„Bird Island“ (2019)

Filmkritik: Auf dem DOK Leipzig wird bereits seit zehn Jahren der ‚Healthy Workplaces Film Award‘ vergeben. Im letzten Jahr wurde der Kurzfilm „Marina“ von Julia Roesler ausgezeichnet, dieses Jahr ging der Preis an den schweizer Langfilm „Bird Island“ (OT: „L’île aux oiseaux“, Schweiz, 2019) von Maya Kosa und Sergio Da Costa. Auch dieser Film nutzt keine rein dokumentarische Filmsprache, sondern erzählt mit einem inszenierten Kniff von einem neuen Angestellten auf der sogenannten Vogelinsel.

Antonin kehrt nach längerer Zeit ins Arbeitsleben zurück. Auf einer Vogelpflegestation wird er aufgenommen, angelernt und nach und nach zu einem Teil der Crew, welche behutsam mit ihm umgeht. So erhält er die Chance, wie die Vögel, zu neuer Kraft und Leben zu kommen.

Die beiden schweizer Filmemacher Maya Kosa (*1985) und Sergio Da Costa (*1984) fanden eines Tages einen verletzten Vogel und brachten ihn zu der Vogelpflegestation, die sich in Genthod, einem Ortsteil von Genf, befindet. Costa fand sofort, dass dies der richtige Ort für einen Film sei, doch die Idee nahm erst komplett Gestalt an, als die beiden Filmemacher den Schauspieler Antonin Ivanidze kennenlernten. So verbanden sie beides miteinander und ersannen die fiktive Geschichte, dass er dort eine neue Arbeit beginnt. Doch es bleibt trotzdem eine Dokumentation, da der Ort, das Personal und Antonins Persönlichkeit alle real sind. Die Entscheidung für diese Mischung, liegt in der Kraft, welche die Geschichte gerade dadurch erhält. Auf der einen Seite ist es ein wunderbares Portrait dieser Auffangstation, in der sich die Menschen liebevoll um die Tiere kümmern und ihren Job professionell ausführen. Auf der andere Seite beschäftigt sich der Film indirekt mit der Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche. Diese Mischung, mit der ihr innewohnende Analogie zwischen verletzten Vögeln und dem Menschen, funktioniert hervorragend, und entfaltet seine Sogwirkung. Zudem schafft es der Film trotz aller Sachlichkeit zu berühren und ein Gefühl für die Bedeutung von Leben zu entwickeln. 

Zu der besonderen Wirkung des Films trägt auch seine künstlich angelegte Ausgestaltung bei. Zum einen entschieden sich die Filmemacher dafür, viele der Arbeiten vor Ort in Schweigen gehüllt darzustellen und gleichzeitig Antonins Gefühlswelt als Off-Kommentar einzubauen. Diese Mischung baut eine intensive Atmosphäre auf, welche die Sicht aus der Perspektive des Protagonisten, der noch etwas erstarrt in der neuen Umgebung ist, betont. Die Erstarrung wird auch in der ruhigen Bildsprache deutlich, wo manche Szenen wie eingefroren wirken, bevor das erste Wort gesprochen und die erste Handlung vollzogen wird. Dagegen sind aber die Handlungen, wie die Behandlung von verletzter Vögel, in aller Deutlichkeit und Echtheit eingefangen. So besitzt der Film einen wunderbaren Look zwischen Authentizität und inszenierter Künstlichkeit, welcher ihn von einer klassischen Dokumentation abhebt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Fazit: Der schweizer Dokumentarfilm „Bird Island“ erzählt authentisch von der Arbeit in einer Vogelauffangstation und gleichzeitig kreiert er ein Portrait eines Menschen, der gerade dabei ist, ins Leben zurückzufinden. Dieser inszenatorische Kniff geht Hand in Hand mit der authentischen Ortsschilderung. Auf bildnerischer und tonaler Ebene wendet sich dieser Film ebenfalls einer gewissen Künstlichkeit zu und schafft es so, die Seelenlage des Protagonisten auch formal einzufangen. Den beiden Filmemachern Maya Kosa und Sergio Da Costa ist so eine ungewöhnliche, fesselnde und berührende Dokumentation gelungen.

Bewertung: 7,5/10

Trailer zum Kurzfilm „Bird Island“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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