„Noodle Kid“ (2019)

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Filmkritik: Der chinesische Regisseur Huo Ning erzählt in seiner fast zweistündigen Dokumentation „Noodle Kid“ (OT: „La yi wan mian“, China, 2019), die auf dem 62. DOK Leipzig seine Europa-Premiere feierte, von dem 14-jährigen Ma Xiang, der sich in der Stadt ein neues Leben aufbauen will, indem er dort nach seiner Ausbildung ein Nudelrestaurant eröffnen will.

Ma Xiang ist gerade einmal 12 Jahre alt, als seine Familie, die der Minderheit der muslimischen Hui-Chinesen angehört, beschließt ihn in die entfernte Großstadt zu schicken, um die Schulden des Vaters abzuarbeiten. Dort lernt er von seinem Onkel Ma Yusuf das Handwerk des Nudelziehens, um später selbst einmal ein Nudelrestaurant zu eröffnen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg: Schlecht bezahlt und unter stetigem Druck versucht der junge Mann sich seine Zukunft aufzubauen, aber vor allem sehnt er sich nach seinem Zuhause.

Der 107-minütige Dokumentarfilm „Noodle Kid“ begleitet über mehrere Jahre hinweg immer wieder in Etappen den jungen Hui-Chinesen. Ursprünglich sollte es eine Dokumentation über Lebensmittel werden. Bei den Recherchen stießen sie auf einen Slogan, der Nudelrestaurants als die große Zukunftschance anpries, und sie waren interessiert. So traf der Regisseur Huo Ning den Jungen Ma Xiang, dem eine radikale Veränderung bevor stand. So erzählt der Regisseur im klassischen Sinn eine Coming-of-Age-Geschichte. Ma Xiang wirkt empfindsam und über die Zeit merkt man, dass er sich nicht so einfach in die Maschinerie des Nudelbetriebs zwingen lassen will. Man erlebt als Zuschauer das Hin- und Hergerissensein zwischen der vorbestimmten Lebensweise mit der einhergehenden Verantwortung für die Familie und dem eigenen Willen. Seine Lebensumstände sind dabei meistens ärmlich und man spürt förmlich den Druck, der auf ihm lastet. Seine Kindheit, aber auch die Jugend scheinen vorbei zu sein. Hinzu kommt seine Angehörigkeit zu den muslimischen Hui-Chinesen. Sein Glaube grenzt ihn dabei noch weiter aus und stellt ihn an den Rand der Gesellschaft. So erzählt der Regisseur Ning wie nebenbei auch die Geschichte der in westlichen Ländern unbekannten Minderheit und macht ihre Stellung anhand eines Individuums deutlich. Über drei Jahre hinweg begleitet der Film den Jungen. Er erzählt in Episoden von den Entwicklungen und Fortschritten und findet dafür die richtigen Bilder. Dabei bleibt er nah am Protagonisten und lässt vor allem ihn zu Wort kommen und rundet das Bild ab mit Alltagsimpressionen, die den Zuschauer in eine entfernte Welt entführen und die die Kunst des Nudelziehens gefühlt zum ersten Mal auf die Leinwände bringen.

Fazit: Die chinesische Dokumentation „Noodle Kid“ erzählt uns im klassischen Dokumentationsgewand mit Interviews und Beobachtungen eine Coming-of-Age-Geschichte. In einer fremden Stadt, ohne seine Familie, muss der junge Hui-Chinese Ma Xiang schnell erwachsen werden, um für seine Familie zu sorgen. Der Regisseur Huo Ning begleitet ihn dabei und liefert damit ein starkes Portrait eines Jungen aber auch des Landes ab.

Bewertung: 7,5/10

Trailer zum Kurzfilm „Noodle Kid“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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