Zehn Fragen an Julia Gutweniger und Florian Kofler

Interview: Im Gespräch mit den beiden Dokumentarfilmern Julia Gutweniger und Florian Kofler konnten wir mehr über ihre Dokumentation „Sicherheit123“, welche auf dem 62. DOK Leipzig ihre Weltpremiere hatte, erfahren, wie auf das Thema gekommen sind und wie viel Material sie eigentlich zusammengetragen hatten.   

Wie hat alles angefangen? Was war der Ausgangspunkt für eure Dokumentation „Sicherheit123“?

Gedanklicher Startpunkt unseres Films waren die mit Lawinenverbauungen und Betonmauern komplett abgesicherten Berghänge rund um den Brennerpass. Dort waren wir während der Dreharbeiten zu unserem letzten Dokumentarfilm „Brenner“ (OT: „Brennero“, 2016) immer wieder unterwegs, auf der Suche nach einem filmischen Blick von oben auf das Dorf an der Grenze. Beim Anblick dieser unzähligen und massiven Sicherungsmaßnahmen wurde uns eindrucksvoll vor Augen geführt, welcher Aufwand betrieben werden muss, um das fragile Dorf und seine Infrastruktur unten im Tal vor der Natur zu schützen und dies hat uns veranlasst, über das Verhältnis Mensch/Natur nachzudenken.

Als die Idee entstand, waren bestimmte viele Recherchen nötig? Könnt ihr mir mehr zu euren Vorbereitungen zu dem Film erzählen?

Anfänglich haben wir erst mal Mauern gefilmt: Schlitzsperren, Balkensperren, Gittersperren, Rückhaltesperren, Netzsperren… es gibt Unzählige. Im Laufe der Recherchen sind wir dann immer tiefer in dieses Netzwerk der Sicherheit eingetaucht, haben Institutionen, Forschungszentren und Industriebetriebe kennengelernt, waren auf Baustellen, in Einsatzzentralen und auf Fachtagungen unterwegs und haben dabei mehr und mehr spannende Menschen dieser alpinen Sicherheits-Community kennengelernt. Aus dem anfangs noch vagen Gefühl für das Projekt hat sich so Stück für Stück der konkrete Film herauskristallisiert.

Wie wurde euer Projekt aufgenommen? Ihr habt das Glück, oft nah dabei zu sein. Hat man euch irgendwelche Steine in den Weg gelegt?

Uns wurden zahlreiche Steine „in den Weg gelegt“, anders als jedoch im sprichwörtlichen Sinn war das für diesen Film nichts Negatives, sondern ganz im Gegenteil: Immer wieder durften wir bei sehr spannenden und eindrucksvollen Steinschlag-Experimenten dabei sein, konnten wissenschaftliche Geschiebe-Messungen dokumentieren oder abenteuerliche Felssicherungen begleiten. Überhaupt wurde unser Projekt von den verschiedenen Institutionen und Personen immer sehr positiv aufgenommen. Auch die Tatsache, dass wir einen künstlerischen Blick auf ihr Handeln werfen wollten, wurde mit großem Interesse begrüßt.

Wie lange habt ihr gedreht? Und wie viel Material hat es nicht in den Film geschafft?

Wir haben etwas mehr als zwei Jahre lang gedreht und dabei ungefähr 170 Stunden Material gesammelt. Daraus wurde im Schnitt dann ein Film aus 72 Minuten. Von manchen Szenen trennt man sich leichter, bei anderen jedoch fällt es schon sehr viel schwerer und das nimmt mitunter sehr viel Zeit in Anspruch. Am Schnitt haben wir bestimmt ein Jahr lang gearbeitet und da wir uns für eine beobachtende filmische Form entschieden haben, bestand die Herausforderung für uns darin, den Film rein mit Bildern und Stimmungen zu erzählen.

Könnt ihr mehr zu den Dreharbeiten erzählen? Worauf habt ihr euren Fokus (auch in der visuellen Gestaltung) gelegt?

Die Dreharbeiten waren für uns beide eine sehr aufregende Zeit und wir haben vieles erlebt, was wir sonst vermutlich nie kennengelernt hätten. Natürlich war es auch immer wieder sehr anstrengend, da wir unser gesamtes Equipment nur zu zweit durch die Berge schleppten. Aber im kleinen Team war es für uns möglich sehr spontan und flexibel drehen zu können und an Orte zu gelangen, die sonst nicht zugänglich wären. Was die visuelle Gestaltung betrifft, haben wir stets versucht eine Art von Alien-Blick zu wahren, eine Perspektive von außen, die in formal strengen Einstellungen und ohne bewegte Kamera, das Geschehen neugierig, aber doch immer fragend beobachtet. 

Ihr überlasst es dem Zuschauer sich eine eigene Meinung zu bilden. Darf ich trotzdem fragen, wie ihr zu diesem Thema steht?

So wie wir es auch im Film zeigen, ist unser Verhältnis zum Thema ein ambivalentes. Einerseits ist es notwendig, dass wir Menschen die Natur, die uns umgibt, unseren Bedürfnissen entsprechend manipulieren und beeinflussen. Andererseits scheint es, als würden wir uns von der Natur als etwas Fremdes abheben. Dabei schwingt häufig eine Anmaßung oder auch blauäugige Arroganz mit, die meint, man könne dem Faktor Natur – am besten mit technischen Mitteln – jederzeit Herr werden. Wie sehr wir uns jedoch dabei täuschen wird uns mit jedem neuen Naturereignis schonungslos vor Augen geführt.

Eure Weltpremiere fand auf dem DOK Leipzig statt – wie geht es jetzt weiter? Wird es eine Kinoauswertung (auch in Deutschland) geben?

Der Film wird zurzeit auf internationalen Filmfestivals gezeigt, was sehr toll ist, da Menschen, die in vollkommen anderen Landschaften leben, das Geschehen in den Alpen ganz anders bewerten. Ende des Monats werden wir den Film in Rotterdam zeigen. Ein Kinostart in Deutschland ist derzeit noch nicht geplant.

Wie seid ihr als Filmemacher zusammen gekommen?

Wir haben gemeinsam an der Kunstuniversität in Linz studiert, jedoch in sehr unterschiedlichen Abteilungen. Julia hat Malerei bzw. bildende Kunst studiert, Florian Medienkunst. Für einen Kurzfilm, noch während des Studiums, haben wir spontan zusammengearbeitet, und dabei bemerkt, dass das für uns sehr gut funktioniert. So hat sich unser gemeinsames Arbeiten entwickelt und wir arbeiten seither immer wieder in gemeinsamen Projekten.

Ihr habt zusammen Regie geführt, produziert und den Schnitt gemeinsam gemacht. Könnt ihr mehr zu eurer Zusammenarbeit bei diesem Film erzählen?

Wir haben eigentlich alles gemeinsam gemacht, von der Projektentwicklung über die Dreharbeiten bis hin zum Schnitt. Das gemeinsame Arbeiten ermöglicht es uns, die Arbeit am Film immer wieder gegenseitig zu hinterfragen. Julia ist für die Kamera zuständig, und Florian für den Ton. Während des Schnittprozesses hatten wir BeraterInnen, die uns bei der Dramaturgie zur Seite standen und natürlich gab es sehr viele Testscreenings, die uns eine große Hilfe waren. Eine besonders wichtige Rolle bei diesem Projekt spielte unser Filmmusiker Edgars Rubenis, der mit seiner Musik und seinen Ideen einen wesentlichen Beitrag zum Film geleistet hat.

Sind bereits weitere Projekte geplant? Gemeinsam oder getrennt?

Wir arbeiten derzeit an einem gemeinsamen Projekt über Bademeister in Italien, sind aber noch in einer recht frühen Phase. Was daraus wird und in welche Richtung wir weiterarbeiten werden, muss sich erst in der nächsten Zeit herausstellen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Sicherheit123

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