Fünf Fragen an Maja Gehrig

Interview: Im Gespräch mit der schweizer Filmemacherin und Animationskünstlerin Maja Gehring konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Average Happiness“, der auf dem 62. DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte, erfahren, wie die Idee dazu entstand und wie sie Statistiken mit Animationen und der passenden musikalischen Untermalung zum Leben erweckte.

Aus welcher Idee heraus ist dein Kurzfilm „Average Happiness“ entstanden?

Eigentlich entstand die Idee zu „Average Happiness“ aus einem Schreibfehler. Eine Eingabe für ein anderes Projekt sollte ein Organigramm beinhalten, ich schrieb „Onaniegramm“ stattdessen. Da ich schon längere Zeit fasziniert war von statistischen Diagrammen und mich auch die Art und Weise interessierte wie sie medial und in der Gesellschaft benutzt werden, kam dieser Schreibfehler wie gerufen. Die Diskrepanz zwischen einer möglichst objektiven Grafik und einem sinnlichen Körper hat mich gereizt.

Wie verlief die Recherche? Nach welchen Gesichtspunkten hast Du die Statistiken für Deinen Kurzfilm ausgewählt?

Während der Recherchen-Phase merkte ich ziemlich bald, dass es nicht der „richtige“ Weg war sich einen Überblick über Datenvisualisierungen und Statistik zu erarbeiten. Ich wollte mir ja genau eine gewisse Naivität und Unverstelltheit im Umgang mit den Diagrammen erhalten, diese Recherche hätte mich also nicht in die Richtung geführt, die mir vorschwebte. Die Recherche war vielmehr, eine Dramaturgie und einen Umgang mit den Diagrammen als Körper zu finden.

Erstmal habe ich sehr viele Diagramme gesammelt. Anfangs habe ich versucht einen Plan zu machen, eine Art Struktur welche Themen die Diagramme behandeln müssten, die im Film vorkommen. Dann wurde mir aber klar, dass auch dies nicht mein Thema ist. 

Es geht mir um die Entkontextualisierung der Diagramme, um die schiere Fülle, die es gibt. 

Ich habe letztendlich die Diagramme vor allem nach visuellen Kriterien ausgewählt, durch die Kombination und das Setting der „Stadträume“ entsteht eine thematische Vielschichtigkeit. Sehr wichtig für die Entwicklung der Dramaturgie war die Beratung von Paul Bush. Ich hatte schon zu Beginn dieses Projektes eine Skyline, die sich aus Balkendiagrammen zusammensetzte, Paul schlug vor, die „City Symphony“-Filme als Referenz für die Dramaturgie zu nehmen, da auch dort ohne klare Protagonisten eine Geschichte erzählt wird.

Außerdem hat mir ein befreundeter Mathematiker und Musiker wertvolle Tipps gegeben. Er hat mir zum Beispiel die Seite von Tyler Vigen gezeigt der ähnliche Kurvenverläufe miteinander kombiniert und so eine Pseudo-Korrelation herstellt. Er war es auch der den Begriff „econometrics“ erwähnte als ich auf der Suche nach einer Präsentation für die Rahmenhandlung war. Diese Rahmenhandlung und Offstimme zu finden war für mich sehr wichtig für die Umsetzung des Films. Ich kontaktierte den Professor Chris Brooks und er gab mir die Erlaubnis seine Lesung für den Kurzfilm zu verwenden.

Es gab nun diese verschiedenen Ebenen, Powerpointpräsentation mit Off-Stimme, Stadträume und Eigenleben der Diagramme, aber warum sollte es sich nun in Richtung Sinnlichkeit und Erotik bewegen. Inzwischen hatte ich mich zwar von der expliziten sexuellen Metapher wegbewegt, aber die Subjektivität und Körperlichkeit war doch noch das Kernstück des Films. Der Cursor der Powerpointpräsentation wurde in einem nächsten Schritt zu einem Erzähler. Er ist das verbindende Element, das die Handlung vorantreibt und den Rhythmus vorgibt.

Als Du die Statistiken dann hattest, wie kam es zu dieser Bildsprache und zu den Animationen selbst? Würdest Du sagen. Du hast darin Deinen eigenen Stil gefunden?

Meinen Stil gefunden – Ich habe bis jetzt bei allen meinen kurzen Animationsfilmen immer wieder eine andere Technik, einen anderen Stil gewählt, vielleicht ist das ja mein Stil. Ich glaube man merkt aber, dass diese so unterschiedlichen Filme von mir sind, das hat zumindest mal jemand erwähnt.

Es gab bei „Average Happiness“ keinen klaren Ablauf, wie sonst bei meinen anderen animierten Kurzfilmen. Der Übergang von Thumbnails zum Animatic und zur Animation und Schnitt war fließend. Schon von Anfang an habe ich Tests mit Sound und Musik gemacht. 

Die Animation habe ich zwar nicht prozedural, also alles von Hand 2D-Computer animiert, aber ich habe versucht Automatismen einzubauen. Die Diagramme habe ich im After Effects auf der Basis von existierenden Diagrammen nachgebaut. Für die verschiedenen Momente der Erregung der Diagramme habe ich vorerst einzelne Phasen der jeweiligen Diagramme hergestellt – eigentlich für ein Script. 

Um schneller von einer zur nächsten Phase zu kommen, bin ich an einen späteren Zeitpunkt der Timeline gesprungen und habe dort Ankerpunkte des Pfades herausgelöst und manipuliert, eigentlich ein No-Go. Dieses No-Go hat aber wunderschöne komplett unvorhersehbare Bewegungen bewirkt, die ich dann für meine sinnlichen Diagrammkörper verwenden konnte. Ich habe auf der Basis dieser zufälligen Bewegungen die Animation dann korrigiert und in die gewünschte Form gebracht. Außerdem habe ich noch vieles anderes ausprobiert und gewisse Tricks sind eingeflossen.

Ich glaube der Stil des Films ist eher in der Erzählweise zu finden, eine experimentelle Assemblage mit Elementen der Komödie.

Erzähl mir bitte mehr zur tonalen Ausgestaltung.

Sobald erste Szenerien und Tests vorhanden waren, hat Joy Frempong, die Komponistin des Films mit ersten Musik-Skizzen begonnen. Auf der Basis eines groben Sounddesign, das von mir stammte, hat mein Sound Designer Peter Bräker das Finish gemacht. Erst waren noch mehr Sounds zur Materialität der Diagramme vorgesehen, dann wurde der Film aber sehr schnell sehr dicht, sodass diese Aspekte untergegangen wären oder gestört hätten.

Die Arbeit mit Sound und Musik beginnt bei meinen Projekten meistens sehr früh, Ton- und Bildebene bedingen sich bei mir immer gegenseitig und wachsen zusammen während der Produktion.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du Deine Liebe zum Film entdeckt hast?

Irgendwann gab es den Klick, der mich zur Animation geführt hat, bestimmt. Es musste aber ein paar mal klicken, bis ich ihn gehört habe. Vielleicht habe ich mir davor nicht zugetraut Filme zu machen. Auch ist die Welt des künstlerischen Animationsfilms keine Welt, die sich einem einfach so offenbart, zumindest nicht in der Zeit. Die Liebe zum Film und zum Kino gab es schon sehr früh, aber ich verbinde das nicht unbedingt mit meiner Arbeit als Animations-Filmschaffende.

Animationsfilmfestivals waren für mich immer sehr wichtig und haben mich in dieser Liebe weiter bestätigt. In meinem Praktikum bei Eesti Joonisfilm in Tallinn wurde mir dann klar, dass es das ist, was ich machen wollte und ich habe mich an der HSLU in Luzern damals noch ein Diplomstudium als Gaststudierende angemeldet und bin geblieben. Zum jetzigen Zeitpunkt unterrichte ich sehr gerne und hoffe diese Tätigkeit ausbauen zu können.

Sind schon neue Projekte geplant?

Komponist Joy Frempong, Produzent Olivier Zobrist und die Regisseurin Maja Gehrig

Von „Average Happiness“ wird es eine interaktive Version geben. Eine App mit der statistische Diagramme glücklich gemacht werden können. Dies war schon von Anfang an geplant und ich hoffe, dass wir die Finanzierung bekommen und das Projekt umsetzen können. Über den Zeigefinger werden die Diagramme auf dem Touchscreen stimuliert und entwickeln sich schließlich zu empfindsamen, sinnlichen Körpern. 

Auch hier geht es um eine Auseinandersetzung mit unserem Umgang mit Daten und Statistik. Der Titel „Average Happiness“ bringt es auf den Punkt, wie soll man etwas so Subjektives wie das Empfinden von Glück messen können. Im Endeffekt geht es bei diesem Spiel darum, durch das Glück der Diagramme das durchschnittliche Glück der Welt zu erhöhen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Average Happiness

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