74. Berlinale 2024 – Rückblick

Michael Kaltenecker
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Berlinale-Plakate

Rückblick: Dieses Jahr konnten wir zehn Tage die Berlinale besuchen und die Zeit gut nutzen: Wir haben 31 Lang- und 20 Kurzfilme in sieben verschiedenen Spielstätten über ganz Berlin verteilt gesehen. Von der seelenlosen Verti Music Hall bis zum CUBIX mit seinen Liegesesseln, die fast ein bisschen zu bequem sind.

Lange Schlangen, volle Kinosäle und Buchungsseiten, die Nerven aus Stahl benötigen, gehören zur Berlinale dazu und zeichnen das Publikumsfestival aus. Es ist eben doch was anderes, wenn alle die wollen (und die pünktlich zu Buchungsbeginn auf der Website waren) die Vorstellungen besuchen können: Das merkt man auch an der Stimmung vor Ort.

Auf der Suche nach Tickets

Wann immer die Filme während der nächsten Jahre ins Kino kommen, werden wir ausführlich über sie berichten, hier schreiben wir aber schon einmal ein paar Sätze zu einigen der Filme, die wir sehen konnten. Dieses Jahr waren sogar ein paar Preisträger dabei. (Das ist immer ein klein wenig Glücksspiel, weil es gar nicht möglich ist, alle Filme zu sichten.)

Wettbewerb 

La Cocina“ (Mexiko/USA, Regie: Alonso Ruizpalacios)

Der Film fängt das Auf und Ab zwischen entspannter Vorbereitungszeit und dem Stress und Chaos von Lunch und Dinner in der Küche eines Touri-Restaurants am New Yorker Times Square ein. Dabei zeigt er Haltung auch für die Würde der unsympathischen (und natürlich auch der sympathischen) ausgebeuteten Arbeiter:innen der Service-Industrie.

Schlange durchs Haus der Berliner Festspiele

A Different Man“ (USA, Regie: Aaron Schimberg)

Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle
Sebastian Stan in „A Different Man“ (Regie: Aaron Schimberg)

Wenn sich das eigene Aussehen vermeintlich verbessert, dann ändert sich auch die Art, wie man von anderen Menschen behandelt wird. Damit kämpft Edward (Sebastian Stan) in „A Different Man“. Die Frage, ob es da nicht besser gewesen wäre, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, stellt sich dabei ganz von selbst.  Der Film vermag es dabei, den Betrachter musikalisch und ästhetisch in seinen Bann zu ziehen.

Fragendes Publikum

In Liebe, Eure Hilde“ (Deutschland, Regie: Andreas Dresen)

Das gnadenlose Mahlwerk des Faschismus, welches Hilde Coppi letztlich ermordet, steht gar nicht im Zentrum dieses Films. Irgendwo zwischendrin ist dieser Film auch ein leichter Sommerfilm (wobei die Struktur des Films das kommende Unheil nie ganz ausblendet), was eine erfrischende Perspektive auf den leisen aber bestimmten Widerstand von Hilde Coppi ist.

Stöbern im Programm

The Devil’s Bath” (Österreich/­Deutschland, Regie: Veronika Franz & Severin Fiala)

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung
Martin Gschlacht für die Kamera in „Des Teufels Bad“

Distanziert und technisch makellos fängt die Kamera und „The Devil’s Bath“ das österreichische Landleben im 18. Jahrhundert ein. Dieser Blick ist auch nötig, um die Hoffnungslosigkeit von Agnes (Anja Plaschg) glaubhaft zu vermitteln und ihre Handlungen nachvollziehbar zu machen. „The Devil’s Bath“ ist gnadenlos frei von aller Hoffnung.

Selfie vor der blauen Wand

A Traveler’s Needs“ (Südkorea, Regie: Hong Sangsoo)

Silberner Bär Großer Preis der Jury

Iris (Isabelle Huppert) bietet in Südkorea unkonventionellen Französisch-Unterricht an und wird dabei skeptisch beäugt, ist aber wohl auch erfolgreich. So ganz fängt diese kurze Beschreibung den minimalistischen Film von Hong Sangsoo nicht ein. Die Absurdität der dargestellten Situationen, gepaart mit den daraus entstehenden Dialogen und dem leisen Humor, sind der Kern des Films.

Kino International

Langue Étrangère“ (Frankreich/­Deutschland/­Belgien, Regie: Claire Burger)

Wenn Sozialkundeunterricht ein Film wäre, dann wäre er wohl wie dieser hier. So ganz fair ist diese Beschreibung aber nicht. Vor allem durch die schauspielerischen Leistungen und die ausgezeichneten Darstellungen von Familien funktioniert der Film ganz ausgezeichnet und darf gerne alle aktuellen europäischen und deutsch-französischen politischen Themen so nebenbei streifen. Das geht dann in Ordnung. Zudem sind die gezeigten Städte mal nicht Berlin und Paris, sondern Leipzig und Straßburg.

Alle Gewinner

  • Goldener Bär für den Besten Film
    Dahomey“ (Regie: Mati Diop)
  • Silberner Bär Großer Preis der Jury
    Yeohaengjaui pilyo“ („A Traveler‘s Needs“, Regie: Hong Sangsoo)
  • Silberner Bär Preis der Jury
    L’ Empire“ (OT: „The Empire“, Regie: Bruno Dumont)
  • Silberner Bär für die Beste Regie
    Pepe“ (Regie: Nelson Carlos De Los Santos Arias)
  • Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle
    Sebastian Stan in „A Different Man“ (Regie: Aaron Schimberg)
  • Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle
    Emily Watson in „Small Things Like These“ (Regie: Tim Mielants)
  • Silberner Bär für das Beste Drehbuch
    Matthias Glasner für „Sterben“ (ET: „Dying“, Regie: Matthias Glasner)
  • Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung
    Martin Gschlacht für die Kamera in „Des Teufels Bad“ (ET: „The Devil’s Bath“, Regie: Veronika Franz & Severin Fiala)

Forum

Lola Arias, Regisseurin von „Reas“

Reas“ (Argentinien/­­Deutschland/­­Schweiz, Regie: Lola Arias)

Irgendwo zwischen Dokumentarfilm und Musical bewegt sich „Reas“, welcher ehemalige Strafgefangene und Szene setzt und singen lässt. Das funktioniert gut, wohl auch, weil die Regisseurin intensiv und über eine lange Zeit mit den Protagonist:innen zusammengearbeitet hat.

Delphi-Filmpalast

The Editorial Office“ (Ukraine/­­Deutschland/­­Slowakei/­­Tschechien, Regie: Roman Bondarchuk)

Angelegt ist der Film wie eine Provinzposse, dabei schafft er es aber doch, auf kreative Art und Weise das nahende Unheil der russischen Invasion als kataklysmisches Ereignis darzustellen und wird dabei nur einen kleinen Ticken zu zahnlos.


Generation

Alle Gewinner

Kinderjury von Generation Kplus

  • Gläserner Bär für den Besten Film
    It‘s Okay!“ („Es ist okay!“, Regie: Kim Hye-young)
  • Gläserner Bär für den Besten Kurzfilm
    Schmetterling“ (OT: „Papillon“, Regie: Florence Miailhe)
  • Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film
    Reinas“ (Regie: Klaudia Reynicke)
  • Spezialpreis der Internationalen Jury für den Besten Kurzfilm
    A Summer’s End Poem“ (Regie: Lam Can-zhao)

Jugendjury von Generation 14plus

  • Gläserner Bär für den Besten Film
    Last Swim“ (Regie: Sasha Nathwani)
  • Gläserner Bär für den Besten Kurzfilm
    Cura sana“ (Regie: Lucía G. Romero)

Internationale Jury im Wettbewerb Generation 14plus

  • Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film
    Who by Fire“ (OT: „Comme le feu“, Regie: Philippe Lesage)
  • Spezialpreis der Internationalen Jury für den Besten Kurzfilm
    A Bird Flew“ (OT: „Un pájaro voló“, Regie: Leinad Pájaro De la Hoz)

Berlinale Special 

Anmoderation von „The Roundup: Punishment“

The Roundup: Punishment“ (Südkorea, Regie: Heo Myeong-haeng)

Unser vorletzter Berlinale-Film war dieser südkoreanische Action-Krimi. Perfekt, um nach einer Woche oft schwerer Kost den Kopf ein bisschen frei zu bekommen und insgesamt ein großer Spaß, den man aber nicht ernst nehmen kann oder sollte.

CUBIX

Love Lies Bleeding“ (USA/UK, Regie: Rose Glass)

Ästhetisch weiß dieser Film genau, was er will und ist darin sehr erfolgreich und setzt seinen Schauort New Mexico hervorragend in Szene. Die Liebesgeschichte zwischen Lou (Kristen Stewart) und Bodybuildern und Außenseiterin Jackie (Katy O‘Brian) bildet dabei das Herz dieses erotischen Thrillers mit allerlei kriminellen Verstrickungen.

Unterwegs zum Berlinale Palast

Sasquatch Sunset“ (USA, Regie: David & Nathan Zellner)

Kein Wort wird gesprochen und die Darsteller:innen sind fast bis zur Unkenntlichkeit zu ‚Sasquatchs‘ verwandelt. Trotzdem schafft es dieser Film überzeugend, eine Geschichte über Verlust, menschliche Verdrängung und die Zerstörung der Natur zu erzählen, auch oder gerade weil dazu schon mal alle möglichen Sasquatch-Körperausscheidungen zur Vermittlung dieser Geschichte eingesetzt werden.


Panorama

Interviewer-Andrang im Foyer des Delphi-Filmpalast

Alle die Du bist“ (Deutschland/­Spanien, Regie: Michael Fetter Nathansky)

Gegenseitige Unterstützung steht ganz im Zentrum von „Alle die Du bist“, aber auch, wie man daran zerbrechen und sich gegenseitig aufreiben kann. Erfrischend ist, wie viel Raum der Rolle und des Einflusses der Erwerbsarbeit dabei gegeben wird. 

Josef Hader gibt Autogramme

Andrea lässt sich scheiden“ (Österreich, Regie: Josef Hader)

Josef Hader erzählt hier keine große, sondern eher viele kleine Geschichten und setzt dabei den Fokus wie immer auf die unterschiedlichsten menschlichen Interaktionen und die Absurdität und den Humor, der darin zu finden ist, ohne dass dabei jemals der Holzhammer zum Einsatz kommt.

Nathan Silver, Regisseur von „Between the Temples“

Between the Temples“ (USA, Regie: Nathan Silver)

Ben (Jason Schwartzman) findet nach dem Tod seiner Frau genau den Menschen, den er braucht, um seine Trauer zu überwinden, und niemand hat Verständnis für seine Wahl. Nathan Silver hat Jason Schwartzman eine Rolle auf den Leib geschrieben, die perfekt zu ihm passt und verbindet erfolgreich Trauerbewältigung mit der richtigen Portion lakonischen Humors.

Jane Schoenbrun im Interview

I Saw the TV Glow“ (USA, Regie: Jane Schoenbrun)

Jane Schoenbrun fängt so spezifisch die TV-Ästhetik der 90er-Jahre ein und liefert ein stilsicheres Gesamtpaket mit großartiger (und so viel!) Musik ab. Die Ästhetik wird dabei zum Werkzeug, um eine Geschichte über verpasste Chancen und ein Plädoyer dafür, dass es nie zu spät ist, zu erzählen.

Abstimmung für den Publikumspreis

Janet Planet“ (USA/UK, Regie: Annie Baker)

Alles dreht sich um Janet Planet (Julianne Nicholson) im Leben ihrer Tochter Lacy (Zoe Ziegler). So ist das eben mit Eltern, aber irgendwann merkt man auch als Kind, dass Eltern keine Götter, sondern eben doch eigenständige Menschen mit eigenem Leben sind, aber ihre Entscheidungen und Handlungen sind so eng mit dem eigenen Leben verbunden. Das vermittelt der Film zusammen mit einer etwas schwermütigen Sommerstimmung in New England.

Antonella Sudasassi Furniss, Regisseurin von „Memories of a Burning Body“

Memories of a Burning Body“ (Costa Rica/­Spanien, Regie: Antonella Sudasassi Furniss)

Gewinner Panorama Publikums-Preis 2024 – Spielfilm

Dieser halb-dokumentarische Film fängt die Erlebnisse und das Erleben in den Leben von verschiedenen Frauen ein, oft hoffnungslos und einengend, letztlich aber auch voller Hoffnung und Kraft. Der Film gibt den Worten der Frauen Bilder und macht sie greif- und erlebbar

Nora Fingscheidt im Gespräch

The Outrun“ (UK/­Deutschland, Regie: Nora Fingscheidt)

Nora Fingscheidt verfilmt die Memoiren von Amy Liptrot mit Saoirse Ronan in der Hauptrolle als Alkoholikerin. Sie fängt dabei das ganze Spektrum von völliger Machtlosigkeit in der Sucht bis zur erfolgreichen Selbstermächtigung und Durchsetzung gegen die Sucht ein. Insbesondere die Darstellung der Machtlosigkeit gelingt dabei ganz hervorragend und knüpft so indirekt an Nora Fingscheidts Langfilm-Debüt Systemsprenger an.

Philipp Fussenegger, Regisseur von „Teaches of Peaches“

Teaches of Peaches“ (Deutschland, Regie: Philipp Fussenegger, Judy Landkammer)

Diese Dokumentation stellt die Musik von Peaches ins Zentrum und veredelt vor allem durch einen ausgezeichneten Schnitt (zwischen Konzertaufnahmen der Jubiläumstour und Archivaufnahmen und als Aussage-Reaktions-Spiel zwischen den Talking Heads) die konventionelle Inszenierung. Danach hat man Lust, die Musik von Peaches rauf und runter zu hören.

Alle Gewinner

    • Panorama Publikums-Preis – Spielfilm
      Memories of a Burning Body“ (OT: „Memorias de un cuerpo que arde“, Costa Rica/Spanien, 2024, Regie: Antonella Sudasassi Furniss)
    • Gewinner Panorama Publikums-Preis 2024 – Dokumentarfilm
      No Other Land“ (Palästina/­Norwegen, 2024, Regie: Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham, Rachel Szor)

geschrieben von Michael Kaltenecker

Fotos von Michael Kaltenecker

Quellen:

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