Sieben Fragen an Noemi Osselaer

Interview: Im Gespräch mit der belgischen Filmemacherin Noemi Osselaer konnten wir mehr über ihren kurzen Dokumentarfilm „Erpe-Mere“, der auf dem 62. DOK Leipzig seine Internationale Premiere feierte, erfahren, wie aus anfänglichen Bildern und Tönen der Film geformt wurden und wie sie ein anderes Portrait ihrer Heimatstadt schuf. 

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Erpe-Mere“ ist ein besonderes Portrait über Deine Heimatstadt. Erzähl mir zur anfänglichen Idee.

Als ich mit der Realisierung dieses Kurzfilms begann, hatte ich weder einen konkreten Plan noch ein Drehbuch. Etwa ein Jahr lang habe ich in meiner Heimatstadt Erpe-Mere Bilder und Töne gesammelt, ohne zu wissen, wo meine Sammlung landen würde. Als ich diese Bilder und Töne im Schnitt verbinden musste, stieß ich an die Grenzen meiner eigenen freien Arbeitsweise. Ich vermisste jedoch eine konkrete Verbindung zwischen ihnen. Da riet mir mein Mentor, von einer persönlichen Erfahrung auszugehen, um meinem Film eine Bedeutung zuzuschreiben.

Um die Erfahrung, die ich als Ausgangspunkt für meinen Film gewählt habe, in einen Zusammenhang zu bringen, muss ich zwei Jahre zurückgehen, als ich auf ein mystisches Tagebuch mit dem Titel „Out of Body: Astralreisen – das letzte Abenteuer der Menschheit“ (OT: „Adventures beyond the body“, 2001) stieß, in dem der Autor William Buhlman einige seiner bemerkenswerten Träume beschreibt. Er beschreibt diese Träume als lebendige außerkörperliche Erfahrungen, in denen er seinen eigenen Körper verlässt und in der Lage ist, die Tiefen anderer „Dimensionen“ zu erforschen. Ich habe dieses Buch wie einen Science-Fiction-Roman gelesen, und nachdem ich es beendet hatte, habe ich nicht mehr wirklich darüber nachgedacht. Doch aus irgendeinem Grund ließ mein Unterbewusstsein die Idee einer so eigenartigen Erfahrung nicht mehr los, so dass ich plötzlich anfing, auf ähnliche Weise zu träumen. Ein Traum ist mir immer besonders aufgefallen, in dem ich durch einen explodierenden Stern geflogen bin. Dieses Erlebnis war so lebendig, dass ich das Gefühl hatte, die Kraft der Explosion würde in meinem ganzen Körper nachhallen. Ich sah alles mit großer Helligkeit, wodurch die Welt um mich herum viel schärfer wurde, als ich sie normalerweise sehe. Ich möchte es deutlich sagen: Ich will nicht behaupten, dass diese Träume real sind. Es ist keine Wahrheit, die für mein persönliches Leben gelten sollte, sondern etwas, das in meiner eigenen Arbeit Wirklichkeit werden kann. Danach wollte ich diese Erfahrung durch die Bilder und Töne, die ich in Erpe-Mere gesammelt hatte, gestalten.

Es ist jedoch nicht meine Absicht, dass der Zuschauer meine buchstäbliche Erfahrung aus dem Film herausdestillieren kann. Es ist viel mehr über ein Gefühl als über eine konkrete Erzählung.

Die visuelle Gestaltung ist wunderschön. Welches Konzept stand dahinter?

Ich beschloss, so viel wie möglich während der blauen Stunde zu filmen – ein aufregender Moment, wenn es so sehr Tag wie auch Nacht ist. Das blaue Licht enthält viel Spannung, was mir hilft, eine geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen. Es gab kein weiteres zugrundeliegendes Konzept: die Bilder entstanden ganz natürlich durch Experimentieren und Offenheit für neue Entdeckungen.

Ganz wichtig ist auch das Sounddesign – kannst Du mir mehr darüber erzählen? Wie hast Du Dich richtige Auswahl getroffen und wie hast Du sie eingefangen?

Wenn ich sage, es geht mehr um ein Gefühl als um eine konkrete Erzählung, dann beziehe ich mich auch auf den Klang; er macht meine Erfahrung greifbar. Ich habe in Erpe-Mere viele Tonaufnahmen zusammengestellt, die ich für den Film verwendet habe. Weiterhin habe ich mein Erlebnis in eine Zeichnung geformt, die man als die audiovisuelle Komposition des Films verstehen kann. Diese Zeichnung war ein idealer Ausgangspunkt für die Kommunikation mit dem Komponisten, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Wenn wir im Arbeitsprozess feststeckten, hatten wir immer die Komposition, auf die wir uns stützen konnten.

Hast Du filmische Vorbilder im Sinn?

Ja, sehr viele, aber es gibt einen ganz besonderen: den thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul. Mich inspiriert die Art und Weise, wie er die lineare Darstellung der Zeit ablehnt. Ich bin mit einer westlichen Zeit- und Lebensanschauung aufgewachsen, in der das Leben einen klaren Anfangs- und Endpunkt hat. Aber ich bin auch sehr fasziniert von der buddhistischen Lebenseinstellung, wie sie mir von meiner Mutter in meiner Kindheit beigebracht wurde. Meine eigene Faszination erkenne ich in der Arbeit Weerasethakul.

Hat jemand aus Erpe-Mere den Film bereits gesehen?

Noch nicht, aber am 7. und 8. März 2020 wurde der Film in einem sehr kleinen Kunstzentrum in Erpe-Mere gezeigt. Ich bin auf die Reaktionen gespannt. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr über Dich erzählen? Bleibst Du dem Dokumentarfilm treu oder kannst Dir auch vorstellen in die fiktionale oder experimentelle Richtung zu gehen?

Ich kann nur sagen, dass ich nicht wirklich an die Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentarfilm und experimentellem Kino glaube. Jeder Filmemacher kombiniert sie in gewisser Weise.

Welche neue Projekte sind geplant?

Ich habe mich in ein Programm eingeschrieben, das mir erlaubt, an einem Drehbuch für einen möglichen nächsten Film zu arbeiten. Es ist das erste Mal, dass ich ein Drehbuch in voller Länge schreibe, und ich muss zugeben, dass es nicht immer so einfach ist. Ich entdecke neue Methoden zur Entwicklung einer Geschichte, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste. Obwohl es eine Herausforderung ist, bin ich sehr gespannt darauf, diese Geschichte zum Leben zu erwecken und zu sehen, wohin sie mich führen wird.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Erpe-Mere


Interview:  In conversation with the Belgian filmmaker Noemi Osselaer we could learn more about her short documentary film „Erpe-Mere„, which celebrated its international premiere at the 62nd DOK Leipzig, how the film was formed from initial images and sounds and how she created a different portrait of her hometown. 

Your short film „Erpe-Mere“ is a special portrait of your hometown. Tell me about the initial idea.

I did not have a specific plan or script when I started the process of making this short film. For about one year I collected images and sounds in my hometown Erpe-Mere not knowing where my collection would end up. When I had to connect these images and sounds in the edit, I ran into the limits of my own free working method. However, I missed a concrete connection between them. It was then that my mentor advised me to start from a personal experience to ascribe meaning to my film.

To contextualise the experience that I chose as the starting point of my film, I have to go back two years, when I stumbled upon an mystical diary called „Adventures beyond the body“ in which the author, William Buhlman, describes some of his remarkable dreams. He describes these dreams to be vivid out-of-body experiences in which he leaves his own body and and is able to explore the depths of other ‘dimensions’. I read this book as if it were a sci-fi novel and after having finished it, I did not really think about it anymore. However, for some reason, my subconscious mind never let go of the idea of such a peculiar experience to the extent that I suddenly started to dream in a similar way. One dream in particular has always stood out for me in which I flew through an exploding star. This experience was so vivid that I felt like the force of the explosion resonated throughout my whole body. I saw everything with great brightness, making the world around me much sharper than I normally see it in. Let me state clearly: I do not want to suggest that these dreams are real. It is not a truth that should apply to my personal life, but something that can become real in my own work. Afterwards I wanted to shape this experience through the images and sounds that I had collected in Erpe-Mere.

Yet, it is not my intention that the spectator can distil my literal experience from the film. It is much more about a feeling than a concrete narrative.

The visual design is beautiful. What was the underlying concept?

I decided to film as much as possible during blue hour – an exciting moment when it is as much day as night. The blue light contains a lot of tension, which helps me to create a mysterious atmosphere. There was no further underlying concept; the images came naturally through experimentation and being open to new discoveries.

The sound design is also very important – can you tell me more about it? How did you make the right choices and how did you capture it?

When I say it’s more about a feeling then a concrete narrative, I also refer to the sound; it makes my experience tangible. I assembled a lot of sound recordings in Erpe-Mere, which I used in the film. Further I shaped my experience into a drawing, which you can understand as the audiovisual composition of the film. This drawing was an ideal starting point to communicate with the composer whom I worked with. When we were stuck in the working process, we had always the composition to lean on.

Did you have filmic models in mind?

Yes a lot, but there is one in particular: the Thai director Apichatpong Weerasethakul. I find inspiration in the way he rejects the linear representation of time. I grew up with a western view of time and life, where life has a clear beginning and ending point. Yet, I also have a huge fascination for the Buddhist approach to life, as it was taught to me by my mother during my childhood. I recognize my own fascinations in the work Weerasethakul.

Has anyone from Erpe-Mere already seen the film?

Not yet, but 7 and 8 march the film will be screening in a very small arts centre in Erpe-Mere. I’m looking forward to the reactions. 

Can you tell me a bit more about yourself at the end? Will you stay true to the

documentary or can you imagine to go into the fictional or experimental direction?

The only thing I can say is that I don’t really believe in the boundaries between fiction, documentary and experimental cinema. At some extent every filmmakers combines them.

Which new projects are planned?

I’ve enrolled in a program that allows me to work on writing a script for a potential next film. It’s  the first time that I’m writing a full length script and I have to admit that it’s not always as easy. I’m discovering new methods of developing a story, which I had to get used to at first. Although it’s challenging, I’m very excited to bring this story to life and to see where it will bring me.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Erpe-Mere

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