Elf Fragen an João Borges

Interview: Im Gespräch mit dem brasilianischen Filmemacher João Borges konnten wir mehr über seine Dokumentation „Guaicurus Street“, welche auf dem 62. DOK Leipzig ihre Weltpremiere feierte, erfahren, von den Hintergründen und warum er sich dafür entschieden Spiel- und Dokumentarfilm zu vermischen.

The original english language interview is also available.

Wie entstand die Idee zu Deinem Film „Guaicurus Street“?

Im Jahr 2016 nahm ich an einem Kunstaufenthalt teil, der von der APROSMIG (Vereinigung der Prostituierten von Minas Gerais) organisiert wurde. Künstlerinnen und Künstler aus vielen Teilen Brasiliens und Lateinamerikas kamen, um von ihren Erfahrungen in der Region der Guaicurus Straße, einer der größten Prostitutionszonen Brasiliens, zu berichten.

Bei dieser Gelegenheit fertigte ich Bilder von Prostituierten und Freiern mit einer Infrarotkamera an, d.h. die Bilder wurden nicht aus Licht, sondern aus Körperwärme erzeugt, einer fundamentalen Energiequelle, die das sexuelle Verlangen und die Boheme von Belo Horizonte nährt. 

Als Du Dich entschieden hattest, einen Film über das Rotlichtviertel zu machen – wie sahen Deine nächsten Schritte aus?

Im Rahmen dieses Kunstaufenthalts, der von der Städtischen Kulturstiftung von Belo Horizonte organisiert wurde, habe ich das Konzept für den Film „Guaicurus Street“ geschrieben.

Warum hast Du Dich für eine Mischform und den Einsatz für Schauspieler entschieden?

Die Wahl für den hybriden Dokumentarfilm ist eine Möglichkeit, einige ästhetische und budgetäre Herausforderungen zu bewältigen. Die Genehmigung der SexarbeiterInnen und KlientInnen zur Verwendung ihrer Bilder war eine der größten Herausforderungen für die Realisierung des Films. Durch die Verwendung einiger fiktionaler Techniken konnte ich eine größere Kontrolle über die Drehorte, die Drehpläne und die Personen, die im Film auftreten könnten, erlangen. Wir haben den Film mit einem sehr geringen Budget ($ 25.000) gedreht, wir mussten sachlich sein, um alles in zwölf Drehtagen machen zu können.

Die Verwendung von Schauspielern und Schauspielerinnen entstand als Option aus diesen verschiedenen Herausforderungen. Die Kunden waren am schwierigsten, wenn es darum ging die Verwendung ihrer Bilder zu genehmigen, deshalb haben wir Schauspieler eingeladen, diese Rollen zu übernehmen. Ich lud auch eine Schauspielerin ein, die Rolle der Prostituierten zu spielen, die in den Beruf einsteigt. Die Schauspieler spielten Rollen, die durch reale Situationen inspiriert wurden, inspiriert durch Geschichten, die uns während des Rechercheprozesses erzählt wurden.

Ich denke, diese Beziehung zwischen Schauspieler und Nichtschauspieler trägt zum Drama des Films bei: Der Schauspieler bringt Sicherheit für den Nichtschauspieler und entwickelt die im Drehbuch vorgeschlagenen Dialogthemen. Der Nicht-Schauspieler, meist der Protagonist seiner eigenen Geschichte, trägt zur Improvisation, zur Spontanität, zu dem, was sich der Kontrolle entzieht, bei und verleiht dem Film den dokumentarischen Ton, den er präsentiert.

Wie haben die Nicht-Schauspieler auf Deinen Film reagiert? Wie wurdest Du und Deine Arbeit aufgenommen?

Die Reaktion der Sexarbeiterinnen war positiv, sie waren bei den Filmvorführungen anwesend, wo sie begeistert waren, über ihre Arbeitsrealität sprechen zu können und feststellen konnten, dass der Film sie repräsentiert. Eine der Filmvorführungen fand in einem der Prostitutionshotels während des brasilianischen Treffens der Sexarbeiterinnen statt, das in Belo Horizonte stattfand.

Die umstrittensten Themen kamen von außerhalb des Prostitutionsumfeldes: Menschen, die von der täglichen Gewalt der Arbeit dieser Frauen beeindruckt waren. Viele dieser Fragen konnten von den Sexarbeiterinnen selbst beantwortet werden, die sagten, dass der Film dazu beitrug, für die Sache zu kämpfen, bessere Arbeitsbedingungen zu fordern und Vorurteile zu bekämpfen.

Hattest Du auch Kontakt zu Freiern? Ich könnte mir vorstellen, dass diese nicht so begeistert von Deiner Dokumentation waren.

Ja, ich hatte Kontakt mit vielen Kunden, die eigentlich nicht an dem Film teilnehmen wollten, weil sie zum größten Teil verheiratet sind und sich nicht exponieren wollen. Aber ich habe viele Kunden interviewt und aus ihren persönlichen Berichten heraus habe ich die Charaktere gebaut.

Viele Guaicurus-Gänger haben als Statisten mitgemacht, vor allem bei den Außenaufnahmen in den Hotelgängen.  

Welche Botschaft liegt Dir am meisten am Herzen? 

Ich denke, der Film kann eine stereotype und vorurteilsbehaftete Sichtweise der Prostitution überwinden. Durch die Gefühle, die von den Charakteren ausgehen, ihre täglichen Beziehungen, steht das Thema Sex im Hintergrund und weicht den Geschichten, Herausforderungen und Träumen der Figuren. Auf diese Weise trägt der Film meines Erachtens dazu bei, die Gesellschaft für Fragen der Rechte von Sexarbeiterinnen zu sensibilisieren und die Vorurteile, die diesen Beruf umgeben, zu überwinden.

Was war Dir visuell wichtig? 

Die visuellen Aspekte wurden hauptsächlich durch zwei Bedingungen bestimmt: die architektonische und hierarchische Struktur der Prostitutionshotels und die Budgetbeschränkungen des Films. Die für die Hotelzimmer vorherrschende rote und blaue Neonbeleuchtung ist typisch für die Hotelzimmer, dieses Lichtspiel ist im Film sehr präsent, das Fenster zu schließen und das rote Licht anzuschalten ist Teil des frühen Arbeitsrituals. Die meisten Szenen werden in den Zimmern gespielt, was das Gefühl der Enge und einen gewissen Voyeurismus mit sich bringt. 

Wir hatten kein Budget, um viele Außenszenen der Korridore zu drehen, da wir in diesem Fall Komparsen anheuern und die Drehorte bezahlen müssen. Innerhalb des Zimmers durften wir filmen und haben den Betrieb der Hotels nicht gestört. 

Wie wurde Dein Film mit seiner Mischform im Allgemeinen aufgenommen?

In Brasilien sind hybride Filme eine immer wiederkehrende Option für Regisseure, die die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion auf kreativste Weise ausloten. Diese Art von Filmen werden auf natürliche Weise rezipiert.

Bei 62. DOK Leipzig, Deutschland, standen diese Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm im Mittelpunkt der Debatte. Während des Q&As sagte ein Zuschauer, dass er sich durch den Film betrogen fühlte, als er erfuhr, dass eine der Figuren eine Schauspielerin und ein Kunde ein Schauspieler ist.

Diese Kontroverse bringt Fragen in die Diskussion, wie z.B. die Art des Pakts, den der Film mit dem Publikum schließt, die Einmischung der Kamera in das Reale, das Bekenntnis des Dokumentarfilms zu den Fakten. Es ist eine sehr interessante Diskussion.

Wie wird es jetzt mit dem Film weitergehen – wird man ihn auch in Europa zu sehen bekommen?

Der Film wird auf einigen Festivals in Brasilien gezeigt werden und soll 2020 in Brasilien in das kommerzielle Kino kommen. Wir haben bereits die öffentliche Ausschreibung für den Verleih des Films in kommerziellen Kinos gewonnen, aber es besteht ein hohes Risiko, dass wir das Geld nicht erhalten, da die derzeitige Regierung Brasiliens die Kultur des Landes zerstört.

Zum Schluss noch ein bisschen mehr über Dich: Wie kamst Du zum Film und warum begeistert Dich Dokumentarfilm?

Durch die analoge Fotografie begann ich meine Beziehung zur Kunst zu vertiefen. Mit dem Aufkommen der ersten Digitalkameras machte ich meine ersten Heimexperimente mit Bild und Bewegung. Im Jahr 2010 entstand mein erster Kurzfilm, der auf vielen Festivals gezeigt wurde, seitdem entdecke ich mich selbst als Filmregisseur. 

Der Dokumentarfilm erlaubt mir, in die Umlaufbahn einer Figur, eines Ortes oder einer Kultur einzutreten, wirft mich in die Position des Beobachters. Ich mag informative Dokumentarfilme, aber ich bevorzuge die sinnlichen, kontemplativen, beobachtenden Dokumentarfilme, sogar meine Arbeit hat mehr mit dieser affektiven Sprache zu tun.

Welche neuen Projekte stehen an?

Derzeit arbeite ich in Roma-Camps in der Metropolregion Belo Horizonte. Im Jahr 2020 werde ich in einer dieser Gemeinden einen Kurzfilm drehen und 2021 einen fiktiven Spielfilm, der den Kulturkampf zwischen Roma und brasilianischer Kultur porträtiert.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Guaicurus Street“


Interview: In our conversation with the Brazilian filmmaker João Borges we could learn more about his documentary „Guaicurus Street“, which celebrated its world premiere at the 62nd DOK Leipzig, about the background and why he decided to mix feature film and documentary.

How did the idea for your film „Guaicurus Street“ come about? 

In 2016 I participated in an art residency produced by APROSMIG (Association of Prostitutes of Minas Gerais). Artists from many parts of Brazil and Latin America came to tell about their experiences in the region of Guaicurus street, one of the largest prostitution zones in Brazil.

On this occasion I made images of prostitutes and clients using an infrared camera, it means that the images were not produced from light but from body heat, a fundamental source of energy that feeds the sexual desire and the bohemian area of Belo Horizonte. (attached some of these thermographic images).

When you decided to make a film about sex work – what were your next steps?

It was within the context of this art residency that I wrote the proposal to make the film „Guaicurus Street“, awarded by the Municipal Foundation of Culture of Belo Horizonte.

Why did you choose a hybrid documentary approach and chose to use of actors?

The choice for the hybrid documentary comes as a way to overcome some aesthetic and budget challenges. Getting the authorization of the sex workers and clients to use their images was one of the biggest challenges for the realization of the film. Using some fiction techniques, it helped me gain greater control over the locations, filming schedules, and people who might appear in the movie. We made the movie on a very low budget ($ 25,000), we had to be objective to be able to do everything in 12 days of shooting.

Regarding actors and actresses, they emerge as an option from different challenges. Customers were the most difficult to authorize the use of their images, for this reason we invited actors to perform these roles. I also invited an actress to play the role of the prostitute who was starting in the profession. Actors played roles inspired by real situations, inspired by stories told to us during the research process.

I think this relationship of actor and non-actor contributes to the drama of the film: the actor brings security to the non-actor and develops the themes through dialogue proposed in the script. The non-actor, usually the protagonist of their own story, contributed to improvisation, spontaneity, what escapes control, giving the documentary tone that the film presents.

How did the non-actresses react to your film? How were you and your work received?

The reaction of the sex workers was positive, they were present at the movie screenings  where they were thrilled, could talk about their work reality and state that the film represents them. One of the screening was held in one of the prostitution hotels during the Brazilian meeting of sex workers, which took place in Belo Horizonte.

The most controversial issues came from outside the prostitution environment, people who were impressed by the daily violence of these women’s work. Many of these questions could be answered by the sex workers themselves, who said that the film helped fight for the cause of claiming better working conditions and fighting prejudice.

Did you also have contact with clients? I could imagine that they were not so enthusiastic about your documentary.

Yes, I had contact with many clients, in fact, they didn’t want to participate in the film, because, for the most part, they are married and don’t want to expose themselves. But I interviewed many clients and from their personal reports, I built the characters.

Many Guaicurus goers participated as extras, especially in the outdoor scenes in the hotel corridors.  

Which message is most important to you? 

I think the film can overcome a stereotypical and prejudiced view of prostitution. Through the affections that emerge from the characters, their daily relationships, the matter of sex are in the background, giving way to the stories, challenges and dreams of the characters. In this way, I think the film contributes to raise society’s awareness of issues concerning the rights of sex workers and overcome the prejudice that surrounds this profession.

What was visually important to you? 

Visual mater were mainly determined by two main conditions: the architectural and hierarchical structure of prostitution hotels; and also by the budget limitations of the film. The red and blue predominant neon lighting is typical of the hotel rooms, this game lights is very present in the film, close the window and turn on the red light is part of the early work ritual. Most of the scenes are performed inside the rooms, bringing the feeling of confinement and a certain voyeurism. 

We had no budget to do many exterior scenes of the corridors, because in this case we have to hire extras and pay for the locations. Inside the room we were allowed to film and did not disturb the operation of hotels. 

How was your film with its hybrid approach generally received?

In Brazil hybrid films have been a very recurring option for directors, who explore the boundaries between documentary and fiction in the most creative ways. These kind of movies are received naturally.

At 62. DOK Leipzig, Germany, these boundaries between fiction and documentary were the focus of the debate. During a Q&A, an audience member said that he felt cheated by the film, knowing that one of the characters is an actress and a client is an actor.

This controversy brings into discussion issues such as the types of pact that the film establishes with the audience, the camera’s interference with the real, the documentary’s commitment to the facts … It’s a very interesting discussion.

What will happen to the film now – will it also be shown in Europe?

The film will be screened at some festivals in Brazil and in 2020 should enter the commercial cinema circuit in Brazil. We have already won the public notice for distribution of the film in commercial theaters, but there is a high risk that we will not receive the money, as the current government of Brazil is destroying the culture of the country.

Finally a little more about you: How did you come to film and why do you like documentary films?

It was through analog photography that I began to deepen my relationship with art. With the emergence of the first digital cameras, I made my first home experiments with image and movment . In 2010 I made my first short film, which was shown at many festivals, since then I’ve been discovering myself as a film director. 

The documentary allows me to enter the orbit of a character, or a place, or a culture, throws me into the position of observer … I like informative documentaries, but I prefer the sensory, contemplative, observational documentaries, even, my work has more to do with this affective language.

Which new projects are coming up?

I am currently working in Gypsy camps in the metropolitan region of Belo Horizonte. In 2020 I will shoot a short film at one of these communities and in 2021 I will film a fiction feature film that portrays the culture clash between Gypsies and Brazilian culture.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Guaicurus Street“

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