‘ ein, wo das DOK Leipzig Filme präsentiert, die zwar in keine richtige Schublade passen, aber gesehen werden sollten. In dieser Kategorie fielen der melancholisch-verträumte Animationsfilm „Marona’s Fantastic Tale“, der die Geschichte eines Hundes aus dessen Sicht erzählt, sowie der italienische Dokumentarfilm „The Young Observant“ auf, der mit einem hohen künstlerischen Anspruch seinen Haupthelden durch das erste Jahr auf der Hotelfachschule begleitet.

Schaubühne Lindenfels

Mit insgesamt 310 Kurz- und Langfilmen bot das Festival viele Reihen und Programme u.a. auch zu Tan Pin Pin und Brenda Lien („Call of“-Reihe) und Max Colson, sowie eine Reihe die geschickt Filme aus der BRD und DDR gegenüber stellte. Auch hatte man die Möglichkeiten an vielen Zusatzveranstaltungen teilzunehmen. Besonderes Aufsehen erregte das Symposium für „Wem gehört die Wahrheit“, wo sich u.a. mit dem Gewinner des letzten DOK Leipzig „Lord of the Toys“ und dessen unkritischen Standpunkt auseinandergesetzt wurde. Im Gesamten bot das 62. DOK Leipzig wieder eine bunte, geballte Mischung an Filmen, wo für jeden etwas dabei war, ob nun Animation oder Dokumentation, und so waren die Säle stets gut bis vollends gefüllt. Kein Wunder, dass sich Leipzig über die Jahre einen so guten Ruf aufgebaut hat und den Beiträgen, die Möglichkeit gibt, sich bei den Oscars zu bewerben.  

Passage Kinos

Fazit: Das 62. DOK Leipzig ist auch im Jahr 2019 eine umfassende Schau an aktuellen Dokumentationen, aufgelockert von einigen Animationsfilmen. Dabei überzeugt es mit nationalen wie internationalen Beiträgen, die in verschiedene Programme gruppiert sind. Das Festival weitet den Blick, macht klüger und bietet die Möglichkeit Filme zu sehen, die man ansonsten schwer zu Gesicht bekommt. Alles in allem ein gelungenes Festival, das auch in diesem Jahr genügend Zündstoff, Diskussionsgrundlagen und Anregungen bot und so eine Woche lang die Kinos der Stadt proppevoll füllte. Schon jetzt freut man sich auf das 63. DOK, welches vom 26. Oktober bis 2. November 2020 stattfinden wird. 

Die drei Festivaltrailer:

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Michael Kaltenecker, Doreen Matthei

Quellen:

  • 62. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2019 – Katalog
  • Webseite des DOK Leipzig
  • Wikipedia-Artikel über das DOK Leipzig

Alle Filme aus dem Bericht:

  • „Am I a Wolf?“ (OT: „Gorgam-o-Gale Mibaram“, Regie: , Iran 2018)
  • „About Finnish Manhood“ (OT: „Suomalaisesta miehuudesta“, Regie: Samuli Salonen, Finnland, 2019)
  • „Asho“ (OT: „Asho“, Regie: , Iran, 2019)
  • „Autobahn“ (OT: „Autobahn“, Regie: Daniel Abma, Deutschland, 2019)
  • „Average Happiness“ (OT: „Average Happiness“, Regie: Maja Gehrig, Schweiz, 2019)
  • „Bird Island“ (OT: „L’île aux oiseaux“, Schweiz, 2019)
  • „Book-Paper-Scissors“ (OT: „Tsutsunde hiraite“, Regie: Hirose Nanako, Japan, 2019)
  • „California on Fire“ (OT: „California on Fire“, Regie: Jeff Frost, USA, 2018)
  • „Das Forum“ (OT: „Forum“, Regie: Marcus Vetter, Deutschland/Schweiz, 2019)
  • „Deep Love“ (OT: „Kokhannya“, Regie: Mykyta Lyskov, Ukraine, 2019)
  • „Exemplary Behaviour“ (OT: „Pavyzdingas elgesys“, Regie: Audrius Mickevičius & Nerijus Milerius, Litauen/Slowenien/Bulgarien/Italien, 2019)
  • „Girls of Paadhai“ (OT: „Girls of Paadhai“, Regie: Natalia Preston, Deutschland 2019)
  • „Guaicurus Street“ (OT: „Rua Guaicurus“, Regie: João Borges, Brasilien, 2019)
  • „Ich will“ (OT: „Ich will“, Regie: Anne Isensee, Deutschland, 2019)
  • „Im Stillen Laut“ (OT: „A Quiet Resistance“, Regie: Therese Koppe, Deutschland 2019)
  • „In Touch“ (OT: „In Touch“, Regie: Paweł Ziemilski, Polen, 2018)
  • „Luca (m/w/d)“ (OT: „Luca (m/w/d)“, Regie: Ricarda Funnemann, Hannah Schwaiger, Deutschland, 2019)
  • „Marona’s Fantastic Tale“ (OT: „L’extraordinaire voyage de Marona“, Regie: Anca Damian, Rumänien/Frankreich/Belgien, 2019)
  • „My Name is Clitoris“ (OT: „Mon nom est clitoris“, Regie: Daphné Leblond, Lisa Billuart-Monet, Belgien, 2019)
  • „Noodle Kid“ (OT: „La yi wan mian“, Regie: Huo Ning, China, 2019)
  • „Opera Glasses“ (OT: „Binokl“, Deutschland, Ukraine 2019)
  • „Playhouse“ (OT: „Playhouse“, Regie: Adda Elling, UK, 2018)
  • „Puberty“ (OT: „Perekhodnyj vozrast“, Regie: Elena Kondrateva, Russland, 2019)
  • „Resonance“ (OR: „Resonance“, Regie: Itay Marom, Israel/Deutschland, 2019)
  • „Robolove“ (OT: „Robolove“, Regie: Maria Arlamovsky, Österreich, 2019)
  • „Sicherheit123“ (OT: „Safety123“, Regie: Julia Gutweniger, Florian Kofler, Österreich/Italien, 2019)
  • „Space Dogs“ (OT: „Space Dogs“, Regie: Elsa Kremser & Levin Peter, Österreich/Deutschland, 2019)
  • „The Call of the Wild“ (OT: „Volání divočiny“, Regie: Karolína Peroutková, Tschechische Republik, 2019)
  • „The Diviners“ (OT: „Bozhestvenni“, Regie: Roman Bordun, Ukraine, 2019)
  • „The Last Painting“ (Deutschland, 2019)
  • „The Track“ (OT: „Ne za gorami“, Regie: Aleksej Evstigneev, Russland, 2019) 
  • „The Young Observant“ (OT: „L’apprendistato“, Regie: Davide Maldi, Italien, 2019)
  • „Under the Skin“ (OT: „Sous la peau“, Regie: Robin Harsch, Schweiz, 2019) 
  • „Warum Schnecken keine Beine haben“ (OT: „Why Slugs have no legs“, Regie: Aline Höchli, Schweiz, 2019)
  • „Zustand und Gelände“ (OT: „Status and Terrain“, Regie: Ute Adamczewski, Deutschland 2019)

Testkammer hat folgende Filme auf dem 62. DOK Leipzig gesehen:

Langfilme:

  • „Autobahn“
  • „Bekar Evi – Das Junggesellenhaus“
  • „Bird Island“
  • „Book – Paper- Scissors“
  • „Campo“
  • „Das Forum“
  • „Deep Waters“
  • „Guaicurus Street“
  • „Im Stillen Laut“
  • „In Touch“
  • „Little Man, Time“
  • „Noodle Kid“
  • „Our Lucky Hours“
  • „Robolove“
  • „Sicherheit 123“
  • „Siddhartha“
  • „Space Dogs“
  • „Spuren“
  • „The Diviners“
  • „The Young Observant“
  • „Transit Circle“
  • „Under the Skin“

Kurzfilme

  • „A Cat is always female“
  • „About Finnish Manhood“
  • „Astro“
  • „Average Happiness“
  • „California one Fire“
  • „Crowded“
  • „Deep Love“
  • „Erpe-Mere“
  • „Flesh“
  • „I feel your eyes“
  • „Int. Anouchka – Night“
  • „L’Ultimu Sojnu“
  • „Luca (m/w/x)“
  • „One Life“
  • „Outside the Oranges are blooming“
  • „Sunflower“
  • „Tell Me“
  • „The Last Painting“
  • „The Track“
  • „Warum Schnecken keine Beine haben“
  • „When the Silence…“

Interviews mit Regisseuren deren Filme, die auf dem DOK Leipzig liefen:

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