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Interview: Im Gespräch mit der Animationskünstlerin und Filmemacherin Adina Barth konnten wir mehr über ihren Animations-Kurzfilm „Tuifl“, der im ‚Shock Block‘ des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, erfahren, welche Orte und Arbeiten sie inspiriert haben, welcher Look sich daraus entwickelt hat und sie lässt noch den Komponisten Leon Brückner ebenfalls zu Wort kommen.
Kannst Du mir von der Ausgangsidee für Deinen Film erzählen?
Nun, es hat ganz simpel damit angefangen, dass ich mich an einem Genre versuchen wollte und ich mich prächtig damit amüsiert habe, das Ganze in meinem heimischen Dialekt aufzuziehen.
Ziemlich schnell bin ich dann bei den Grundbausteinen gelandet, einen Horrorfilm in den Bergen meiner Kindheit zu inszenieren. Im Herzen des Films herrscht eine primitive Angst vor der tiefschwarzen Dunkelheit der Wälder bei Nacht, getragen von der kindlichen Vorstellungskraft dessen, was denn da draußen zwischen den Bäumen rumgeistern mag. Die Angst davor, dass mich etwas beobachtet, das ich selber nicht sehen kann… oder nicht sehen darf.
Dein Film ist selbst keine bekannte Sage. Aber hast Du Dich an bestimmten Folklore-Sagen oder Märchen orientiert? Was hat dich geprägt oder beeinflusst?
Korrekt, der Film ist ein frei erfundener Fiebertraum, den Jule Peuckmann (Drehbuch) und ich uns ausgedacht haben – dennoch werden wir oft gefragt, ob es sich denn um eine tatsächliche Dolomiten-Sage handelt. Ich sehe das als absoluten Erfolg und als Zeugnis der Stärke des Drehbuchs! Denn genau diese mythisch aufgeladene Energie wollten wir einfangen!
Abgesehen von einer schnellen Google Suche nach dem Wort „Skinwalker“ (Gestaltwandler) haben wir keinen Bezug auf andere Sagen genommen.
Ist der Film während Deines Studiums entstanden? Wie viel Zeit hattet ihr?
Ja genau, es handelt sich um meinen Zweitjahresfilm. Wir hatten vom ersten Gedanken bis zum finalen DCP hatten wir etwa neun Monate Zeit.
Kannst du mir zu den Animationen erzählen? Sind diese am Computer entstanden und warum hast Du Dich für schwarz-weiß entschieden?
Der Film ist digital 2D animiert – das bedeutet, wir haben zwar am Computer gearbeitet, aber jedes Bild wurde von Hand gezeichnet. Für die Animation bedurfte es einiges an Entscheidungen im Sinne der Nachhaltigkeit: Animiert haben wir höchstens Dreibildweise, auf Line Boiling [Anm. d. Red. wackelnde Linien in einer Animation vermitteln einen Eindruck von Leben und Energie] haben wir komplett verzichtet. Die einzige Nachbearbeitung des Bildes nach dem Colouring bestand aus einem Grain Filter. Klar definierte, eigens animierte Schlagschatten haben wir nur gelegentlich eingesetzt. Meistens wurde einfach ein Verlauf von Weiß zu Schwarz über die Figuren gezogen und auf eine niedrige Transparenzstufe gesetzt, um die Illusion von Licht und Schatten zu erzeugen. Die einzige Lichtquelle, die ausnahmslos animiert wurde, ist das Kerzenlicht der Laterne.
„Tuifl“ in Farbe zu verwirklichen, stand nie im Raum. Mir war von Anfang an klar, dass wir die tiefen Schwärzen der Nacht nur durch die stärksten Kontraste vollends erzählen können würden. Des Weiteren waren die Sequenzen ohne Bild schon sehr früh im Konzept und den Übergang vom Farbbild zur kompletten Schwärze fand ich zu drastisch und unnatürlich.
Zusätzlich gab es für mich persönlich noch die trockene, akademische Motivation den Fokus in meinem zweiten Studienjahr auf Bildkomposition, Kontrastsetzung und Kameraführung (im animierten Sinne) zu richten. Mich neben alledem noch mit Farbtheorie rumzuschlagen erschien mir als eher kontraproduktiv.
Was lag Dir visuell am Herzen? Welche Künstler oder Filmschaffende haben Dich inspiriert?
Ich verbrachte einen kompletten Monat damit, den Look für den Film zu entwickeln – hier trugen eine Vielzahl schauderhafter Fotografien von Tierherden in der Nacht bei, in denen die Augen der Tiere vom Blitzlicht weiß reflektieren. Zusätzlich bin ich wahnwitzig durch Pinterest gestolpert und habe mir angeschaut, wie verschiedene (Künstler) Filmschaffende mit ausschließlich Schwarz und Weiß arbeiten. Auch Egon Schiele’s Zeichnungen trugen stilistisch im Design der Welt von „Tuifl“ stark bei.
Beim Design der Mutter habe ich nach einer von Lebenserfahrung geprägten Härte gesucht – eine Frau geformt von kalten Wintern, dunklen Nächten und kompromisslosen Realitäten. Das Einzige, was zwischen dem schauderhaften Unheil im Wald und ihrem Sohn steht, ist sie. Ihr Gesicht ist vor allem im Profil extrem markant, sie hat einen Überbiss, ein vergleichsweise flüchtiges Kinn und harte Wangenknochen.
Jakob ist im Gegenteil dazu eine Figur, die ihr Potential tragischer Weise nie erreicht. Ich wollte, dass sein Design diesen Fakt visuell aufgreift. Er trägt einen übergroßen Sarner, bei dem die langen Ärmel zurückgestülpt sind. „Da wächst du noch rein!“ muss seine Mutter wohl zu ihm gesagt haben – unwissend, dass das nie passieren würde.
Robert Eggers „Lighthouse“ steht auf jeden Fall ganz oben auf der Liste der filmischen Inspirationen – Das Werk ist so wunderbar rau und hart! Es gibt ein Bild am Anfang, das mich stark beeinflusst hat, bei dem der Horizont im obersten Drittel des Bildes liegt und die Silhouetten der Figuren sich mühselig und gedrückt direkt unter dem oberen Bildrand vorwärtsbewegen. Dieses bewusste Spiel mit den natürlichen Grenzen des Bildes fand ich klasse.
Auch die alpine Fotografie meines Kommilitonen Wolf Lass hatte Einfluss! Was mir aber, abgesehen vom Look, visuell am meisten am Herzen lag, waren Klarheit im Bild, koordinierte Blickführung und entschiedenes Framing. Keine Figur steht zufällig so, wie sie steht. In diesem Film passiert ganz allgemein nichts zufällig – Jeder Shot ist motiviert in seiner Komposition, darauf habe ich ein großes Augenmerk gelegt.
Ebenfalls wichtig sind das Sounddesign und die Musik. Kannst Du mir dazu sagen?
Ebenfalls wichtig – wenn nicht sogar das Wichtigste! Es gibt zwei Stellen, an denen die Leinwand schwarz bleibt und der Film allein auf der akustischen Ebene erzählt wird. Auch in den Nachtszenen ist das Bild auf das Minimalste der nötigen Informationen reduziert und das meiste der Spannung wird durch den Sound und die Musik aufgebaut.
Mir wurde im Laufe der Produktion bewusst, dass das Nicht-Gesehene im Bild einen größeren Effekt hat als das Gesehene. Die akustische Ebene gewann an solcher Kraft – vor allem durch die fantastische Arbeit der Sound- und Musik Crew – dass ich mich ihr im Bild ganz bewusst unterordnete. Bereits während ich noch mit Tillmann Seiffert (Editing) am Animatic rumwerkelte, haben wir Lukas Huber (Sounddesign) und Leon Brückner (Musik) dazugeholt. Dann haben wir zusammen Momente im Film erörtert, in denen Sound und Musik Platz zum Atmen benötigen würden, um sich zu ihrem vollen Potential ausdehnen zu können.
An dieser Stelle reiche ich das geschriebene Wort an Leon Brückner weiter, der um einiges Wortgewandter über die Musik zu sprechen vermag, als ich:
„Bei der Musik hat die Auseinandersetzung mit Gesang eine Rolle gespielt, gerade auch mit Werken Ligetis und bei der polyphonen Überlagerung einzelner Linien. Die menschliche Stimme steht hier für die Angst von Mutter und Kind vor dem Gestaltenwandler. Eine Angst, die mehr oder weniger immer vorhanden ist, geradezu geisterhaft. Um die eisige Stille musikalisch zu erzählen, habe ich die Celesta genutzt und insgesamt auch versucht, immer wieder Platz im Arrangement zu lassen. Das hat zudem dazu geführt, dass Lukas und ich uns immer weiter angenähert haben und die Grenzen zwischen Sounddesign und Musik ausgetestet haben. Die Glocken der Schafe sind hier ein gutes Beispiel, der Einsatz ist eher musikalisch, kam aber von Lukas. Durch die Verschmelzung dieser Ebenen und den regelmäßigen Austausch von Ideen haben wir einen ineinandergreifenden Soundtrack geschaffen.“
Um den Sound in seiner vollen Kraft auserzählen zu können sind Lukas, Jonathan Dönges (Sound Mixing) und ich für ein Wochenende im April 2025 nach Südtirol gereist. Dort haben wir uns dann um Mitternacht auf die Seiser Alm gestellt um Atmos und Foleys aufzunehmen. Ich selbst bin dafür in verschiedenen Tempos durch den Schnee gestolpert, habe mich darin rumgewälzt und reinfallen lassen. Das ist alles im Film zu hören!
Bei der Gelegenheit haben wir auch die Stimmen der Figuren mit dem wundervoll engagierten Mutter-Sohn-Gespann bestehend aus Veronika Krapf (Mutter) und Lukas Kerer (Jakob) aufgenommen. In „Tuifl“ wird zwar sehr wenig gesprochen, aber dafür sehr viel geatmet – die Figuren laufen immerhin die ganze Nacht durch den tiefen Schnee und erschrecken sich obendrein auch noch ständig! Da wird ziemlich oft Luft ein- und ausgepustet!
Das Atmen spielt im Sound von „Tuifl“ generell eine sehr große Rolle – denn es ist das Einzige, was man hört, wenn man alleine in der Nacht im Gebirge steht und in die drückende Stille hinein horcht.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Im Vergleich zu den meisten anderen an der Filmakademie bin ich eher spät zum Film gekommen.
Meine Eltern und der halbe Rest meiner Familie sind Lehrpersonen, in diesem Sinne habe ich dann nach der Kunstschule (Schwerpunkt Produkt- und Möbeldesign) erst mal in Wien Kunst und Englisch im Lehramt studiert. Parallel dazu hat mein Interesse am Bewegtbild begonnen! Ich bin da sehr einfach gebaut – wenn mich was interessiert, schlage ich normalerweise ein Buch auf. In diesem Fall war es Richard Williams „Animator’s Survival Kit“ (2001).
Von da an gab’s kein Halten mehr und ich habe mich komplett in das Gefühl verliebt, wenn Zeichnungen zum Leben erwachen!
An der Filmakademie Baden-Württemberg angekommen, habe ich dann zusätzlich begonnen, am Set zu stehen und von meinem heiß geliebten Jahrgang geduldig das A und O der Realfilm-Produktion eingetrichtert bekommen. So habe ich die letzten zwei Jahre neben dem Animieren auch als Produzentin, Kameraassistenz, Beleuchterin, Script Supervisor und Story Artist gearbeitet. Die Schnittstelle vom gezeichneten Medium zum gedrehten Film in Form des Storyboards hat mich mehr und mehr begeistert.
Sind bereits neue Projekte am Start?
Die neuen Projekte sind nicht nur am Start, die laufen schon! Ich bin bereits seit fünf Wochen mit einem vierköpfigen Dokumentarfilmteam im Balkan unterwegs und unterstütze die Crew als Produktions- und Kameraassistenz. Für den Film sind 15 Minuten Animation geplant, für die ich sowohl das Konzept als auch Storyboard entwickeln werde.
Abgesehen davon illustriere ich gerade ein Kinderbuch und werde für verschiedene Filmprojekte meiner Mitstudierenden in den kommenden Monaten Storyboarden und am Set stehen!
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Tuifl“
