Neun Fragen an Huo Ning

Interview: Im Gespräch mit dem chinesischen Regisseur Huo Ning konnten wir mehr über seine Dokumentation „Noodle Kid“ erfahren, welcher seine Europapremiere auf dem 62. DOK Leipzig feierte. Er erzählt davon, wie aus einem Film über Lebensmittel eine Geschichte über Ma Xiang wurde, welchen Schwerpunkt er setzen wollte und ob er sich selbst einmal an der Nudelherstellung probiert hat.

The original english language interview is also available.

Was hat Dich dazu bewegt die Geschichte von Ma Xiang zu erzählen und ihn über so einen langen Zeitraum zu begleiten?

Zuerst wollten wir nur ein bisschen Feldforschungen für eine Lebensmitteldokumentation durchführen, wie z.B. über Nudeln, archäologische Funde von 4.000 Jahre alten Nudeln, die aus dem Westen Chinas stammen.

In der Provinz Qinghai im Westen Chinas sahen wir den Slogan „Der Nudeltraum ist der chinesische Traum“, und die örtliche Regierung ermutigte die Menschen, Nudelrestaurants im ganzen Land zu betreiben, um die Armut zu beseitigen. Die Geschichte der Menschen hinter dem Essen war für mich attraktiver. Damals traf ich Ma Xiang, einen Jungen, der die fünfte Klasse abgebrochen hatte und sich entschied, Nudel-Lehrling zu werden, damit er das Haus, das ihm das Herz gebrochen hatte, verlassen und möglicherweise die Berge verlassen konnte, um seine verlorene Mutter zu finden. Das ist keine Erfahrung, die sich die meisten von uns vorstellen können, die Lebenswahl hinter einer Nudelschüssel, vor allem im heutigen China, und so beschloss ich, die Geschichte von Ma Xiang zu erzählen.

Wie hat er am Anfang auf das Filmprojekt reagiert und was sagt er zum fertigen Film?

Meistens musste er auf seinen Großvater hören. Tatsächlich konnten wir Ma Xiang nicht ohne die Erlaubnis der Ältesten fotografieren. Der Film war eine neue und aufregende Erfahrung für ihn, und er hofft, dass er ihn weiterhin machen wird.

Wie ging die ganze Familie mit ihrer Kamerabegleitung um? Wie groß war Dein Team?

Ma Xiang

Im Hui-Minderheitendorf, in dem Ma Xiang lebt, ist das Kamerateam nicht willkommen, da es auch einige Sicherheitsprobleme in der Gegend gibt, so dass wir meistens lokale Führer brauchen, die mit uns arbeiten. Ma Xiangs Großvater stimmte unseren Dreharbeiten zu, was auch die Zustimmung der ganzen Familie bedeutete, so dass wir uns etwas Zeit nahmen, um uns in ihr Familienleben zu integrieren. 

Unser Team bestand aus einem Regisseur, einem Kameramann, einem Assistenten und einem einheimischen Führer.

Deine Geschichte ist gleichzeitig eine Coming-of-Age-Geschichte und ein Portrait der Hui-Chinesen. Worauf lag Dein Schwerpunkt? Ging es Dir um die Mischung?

Gute Frage. Während der Dreharbeiten wurde mir dieses Problem allmählich bewusst. Im Prozess der Integration in die Details ihres Lebens hatten Glauben, Sitten, Gebräuche, Werte, Weltanschauungen und so weiter einen großen Einfluss auf mein Konzept, das meine Vorstellung von der Hui-Minderheit, einer Gruppe, die an den Islam glaubt, umwarf.

Dies ist die Geschichte des Erwachsenwerdens einer jungen Hui-Minderheit in China und eine eher seltene Perspektive, außerhalb des Mainstreams, ihrer Versuche, in der säkularen Welt zu überleben.

Wie würdest Du selbst die Dynamik zwischen Land und Stadt beschreiben? Denkst Du, dass es hier – gesellschaftlich gesehen – Veränderungspotential gibt?

Ma Xiang

Ma Xiang lebt in einem Dorf, in dem mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Schule nach der vierten Klasse abbrechen, und das ist nicht nur in der örtlichen Gemeinde so. Im Rahmen der Anti-Armuts-Propaganda-Politik der Kommunalverwaltung treibt die Frage, wie man mit dem Nudelgeschäft Geld verdienen kann, den Wertewandel voran, während der Mangel an Bildung eine Reihe von Problemen, wie fehlende soziale Absicherung, Rückfall in die Armut und sogar frühe Heirat mit sich bringt. Von ihren Dörfern bis zu den Städten sind sie mit dem Konflikt der Überzeugungen, dem Druck der Anpassung an die Säkularisierung und dem Überleben konfrontiert. Wichtiger ist meiner Meinung nach jedoch der Mangel an Bildung, dessen Veränderung mehrere Generationen in Anspruch nehmen kann.

Das Thema Nudelmachen steht ebenfalls im Zentrum. Kann man sagen, dass dies die Hauptverdienstquelle in den Städten für Hui-Chinesen ist? Ist die Kunst wirklich so schwer zu erlangen? Und hast Du Dich selbst mal dran probiert?

Das ist ihre Haupteinnahmequelle in der Stadt. Der Durchschnittspreis für eine Schüssel Nudeln liegt bei 1 bis 2 Dollar. Sie ist sehr beliebt, und die Portionen sind sehr groß, so dass ihr Nudelrestaurant sehr gut läuft. Natürlich werden diese Nudelrestaurants von Leuten aus dem Dorf Maxiang, dem Hualong-Distrikt der Provinz Qinghai, betrieben, die in allen chinesischen Städten Nudelrestaurants betreiben, mehr als McDonald’s und KFC zusammen in der Welt. 

Ma Xiang (links), Huo Ning (rechts)

Bevor sie mit dem Betrieb von Nudelrestaurants Geld verdienten, verdienten die meisten Menschen in ihrer Gegend in den 1980er und 1990er Jahren ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Schwarzmarkt-Waffen.

Eines der Merkmale eines Nudelrestaurants besteht darin, dass es in drei Minuten eine Schüssel Nudeln zum Kunden bringen kann, was eine schnelle Zubereitung der Nudeln und Geschicklichkeit erfordert, aber auch die Anleitung eines erfahrenen Küchenchefs erfordert. Ich habe es versucht. Es ist sehr schwierig, einen Haufen Teig in Nudeln zu verwandeln.

Wie oft und wie lange hast Du gedreht? Wie viel Material ist entstanden? War es schwer die richtigen Szenen im Schnitt auszuwählen? Hast Du weiterhin Kontakt zu Ma Xiang?

Was diesen Film betrifft, so haben wir 1-2 Mal im Monat gedreht, jedes Mal 2-5 Tage, und die Außenaufnahmen in der gesamten Region haben länger gedauert. Von der Feldforschung bis zu den offiziellen Dreharbeiten des Films dauerte es fast vier Jahre, und auch die Nachbearbeitung dauerte auch wieder 14 Monate. Wir haben etwa 4-5 Tage Material gedreht. Natürlich ist der Schnitt ein Prozess des Verzichts. Wir haben auch den Rhythmus und die Erzählung des gesamten Films unter der Beratung von Filmredakteuren auf dem chinesischen Festland und in Taiwan neu strukturiert und sogar auf jegliche Hintergrundmusik verzichtet.

Mein Kameramann [Anm. d. Red.: Zhang Jiahao] bleibt mit Ma Xiang in Kontakt.

Kannst Du mir zum Schluss noch etwas mehr über Dich erzählen und wie Du zum Film kamst?

Als ich aufwuchs, in den 1980er Jahren, arbeitete meine Familie in einer staatlichen Militärfabrik, deren Personalwohnheim vollständig mit Kabelfernsehen verkabelt war und jedes Wochenende Filme aus verschiedenen Ländern zeigte. Die Fabrik verfügt auch über ein Freiluftkino, das Tausende von Menschen aufnehmen kann, was ein Kinderparadies ist.

Später studierte ich Kunstpädagogik an der Universität. Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete ich beim Fernsehen und wurde Kameramann, so dass ich mit der Filmproduktion in Berührung kam.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Unabhängige Dokumentarfilme in China zu machen, ist nicht einfach, besonders solche mit ideologischem Berührungspunkten. Ich habe einige neue Dokumentarfilmpläne und hoffe, die Mittel für den Drehbeginn aufzutreiben.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Noodle Kid


Interview: In conversation with the Chinese director Huo Ning we could learn more about his documentary „Noodle Kid„, which celebrated its European premiere at the 62nd DOK Leipzig. He tells us about how a film about food became a story about Ma Xiang, which focus he wanted to set and whether he himself once tried his hand at noodle making.

What motivated you to tell the story of Ma Xiang and to accompany him over such a long period of time?

At first, we just wanted to do some fieldwork on food documentaries, such as noodles, archaeological finds of 4,000-year-old noodles originating in western China.

In Qinghai province in western China, we saw the slogan „a noodle dream is a Chinese dream“, and the local government encouraged people to run noodle restaurants across the country as a means to get rid of poverty. The story of the people behind the food is more attractive to me.

At that time, I met Ma Xiang, a boy who had dropped out of fifth grade and was deciding to become a noodle apprentice so that he could leave the home that had broken his heart and possibly leave the mountains to find his lost mother.

This is not an experience that most of us can imagine, the life choice behind a bowl of noodles, especially in today’s China, so I decided to shoot the story of Ma Xiang.

How did he react to the film project at the very beginning and what does he say about the finished film?

For the most part, he had to listen to his grandfather. In fact, we couldn’t photograph Ma Xiang without the permission of the elders. The film was a fresh and exciting experience for him, and he hopes to continue making it.

How did the whole family deal with their camera accompaniment? How big was your team?

For the hui minority village where Ma Xiang lives, the camera crew is not welcome, because there are also some security problems in the area, so we need local guides to work with us most of the time.

Ma Xiang’s grandfather approved our shooting, which also meant the approval of the whole family, so we took some time to integrate into their family life.

Our team has a director, cameraman, assistant and a local guide

Your story is a coming of age story at the same time as a portrait of the Hui people. What was your focus? Was this mix important to you?

Good question. In the process of shooting, I gradually realized this problem. In the process of integrating into the details of their lives, beliefs, customs, values, world views and so on had a great impact on my concept, which overturned my imagination of hui minority, a group that believes in Islam.

This is the coming-of-age story of a young hui minority in China, and a rather rare perspective, outside the mainstream, of their attempts to survive in the mainstream secular world.

How would you describe the dynamics between country and city? Do you think that there is potential for change here – socially speaking?

Ma Xiang lives in a village where more than half the pupils drop out of school after the fourth grade, and this is not unique to the local community.

Under the anti-poverty propaganda policy of local government, how to make money from the noodle business drives the change of values, while the lack of education brings a series of problems such as social security, falling back into poverty and even early marriage.

From their villages to cities, they face the conflict of beliefs, the pressure of adapting to secularization and survival. But in my opinion, what is more important is the lack of education, which may take several generations to change.

The topic of noodle making is also central. Can one say that this is one of the main sources of income in the cities for Hui people? Is art really so difficult to obtain? And have you ever tried it yourself?

That’s their main source of income in the city. The average price of a bowl of noodles is $1 to $2. It’s very popular, and the portions are very large, so their noodle restaurant is doing very well.

Of course, these noodle restaurants are run by people from the village of maxiang, the hualong district of qinghai province, who run noodle restaurants in all Chinese cities, more than McDonald’s and KFC combined in the world.

Before they made money running noodle restaurants, most of the people in their area made their living in the 1980s and 1990s selling underground guns.

One of the characteristics of a noodle restaurant is that it can quickly bring a bowl of noodles to the customer in three minutes, which requires quick making noodle speed and skills, but also requires the instruction of an experienced chef. I’ve tried. It’s very difficult to turn a pile of dough into noodles.

How often and for how long did you film? How much material did you create? Was it difficult to pick the right scenes during editing? Do you still have contact with Ma Xiang?

As for this film, we will shoot 1-2 times a month, ranging from 2-5 days each time, and the outdoor scenes across the region will take longer. From the field investigation to the official shooting of the film, it took almost 4 years, and the post-editing also took 14 months off and on.

We shot about 4-5T of material. Of course, editing is a process of abandonment. We also re-structured the rhythm and narration of the whole film under the advice of film editors in mainland China and Taiwan, and even gave up using any background music.

My photographer keeps in touch with Ma Xiang.

Can you tell me a little bit more about yourself and how you came to film?

When I was growing up, in the 1980s, my family worked in a state-run military factory whose staff dormitory was fully wired with cable television, showing films from different countries every weekend.

The factory also has an outdoor movie theater that can hold thousands of people, which is a children’s paradise.

Later, I majored in fine arts education in university. After graduation, I went to work in TV station and became a cameraman, so I was exposed to film production.

Are there already new projects planned?

Making independent documentaries in China is not easy, especially in the field of ideology. I have some new documentary plans and hope to find the funds to start shooting.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Noodle Kid

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