Sieben Fragen an Nina Noël Raaijmakers

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der niederländischen Filmemacherin Nina Noël Raaijmakers konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Femme“ erfahren, der im ‚Shock Block‘-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestival 2026 lief. Wie die Geschichte sich durch das Body-Horror-Genre mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt, wie die Kamera und die Farben das Innenleben der Protagonistin widerspiegeln und warum sich die Regisseurin dem Horrorgenre verbunden fühlt.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden? Stecken auch eigene Erfahrungen in der Geschichte?

Die Idee kam mir kurz nach meinem Abschluss im Jahr 2022, als in den Niederlanden ein Skandal um geleakte Reden einer Studentenverbindung in Amsterdam bekannt wurde. Diese Reden waren zutiefst frauenfeindlich und sexuell bedrohlich; und da sie auf Jahre mit ähnlichen Vorfällen in den Niederlanden folgten, war es unmöglich, sie als Einzelfälle abzutun. Es war offensichtlich, dass diese Art des Denkens tief in der Kultur verwurzelt ist.

Ich war wie gebannt von einem Widerspruch: Diese Männer haben Mütter, Schwestern, Partnerinnen. Wie können sie also auf so entmenschlichende Weise über Frauen sprechen? Diese Frage führte mich zu einer provokanteren, fast beunruhigenden Idee: Dass die Welt vielleicht ein besserer Ort wäre, wenn manche Männer ein bisschen mehr Angst vor Frauen hätten.

Jatou Sumbunu und Nola Elvis Kemper

Von da an wollte ich diese Kultur sowohl erforschen als auch aufdecken. Als Ausgangspunkt diente mir ein spezifisches niederländisches Aufnahmeritual, bei dem Erstsemestern die Tür entfernt wird und sie diese erst zurückerhalten, wenn sie in ihrem neuen Zimmer Sex hatten. Das ist eine so eklatante Verletzung der Privatsphäre und Autonomie, dass es sich sofort wie der richtige Auslöser für die Geschichte anfühlte.

Die Erzählung selbst ist zwar fiktiv, aber sie ist sehr stark in einer realen Gefühlswelt verwurzelt, einer, die von Wut, Verwirrung und dem Wunsch geprägt ist, die Strukturen zu hinterfragen, die dieses Verhalten zulassen.

Der eigentliche Horror sind hier die Menschen. Trotzdem verortest Du Deinen Film klar im Body-Horror – warum hast Du Dich dafür entschieden?

Femme“ ist eine Geschichte über Rape Culture, Consent und die Folgen sexueller Gewalt. Was mich am meisten interessierte, war nicht die Tat selbst, sondern das, was danach kommt. Wie eine solche Erfahrung die Beziehung zum eigenen Körper neu prägt. Als jemand, der sexuelle Gewalt erlebt hat, fühlte ich mich danach zutiefst von meinem Körper entfremdet, als gehöre er mir nicht mehr; fast so, als wäre er zu etwas Fremdem geworden. Body-Horror erschien mir als die ehrlichste und eindringlichste Art, diese Erfahrung auszudrücken, und schuf gleichzeitig Raum für etwas anderes: die Möglichkeit, auf radikale Weise die Autonomie zurückzugewinnen.

Am Set des Kurzfilms „Femme“

Im Kern geht es in dem Film darum, die Kontrolle zurückzugewinnen; darum, das Eigentumsrecht an deinem Körper zurückzufordern. Das führte mich zu einer zentralen Idee: Wir als Frauen haben die Macht, Leben zu erschaffen, aber was wäre, wenn wir uns das Leben auch zurückholen könnten, sobald es uns verraten hat?

Es war mir auch sehr wichtig, die Figur nicht für ihre Sexualität zu bestrafen, was im Horrorgenre ein so hartnäckiges Klischee ist. Als Filmemacherin versuche ich bewusst darauf zu achten, dieses Stigma nicht zu verstärken. Was sich zunächst wie eine Last anfühlt, wird letztendlich zu einem Weg für sie, ihren Körper wiederzuentdecken und zu erkennen, dass einvernehmliche Intimität befreiend sein kann, statt beschämend.

Für mich ist die Botschaft des Films untrennbar mit dem Körper selbst verbunden. Deshalb fühlte sich Body-Horror nicht nur wie eine stilistische Entscheidung an. Für mich war es der einzig ehrliche Weg, diese Geschichte zu erzählen.

Auf visueller Ebene ist mir der starke Licht- und Farbeinsatz aufgefallen. Was lag Dir visuell am Herzen? 

Nola Elvis Kemper

Für mich war es entscheidend, dass das Publikum vollständig in Fems Welt eintaucht und hautnah miterlebt, was sie empfindet. Im Grunde sehnt sie sich nach Verbundenheit, weshalb sie sich der Studentinnenverbindung anschließt, obwohl diese ihre Grenzen überschreitet. Visuell haben wir mit Weitwinkelaufnahmen und kühler, bläulicher Beleuchtung gearbeitet, um ihre Isolation zu betonen. Selbst wenn sie von anderen umgeben ist, bleibt sie allein. In Szenen mit negativen sexuellen Erfahrungen halten wir bewusst Abstand. Manchmal verdecken wir Fem im Blickfeld sogar, da wir diese Momente auf keinen Fall sexualisieren wollen. Im Gegensatz dazu werden positive sexuelle Erfahrungen aus viel größerer Nähe gefilmt, wodurch ein Gefühl von Intimität und Präsenz entsteht. Momente der Schwesternschaft, insbesondere mit ihrer Mitbewohnerin Luna, werden mit wärmeren Tönen beleuchtet, um ein Gefühl von Sicherheit, Zärtlichkeit und echter Verbundenheit zu vermitteln. Insgesamt wurden Licht, Farbe und Bildausschnitt zu einem Mittel, ihren inneren Zustand zu vermitteln. Sie wechseln zwischen Isolation, Entfremdung und schließlich Momenten der Intimität und Zugehörigkeit.

Kannst Du mir mehr zu den Effekten selbst erzählen und wie ihr diese umgesetzt habt?

Am Set des Kurzfilms „Femme“

Wir haben so viele praktische Effekte wie möglich eingesetzt. Da Fem im Film oft allein zu sehen ist, habe ich den Ausschlag fast wie ihren Spielpartner behandelt. Ich finde, wenn man den Schauspielern etwas Greifbares gibt, mit dem sie interagieren können, sorgt das für mehr Realismus und unterstützt ihre Darstellung. Für die Absorptionsszenen haben wir in der Postproduktion visuelle Effekte eingesetzt, um den Eindruck zu erwecken, dass ihre Haut Fleisch und schließlich einen ganzen Menschen verschlingt. Ich kombiniere gerne praktische Effekte mit VFX, denn zusammen schaffen sie meiner Meinung nach etwas Greifbareres und Glaubwürdiges. 

Deine Besetzung ist großartig – worauf hast Du dabei Wert gelegt?

Vielen Dank! Da der Film schwierige Themen behandelt und explizite Szenen enthält, war es entscheidend, mit Schauspielern zusammenzuarbeiten, die über Erfahrung verfügten und sehr klare persönliche Grenzen setzten. Wir suchten zunächst nach Schauspielern, die überzeugend Erstsemester darstellen konnten, aber älter und erfahrener waren. Als ich Nola Elvis Kemper traf, die Fem spielt, wusste ich sofort, dass sie die Richtige für die Rolle war. Sie verstand die Figur nicht nur zutiefst, sondern brachte auch Professionalität und ein starkes Selbstbewusstsein in den Drehprozess ein.

Wir haben außerdem Schauspieler gecastet, die sich bereits kannten, insbesondere für die intimen Szenen, damit ein Vertrauensverhältnis vorhanden war. Die Schaffung einer sicheren Arbeitsumgebung war unerlässlich, und wir haben eng mit unserer Intimitätskoordinatorin Milou van Sommeren zusammengearbeitet, um sowohl die Darsteller als auch die Crew zu unterstützen.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Am Set des Kurzfilms „Femme“

Schon von klein auf wollte ich Filme machen. Anfangs war es einfach ein Mittel, der Langeweile des Alltags zu entfliehen, doch mit der Zeit wurde es zu etwas viel Bedeutungsvollerem: eine Möglichkeit, Geschichten über Themen zu erzählen, die mir sehr am Herzen liegen, insbesondere soziale Themen wie Feminismus und körperliche Selbstbestimmung.

Ich habe mich schon immer zum Horror hingezogen gefühlt, weil er symbolische, emotional aufgeladene Geschichten erzählen kann. Mit meiner Arbeit möchte ich Filme schaffen, die oberflächlich betrachtet fesselnd sind, aber darunter etwas nachklingen lassen; etwas, das einem noch nach dem Abspann im Gedächtnis bleibt.

Als Filmemacherin fasziniert mich besonders der menschliche Körper; dieses zerbrechliche, physische Gefäß, das sowohl Freude als auch Schmerz in sich birgt. Mich interessiert, was passiert, wenn diese Beziehung gestört wird: Wenn der Körper uns verrät oder wenn wir die Kontrolle über ihn verlieren. Durch Horror und durch Geschichten, in deren Mittelpunkt komplexe weibliche Charaktere stehen, versuche ich, diese Fragen zu ergründen und mich dabei mit den Teilen der Gesellschaft auseinanderzusetzen, die wir oft lieber nicht allzu genau betrachten.

Nola Elvis Kemper

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! Ich arbeite derzeit mit Unterstützung des Netherlands Film Fund an meinem ersten Spielfilm „XX“. Es handelt sich um eine weitere Body-Horror-Geschichte, die von Roxy erzählt, einer aufstrebenden Scream-Queen, die am Set eines B-Horrorfilms einen seltsamen Unfall mit grausamen Folgen erleidet. Wir fühlen uns außerdem geehrt, das Projekt im Juli dieses Jahres auf der Frontières in Kanada vorstellen zu dürfen, um Partner und Koproduzenten zu finden. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Femme


Interview: In our conversation with Dutch filmmaker Nina Noël Raaijmakers, we learned more about her short film “Femme,” which was screened as part of the “Shock Block” program at the 26th Landshut Short Film Festival in 2026. How the story addresses sexualized violence through the body horror genre, how the camera and colors reflect the protagonist’s inner life, and why the director feels a connection to the horror genre.

How did the idea for your short film come about? Are there any personal experiences woven into the story?

The idea came to me shortly after I graduated in 2022, when a scandal broke in the Netherlands involving leaked speeches from a fraternity event in Amsterdam. They were deeply misogynistic and sexually threatening; and, coming after years of similar incidents around the Netherlands, it became impossible to dismiss them as isolated cases. It was clear that this kind of thinking is embedded within the culture.

I found myself fixated on a contradiction: these men have mothers, sisters, partners; so how can they speak about women in such dehumanizing ways? That question led me to a more provocative, almost unsettling idea: that the world might be a better place if some men were a bit more afraid of women.

From there, I wanted to both explore and expose that culture. I drew on a specific Dutch hazing ritual as a starting point; one in which first-year members have their door removed, only earning it back by having sex in their new room. It’s such a blatant violation of privacy and autonomy that it immediately felt like the right catalyst for the story.

While the narrative itself is fictional, it’s very much rooted in a real emotional landscape; one shaped by anger, confusion, and a desire to confront the structures that allow this behavior to persist.

The real horror here is the people. Nevertheless, you clearly classify your film as body horror. Why did you decide to do that?

Femme“ is a story about rape culture, consent, and the aftermath of sexual violence. What interested me most was not the act itself, but what comes after; how such an experience reshapes your relationship with your own body. As someone who has lived through sexual violence, I felt profoundly disconnected from my body afterward, as though it no longer belonged to me; almost as if it had become something alien. Body horror felt like the most honest and visceral way to express that experience, while also creating space for something else: the possibility of reclaiming autonomy in a radical way.

At its core, the film is about taking back control; about reclaiming ownership of your body. That led me to a central idea: we, as women, have the power to create life, but what if we could also reclaim life once it has betrayed us?

It was also very important to me not to punish the character for her sexuality, which is such a persistent trope in horror. As a female filmmaker, I’m trying to be conscious of not reinforcing that stigma. What may initially feel like a burden ultimately becomes a pathway for her to rediscover her body, and to realize that consensual intimacy can be liberating rather than shameful.

For me, the film’s message is inseparable from the body itself. That’s why body horror didn’t just feel like a stylistic choice; for me, it felt like the only honest way to tell this story.

Visually, I noticed the strong use of light and color. What was important to you visually? 

It was essential for me that the audience fully enters Fem’s world and experiences what she feels from the inside. At her core, she longs for connection, which is what draws her to join the sorority; despite the ways it violates her boundaries. Visually, we used wide shots and cool, blue-toned lighting to emphasize her isolation. Even when she’s surrounded by others, she remains alone. In scenes involving negative sexual experiences, we deliberately keep at distance; sometimes even obscuring Fem from view, as we didn’t want to sexualize those moments by any means. In contrast, positive sexual experiences are filmed much closer, creating a sense of intimacy and presence. Moments of sisterhood, particularly with her roommate Luna, are lit with warmer tones to evoke a sense of safety, tenderness, and genuine connection. Overall, light, color, and framing became a way of translating her internal state; shifting between isolation, disconnection, and, ultimately, moments of intimacy and belonging.

Can you tell me more about the effects themselves and how you implemented them?

We used as many practical effects as possible. Fem is often alone in the film, so I treated the rash almost like her scene partner. I feel like giving the actors something physical to interact with adds realism and hopefully helps their performance. For the absorption scenes, we used visual effects in post-production to create the sense of her skin consuming flesh, and eventually a whole person. I like combining practical effects with VFX, because together they create something more tangible and believable in my opinion. 

Your cast is fantastic. What did you prioritize when casting?

Thank you! Because the film deals with heavy themes and includes graphic scenes, it was crucial to work with actors who had experience and very clear personal boundaries. We initially looked for actors who could convincingly play first-year students but were older and more experienced. When I met Nola Elvis Kemper, who plays Fem, I immediately knew she was right for the role. She not only deeply understood the character, but also brought professionalism and strong self-awareness to the process.

We also cast actors who already knew each other, especially for the intimate scenes, so there was an existing sense of trust. Creating a safe working environment was essential, and we worked closely with our intimacy coordinator, Milou van Sommeren, to support both cast and crew.

Can you tell me a little more about yourself and how you got into filmmaking?

I’ve wanted to make films from a very young age. At first, it was simply a way to escape the boredom of everyday life, but over time it became something much more meaningful; a way to tell stories about themes that matter deeply to me, particularly social issues like feminism and bodily autonomy.

I’ve always been drawn to horror for its ability to tell symbolic, emotionally charged stories. With my work, I aim to create films that are engaging on the surface, but leave something lingering underneath; something that stays with you after the credits roll.

As a filmmaker, I’m particularly fascinated by the human body; this fragile, physical vessel that holds both pleasure and pain. I’m interested in what happens when that relationship is disrupted: when the body betrays us, or when we lose control over it. Through horror, and through stories centered on complex female characters, I try to explore these questions while confronting the parts of society we often prefer not to look at too closely.

Are there any new projects in the works?

Yes! I’m currently developing my debut feature film, „XX“, with the support of the Netherlands Film Fund. It’s another body horror story, following Roxy, an up-and-coming scream queen who suffers a freak accident on the set of a B-horror film; with gruesome consequences. We’re also honored to be pitching the project at Frontières in Canada this July in search of partners and co-producers. 

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Femme

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