„No Mercy“ (2026)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der deutsche Dokumentarfilm „No Mercy“ von Isa Willinger beschäftigt sich ausgehend von einer eigenen Monographie über die russisch-ukrainische Filmemacherin Kira Muratova in Form von Interviews und vielen Filmausschnitten mit dem weiblichen Filmschaffen. 

Die heutzutage weitgehend unbekannte Regisseurin Kira Muratova, welche mit Filmen wie „Der Lange Abschied“ (1971) und „Das asthenische Syndrom“ (1989) ungewöhnliche Filme schuf, erzählt in einem Interview mit der Regisseurin Isa Willinger, das später auch die Grundlage für die Monographie „Kino und Subversion“ (2013) wurde, dass Frauen die härteren Filme machen. Von sich selbst ausgehend, geht Willinger dieser Frage nach: Ist das wirklich so? Und was bedeutet der Begriff Härte im Kontext des Filmdrehs? 

Regisseurin Ana Lily Amirpour

Um Antworten zu finden, tauscht sich Willinger mit 14 Gesprächspartnerinnen weltweit aus. Jede der Frauen findet auf die Frage und wie man den Begriff der Härte definiert, eine andere Antwort. Es kommen bekannte Regisseurinnen wie Céline Sciamma („Das Portrait einer Frau in Flammen“ (2019)), Ana Lily Amirpour („A Girl Walks Home Alone at Night“ (2014)) und Alice Diop („Saint Omer“ (2022)), aber auch viele weitere Frauen wie Catherine Breillat, Valie Export und Nina Menkes zu Wort, welche auf ihre Weise ein filmisches Novum geschaffen haben. Dabei haben sie alle etwas gemein, sie müssen um ihre Stellung in der Filmbranche und natürlich auch in der Gesellschaft kämpfen. Sie erzählen von privaten wie beruflichen Erfahrungen, die ihre Arbeit geprägt haben. Eine gewisse Härte, oder auch Gewalttätigkeit, Kompromisslosigkeit und Schonungslosigkeit gehören so auch zum weiblichen Blick (Female Gaze) dazu. Auch zu diesem Begriff beziehen die Künstlerinnen Stellung und öffnen den Diskussionsraum.

Nafisatou Cisse in „Sira“

Einen weiten Überblick liefern die Interviews mit Jackie Buet, welche 1978 eines der ersten Festivals der Welt für Filme von Frauen gründete. Noch heute leitet sie das im französischen Créteil stattfindende ‚Festival de Films de Femmes de Créteil‘ und verfügt über einen enormen Schatz an Filmen, Dokumentationen und Erinnerungen. Hinzu kommen 40 Filmausschnitte aus zahlreichen Filmen, welche die Worte auf ihre Weise unterstützen. Dafür bedient sich Willinger einer rasanten Schnitttechnik (Cutterinnen Lena Hatebur Bfs und Niki Mossböck) und verbindet die verschiedene Gespräche, die meist an öffentlichen Ort wie in Bars aufgenommen wurden, mit kurzen Clips aus den Filmen und findet einen thematisch roten Faden. Obwohl sie auf diese Weise kein langes Monologisieren zulässt, gibt sie den Gesprächspartnerinnen genügend Raum, um ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Dazwischen schaltet sie auch immer wieder ihre Überlegungen, die sie essayistisch als Off-Kommentar eingesprochen hat. Im Gesamten entstand ein starker Film, der auf der einen Seite viele unbekannte und spannende Filme präsentiert und zum Entdecken des weiblichen Filmschaffens einlädt. Zum anderen ist der Film ein klarer Appell dafür, dass man die strukturelle Benachteiligung und die Abseitsstellung von Frauen im Beruf wie in der Gesellschaft abschaffen muss. So ist die sogenannte Härte, die am Anfang des Films steht, möglicherweise ein klares Ansprechen von Themen, die in einer patriarchalischen Gesellschaft und Filmschaffen ins Abseits gedrängt wurden. 

Regisseurin Margit Czenki

Fazit: „No Mercy“ ist eine Dokumentation von Isa Willinger, die sich mit Filmausschnitten und vielen Interviews dem weiblichen Filmschaffen annähert. Dabei beginnt sie essayistisch mit ihren eigenen Studien über die Regisseurin Kira Muratova und deren These, dass Frauen härtere Filme machen. Diese Frage ist der Ausgangspunkt einer vielfältigen Betrachtung der weiblichen Filmgeschichte und ein guter Einstieg, um sich weiterführend mit diesen Werken zu beschäftigen. 

Bewertung: 3,5/5

Trailer zum Film „No Mercy“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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