Sechs Fragen an Robin Petré

Michael Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der dänischen Regisseurin Robin Petré konnten wir mehr über ihre neueste Dokumentation „Only on Earth“ erfahren, die ihre Weltpremiere auf der 75. Berlinale 2025 feierte erfahren, wie ein geplanter Film über Wildpferde auch zu einem Film über Waldbrände wurde und wie ihr ruhiger visueller Stil ohne erklärende Worte auch gerade in Anbetracht bedrohlicher Feuerwände sehr gut funktioniert.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zum Film entstanden? Wie bist du auf Galizien aufmerksam geworden?

Durch meine jahrzehntelange künstlerische Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Mensch und Tier stieß ich im Jahr 2021 auf einen Zeitungsartikel über die galizischen Wildpferde – kurz darauf reiste ich dorthin, um sie zu erkunden. Zum ersten Mal begegnete ich den Galiziern bei ihrer jährlichen Versammlung der wilden Bergpferde, einer Veranstaltung namens „curro“ oder „rapa das bestas“. Da ich mit Pferden aufgewachsen bin, habe ich eine starke Verbindung zu diesen Tieren. Ich habe festgestellt, dass unsere gemeinsame Wertschätzung für Pferde mir wirklich geholfen hat, Verbindungen zu den lokalen Gemeinschaften aufzubauen, da die Wildpferde ein wichtiger Teil der galizischen Seele und Tradition sind. Die Wildpferde tragen auch dazu bei, das entflammbare Unterholz durch Beweidung einzudämmen, aber ihre Zahl nimmt aufgrund des Drucks durch menschliche Aktivitäten, Industrie und Politik immer mehr ab.

Der Film zeigt uns mehrere Perspektiven auf Galizien und zeichnet so ein Porträt der Region, mit Fokus auf das Aufeinandertreffen von Mensch und Natur. Wie hast du die Menschen gefunden, die du begleitest? Hattest du zuerst den Plan, eine bestimmte Perspektive zu zeigen und dann nach passenden Menschen gesucht oder haben Dich die Menschen zu den Perspektiven geführt?

Seit ich meinen Entwurf für den Film geschrieben habe, war ich auf der Suche nach bestimmten Charakteren, zum Beispiel einer Feuerwehrfrau und einem aufstrebenden Cowboy im Alter von etwa zehn Jahren. Was sich erst recht spät im Prozess, während der Produktion, änderte, war der unerwartete und extrem schwere Waldbrand im Sommer 2022. Was eigentlich ein Film über die galizische Cowboy-Kultur rund um die Wildpferde der Region werden sollte, in dem die Waldbrände nur eine Nebenrolle spielen, wurde zu einem Film, in dem die Brände mit den Pferden auf eine Stufe gestellt wurden. Als ich sah, wie Galizien und die gesamte Iberische Halbinsel von allen Seiten durch unauslöschliche Waldbrände in einer Dürre von historischem Ausmaß bedrängt wurden, sah ich mich gezwungen, meine Erzählung zu ändern. Daraufhin haben wir in letzter Minute eine Umbesetzung vorgenommen und die erfahrenen Feuerwehrleute und Brandanalytiker San und Jorge hinzugezogen, um den gesamten Teil des Films über das Feuer zu drehen.

Du bist mit Deinen statischen Aufnahmen nah dran am Feuer und hast trotzdem eine sehr ruhige, beinahe entspannte und todesmutige Kamera. Wie hast Du es geschafft, mitten ins Zentrum des Geschehens zu kommen? Was waren die Herausforderungen dabei, diese Bilder einzufangen?

Bei den schlimmsten Bränden waren wir nur mein Kameramann [María Grazia Goya Barquet] und ich, ein flexibles Zwei-Personen-Team, das je nach Situation schnell handeln konnte. Es versteht sich von selbst, dass es eine ziemliche Herausforderung ist, den Feuerwehrleuten bis an die Frontlinien der Waldbrände zu folgen. Es bedurfte unerbittlicher Beharrlichkeit, um dorthin zu gelangen, aber schließlich fanden wir einen Weg und schlossen Verbündete unter den Feuerwehrleuten. Sie waren uns eine unschätzbare Hilfe bei der Sicherung dieses Filmmaterials. Sie liehen uns sogar komplette Feuerwehranzüge aus speziellen Materialien, die nicht brennen oder schmelzen. Unsere Kamera hatte allerdings mit der extremen Hitze des Feuers zu kämpfen und wir mussten sie während der Dreharbeiten austauschen.

Die Gefahr für euch als Filmschaffende und die Feuerwehrleute ist trotzdem oder vielleicht gerade wegen der statischen Kamera sofort greifbar. War das ein Ziel in deiner Darstellung des Feuers?

Wenn man in einen Brand gerät, muss man immer ganz ruhig bleiben und einen kühlen Kopf bewahren – genau wie die Feuerwehrleute. Sie durchlaufen ein jahrelanges Spezialtraining, und je ernster die Situation ist, desto ruhiger und gelassener wirken sie. Ein krasser Gegensatz zu dem, was man sich in einer Krise vorstellen könnte. Ich wollte, dass unser Bildmaterial den spektakulären Kontrast zwischen ihrer ruhigen Haltung und dem wütenden Feuer, das wir direkt hinter ihnen sehen, hervorhebt.

Der Film beobachtet, es gibt keine Interviews und keinen Sprecher. Die Bilder sprechen für sich. Ist das ein für dich wichtiger Aspekt deiner Arbeit? Welche Herausforderungen, aber auch welche Vorteile siehst du in solch einer Herangehensweise?

Meine Filme werden vollständig durch Filmszenen erzählt, die Atmosphäre, Intuition und Sinneseindrücke in den Vordergrund jedes Bildes oder jeder Szene stellen – und „Only on Earth“ ist keine Ausnahme von diesem Ansatz. Ich finde, dass Bilder andere Wahrheiten transportieren als Worte, und dass sie auf eine Weise mit uns in Resonanz treten, die sowohl persönlich als auch universell ist, ohne die einschränkende Qualität von Worten. Bild und Ton sind nicht durch die Konkretheit der verbalen Sprache gehemmt. Ein Film wie „Only on Earth“ lädt die Menschen dazu ein, beim Betrachten selbst zu denken und ihre eigenen persönlichen Erinnerungen und ihre Fantasie ins Spiel zu bringen.

Wie bist du zum Filmemachen gekommen? Hast du schon neue Projekte geplant?

Robin Petré, Regisseurin von „Only on Earth“ bei der 75. Berlinale

Zurzeit arbeite ich an meinem nächsten kreativen Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, „Wolf Moon“, in dem es darum geht, wie wilde Tiere auf der ganzen Welt immer nachtaktiver werden, um den Menschen zu entgehen. Mit finanzieller Unterstützung des Dänischen Filminstituts haben wir mit den Dreharbeiten zu den ersten Szenen in Japan, Südafrika und Skandinavien begonnen. 

Ich habe in meinen Zwanzigern im Rahmen des Doc Nomads MA-Programms kreative Dokumentarfilmregie studiert. Schon Jahre zuvor, und sogar als Kind, war ich immer tief fasziniert vom Geschichtenerzählen und Bildermachen. Ich habe ununterbrochen geschrieben, gezeichnet oder fotografiert. Zugegebenermaßen habe ich damals viel mehr Projekte begonnen als zu Ende gebracht, aber im Großen und Ganzen wurde die Richtung meiner kreativen Laufbahn in den frühen Jahren meines Aufwachsens in der dänischen ländlichen Region Mols festgelegt.

Die Fragen stellte Michael Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Only on Earth


Interview: In our conversation with Danish director Robin Petré, we learned more about her latest documentary „Only on Earth„, which celebrated its world premiere at the 75th Berlinale 2025, how a planned film about wild horses also became a film about forest fires and how her calm visual style without explanatory words also works very well in the face of threatening walls of fire.

How did the idea for the movie come about? How did you become aware of the Galicia region?

It was my decade-long artistic exploration of human-animal relations that lead me to stumble upon a news article on the Galician wild horses back in 2021 – soon after, I went there to explore. I first met the Galicians through their annual gathering of the wild mountain horses, an event called “curro”, or “rapa das bestas”. Having grown up with horses around, I have a strong connection with these animals. I found that our common appreciation of horses really helped me build connections within the local communities, as the wild horses are an important part of the Galician soul and tradition. The wild horses also help to curb the flammable undergrowth by grazing, but their numbers are now dwindling due to pressure from human activities, industries, and politics. 

The film shows us several perspectives on Galicia and paints a portrait of the region, focusing on the clash between man and nature. How did you find the people you accompany? Did you first plan to show a certain perspective and then look for suitable people or did the people lead you to the perspectives?

Since the writing of my draft outline of the film, I was looking for specific characters, for instance a female firefighter and an aspiring cowboy around the age of ten. What changed quite late in the process, during production, was the unexpected and extremely severe forest fire emergency of summer 2022. What was supposed to be a film mainly on the Galician cowboy culture surrounding the region’s wild horses, and with the forest fires only as a backdrop in the story, ended up as a film balancing fires on par with horses. Seeing how Galicia, and the entire Iberian Peninsula, was pressured from all sides by inextinguishable forest fires under a drought of historic scale, I felt urged to change my narrative. We then did a last-minute re-casting, bringing in experienced firefighters and fire analysts San and Jorge to lift the entire fire part of the film.  

With your static shots, you are close to the fire and yet you have a calm and fearless camera. How did you manage to get right into the center of the action? What were the challenges of capturing these images?

In the worst fires we were only my photographer [María Grazia Goya Barquet] and I, a flexible two-people crew able to act quickly according to the situation. It goes without saying that getting to follow firefighters all the way to the frontlines of the forest fires is quite a challenge. It took relentless persistence to get there, but eventually we found our way through and made allies among the firefighters. They’ve been an invaluable help in securing this footage. They even lent us full firefighter suits made out of special materials that won’t burn or melt. Our camera was struggling with the extreme heat from the fire, though, and we had to replace it mid-shoot. 

The danger for you as filmmakers and the firefighters is immediately tangible despite, or perhaps because of, the static camera. Was that a goal in your portrayal of the fire?

When going into a fire, you have to remain completely calm and cool headed at all times – just as the firefighters. They undergo years of special training, and the more severe the situation, the calmer and quieter they appear. A stark contrast to what you might imagine in a crisis. I wanted our visuals to emphasize the spectacular contrast between their calm attitude and the raging fire we see right behind them. 

The film is observational, there are no interviews and no narrator. The images speak for themselves. Is that an important aspect of your work for you? What challenges, but also what advantages do you see in such an approach?

My films are told entirely through cinematic scenes bringing ambience, intuition and sensorial impressions to the forefront of each frame or scene – and „Only on Earth is no exception to this approach. I find that images carry different truths than words, and that they resonate with us in ways that are both personal and universal without the limiting quality of words. Image and sound aren’t inhibited by the concreteness tied to verbal language. A film like ONLY ON EARTH invites people to think for themselves as they’re watching, and to bring their own personal memories and imagination into play. 

How did you get into filmmaking? Do you already have new projects planned?

At the moment I am in development with my next feature-length creative documentary, WOLF MOON, which looks at how wild animals all around the world are becoming increasingly nocturnal in an attempt at avoiding humans. Backed by funding from the Danish Film Institute, we have begun filming the first few scenes in Japan, South Africa and Scandinavia. 

I studied creative documentary directing with the Doc Nomads MA program in my twenties. Years before that, and even as a kid, I was always deeply fascinated with storytelling and image-making. Endlessly writing, drawing, or taking photos. Admittedly, I started many more projects than I would finish back then, but altogether a direction for my creative career was laid out in my early years growing up in the Danish countryside region of Mols.

Questions asked by Michael Kaltenecker

Read on the german review of the film „Only on Earth

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